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Ankunft im Exil: Der förmliche Dicke, ein Elternabend und die Latina von gegenüber

von CHRISTOPH WESEMANN

Montevideo/Uruguay ♦ Donnerstagmorgen. Zeitungslektüre. Der Außenminister der sozialistischen Regierung verlangt von Venezuelas ebenfalls sozialistischem Präsidenten Nicolás Maduro, dass er die Schulden für die gelieferten Lebensmittel endlich bezahlt, es geht um 75 Millionen Dollar. Man fühle sich in seiner »Gutmütigkeit ausgenutzt«. Zudem haben heute 222 935 Oberstufenuruguayer keinen Unterricht, weil ihre Lehrer streiken. Einer von ihnen hatte eine Rauferei unter Schülern schlichten wollen und war dabei beleidigt und geschubst worden. Der Außenminister knöpft sich gleich noch die Pisa-Studie vor, deren Untersuchungsmethode er anzweifelt.

Ist es denn so wichtig, dass die Kinder mit dem Bleistift rechnen können, wenn sie doch Taschenrechner haben? Macht einer von Ihnen eine Division mit dem Bleistift?

Das hat er, berichtet El País, am Vortag auf einem Forum gefragt und seinen Zuhörern eine knifflige Aufgabe gestellt: »542 geteilt durch 24.«

Ist ganz schön was los in meiner neuen Heimat, nicht wahr? Ich glaube, ich lege mich noch ein bisschen … oh Wahnsinn: Am Abend empfängt Uruguays Großklub Nacional in der Copa Libertadores Palmeiras. Das Hinspiel in São Paulo war der Hammer.

Auf zu Redpagos. Wo der Uruguayer seine Strom-, Gas-, Telefon- und Sonstwas-Rechnungen bezahlt, die ihm der Postbote vorbeibringt. Redpagos verkauft auch Eintrittskarten für Konzerte und Fußballspiele.

Heute aber nicht. Darum.

Dann eben direkt zur Quelle. Der Kioskbesitzer nennt mir die Buslinie (329) und malt auf die Rückseite eines Kassenbons eine Wegbeschreibung von der Haltestelle zur Geschäftsstelle des Club Nacional de Football. »Hier vorne an der Ecke steigst du ein. 3-2-9.«

weg

Gerade fällt mir ein, ich soll ja am Abend zur Elternversammlung der fast Siebenjährigen. Keine Ahnung, was es drei Wochen nach Schulanfang schon so Wichtiges zu besprechen gibt. Die Lehrerin wird sich kurz fassen, denke ich. Ich kenne sie zwar bloß vom Hola-Winken am ersten Tag und weiß nicht einmal, wie sie heißt, was freilich auch zu viel verlangt wäre, ich habe schließlich drei Kinder. Ich dachte neulich, ich hätte mit ihr telefoniert, wegen irgendeiner Sache, die ich ebenfalls schon wieder vergessen habe. Aber das war die Klassenlehrerin des Zehnjährigen. Der Zehnjährige hat’s mir später bestätigt. Bislang jedenfalls hat sie uns in Ruhe gelassen, und das ist für mich die Kernkompetenz eines Pädagogen.

Die Eltern in Montevideo aber wirken irgendwie übermotiviert.

»Señor, buen día, qué tal, ich will ’ne Karte, bin ich hier richtig?« Der Dicke, der die Eingangstür des Vereinsheims von Nacional bewacht, schüttelt den Kopf und sagt, ihm lägen »keinerlei Informationen vor über die Modalitäten des Eintrittskartenverkaufs am heutigen Tage«. Alter, förmlich kann ich auch: »Hä?«

Ich soll es mal am Ticketschalter versuchen, er beschreibt den Weg und flüstert mir hinterher: »Wenn du keine Karte mehr bekommst, sprich mich nachher noch mal an. Vielleicht kann ich eine besorgen.«

Parque Central, Montevideo

> Parque Central, das Stadion des Club Nacional de Football

In der Schlange handeln sie eifrig mit Gerüchten.

»Alles ausverkauft, habe ich gehört.«

»Nein, gestern Abend haben sie gesagt, heute würden um 10 Uhr noch Karten verkauft.«

»Es ist zehn nach zehn, du Depp, und keine Sau sitzt am Schalter.«

»Mir wurde gesagt, es sollte noch welche bei Redpagos geben.«

»Redpagos ist der letzte Scheiß, amigo.« Die Schlange gibt mir in diesem Punkt absolut recht.

Die Frau vor mir, Nummer 34, Mate in der Hand, Thermosflasche unterm Arm, schwört, sie werde sterben, sollte sie es nicht ins Stadion schaffen. Und ich erst, señora! Plötzlich schreit der Bursche hinter mir in sein Telefon, er hat offenbar jemanden vom Verein dran: »Gestern Abend haben sie uns gesagt, dass heute … « Sekunden später legt er auf.

Feierabend. Keine Karten mehr.

Der Dicke von der Geschäftsstellenpendeltür erkennt mich wieder und speichert meine Nummer in seinem Telefon. Er werde einen Freund fragen, ob der eine Karte verkaufen wolle, angeblich sogar ohne Aufpreis. »Wenn dich keiner anruft, klappt es nicht.«

»Wann kann ich denn mit einem Anruf rechnen?«

»So um sieben, halb acht.«

»Mitten im Elternabