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Argentinien vor der Stichwahl (4): Grünschnabel gegen Chamäleon

von CHRISTOPH WESEMANN

Der Peronismus ist, vielleicht, die politische Bewegung mit der weltweit höchsten Dichte an Anekdoten und Kalendersprüchen. Sein Erfinder Juan Domingo Perón (1895 bis 1974), dreimal Präsident Argentiniens, war ein begnadeter Wortakrobat. Viele seiner Weisheiten sind längst Volkseigentum, sie werden zitiert und abgewandelt.

  • Ich habe Bösewichte gesehen, aus denen gute Menschen wurden. Aber niemals einen Idioten, der wieder intelligent geworden wäre.
  • Die Preise steigen im Fahrstuhl, die Löhne nehmen die Treppe.
  • Ich bin ein friedfertiger General, so was wie ein pflanzenfressender Löwe.
  • Wir Peronisten sind wie Katzen. Wenn wir schreien, glaubt man, wir würden streiten. In Wahrheit pflanzen wir uns fort.
  • Für den Peronismus gibt es nicht mehr als nur eine Klasse von Menschen: die, die arbeiten.

Doch trotz all der Beschreibungen, die das Idol der Bewegung hinterlassen hat, ist der Peronismus kaum zu begreifen. Er orientiert sich mal nach links und mal nach rechts, dann wieder tummelt er sich dazwischen; er hat kein festgelegtes Programm, nicht mal eine Organisation (sondern viele und viele untereinander verfeindete), ja selbst die Suche nach Ideen als Grundlage des Handelns führt ins Nichts. Fündig wird man eher im Tierreich, bei einem Wesen, das ähnlich anpassungsfähig ist: dem Chamäleon. Gefragt nach der wahren Ideologie dieser unvergleichbaren Bewegung, soll einer der Unternehmerfreunde Peróns mit einem Bonmot geantwortet haben: »Man muss immer dem Weg des Geldes folgen. Wenn Geld da ist, werden Eisenbahnen gekauft. Wenn nicht, werden sie verkauft.«1

Der Peronismus wird die Stichwahl um die Präsidentschaft am Sonntag wohl verlieren, es wäre seine zweite historische Niederlage binnen eines Monats. Am 25. Oktober hat er schon – nach 28 Jahren ununterbrochener Herrschaft – die Riesenprovinz Buenos Aires an das Oppositionsbündnis Cambiemos (Lasst uns verändern) abgeben müssen. Dort, wo fast vier von zehn Argentiniern zu Hause sind und das industrielle Herz schlägt, hat nun María Eugenia Vidal das Sagen. »Heidi«, wie das verträumte Mädchen aus den Alpen, hatte einer ihrer peronistischen Gegenkandidaten sie im Wahlkampf verächtlich genannt. Jetzt steigt Vidal, derzeit noch Vize des liberal-konservativen Hauptstadtbürgermeisters Mauricio Macri, zur zweitwichtigsten politischen Figur des Landes auf – mit 42 Jahren. Und ihr Chef sitzt auch schon mit einer Pobacke auf dem ganz großen Thron, dem in der Casa Rosada.

Regierungsmann Daniel Scioli (58), scheidender Gouverneur der Provinz Buenos Aires, schafft es offenbar nicht, den Rückstand aufzuholen, den Meinungsforscher ermittelt haben. Seine vielleicht letzte große Chance, das 80 Minuten lange TV-Duell am vergangenen Sonntag, hat der frühere Motorbootrennfahrer nicht nutzen können. Allenfalls ein Unentschieden gelang ihm, die meisten Umfragen sahen sogar seinen Gegner vorn. Dabei hatte Macri (56) keineswegs brilliert. Er rezitierte ausgiebig aus seinem Wahlkampfredenbüchlein und bestritt alles, was Scioli einfiel an möglichen Folgeschäden einer Amtsübernahme Macris: die Abwertung des Pesos. Auch die Abwertung des Pesos. Und die Abwertung des Pesos, die sowieso. Er wirkte ruhig und unaufgeregt, mitunter fast eine Spur zu lässig. Wenn er nicht noch versucht, in den letzten Tagen über den Río de la Plata zu laufen, sollte er sein Ziel unbeschadet erreichen.

Alles andere wäre, mittlerweile, eine ziemliche Sensation. Erstaunlich, wie sich die Stimmung gedreht hat. Bei den Vorwahlen Anfang August hatte Macri noch acht Prozentpunkte hinter Scioli gelegen; in der ersten Wahlrunde am 25. Oktober waren es dann nur noch zweieinhalb; und jetzt führt er angeblich. Warum? Sieben der mehr als 32 Millionen wahlberechtigten Argentinier haben vor vier Wochen weder für ihn noch für Scioli gestimmt, sondern für einen der anderen vier Präsidentschaftskandidaten der antikirchneristischen Opposition. Am Sonntag wollen die meisten von ihnen offenbar Macri wählen.

Scioli hatte für die Fernsehdebatte Attacken versprochen, und dann war es doch Macri, der als Erster angriff. »Was ist nur aus dir geworden? Du ähnelst einem der Experten von 6-7-8«, sagte er. 6-7-8 ist eine Talkshow am Sonntagabend, in der strenggläubige Kirchneristen gegen die Opposition in Politik und Medien hetzen. Ein paar Tage zuvor hatte Scioli die dicke Staubschicht von einem alten, aber unvergessenen Zitat gepustet: Wenn Macri regiere, »werden die Wissenschaftler wieder Teller spülen«. Es war ein weiterer Versuch, seinen Rivalen dem Volk als herzlosen Neoliberalen vorzuführen. »¡Andá a lavar los platos!«2, hatte 1994 Domingo Cavallo, der Wirtschaftsminister des Präsidenten Carlos Menem, einer Soziologin zugerufen, die sich über die steigende Arbeitslosigkeit beschwerte.

Macri soll Scioli diesen Vergleich übel genommen haben, oder er tat zumindest so. Die beiden sind alte Freunde, zumindest waren sie es. Schon José Scioli und Franco Macri, ihre Väter, hatten sich sehr nahe gestanden. Franco Macri, heute 85 Jahre alt, ist einer der schwerreichen Wirtschaftskapitäne Argentiniens – und ein besonders umstrittener, weil er dank bester Kontakte in die hohe Politik zu allen Zeiten Geschäfte mit dem Staat gemacht hat. Einer seiner Schachpartner war: Daniel Scioli.3

Überhaupt Schach, was für ein Thema! Die frühere Journalistin Gabriela Cerruti, heute kirchneristische Abgeordnete in der Hauptstadt, erzählt in El Pibe, der Biografie Mauricio Macris, wie dieser zwischen seinem 13. und 16. Lebensjahr jeden Sonntagvormittag drei Stunden lang mit dem Vater spielen musste. Anschließend stolzierte der Patriarch zum großen Tisch, an dem sich die Familie zum Mittagessen versammelte, und rief aus: »Dieser dämliche Grünschnabel wird mich nie besiegen.« Irgendwann war der Alte dann doch einmal dran. Schachmatt. Er schaute überrascht und schwieg, packte in aller Ruhe die Figuren ein und stellte sie mit dem Brett in das höchste Regal, das er, auf Zehenspitzen stehend, erreichte. Nie wieder hat er mit dem Sohn gespielt.

Im TV-Duell revanchierte sich Mauricio Macri für den Tellerwäscher-Satz und landete einen Wirkungstreffer, den Scioli und seine Berater – eingestellt auf einen zahmen Gegner – nicht hatten kommen sehen. Der Kirchnerist reagierte fahrig, sein Kopf pendelte hin und her; er sprach den Kontrahenten mit »Ingenieur Macri« an, als wäre der ein Fremder, und guckte dabei nicht einmal zu ihm hinüber. Später fing er sich ein wenig und argumentierte besser, aber überzeugend war sein Auftritt nicht. Die Zeitung Clarín schrieb, der Schachliebhaber Scioli sei »en zugzwang« gewesen, ein Gefangener »dieser seltsamen Stellung, in der jede Figur, die du bewegst, deine Situation vermutlich nur noch schlimmer macht«.

Scioli Mar del Plata

> Daniel Scioli gestern beim Wahlkampfabschluss in Mar del Plata                                                                                   Foto: Scioli/Facebook

Es sind zwar noch drei Tage bis zur Entscheidung, aber schon gestern haben die beiden Kandidaten ihren Wahlkampf mit einer letzten großen Kundgebung offiziell beendet. Macri reiste nach Humahuaca in die Nordprovinz Jujuy, wo er in der ersten Wahlrunde nur Dritter geworden war. Scioli zog es dorthin, wo der Argentinier gern mit vielen anderen Argentiniern seinen Sommerurlaub verbringt: an die Atlantikküste nach Mar del Plata. Seit Freitagmorgen um acht gilt der Waffenstillstand. Keine Auftritte. Keine Wahlkampfspots im Fernsehen und Radio. Nur im Internet und den sozialen Netzen darf noch geworben werden.

So wahrscheinlich ein Sieg Macris ist, der Peronismus wird stark bleiben. In mehr als der Hälfte aller 24 Provinzen stellt er den Gouverneur, manche von ihnen stehen Präsidentin Cristina Kirchner nahe, andere hassen sie, aber alle sind Peronisten. Gegen sie kann Macri nicht regieren. Und ohne sie auch nicht.

»In Argentinien wird dir alles verziehen, außer du sprichst schlecht von Perón und dem Peronismus«, schreibt die Journalistin Silvia D. Mercado in ihrem aktuellen Buch El relato peronista.4 »Der Spitzname Gorilla5 ist fast so, als würden sie im Nazi-Deutschland zu dir Jude sagen. Du bist außerhalb des Registers. Sie stecken dir einen gelben Stern ans Sakko, und deine Worte verlieren ihren Wert. Die Leute sehen dich auf der Straße und wechseln den Bürgersteig.«

Macri Humahuaca

> Mauricio Macri gestern beim Wahlkampfabschluss in Humahuaca                                                        Foto: Macri/Facebook

Auch deshalb hat sich Macri peronisiert – nicht erst, als er in der Hauptstadt, die er seit 2007 regiert, eine Perón-Statue einweihte. Den Wandel, den er Argentinien verspricht, hat er schon hinter sich, nur entgegengesetzt. Er will nicht mehr der sehr liberale Reformer sein, vor allem, weil nur eine Minderheit den radikalen Neuanfang will. Er bekennt sich zur Rückverstaatlichung des Ölkonzerns YPF, eine der überaus populären Entscheidungen des Kirchnerismus, gegen die seine Partei noch 2012 im Parlament gestimmt hatte. Der Staat soll bitte stark bleiben, so wünscht es das Volk bis hoch in die Mittelschicht, und Macri versucht nicht mehr, es ihm auszureden.

Eine Obsession für die Neunziger, die »verlorenen Dekade«, hat die Zeitung La Nación den Argentiniern jüngst bescheinigt. Eine neue goldene, unbeschwerte Zeit schien aufzuziehen, denn die große Privatisierung löste so viele Probleme auf einmal. Präsident Menem benahm sich wie ein Popstar, fuhr im Sportwagen herum und umarmte die Rolling Stones. Seine Untertanen, jedenfalls die mit Geld, drehten ähnlich durch und ließen es krachen. Doch Menem vererbte dem Nachfolger ein ausverkauftes Land und ist heute als Überträger von Pech und Unglücken aller Art verschrien, weshalb sich Abergläubische, wenn sie seinen Namen hören oder aussprechen, gern in den Schritt (Männer) oder an die Brust (Frauen) fassen. Das soll die Ansteckung verhindern.

Der Kirchnerismus hat versucht, Macri zum Wiedergänger Menems zu machen, und tatsächlich gibt es Zitate, die den Kandidaten überführen. »Der große Transformator« sei Menem, sagte er 2003, als er gerade in die Politik eingestiegen war. Vier Jahre brauchte er, um sich öffentlich zu widerrufen. »Bei Menem habe ich mich geirrt«, sagte er. »Menem war für alle ein Desaster.«

Wie Macri wirklich denkt, was er machen würde, wenn er dürfte, wie er könnte – wer weiß das schon. Vielleicht: er selbst. Man kann ihm aber durchaus zutrauen, dass er auf seinen Eintrag im großen argentinischen Geschichtsbuch guckt und die historische Chance nutzen will, die sich ihm gerade bietet. Argentinien ist in den vergangenen sieben Jahrzehnten nur von Peronisten, Radikalen oder Militärs regiert worden. Macri wäre der erste Andere, und allein das kann dem Land nicht schaden. Überdies zöge mit ihm, dem Präsidenten Nummer 53, zum ersten Mal seit der Rückkehr zur Demokratie (1983) kein Jurist in die Casa Rosada ein. Und noch in einem anderen Punkte könnte er sich von vielen seiner Vorgänger unterscheiden: Bereichern sollte sich Macri nämlich nicht müssen. Er ist schon reich, unfassbar reich auf die Welt gekommen.

Man kann ihn für unerfahren halten, weil er erst vor acht Jahren sein erstes und bislang einziges politisches Amt angetreten hat, das des Bürgermeisters von Buenos Aires. Zuvor war er allerdings 13 Jahre lang Präsident der Boca Juniors gewesen, und der mit Abstand populärste Fußballklub im Land hat die größten Erfolge seiner mehr als hundertjährigen Geschichte genau in dieser Zeit gefeiert. Unterschätzen sollte man Macri also nicht. Ein Gewinner ist er.

»Für einen Peronisten kann es nichts Besseres geben als einen anderen Peronisten«, hat Juan Domingo Perón einst gesagt. Es ist die sechste der 20 peronistischen Wahrheiten, die im großen Fundus aus Zitaten, Sprüchen und Schnurren ganz oben liegen. Mit Mauricio Macri wird sich die Bewegung trotzdem gut stellen wollen – und zwar aus reinem Selbsterhaltungstrieb: Seine Gouverneure und Bürgermeister im ganzen Land hängen seit Ewigkeiten am Tropf des Präsidenten. Ohne Geld aus der Staatskasse riskieren sie, was sie am meisten lieben: Macht.

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Weitere Texte zur Präsidentschaftswahl im Argentinischen Tagebuch:

  1. zitiert nach Silvia D. Mercado: El relato peronista. Porque la única verdad no siempre es la realidad, Ciudad Autónoma de Buenos Aires 2015, S. 279. []
  2. Geh Teller spülen! []
  3. Pablo Ibáñez/Walter Schmidt: Scioli sectreto, Buenos Aires 2015, S. 12. []
  4. Silvia D. Mercado: El relato peronista. Porque la única verdad no siempre es la realidad, Ciudad Autónoma de Buenos Aires 2015, S. 11. []
  5. So nennen Peronisten gern Anti-Peronisten []

Argentinien vor der Stichwahl (3): Ein Land zwischen Schwarzmalerei und Kindergeburtstag

von CHRISTOPH WESEMANN

Cristina Kirchner hat wieder heftig getwittert. Sie begann beim Tourismus (»Immer mehr Argentinier können ins Ausland reisen«) und dem Zementverbrauch im Oktober (1 139 197 Tonnen, Jahresrekord), um dann beides zu vermischen: »Den Zement bezahle ich mit Pesos, aber wenn ich ins Ausland fahre, was glaubst Du denn? Dass ich mit frittierten Kochbananenscheiben bezahle?«; sie landete danach beim Staatskonzern YPF (»eines der 2000 größten Unternehmen der Welt«) und abermals beim Tourismus (»Verzeih, dass ich darauf bestehe«); am Ende schließlich erzählte sie von Arturo Jauretche (»Egal, wenn Du ihn nicht kennst«), Bersuit (»die kennst Du sicher«, »eine der Bands, die mir am meisten gefällt«) und ihrem Sohn Máximo (»eines meiner Lieblingslieder mag er auch«).

Dienstagabend. 25 Minuten. 40 Tweets. Argentiniens Präsidentin.

Wenn nichts Dramatisches mehr passiert, gewinnt Mauricio Macri am 22. November die Stichwahl um die Präsidentschaft. Gleich fünf Umfragen zeigen, dass der liberal-konservative Hauptstadtbürgermeister den Rückstand von zweieinhalb Punkten aus dem ersten Wahlgang in einen Vorsprung verwandelt hat. Mal liegt er  sechs Punkte vor dem Regierungsmann Daniel Scioli, mal acht, bisweilen sind es sogar mehr als zehn. »Wär’s Fußball, würde man von einem Schützenfest sprechen«, schreibt Clarín.

Nun ist Argentinien eine der weltweit führenden Bühnen für große Dramen, und Umfragen werden am Río de la Plata gern bestellt, um Stimmungen zu machen statt sie zu messen. Dennoch spricht viel dafür, dass es kommt wie prognostiziert. Die Angstkampagne, die der Kirchnerismus nach dem für das Regierungslager enttäuschenden Wahlergebnis vom 25. Oktober ausgebrütet hatte, ist gescheitert. Dass sie nicht gestoppt wird, zeigt, wie ratlos die amtierende Präsidentin und ihre Leute sind. Am Sonntag treffen sich beiden Kandidaten zwar zum TV-Duell, aber Wunder sind auch da nicht zu erwarten. Sciolis Stärke ist das Zuschütten von Gräben, nicht das Ausheben, und unter den Rhetorikern gehört er zur Gattung der Einschläferer. Er wiederholt sich gern, und das mit monotoner Stimme. Die schwierigere Rolle hat er auch: Um seine Unabhängigkeit zu beteuern, muss er die Präsidentin mit Dreck bewerfen. Zu viel darf sie jedoch nicht abbekommen, schließlich ist er ihr Kandidat.

Cristina und Scioli 1

> Cristina Kirchner und Daniel Scioli Foto: Casa Rosada

Immerhin, schaden kann sie ihm wohl kaum noch. Ihre große, besonders bizarre Rede am vorigen Freitag, als sie im Hauptstadtviertel Palermo den zweiten Abschnitt eines Wissenschafts- und Technologiezentrums einweihte, soll die letzte bis zur Stichwahl gewesen, und wenn wir ganz leise sind, können wir Scioli noch immer aufatmen hören. Die Amtsinhaberin darf jedenfalls in den kommenden eineinhalb Wochen nicht mehr im Fernsehen sprechen, wobei man besser nur kleine Beträge darauf setzt, dass sie sich an das Schweigegebot auch hält.

Diesmal hatte Kirchner etwas weiter hinten im Geschichtsbuch geblättert, um ihre Landsleute vor Mauricio Macri zu warnen. Nicht von Carlos Menem, dem neoliberalen Staatschef der Neunziger, erzählte sie, sondern von dessen Nachfolger, dem  einstigen Hauptstadtbürgermeister Fernando de la Rúa, der am 20. Dezember 2001 um 19.52 Uhr mit dem Hubschrauber aus der Casa Rosada getürmt war. Ein ewiges Bild im kollektiven Gedächtnis.

»Ich mache mir Sorgen, dass sich 2015 jemand, der genau die gleiche Vision hat und aus dem gleichen Amt kommt, auf den Präsidentenstuhl setzen könnte«, sagte Kirchner. Sie betätigte sich als Schwarzmalerin, es war der Versuch, in den Köpfen ein neues Schreckensgemälde erscheinen zu lassen: ein Land, das wieder brennt, ein Volk, das noch einmal seine Ersparnisse verliert, Proteste, Straßenschlachten, Plünderungen, Tote, und Macri macht den Abflug. Weil er einer von den anderen ist.

Tatsächlich hat seit der Gründung des Peronismus vor 70 Jahren kein demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt einer anderen Partei seine Amtszeit zu Ende gebracht. Arturo Frondizi (1962) und Arturo Illia (1966) wurden aus dem Amt geputscht; Raúl Alfonsín stürzte 1989 über die Hyperinflation, de la Rúa über die aufziehende Staatspleite. Der letzte Nichtperonist, der durchgehalten hat, war Marcelo Torcuato de Alvear (1922 bis 1928), und auch er hinterließ eine Wirtschaftskrise, was zumindest von Traditionsbewusstsein zeugte.

Eine Schmutzkampagne allerdings bestritt Kirchner. Darunter »leidet diese Präsidentin tagtäglich«, sagte die Präsidentin und beklagte die vielen Berichte über ihre angebliche bipolare Störung. Sie dementierte sogleich, jedenfalls sollte es wohl ein Dementi sein: »Es heißt doch, Einstein war bipolar, nicht? Schau an. Wie schade, ich könnte Einstein ähneln, aber ich bin ja nicht bipolar.« Einmal zeigte sie gen Himmel, genau genommen hinauf zu den beiden argentinischen Satelliten, und verriet den aktuellen Aufenthaltsort ihres 2010 verstorbenen Mannes und Amtsvorgängers Néstor Kirchner. »Wisst ihr, wo er ist, wo er ist? Dort oben, bei Arsat-1 und Arsat-2, ist er«, rief sie, die Stimme auf Krächzen moduliert. »Er ist dort oben, wie ein kosmischer Glücksdrache.«

Und Scioli? Der hatte paar Tage lang vorgegeben, er werde sich von der Amtsinhaberin absetzen, um die antikirchneristischen Wähler zu verführen. »Más Scioli que nunca«, hieß die Parole. »Mehr Scioli als je zuvor.« Der einstige Motorbootrennfahrer redete über Tabuthemen (»Ich werde weder die Inflation noch die Armut abstreiten.«) und ging sogar so weit, den Kirchnerismus, der sich selbst für einzigartig hält, mit anderen auf eine Stufe zu stellen. »Ich glaube, wie bei jeder Regierung oder politischen Kraft gibt es Dinge, die er gut gemacht hat, und andere, bei denen er nicht die Erwartungen der Gesellschaft erfüllt hat«, sagte er. Eine Selbstbefreiung, endlich. Dann kam der Freitag, den Argentiniern erschien Cristina, und der Kandidat hatte es wieder nicht geschafft, den Termin mit ihr abzusagen.

Es war ein jämmerlicher Anblick: Scioli kaute an den Fingernägeln, er hielt den Kopf gesenkt und schien sich bisweilen in sich selbst verstecken zu wollen. Er sah aus wie ein ungezogener Schüler, der nachsitzen muss – und noch denkt: zu Recht. Offenbar kann oder darf oder will er sich nicht lösen. Man wüsste zu gern, was die Präsidentin gegen ihn in der Hand hat. Es muss allerhand sein.

Scioli 1

> Daniel Scioli                                           Foto: Scioli/Facebook

Die beiden verbindet ja ein schwer durchschaubares Verhältnis. Er ist Peronist wie sie und war von 2003 an vier Jahre lang Vizepräsident ihres Mannes. Danach gewann er zweimal die Gouverneurswahl in der Provinz Buenos Aires, und als Kirchner in die Casa Rosada einzog, begann sie mit ihm zu spielen. Warum? Weil sie es konnte. Wie viele andere Gouverneure brauchte er Geld aus ihrem Staatshaushalt; manchmal bekam er es, oft auch nicht, das hing von allerlei ab, meistens von der Laune der Präsidentin, auch da erging es ihm wie dem Rest der Provinzfürsten und Bürgermeister im Land.

Vor zweieinhalb Jahren stand Scioli kurz vor dem Gang in die Opposition. Er verhandelte mit dem peronistischen Rebellen Sergio Massa über eine Allianz für die Parlamentswahl. Man war sich schon einig, und dann sagte Scioli doch noch ab, was auch erklärt, warum er in diesen Tagen keine Unterstützung von Massa erhält, dem Drittplatzierten des ersten Wahlgangs. Kirchner hat diesen Verrat ohnehin nicht vergessen.

Wen die Präsidentin öffentlich zusammenfaltet, der gewinnt an Ansehen, so verrückt ist die argentinische Politik. Jahrelang hat sich Scioli von ihr schikanieren lassen − und davon profitiert, weil er als Kontrast wahrgenommen wurde. Doch seit sie ihm die Nachfolge angeboten hat, darf sie nicht mehr schlecht über ihn reden. Und da ihr Gutes nicht einfällt, das sie sagen könnte, ist jetzt Mauricio Macri ihr Opfer.

Auch dem bekommt das gut. Schon früh haben ihn seine Berater gedrängt, dem Duell mit der Präsidentin auszuweichen. Den Kirchnerismus darf er attackieren, dessen Chefin nicht. Angriffe hat er inzwischen fast eingestellt, er führt ja und kann sich aufs Verteidigen beschränken. Jetzt ist er der Kandidat, den man wählt, um Argentinien von Kirchner zu erlösen. Auch das erklärt die steigende Popularität des einstigen Präsidenten der Boca Juniors (1995 bis 2008).

Macri 1

> Mauricio Macri                                        Foto: Macri/Facebook

Acht Jahre schon lauscht das Land dieser Präsidentin, und sie redet heute ja mehr denn je. Sie hört auch nicht auf zu drohen, sie genießt es, Furcht zu verbreiten. Giftig und verbissen, auch gehässig sind ihre Reden. Bisweilen dringt sie sogar − wie auf der Suche nach Néstor − in Sphären vor, die Zuhörern ohne Esoterik-Diplom verschlossen bleiben. Offen ist, ob solche Ausflüge geplant sind oder die Präsidentin improvisiert, weil sie gerade den Faden verloren hat (und schon vor langer Zeit die Kunst der kurzen Rede).

Macri spricht bekömmlicher. »No tengamos miedo«, ist einer seiner Standardsätze. »Lasst uns keine Angst haben.« Wo er auftritt, ist die Welt bunt und gut drauf, manchmal sieht man den Kandidaten vor lauter Luftballons nicht. Wahlkampf mit den Mitteln eines Kindergeburtstages. Gespart wird an den Inhalten. Zu den heiklen Themen schweigt Macri, »keine Wellen machen«, heißt die Strategie. Was mit den Renten passieren soll, dem Dollar, den vielen Staatshilfen, den teuren Fußball-Liveübertragungen − alles nach wie vor unklar. Macri verspricht vor allem, was populär ist: Investionen in Schulen, Polizei und Straßen, einen harten Kampf gegen Armut, Drogenhandel und Kriminalität, dazu mehr Flugrouten, damit das Staatsunternehmen Aerolíneas Argentinas weniger Verluste macht.

Aber er droht eben auch nicht, und das ist im Kirchnerland schon viel.

Sogar das, was Argentinier liderazgo nennen, die Tauglichkeit für Führungsaufgaben, bescheinigt ihm Kirchner, die Nummer eins im Land, neuerdings in fast jeder Ansprache. Wenn sie ihn fürchtet, muss er ja stark sein. Bei Daniel Scioli ist mittlerweile der Eindruck: Der braucht Hilfe. Und eine große Schwäche für schwache Politiker haben Argentinier nicht.

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Weitere Texte zur Präsidentschaftswahl im Argentinischen Tagebuch:

perro, pipip, ImiiEe tu und ñNķNNananannasannapkakaak

von CHRISTOPH WESEMANN

Das hier kommt übrigens dabei heraus, wenn ein Vater seinen Kindern das Tablet leiht, damit sie auf YouTube »Peppa Pig« gucken können (und er Zeit hat, inhaltsschwere Texte über den argentinischen Wahlkampf zu schreiben).

peppa pig 4

Ich hätte davon gar nichts erfahren, wenn nicht Helen A. meinen Kommentar kommentiert hätte. Überhaupt, eine sehr interessante Diskussion ist da zur Folge »El helicoptero de la señora rabbit« (Der Hubschrauber von Frau Hase) im Gange.

Peppa Pig 2

Argentinien vor der Stichwahl (2): Mit Chewbacca, Bambi und der Mutter von McFly gegen die Angst

von CHRISTOPH WESEMANN

Doch, doch, witzig ist er, der Wahlkampf um die Präsidentschaft. Argentinier haben ja einen speziellen, sehr flinken und oft abgründigen Humor, der ihnen hilft, all den Irrsinn, der sie umgibt und zu dem sie natürlich selbst viel beitragen, erträglicher zu machen. Aber alles, was war, ist nichts gegen das, was nun kommt.

Vor Argentinien liegen nämlich – von heute an gezählt – noch 36 unbeschwerte Tage. Am 22. November wird ein neuer Präsident gewählt, und wenn der liberal-konservative Hauptstadtbürgermeister Mauricio Macri den linkspopulistischen Regierungskandidaten Daniel Scioli besiegt, beginnt mit seinem Amtsantritt am 10. Dezember unverzüglich der Untergang des Landes. Sagt die Regierung. Dann kürzt der neue Präsident das Kindergeld und streicht die staatlichen Hilfen für Arme, er nimmt den Leuten auch Fútbol para Todos (Fußball für Alle) weg, die kostenlose Live-Übertragung der Ligaspiele, und sieht gleichgültig zu, wie die Arbeitslosigkeit steigt, die Löhne sinken und der Peso an Wert verliert. Es gefällt ihm sogar.

Vor allem aber privatisiert Macri alles. Wirklich alles.

Macri grupo

> Scherz auf Whatsapp: Macri ist der Gruppe beigetreten. – Macri hat die Gruppe privatisiert.

Und nicht einmal dabei belässt er es. Wenn Macri gewinnt,

  • heiratet die Mutter von McFly Biff;
  • wird der Toast auf die Seite mit der Marmelade fallen;
  • fängt Wile E. Coyote Road Runner;
  • machen sie aus Bambi Pastete;
  • trinkt das Baby nicht mehr aus deiner Brust;
  • verlangt Chewbacca von dir, dass du ihn kämmst;
  • wird dir dein Hund nicht mehr das Stöckchen holen;
  • enthält das Überraschungsei keine Überraschung mehr;
  • lässt dich Rexona im Stich.
Bu

> Wenn Macri gewinnt, verlangt Chewbacca von dir, dass du ihn kämmst. Foto: Campaña Bu/Facebook

Es ist genial, wie die Facebook-Gruppe Campaña Bu (Motto: »Mit Angst wählst du besser«) vermeintlich die Wahl der Regierung empfiehlt, um genau das nicht zu erreichen. Auf einer anderen Seite im Netz werden falsche Nachrichten verbreitet, die behaupten, Macri sei verantwortlich für das Verschwinden der Dinosaurier, er plane, den Buchstaben K (für kirchnerismo) aus dem Wörterbuch zu entfernen, werde die Siesta verbieten und stehe unter dem Verdacht, Schneewittchen vergiftet zu haben.

Witzig also ist der Wahlkampf. Aber das kann er nur sein, weil er zugleich schmutzig ist. Das eine bedingt das andere, der Witz ist die Antwort auf den Schmutz. Die Regierung von Cristina Kirchner versucht gerade, und zwar ganz ernsthaft, den Oppositionskandidaten in einen Alleskaputtmacher zu verwandeln. Von Stärke zeugt das nicht, im Gegenteil: Wer Angst schürt, fürchtet sich bekanntlich selbst, Machtwechsel bedeutet eben auch Machtverlust. Eine Regierung, der nach zwölf Jahren Herrschaft als Werbung für sich selbst nichts Besseres einfällt als das Warnen vor der Zeit ohne sie, misstraut ihrer Bilanz. Auch Meinungsforscher und Politikwissenschaftler glauben übrigens, dass die Angstkampagne zum Bumerang werden könnte.

Doch die Angst ist so etwas wie die letzte Patrone, die der Kirchnerismus noch hat vor der gefürchteten Stichwahl. Denn ein Zusammengehen mit den peronistischen Rebellen um Sergio Massa wird es wohl nicht geben. Massa, mit 21 Prozent der Drittplatzierte des ersten Wahlgangs vom 25. Oktober, hat sich festgelegt: Für den Regierungsmann Scioli wird er nicht stimmen. Das bedeutet im Umkehrschluss, wenngleich er es nicht ausdrücklich sagt, dass er Macri will. Wie viele seiner mehr als fünf Millionen Wähler ihm folgen, lässt sich schwer sagen. Klar ist aber, dass diese Masse auf Präsidentensuche die Wahl entscheidet.

Verglichen mit den cleveren Gegenkampagnen im Netz, die das Angstmachen übertreiben und die Angstmacher lächerlich machen, wirkt das, was der Kirchnerismus den Wählern auftischt, plump und einfallslos. Mit Macri, das ist die Kernbotschaft, kehrt der Neoliberalismus der neunziger Jahre zurück, die berühmte Epoche von Pizza y Champagne, als es scheinbar Geld im Überfluss gab, weil Präsident Carlos Menem Staatsbetrieb um Staatsbetrieb verscherbelte. Das Ende ist bekannt: erst Urlaube in Miami und ein Leben in Saus und Braus für die Mittelschicht, dann 2001 Staatspleite, Chaos, Straßenschlachten, Tote, Elend. Man hat es nicht vergessen – und auch nicht, dass es die Kirchners waren, unter denen es seit 2003 wieder eine ganze Weile bergauf gegangen ist. Deshalb wird Macri den Argentiniern als neuer Menem verkauft, als Schreckgespenst und Mann von gestern. Das Volk soll bitte glauben, dass seine Ideen das Land zurück in diese Vergangenheit führten.

Diese Argumentation hat freilich drei – mindestens drei – Schwächen: Erstens hat nicht Macri in den neunziger Jahren an der Seite Menems gestanden, sondern sein aktueller Gegner Daniel Scioli, der damals von eben diesem Präsidenten in die Politik geholt wurde und ihn bald darauf als Abgeordneter »mit Krallen und Zähnen« verteidigte, genau wie Cristina Kirchner übrigens; zweitens hat sich Menem selbst gewandelt, heute ist er: Kirchnerist; und drittens ist Macri erst seit 2003 politisch aktiv.

Villa 31, eines der großen Elendsviertel der Hauptstadt

> Villa 31, eines der großen Elendsviertel der Hauptstadt

Oder auch das: Macri bringe die Armut zurück nach Argentinien, behauptet die Regierung, die sich seit zwei Jahren nicht mehr traut, sie zu messen, wohl aus gutem Grund. Unabhängige Studien gehen davon aus, dass die Armut wieder wächst, sie soll sogar das Niveau der neunziger Jahre erreicht haben – trotz all der Sozialprogramme, die der Kirchnerismus aufgelegt hat, trotz des Kindergeldes, das ständig erhöht werden muss, damit es von der Inflation nicht aufgefressen wird. Und der Peso, der mit Macri angeblich an Wert verlieren würde, verliert ja schon Monat für Monat an Wert. »Die Frage ist, warum die Armen nach so vielen Jahren mit günstigen internationalen Rahmenbedingungen für Argentinien so viel Angst haben sollen, noch ärmer zu werden«, meint der Rechtsprofessor Ezequiel Spector. »In wirklich prosperierenden Ländern sind Regierungswechsel nicht traumatisch. Man feiert die Demokratie und die Alternative.«

Gewiss, man weiß nicht, was mit Macri kommt, er selbst hat über seine Pläne bislang auch wenig verraten; seine Versprechen sind eher vage: Wandel, Arbeitsplätze und Investitionen aus dem Ausland. Und es ist keineswegs ausgemacht, dass es den Argentiniern – oder zumindest dem Großteil – besser gehen wird als jetzt, wenn er regiert. Nur: Schlau wird man ja aus sowieso immer erst aus der Regierung und nie aus den Kandidaten.

Ein kultureller Wandel ist jedoch wahrscheinlich. Fútbol para Todos wird Macri wohl nicht antasten − er bestätigte damit ja alle Vorurteile, er mache Politik für die Reichen. Versprochen hat er aber, die kostenlosen Live-Spiele nicht als Dauerwerbesendung für die Regierung zu nutzen, wie es der Kirchnerismus seit Jahren tut. Auch die Fernsehansprachen mit Überlänge − vor einer Woche redete die Präsidentin 168 Minuten − sollen ein Ende haben.

Sein Kontrahent Scioli repräsentiert dagegen − kulturell betrachtet − eher schlechte argentinische Angewohnheiten. Die Präsidentschaftsdebatte Anfang Oktober, die erste in der Geschichte des Landes, hat er als einziger der sechs Kandidaten geschwänzt. Dies zeige, so schreibt Pablo Sirvén in der Zeitung La Nación, »dass er nicht toleriert, oder es ihm Angst macht, dass andere anderer Meinung sind als er«. Obendrein, so Sirvén, »verwechselt er den Staat mit sich selbst«. Gemeint ist: Der Gouverneur begreift sich als Eigentümer der Provinz Buenos Aires, die er seit acht Jahren regiert. Und schließlich könne man bei Scioli noch »ein anderes Kennzeichen peronistischer Anführer ausmachen: die Vetternwirtschaft«. Tatsächlich ist die Politik am Río de la Plata voller Ehefrauen und Ehemänner, Schwestern und Brüder, Söhne und Töchter, Schwager und Schwägerinnen, Cousins und Cousinen, die nicht nur Beiwerk sind, sondern selbst nach Ämtern streben, als wären’s Erbgüter.

Sciolis Frau, das Ex-Model Karina Rabolini, führt als Präsidentin die Bank-Stiftung der von ihrem Mann regierten Provinz. Sein Bruder José, genannt Pepe, spielt als Wahlkampfstratege eine wichtige Rolle. Lorena, die Tochter, die der einstige Motorbootrennfahrer erst nach 15 Jahren anerkannt hat, zieht als »Fahnenträgerin« von Desarrollo Argentino, der Denk- und Spendensammelfabrik ihres Vaters, durchs Land. Man sollte eher nicht erwarten, dass Daniel Scioli nach dem Einzug in den Präsidentenpalast diesen Familienbetrieb auflöst.

Eine Angst-Kampagne gegen Macri hat er in dieser Woche bestritten. Sie war vielleicht nicht seine Idee, Scioli ist eher kein Raufbold, er hat den politischen Nahkampf immer gescheut. Mindestens jedoch fehlt ihm die Autorität, einzuschreiten und einen anderen Weg vorzugeben. Nicht einmal jetzt, so kurz vor der Stichwahl, ist er die starke Figur des Kirchnerismus. Die sitzt − noch − im Präsidentenpalast.

Kirchner in der Casa Rosada

> Cristina Kirchner bei ihrer 168 Minuten lange Rede im Präsidentenpalast                         Foto: Casa Rosada

In ihrer langen Rede am vergangenen Donnerstag erwähnte die Amtsinhaberin Scioli mit keinem Wort − dafür dessen Rivalen: Macri »denkt, dass Homosexualität eine Krankheit sei«, sagte Kirchner. Am Sonntagabend, als Argentinien vor dem Fernseher saß, um zu schauen, wie Boca seine 25. Meisterschaft holt, wurde in der Spielpause von Fútbol para Todos ein Spot ausgestrahlt. »Macris Wirtschaftsplan ist der gleiche wie der der Militärdiktatur«, verkündete eine Stimme.

Alles sauber? Kein Schmutz?

Am Abend zuvor, bei einer anderen Partie, hatte einer der ultrakirchneristischen Kommentatoren in der Halbzeit gesagt: »Alle Tore gehören weiter allen … weil du sie nicht den Propheten des Hasses zurückgeben wirst, nicht?« Der Satz, eine Blutgrätsche mit Anlauf, legte nahe, dass unter dem Präsidenten Macri der Fußball wieder – wie vor 2009 – im Bezahlfernsehen ausgestrahlt werde.

Am Dienstag twitterte der Gesundheitsminister, von dem man gar nicht wusste, dass es ihn überhaupt gibt, die zwölf neuen Krebstherapiezentren »bleiben bestehen, wenn Scioli Präsident ist. Überleg dir deine Wahl gut«. Bald darauf löschte er den Tweet und klagte, sein Account sei gehackt worden.

Alles friedlich? Keine Angst?

Macri erzählte im Radio übrigens: »Meine Tochter Antonia hat mich gefragt, ob es wahr sei, dass die Überraschungseier keine Überraschung mehr haben werden, und ich musste ihr sagen, dass es nicht stimmt und sie sich keine Sorgen machen soll.«

Auch das war, natürlich, nur ein Witz.

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Weitere Texte zur Präsidentschaftswahl im Argentinischen Tagebuch:

Pilgern mit Hurenkindern: Die viertägige Wallfahrt (3)

von CHRISTOPH WESEMANN

wallfahrt 9

Was bisher geschah: Der Autor und sein argentinischer Freund sind mit ein paar Hundert anderen Pilgern seit zwei Tagen auf Wallfahrt von Buenos Aires nach San Nicolás de los Arroyos. Halbzeit. Es geht ihnen fabelhaft. Bueno, der damenbestrumpfte Autor hatte gestern Abend eine kurze Schwächephase, ausgelöst von Klo und Dusche im zweiten Etappenort San Pedro. Aber das ist fast überstanden. Also gar nicht.

Weiter geht’s.

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Dritter Tag. San Pedro > El Paraíso.

Wallfahrt 1

12 Uhr.
Es regnet seit viereinhalb Stunden ohne Pause. Wir stolpern und rutschen durch den Schlamm, der an den Sohlen kleben bleibt. Es geht zu wie beim Langlauf: Wir wechseln von links nach rechts, auf der Suche nach der schnellsten Loipe, es sind aber alle gleich seifig und langsam.

Wallfahrt 6

Wallfahrt 3

Wo ist Maria?

Wallfahrt 10

Plötzlich ist alles so sinnlos. Ich will nach Hause. Ich brauche eine Dusche und trockene Klamotten. Ich brabbele vor mich hin, keine Ahnung, ob Cristian unter seiner Kapuze zuhört. Mich kotzt das alles nur noch an. Dieser Scheißsportclub gestern in San Pedro: Da kommen 300 erschöpfte Pilger, und die Inhaber schrauben nicht mal Klobrillen auf die Keramik. Von Sauberkeit wollen wir gar nicht reden, oder davon, dass man ausnahmsweise den seit Monaten herumliegenden Müll aufsammelt oder sogar durchfegt. ¡La puta que los parió!1. Verlange ich zu viel? Ich finde das unmöglich: sich Gäste einladen und die dann so empfangen. Ohne Klobrille!

»Das sagtest du bereits«, sagt Cristian. »Hörst du bald auf zu jammern?«

»Ich jammere doch gar nicht.«

»Und wie.«

»Unsinn.«

»Seit drei Kilometern jammerst du. Ist aber sehr argentinisch.«

»Okay, dann jammere ich.«

»Ich gehe ein Stück vor. Bis später.«

»Wenn du das nächste Mal zu uns zum Grillen kommst«, ich brülle jetzt, »schraube ich vorher alle Klobrillen ab. Nur damit du’s weißt.«

Wo ist Maria?

Wo steckt der dunkelgraue Peugeot?

Wallfahrt 2

Wallfahrt 4

13 Uhr.
Junge, Junge, das sind heute Abstände wie auf der Königsetappe der Tour de France. El Paraíso wird wohl unser L’Alpe d’Huez. Schon die Verpflegungsstation im Städtchen Ramallo erreichen die Letzten eine Stunde nach uns, und wir haben schon zehn Minuten auf die Schnellsten verloren.

Wir würden uns gern einen Augenblick hinsetzen, es ist aber kein Stuhl mehr frei, und die Teenagertruppe, die sich von den Begleitfahrzeugen hat chauffieren lassen, steht auch nicht auf – weder für uns noch für die Alten. Nicht mal den vier Helden, die die zwei Jungfrauen getragen haben, bieten sie einen Platz an.

»So ein verdammtes Pack!«

»Die besuchen alle eine teure Privatschule. Mama und Papa haben Kohle ohne Ende«, sagt Cristian. »Was erwartest du?«

»Scheißhurensöhne. Scheißhurentöchter.«

»Truco, mein Freund?«

»Sehr gern.«

14 Uhr.
Nach dem Mittagessen schwärmt eine alte Frau vom Wallfahren. Eine wundervolle Erfahrung sei das, nicht wahr?, man habe ja so viel Zeit für »Reflexionen«. Und das Wetter heute sei auch gar nicht so schlimm. »Mit dem Regen segnet Gott euch«, sagt sie. »Genießt es!« Sie selbst würde auch gern pilgern, aber ihre Knie schmerzten leider.

»Kann die bitte mal jemand abstellen?«

»Truco.«

»Quiero. Retruco.«

»Quiero. Vale cuatro.«

»Quiero.«

Ich habe einen Lauf und besiege am Ende sogar unseren Freund Conejo, das Kaninchen. Ich schreie, ich jubele, ich mache die Beckerfaust, und wäre ich nicht so erschöpft, würde ich jetzt Anlauf nehmen und auf Knien einmal durch den verdammten Saal rutschen, alle müssten es erfahren. Demut? Pffffffffff! Bescheidenheit? Niemals!

Conejo, das Kaninchen

> Conejo, das Kaninchen

»In zwei Jahren, mein lieber Freund«, sage ich zu Conejo, »wirst du das Radio anmachen und hören, dass zum ersten Mal ein Deutscher die Truco-Weltmeisterschaft gewonnen hat.«

»Hahahaha.«

»Und zwar, ohne zu bescheißen.«

»Geht gar nicht.«

»Dann halt mit bescheißen.«

»Weltsensation! Weltsensation! Unehrlicher Deutscher entdeckt!«

Noch 18 Kilometer lägen heute vor uns, verkündet einer der Organisatoren. Er schätzt: Ankunft in El Paraíso, dem Paradies, in fünf Stunden. Wer allerdings nach diesem Regenvormittag nicht mehr gehen wolle, könne auch im Bus fahren.

17 Uhr.
Fünf Stunden? Pah, keine drei brauchen wir ins Paradies.

Wallfahrt 5

Ich muss sagen: Cristian überrascht mich. Gewiss, er geht oft hinter mir, um in meinem Windschatten Kraft zu sparen, ja, ich leiste eindeutig mehr Führungsarbeit, und es ist sicher Zufall, dass er jedes Mal, bevor wir eine Handvoll sehr hübscher Klatschpuppen am Wegesrand passieren, vorangehen will und mich zu überholen versucht. Aber sonst ist er ein zäher Kerl, verdammt hart im Nehmen. Stundenlang erträgt er mich, weitgehend ohne Murren, ich bewundere ihn dafür. Selbst mir werde ich ja schnell zu viel. Cristian jedoch hört sich alles an, er diskutiert sogar mit mir, dann erkennt er die aussichtslose Lage, in der er steckt, weil ich zu praktisch allem eine Meinung habe. Immer eine dezidierte. Meist auch mehrere. Die sich widersprechen. Was ich sofort bestreite. Weil ich Recht habe.

> Cristian

Theoretisch könnten wir heute warm duschen, weil um die Ecke eine Oma ihr Bad vermietet. Aber erst um 22 Uhr kämen wir dran, und das ist heute keine Option, da wird zu Abend gefressen. Rumpsteak und Rinderfilet für alle! Auf dem Grill, so groß wie eine Tischtennisplatte, liegen schon die Fleischklumpen. Und darunter, im Qualm des Feuers, trocknen unsere Schuhe.

Wir gehen dann mal kalt duschen. Bei der Polizei von El Paraíso.

Wallfahrt 12

Fortsetzung folgt

  1. traditioneller argentinischer Flucht: Die Hure, die sie geboren hat []

Argentinien vor der Stichwahl (1): Der Zickzack-Kandidat der Allmächtigen bleibt sich treu

von CHRISTOPH WESEMANN

Wie also hält es Daniel Scioli, der Mann, der Argentinien die kommenden vier Jahre regieren will, mit der Frau, die noch bis zum 10. Dezember regieren wird? Mehr Cristina Kirchner in den letzten Wochen? Oder doch weniger? Wobei die Frage streng genommen lauten müsste: Noch mehr, echt jetzt? Die scheidende Präsidentin ist ja bereits überpräsent, sie bricht, was die Anzahl ihrer Fernsehansprachen betrifft, alle Rekorde – die eigenen, wohlgemerkt. Anlässe für Volksreden gibt es genug, manchmal steigt das Kindergeld, oft ist etwas einzuweihen, wie jüngst zwei Schwimmhallen in ihrer Heimatprovinz Santa Cruz, und ab und zu muss sich Kirchner auch einfach jemanden vorknöpfen. Gestern Abend hielt sie Ansprache Nummer 45 in diesem Jahr, es war die 164. seit ihrem Amtsantritt am 10. Dezember 2007. Zum Vergleich: Amtsvorgänger Néstor Kirchner, ihr 2010 verstorbener Mann, brachte es in seinen vier Jahren auf gerade einmal zwei. 

Daniel Scioli und Cristina Kirchner Foto: Casa Rosada

> Daniel Scioli und Cristina Kirchner                       Foto: Casa Rosada

Überdies hat sie bislang auch in der Präsidentschaftskampagne des Regierungskandidaten Daniel Scioli kräftig mitgemischt – da aber eher im Verborgenen. Kirchneristen, die etwas werden wollten im argentinischen Superwahljahr, ob Abgeordneter, Bürgermeister oder Gouverneur, wurden von ganz oben auf Gesinnungshärte geprüft. Kirchner sucht verlässliche Erben, sie will die Errungenschaften der zwölfjährigen Herrschaft in guten Händen wissen. Ihre Werkzeuge bei der Nominierung der Kandidaten waren lapicera y guadaña, wie man in Argentinien sagt, Kugelschreiber und Sense.

Selbst Scioli gab die Allmächtige ja ihren Segen – und bestellte auch gleich noch den Aufpasser: ihren ewigen Vertrauten Carlos Zannini, der Vizepräsident wird, wenn es der Spitzenmann in die Casa Rosada schafft. Scioli akzeptierte diesen Vorschlag und erzählte hinterher, der Chinese (Zanninis Spitzname) sei seine Idee gewesen. Falls das stimmt, dann hatte er die Eingebung aus vorauseilendem Gehorsam. Oder wollen wir wirklich glauben, dass der politisch so erfahrene Gouverneur der Provinz Buenos Aires aus freien Stücken ausgerechnet den Mann angeworben hat, der seit fast 30 Jahren die Familie Kirchner auf Engste begleitet?

Nein, Cristina Kirchner will die Kontrolle in den Ruhestand verlängern – und den Preis dafür hat am vergangenen Sonntag der frühere Motorbootrennfahrer bezahlt. Er gewann zwar die erste Runde der Präsidentschaftswahl knapp, muss aber nun dorthin, wo er keinesfalls hinwollte: in die Stichwahl. Er hatte ja ganz darauf gesetzt, direkt gewählt zu werden, entweder mit mehr als 45 Prozent oder aber mit 40 und dann zehn Punkten Vorsprung auf den Zweitplatzieren. Die beiden Ziele verfehlte er klar, obwohl die Umfragen zumindest Variante zwei für möglich bis wahrscheinlich gehalten hatten. Doch nicht nur das. Er verspielte auch den großen Vorsprung vom August: Bei den Vorwahlen hatte er noch acht Punkte vor Hauptstadtbürgermeister Mauricio Macri und dessen zwei Bündnispartner im internen Kandidatenrennen gelegen. Nun sind sie fast gleichauf: Scioli bei 36,86 Prozent, Macri solo bei 34,33.

Am 22. November wählen die Argentinier noch einmal, sie müssen sich dann zwischen diesen beiden, fast gleich alten Männern – Scioli ist 58 Jahre alt, Macri 56 – entscheiden. Sieben Millionen Wähler, die am Sonntag für einen der anderen vier Präsidentschaftskandidaten gestimmt haben, suchen in den nächsten drei Wochen noch einmal neu. Wobei: Sie müssen gar nicht suchen, sie werden schon gefunden. Begehrt sind vor allem die 21 Prozent, die den antikirchneristischen Peronisten Sergio Massa in der ersten Runde unterstützt haben – umgerechnet mehr als fünf Millionen Wähler. Wer von diesem Riesenbatzen das große Stück bekommt und noch einmal seine Stimmen vom ersten Durchgang einsammelt, wird gewinnen.

Am wenigsten muss man sich um Massa sorgen; als Stimmenbeschaffer kann er im Grunde alles werden, was er will, außer natürlich Präsident und Vize. Schwer zu ködern wird er sein. Massa ist jung, gerade einmal 43 Jahre alt, und hat noch Zeit. Er muss nicht jetzt ein wichtiges Amt erobern, er könnte sich auch daran machen, den zerstrittenen Haufen zu befrieden, der sich Peronismus nennt, um dann als großer Anführer 2019 ein neuen Anlauf zu nehmen. Dafür allerdings müsste Scioli die Stichwahl verlieren – sonst ist er der starke Peronist.

Daniel Scioli am Wahlabend im Luna Park

> Daniel Scioli mit Carlos Zannini am Wahlabend im Luna Park Foto: Daniel Scioli/Facebook

Massa scheint eher geneigt, Macri zu helfen, jedenfalls lassen das seine Äußerungen in dieser Woche vermuten. »Ich will nicht, dass Scioli gewinnt«, sagte er und erklärte die Präsidentin zur ersten Verliererin der Abstimmung: »Das Volk hat am Sonntag gesagt, dass es keine Kontinuität will.« Kirchner war mal, es ist schon ein paar Jahre her, seine Vorgesetzte und Massa ihr Kabinettschef. Er ist dann weitergezogen und Bürgermeister der Stadt Tigre vor den Toren von Buenos Aires geworden, er hat sich politisch verändert und vom Kirchnerismus losgesagt – Peronist aber ist er bis heute geblieben. »Cristina muss weg, sie geht, am 11. Dezember ist sie Rentnerin«, sagte er. »Ich würde den Kirchneristen raten, dass sie sich darum kümmern, ihre Papiere zu ordnen und ihre Amtsgeschäfte abzuwickeln.«

Sergio Massa am Wahlabend

> Sergio Massa am Wahlabend in Tigre        Foto: Sergio Massa/Facebook

Das alles klang wie die Bewerbung um einen Posten im Kabinett des Präsidenten Mauricio Macri. Doch wie gesagt, Massa ist Peronist – genauso wie Scioli und offiziell auch Cristina Kirchner. Schon der Heilige des Peronismus, sein Gründer Juan Domingo Perón, hat Gegner vor falschen Schlüssen gewarnt, als er das Innenleben dieser weltweit einmaligen politischen Bewegung beschrieb. »Wir Peronisten sind wie die Katzen«, lautet eines seiner unsterblichen Zitate. »Wenn wir schreien, glaubt man, wir würden streiten. In Wahrheit pflanzen wir uns fort.« Und selbstverständlich hat Massa, als er sich in dieser Woche einmauerte, nicht vergessen, eine Fluchttür einzubauen. Er sagte nämlich auch: »Wenn Scioli doch Präsident werden will, muss er aufhören, der Kandidat des Kirchnerismus und ein Angestellter von Cristina zu sein.«

Zu den Kuriositäten des Wahljahres gehört, dass die Präsidentin wieder unheimlich beliebt ist; das war nicht immer so in den vergangenen Jahren. Auf den ersten Blick erscheint deshalb die Mehr-Kirchner-Strategie durchaus naheliegend, ja vielversprechend: Scioli hängt sich an die populäre Staatschefin, die noch häufiger im Fernsehen redet als bislang, und lässt sich von ihr in die Casa Rosada schleppen. Wählen aber wird er wohl Variante zwei: weniger Kirchner, viel weniger, so wenig wie möglich. Er dürfte auf größtmöglichen Abstand zur Amtsinhaberin gehen. Prognose: Nach diesem Wochenende kennt er sie nur noch flüchtig, und spätestens zwei Tage vor der Stichwahl, also am 20. November, hat er ihren Namen noch nie gehört. Und der Chinese, der von ihr ausgesuchte Vizekandidat Carlos Zannini, wo steckt der eigentlich gerade? – Scioli: »Wer?«

Cristina Kirchner bei der Stimmabgabe in ihrer Heimatprovinz Santa Cruz Foto: Casa Rosada

> Cristina Kirchner bei der Stimmabgabe in ihrer Heimatprovinz Santa Cruz                                                             Foto: Casa Rosada

»Jedes Mal, wenn Cristina eine Fernsehansprache hält, verlieren wir 700 000 Stimmen«, hat einer von Sciolis Unternehmerfreunden gerade gesagt. Das ist übertrieben, es zeigt aber das Problem: Der Kandidat wird als Marionette wahrgenommen und erscheint deshalb jenen Wählern unattraktiv, die einen Wechsel wollen. Die Kirchnerallianz Frente para la Victoria, für die Scioli antritt, wurde zwar auch bei der Wahl vom 25. Oktober die stärkste Kraft – aber schon wieder stimmten sechs von zehn Argentiniern für die Opposition.

Der Gouverneur hat bereits im Wahlkampf versucht, in diesem feindlichen Lager zu punkten, indem er von Tag zu Tag ein bisschen mehr Neuanfang versprach und ein bisschen weniger Kontinuität. Monatelang hatte er den Ultrakirchneristen gegeben und die Präsidentin gepriesen. Mitten in der Kampagne rückte er davon ab und war nun wieder, was er schon gewesen war, bevor er Ultrakirchnerist wurde: ein undogmatischer Peronist mit breitem Profil. Aber wer sollte und wollte bei all diesen Häutungen noch durchsehen? Eine Strategie war das jedenfalls nicht, dieser Zickzack, eher ein Fürblödhalten der Leute, und natürlich hat es nicht funktioniert.

Scioli wird diesen Weg trotzdem weitergehen. Er hat keine Wahl. Er braucht die Stimmen aus dem Oppositionslager, weil Kirchnerismus allein nicht reicht für einen Sieg gegen Macri. Riskant bleibt es allemal. Es ist nicht absehbar, wie die Präsidentin und ihre Freunde auf die Trennung reagieren werden. »El candidato es el proyecto«, heißt noch immer das inoffizielle Wahlkampfmotto. »Der Kandidat ist das Projekt.« Nichts ist wichtiger als das Erreichte; es zählt ausschließlich, was Néstor und Cristina Kirchner seit 2003 geschaffen haben. Nichts anderes steht zur Wahl und muss verteidigt werden – von jedem Kandidaten, und erst recht von dem, der Präsident werden will.

Was werden die kirchneristischen Stammwähler (30 Prozent) machen, wenn Scioli nun das Projekt vergessen lassen will und einen Dreiviertel-Macri gibt, also fast so viel Wechsel verspricht wie der angeblich rechte Rivale, der den Neoliberalismus der neunziger Jahre auferstehen lassen würde? Wählen sie den Überläufer mit Parteibuch dennoch? Oder wird er bestraft? Begeistert hat Scioli die standfesten Kirchneristen nie. Er gehört nicht zu ihnen, er war politisch schon überall, weil er wie jeder gute Peronist anpassungsfähig ist. »Es lo que hay«, sagten sie aber bislang. Frei übersetzt: Das ist nun mal der, der da ist, was willste machen.

Mauricio Macri am Wahlabend im sogenannten búnker seiner Allianz Cambiemos

> Mauricio Macri am Wahlabend im Centro Costa Salguero

Sicherheitshalber hat Cristina Kirchner ihr Erbe in den vergangenen Monaten wetterfest gemacht. Ihrem Nachfolger wird es fast unmöglich sein, die vom Kirchnerismus verstaatlichten Unternehmen wie YPF und Aerolíneas Argentinas abermals zu privatisieren; im Nationalparlament werden viele Vertraute sitzen, und eine Mehrheit hätte Macri dort ohnehin nicht. Man könnte also vielleicht auch ihn vier Jahre werkeln lassen. Kirchner darf ja 2019 wieder antreten.

Es ist nicht wahrscheinlich, dass es so kommt. Ausgeschlossen aber auch nicht.

Bis zur Stichwahl am 22. November sind es noch 23 Tage. Es sieht nicht danach aus, dass  die Präsidentin bis dahin zum Wohle Sciolis öfter den Mund hält und sich zurücknimmt. Sie soll ja – es ist nur ein Gerücht – bereits einen Unterhändler losgeschickt haben, der Sergio Massa eine Einladung zum Kaffeetrinken überbrachte. Der Peronist mit den fünf Millionen Wählerstimmen hat angeblich angenommen und auch gleich einen Termin vorgeschlagen: den 11. Dezember. Den ersten Tag nach Kirchners Abschied von der Macht.

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Weitere Texte zur Präsidentschaftswahl im Argentinischen Tagebuch:

 

Eine historische Nacht im Kirchnerland

von CHRISTOPH WESEMANN

Was für eine Nacht, muchachos. Da haben wir komplett − auch alle Ersparnisse des Argentinischen Tagebuchs (6,70 Pesos) − auf einen klaren Triumph der Kirchner-Regierung bei der gestrigen Präsidentschaftswahl gesetzt. Und dann das: Daniel Scioli (Frente para la Victoria), der Kandidat des Kirchnerismus, schmiert ab. Der Gouverneur der Provinz Buenos Aires liegt zwar nach Auszählung von 97,19 Prozent der Stimmen vorn, kommt allerdings nur auf 36,86 Prozent. Hauptstadtbürgermeister Mauricio Macri (Cambiemos) ist mit 34,33 Prozent auf Schlagdistanz.

Das Ergebnis ist damit sehr viel enger, als so gut wie alle Umfragen prophezeit hatten. Mit 45 Prozent hätte Scioli die Präsidentschaft in der ersten Runde gewonnen − ebenso mit 40 Prozent und zehn Punkten Vorsprung vor dem Zweiten. Zumindest die zweite Variante war vielfach prognostiziert worden. Nun, am Tag danach, liegen die beiden Kandidaten nahezu gleichauf.

Argentinien hat eine in vielfacher Hinsicht historische Nacht hinter sich. Zum ersten Mal wird es eine Stichwahl um die Präsidentschaft gehen; am 22. November heißt es Scioli gegen Macri, der frühere Motorbootrennfahrer gegen den früheren Boca-Präsidenten. Es riecht nach Machtwechsel im Kirchnerland. Nach zwölf Jahren Herrschaft von Néstor und Cristina Kirchner hat die Opposition tatsächlich eine realistische Chance auf den Einzug in die Casa Rosada, den rosafarbenen Präsidentenpalast.

Die neue Gouverneurin der Provinz Buenos Aires: María Eugenia Vidal.

> Die neue Gouverneurin der Provinz Buenos Aires: María Eugenia Vidal gestern Abend nach dem Triumph

Historisches hat sich auch in der Provinz Buenos Aires zugetragen, wo fast 40 Prozent aller argentinischen Wähler zu Hause sind. Nach 28 Jahren verliert der Peronismus das Gouverneursamt aller Gouverneursämter in Argentinien − an Macris Parteienallianz Cambiemos. Eine Sensation. Ein Paukenschlag. María Eugenia Vidal, derzeit Vizebürgermeisterin der Hauptstadt, schlägt Cristina Kirchners Kabinettschef Aníbal Fernández und tritt die Nachfolge von Scioli an. Dessen Zukunft ist ungewiss. Er muss die Stichwahl gewinnen und die Macht verteidigen, um politisch zu überleben, denn der Peronismus verzeiht keine Niederlagen. Verlierer jagt er vom Hof und vergisst sie ganz schnell.

Mehr spricht im Augenblick für Macri. Nur: Verlassen sollte man sich darauf nicht − die vergangene Nacht hat ja gerade so ziemlich alle Vorhersagen und Gewissheiten über den Haufen geworfen.

Wir verschnaufen erst einmal und melden uns später mit einer Analyse.

Aus dem Archiv:

The Voting Dead oder: Heute wählt Argentinien einen Präsidenten

von CHRISTOPH WESEMANN

Ach, ist das schön, wie herrlich das kribbelt: Heute wählt Argentinien, und man weiß noch nicht, was am Ende herauskommt.

Wahrscheinlich: ein neuer Präsident, der peronistische Regierungsmann Daniel Scioli, Gouverneur der Riesenprovinz Buenos Aires, der dem Land nach zwölf Jahren mit Néstor und Cristina Kirchner Kontinuität mit einer Prise Wandel (oder umgekehrt) versprochen hat.

Daniel Scioli am Donnerstag beim Wahlkampfabschluss im Luna-Park

Daniel Scioli am Donnerstag beim Abschluss des Wahlkampfes im Luna-Park

Vielleicht: eine zweite Schlacht am 22. November zwischen Scioli und Hauptstadtbürgermeister Mauricio Macri, einst Präsident des Fußballklubs Boca Juniors. Es wäre − auf nationaler Ebene − die erste Stichwahl (ballottage) in der argentinischen Geschichte.

Mauricio Macri am Sonnabend beim Malen mit seiner Tochter Antonia

> Mauricio Macri am Sonnabend beim Malen mit seiner Tochter Antonia

In jedem Fall aber: wochenlanger Streit über Wahlbetrug, über verschwundene Stimmzettel, nachträglich manipulierte Ergebnisse und Tote, die votiert haben. (In der fernen Provinz Formosa werden auch wieder Paraguayer zur Wahl erwartet.)

Die heutige Spannung verdanken wir – neben der notorischen Wankelmütigkeit der Argentinier – vor allem dem einzigartig absurden Wahlsystem. Scioli gewinnt nämlich, wenn er entweder mindestens 45 Prozent der Stimmen holt – oder wenn er mehr als 40 Prozent schafft und dann zehn Punkte vor Macri liegt, dem mutmaßlich Zweitplatzierten. In Umfragen hat er die zweite Variante manchmal geschafft und manchmal nicht – aber Umfragen sind in Argentinien noch unzuverlässiger als Argentinier.

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Aus dem Archiv:

Auch unser Freund Jorge beschäftigt sich in seinem Blog mit der Wahl und prophezeit ein »Sieg des Kontinuitäts-Kandidaten«.

Pilgern mit Aretha Nylon – Die viertägige Wallfahrt (2)

von CHRISTOPH WESEMANN

Banane

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Zweiter Tag. ZárateSan Pedro

7.30 Uhr.
Mein argentinischer Freund Cristian und ich zucken. Sollen wir? Nein! Oder doch? Was meinst du? Sag du! Also gut, wenn du mich fragst, ich denke, dass …

Wir könnten noch ein Weilchen bei den Metallern in Zárate bleiben und dann am Abend im Bus nach San Pedro reisen. Die Organisatoren der Wallfahrt meinen es gut mit uns, es hat nämlich angefangen zu regnen. Das große und das kleine Kaninchen haben bereits kapituliert und liegen schon wieder auf ihren Matten. ¡Trampa! Mogelei!

Ich fühle mich einerseits sehr gut. Als um zehn vor sechs das Licht in der Gewerkschaftsturnhalle anging, war ich schon eine Stunde wach. Schmerzen? Keine! Andererseits: Ich bin mitten im Training. Cristian bringt mir seit gestern Abend Truco bei, das argentinische Kartenspiel schlechthin, eine Art Río-de-la-Plata-Poker. Beim Truco wird nicht bloß gequatscht, geschummelt und gelogen; man provoziert auch den Gegner und macht ihn lächerlich, man hält seine Eier allzeit fest, um sie dann, wenn erforderlich, unverzüglich auf den Tisch packen zu können.

Cristian hat mich soeben ein paar Mal gewinnen lassen, ich hab’s jetzt drauf und brauche endlich einen richtigen Gegner. Steh auf, Kaninchen! Während sich Conejo hochkämpft, gehe ich schnell meinen handgeschriebenen Zettel durch, ich habe ja den Wert der Karten noch nicht ganz im Kopf.

truco 1

> Die vier höchsten Truco-Spielkarten und die mieseste (4 de copas)

Reihenfolge:

  • 1 von den Schwertern, auch Macho genannt
  • 1 von den Stäben, auch Weibchen genannt
  • 7 von den Schwertern
  • 7 von den Münzen
  • 3, 2, 1 (Rest), 12, 11, 10, 7 (Rest), 6, 5, 4

Die oberste Scheißkarte beim Truco ist die 4 de copas (4 von den Pokalen) − so nennt man in Argentinien übrigens auch eine Person, die gar nichts drauf hat oder sehr wenig zu sagen.

Conejo, das Kaninchen, trickst und schummelt und lügt, er nuschelt mich voll, er nimmt meine drei Karten von unten aus dem Stapel, was angeblich legal ist oder jedenfalls nicht ausdrücklich verboten, er versteckt seine Wett-Einsätze – Truco (Zwei-Punkte-Spiel), Retruco (drei), Vale cuatro (vier) – inmitten sinnfreier Monologe und beschimpft mich dann, weil ich wieder nichts verstanden habe. Wenn ich sicher bin, dass er blufft, hat er beste Karten. Und umgekehrt. Kaninchen, der Messi des Truco, gewinnt sogar mit der 4 von den Pokalen.

Ich glaube, ich verliere von zehn Runden zwölf. Oder 20 von 14. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Truco, das ist doch kein Spiel!

8 Uhr.
»Also, ich schlage vor, dass wir pilgern und nicht hier bleiben«, sage ich zu Cristian.

»Natürlich pilgern wir.«

»Der Regen kann uns mal.«

»Welcher Regen? Das ist eine Erfrischung, alemán.«

8.10 Uhr.

Tag 2 b

Tag 2 c

Am Ausgang bekommt jeder ohne Regenmantel eine große Mülltüte. Wir gehen auch erst einmal weiter entlang der Autobahn. Stört mich das? Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein.

(Ein Argentinier versteht den Otto-Witz von Frau Suhrbier und ihren Folgeschäden an der Autobahn übrigens nicht, was wohl zwei Gründe hat: Zum einen darf in diesem Land nirgends schneller als 130 Kilometer pro Stunde gefahren werden; zum anderen unternehmen argentinische Durchschnittsfamilien gern einen Sonntagsausflug zur Autopista, um nebenan auf dem vertrockneten Rasen Fußball zu spielen, zu entspannen und zu grillen. Man trifft Freunde und Verwandte, Nachbarn und Kollegen.)

Tag 2 d

12 Uhr.
Die Ersten humpeln schon, oh, die sind aber früh dran. Es ist noch sehr, sehr weit, nicht nur nach San Nicolás de los Arroyos, dem Ziel, sondern auch zum heutigen Etappenort San Pedro. Wir haben vorhin ein Schild gesehen, auf dem »68 km« stand, wobei wir ja heute Abend wieder ein Stück mit dem Bus zurücklegen werden. Wir können also mindestens 20 Kilometer abziehen.

Tag 2

Meiner Erfahrung nach wird eine jede Wallfahrt im Kopf entschieden, es ist nämlich alles psychologisch, die Angst vorm Scheitern und der Schmerz sowieso. Ich habe bislang keine Tablette gebraucht, meine Füße sind nach wie vor ohne Blase, und meine beigen Nylonstrümpfe aus der Damenabteilung des Supermarktes bei uns an der Ecke haben noch nicht einmal eine Laufmasche.

Damenstrumpf

Jawohl, ich trage Damenstrumpf unter meinen Marathonsocken. Ich halte es natürlich geheim. Nur Cristian weiß davon, weil er mich am Abend vor unserem Aufbruch bei der Anprobe zu Hause erwischt hatte. Saßen tadellos, die Dinger, da waren wir uns einig.

Auch Bundeswehrsoldaten tragen ja Nylon – angeblich, und natürlich ausschließlich für den Marsch, ich will den Kameraden nichts unterstellen, ich hab’s auch nur gehört von einem, der ebenfalls nicht gedient hat.

»Und wenn’s nicht hilft«, hatte Cristian übrigens gesagt, »sieht’s immer noch verdammt scharf aus.«

Tag 2 e

14 Uhr.
Endlich, zum ersten Mal nach eineinhalb Tagen und 65 Kilometern, lassen wir Asphalt und Verkehrslärm hinter uns. Endlich Natur. Endlich ein Feldweg. Und bald darauf: Schlaglöcher.

 

tag 2

17 Uhr.
Kilometer 127 der Nationalstraße 9, eine Brücke. Ganz in der Nähe liegt das 2000-Seelen-Dorf Villa Alsina. Unsere Busse warten schon. Cristian knorrt sich fix noch eine Kürbissuppe rein. Wenn das hier vorbei ist, muss er auf Entzug.

18.30 Uhr. San Pedro.
Ich habe ja schon viel gesehen in meinem Leben. Aber das hier, ¡Madre mía!1, muss die Strafe für etwas Gewaltiges sein.

Das darf man nicht verdrängen, man muss es umgehend verarbeiten. Handy raus zum Gebet!

CW. Bist Du noch oder schon wach?

MC. Ja.

CW. Das ist die heutige Männertoilette.

Klo

MC. Mein Gott!

CW. Ich kneife die Arschbacken zusammen, das glaubst Du nicht.

MC. Was bleibt Dir sonst übrig?

CW. Ich bin zu alt für so’n Scheiß.

MC. Dann nimm den nächsten Bus.

CW. Bus? Wir sind in … wo zum Teufel sind wir überhaupt? Der Kiosk hatte nicht mal Wasser.

MC. Dann muss das Bolivien sein.

CW. Oder die DDR. Ich bin mal im Bad. Gute Nacht!

Marc Koch (MC) ist Gastautor des Argentinischen Tagebuchs und festes Ensemblemitglied der Komödien.

Dusche

Eine warme Dusche kostet 20 Pesos, umgerechnet 1,90 Euro. Man steigt zunächst eine Treppe hinauf, bezahlt dann im Büro des Klubchefs und bekommt schließlich eine nummerierte Duschberechtigungsmarke. So hat’s mir Conejo erklärt, dreimal, um genau zu sein, weil ich das Verfahren nicht auf Anhieb verstanden hatte. Die können mich mal, ¡carajo! Mir ist das erstens immer noch zu kompliziert; zweitens habe ich ja – wie jeder Pilger – umgerechnet 75 Euro Teilnahmegebühr bezahlt; und drittens probiere ich erst mal die wahrscheinlich illegale Kaltwasserdusche aus, die ich vorhin neben den Pinkelbecken entdeckt habe.

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Ich stelle mich, schon entkleidet, auf Zehenspitzen und erreiche tatsächlich – ich bin ein verdammtes Genie! – das oben am Duschkopf angebrachte Wasserhähnchen. Brrrrrrrrrrrrrr, ist das kalt. In meinem Rücken wird derweil gepinkelt, da kennt der Argentinier – und zwar einer nach dem anderen – nichts. Ich beobachte es aus dem Augenwinkel, und mir ist klar, dass ich auf dem Weg zum Handtuch gleich durch das werde waten müssen, was danebengegangen ist – und das ist allerhand.

Fortsetzung folgt

  1. Oh, mein Gott []

Pilgern mit Kaninchen – Die viertägige Wallfahrt (1)

von CHRISTOPH WESEMANN

Mit Cristian

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Erster Tag. Ingeniero MaschwitzZárate

5.45 Uhr.
Wir sind mit dem Kaninchen verabredet. Es erwartet uns um sechs an der Autobahntankstelle der Stadt Ingeniero Maschwitz, Kilometer 44 der Panamericanagegen sechs natürlich, also ruhig ordentlich nach sechs, wir sind doch in Argentinien, und pünktlich erscheinen hier nur die unhöflichen Einheimischen und die schlecht integrierten Ausländer. Es trifft sich somit gut, dass wir zunächst in den falschen Bus steigen und danach im Morgengrauen einen Kiosk suchen müssen, um die Subes aufzuladen, unsere Guthabenkarten für den Öffentlichen Personennahverkehr.

Conejo, spanisch für Kaninchen, hatte als kleiner Junge sehr hervorstehende Schneidezähne. Die stehen zwar schon seit Jahrzehnten nicht mehr hervor, aber nicht alles lässt sich ja richten im Leben. Wie heißt unser Kontaktmann denn nun wirklich? Mein Freund Cristian, mit dem ich schon zweimal 60 Kilometer nach Luján gepilgert bin, hält sich die rechte Hand unters Kinn und schiebt sie dann flink nach vorn weg. »¡Qué sé yo!«, sagt die Geste, eine der argentinischsten überhaupt. »Was weiß ich.«

Sein Name ist Kaninchen, meinetwegen.

Cristian und ich werden vier Tage pilgern, von Maschwitz, einem Vorort von Buenos Aires, bis nach San Nicolás de los Arroyos, der Stadt am Río Paraná, 240 Kilometer oder so. Anders gesagt: ein klitzekleines Stückchen durch die Riesenprovinz Buenos Aires, die so groß wie Deutschland ist, Heimat von 16,5 Millionen Menschen. Es ist die 32. Wallfahrt; ein paar Hundert Pilger werden erwartet.

6.40 Uhr.
Das Kaninchen bekommt einen Kuss, wie sich das zur Begrüßung und zum Abschied gehört in Argentinien, auch unter Männern. Alles gut? Klar. Freut mich. Mirá vos, un alemán1. Das Schöne an Argentiniern ist ja, dass sie im Umgang mit Europäern keinerlei Berührungsängste haben; man begegnet sich auf Augenhöhe. Bolivianer, Paraguayer oder Peruaner sind da deutlich schüchterner.

»Cheeee2 alemán, ich stell dir mal meinen kleinen Bruder vor«, sagt das Kaninchen und zeigt auf einen Glatzkopf. Der heißt – wie könnte es anders sein – Conejito, kleines Kaninchen.

7.36 Uhr.

Gottesdienst
Der Gottesdienst unter freiem Himmel hinter der Tankstelle ist vorbei. Wir sollen daran denken, hatte der Pfarrer in seiner Predigt gesagt, dass die Jungfrau von San Nicolás, zu der wir pilgern, la Virgen del Rosario de San Nicolás, nicht vor uns sei, nicht weit in der Ferne. »Sie ist immer bei euch, sie begleitet euch.« Außerdem müssen wir aufeinander aufpassen, wir alle sind hermanos peregrinos, pilgernde Schwestern und Brüder.

Claro. Auf geht’s. ¡Vamos!

Gepäck

9 Uhr.
El conurbano, der Ballungsraum der Hauptstadt, den wir heute durchpilgern, ist wahrlich keine Schönheit. Nein, er ist geballte Hässlichkeit: Industrieparks, Gewerbegebiete und Hochhaus-Skelette, dazwischen das kleine und mittelständische Unternehmertum Argentiniens aus Reifenbuden, Autowerkstätten, Kiosken und Versicherungen. Links und rechts der 1967 Kilometer langen Panamerica in Richtung der Hafenstadt Rosario (Provinz Santa Fe) gibt es nichts, was nicht herumliegt: Essenreste, Bauschutt, zerfetzte Reifen, ausgebrannte Autos, Heckscheiben, Frontscheiben, Seitenscheiben, Ölfässer und Farbeimer, Jalousien, Sofas, Kabel, Fernseher und anderer Elektroschrott, jede deutsche Mülldeponie hat weniger im Angebot. Es riecht mitunter sogar nach überfahrenem Hund.

Müll 2

»Räumt diesen Dreck denn keiner weg?«, frage ich Cristian.

»Es ist Montag, boludo3

10 Uhr.

Jungfrau 2
Es gibt drei Jungfrauen auf dieser Wallfahrt: Die eine ist auf das Dach des dunkelgrauen Peugeot geschraubt, der ganz vorne fährt; die anderen Marias werden von Pilgern getragen – jeweils mithilfe zweier Stangen, einer Art Barren, dem Schrecken meines Turnunterrichts. Eine dieser Jungfrauen habe ich jetzt auf den Schultern, weil mich Cristian als Ablösung für den hinteren Träger vorgeschlagen hatte: »Leute, der Deutsche will auch mal!«

(Er selbst wird sich bis zum Ende der Wallfahrt erfolgreich drücken.)

Jungfrau

10.05 Uhr.
Oh, wie das beflügelt! Gracias, Santa Maria, Madre de Dios. Ich bin sowieso jemand, der gern Verantwortung übernimmt, und marschieren konnte schließlich schon der deutsche Landser.

10.15 Uhr.
Viel wiegt sie ja nicht, unsere Jungfrau.

10.18 Uhr.
Das Gehen im Takt mit dem Vordermann schlaucht trotzdem.

10.20 Uhr.
Und die Stangen drücken auch.

10.22 Uhr
Ich verschleppe ein bisschen das Tempo.

10.25 Uhr.
Ablösung. Wurde auch Zeit.

12 Uhr.
Wir gehen seit zwei Stunden auf der abgesperrten rechten Spur der Autobahn, begleitet von Motorradpolizisten. Ab und an rasten wir, dann verteilen Helfer Äpfel und medialunas de manteca, also Croissants mit süßem Butterüberzug; heißes Wasser für den Mate gibt es per Selbstbedienung an der Gulaschkanone, die mit uns fährt.

Gulaschkanone und Cristian

> Gulaschkanone und Cristian

13 Uhr. Campana

Rast 2
Zum Mittag bekommen wir eine Schale Polenta, also Maisgrießpampe, ein argentinisches Nationalgericht. Ich tue oberpatriotisch, als würd‘s mir schmecken – bis Cristian und ein paar andere Jungs, die wir inzwischen kennen gelernt haben, anfangen zu meckern. Ja, scheußlich, der Fraß, ist ja auch nichts drin in dieser Polenta, keine Tomate, kein Käse, nicht mal Salz.

Polenta pur

> Polenta pur

Jesús, ein gebürtiger Peruaner, isst Bondiola, fettiges Nackensteak vom Schwein im Baguette; 60 Pesos hat er an der Bude nebenan bezahlt, umgerechnet fünfeinhalb Euro, ein Wahnsinnspreis, aber Jesús schwärmt trotzdem.

»¡Trampa!«, sagt Cristian. »Mogelei.«

»¡No vale!«, sage ich. »Zählt nicht.«

Cristian und ich sind orthodoxe Pilger: Wir werden essen, was alle essen; wir werden uns auch im Zustand allergrößter Erschöpfung und unmenschlicher Schmerzen keinen Meter vom Begleitauto mitnehmen lassen; wir werden in keinem Hotel schlafen. Leute, die eine Luftmatratze dabei haben oder heute Morgen in Maschwitz gar eine richtige Matratze in den Truck mit all dem Gepäck verfrachtet haben, verachten wir.

Erlaubt sind: Schmerztabletten (Actron 600), Creme (Diclofenac) und Mate (Taragüi).

14 Uhr.
Cristian hat seine Gitarre eingepackt, aber, wie er gerade feststellt, keine Zahnbürste. Kein Problem, mach dir keinen Kopf, amigo, das kenne ich von zu Hause, da steckt auch jeden Morgen meine Bürste in einem Kindermund, und ich nehme dann halt die der Frau. Eigentum wird überschätzt. Seine Gitarre wird Cristian exakt einmal benutzen (um sie zu stimmen), meine Zahnbürste – nach einem Tag des Widerstands – indes morgens und abends.

15 Uhr.
Dieser Fußmarsch entlang der Autobahn ist vielleicht das Langweiligste, das ich in drei Jahren Argentinien erlebt habe.

Autobahn

15.38 Uhr.
Ach nein, doch nicht, guck mal da: Zwei Frauen und ihre zwei Töchter auf einem Moped! Alle ohne Helm! Und jetzt überholen sie ganz frech den Bullen, der neben uns fährt.

Vor eineinhalb Jahren wurde in der Provinz Buenos Aires hektisch ein Anti-Kriminalitäts-Gesetz erlassen. Seit dem 15. April 2014 sollen der Fahrer und sein Hintermann das Kennzeichen auf dem Helm und einer reflektierende Weste tragen, damit Diebe und Einbrecher, die auf dem Motorrad unterwegs sind, besser verfolgt werden können. Wer gegen diese Vorschrift verstößt, so das Gesetz, dem kann die Polizei die Maschine und den Führerschein wegnehmen. Es war ein großer Aufreger damals, ich erinnere mich gut.

Und jetzt? Der Polizist guckt erst leicht interessiert hin – und dann schwer desinteressiert weg. Fast alle Biker an diesem Tag sind mit nacktem Kopf unterwegs, und nicht einer trägt die reflektierende Weste mit Kennzeichen. Argentinien ist eben auch: das Land vieler Gesetze, die man ignorieren kann, weil Polizisten gerade keinen Auftrag haben oder keine Lust, die Einhaltung zu überwachen. »Hecha la ley, hecha la trampa«, sagt ein hiesiges Sprichwort, das so viel bedeutet wie: Für jedes neue Gesetz, das uns Argentinier maßregeln will, gibt es ein Schlupfloch.

17 Uhr.
Wir halten jetzt alle 20 Minuten.

Rast

Rast

18 Uhr.
Es gibt Kürbissuppe von »Knorr«.

19 Uhr
Schon wieder Kürbissuppe.

Wir sind da.

Kann nicht sein. Wir stehen auf der Plaza Cementerio, dem Friedhofsplatz, der Stadt Zárate.

Das waren höchstens 40 Kilometer heute, niemals 60. Eine Durchsage, per Mikrofon aus dem dunkelgrauen Jungfrau-Maria-Peugeot: Alle rein in die Busse, Frauen und Kinder zuerst.

Busse? Wir fahren?

Ist das peinlich. Halb Buenos Aires hatte ich von meiner bevorstehenden Expedition erzählt, vor allem Frauen natürlich. 60 Kilometer am Tag, 240 Kilometer in vier Tagen, und regnen soll es auch, ich weiß wirklich nicht, ob wir uns wiedersehen, es kommen doch nie alle durch. Die Qualen und ich, wir waren schon Wochen vor dem Aufbruch eins geworden. Ich humpelte ja selbst zu Hause, unbeobachtet, so sehr war ich in meiner Rolle.

Demonstrativ steige ich als einer der Letzten in den Bus; gegen meinen Willen finde ich einen Sitzplatz.

20 Uhr
Wir liegen in der Turnhalle der Metallgewerkschaft von Zárate, das Kaninchen und ich Isomatte an Isomatte, Cristian ein paar Meter entfernt.

Mit Cristian (m.) und dem Kaninchen

> Mit Cristian (m.) und dem Kaninchen

Zárate

21 Uhr.
Nudeln mit Käsesoße für alle!

21.03 Uhr.
Nachschlag, bitte.

21.15 Uhr.
Nein, ich hatte noch keinen Nachschlag.

Die Käsesoße ist aber aus.

23 Uhr.
Noch ’ne Durchsage: In zehn Minuten geht das Licht aus. Gute Nacht, liebe Pilger, schlaft alle schön. Bis morgen um sechs!

1 Uhr.
Ein Höllenlärm neben mir. Das Kaninchen schnarcht.

♦♦♦♦♦

  1. Schau an, ein Deutscher []
  2. argentinischer Ausruf: Hey! []
  3. Schwachkopf, Depp; Anrede unter Freunden in Argentinien []

Argentinische Helden

Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

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Steckbrief

Wir sind schnell.
Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geistes-
wissenschaftlichen Hintergrund. Wir sind böse, sexy und klug. Wir können saufen wie die Kutscher, haben Kant gelesen und nicht verstanden, aber das merkt keiner, und schlafen nie.


Gegründet 2012 von Christoph Wesemann in Buenos Aires

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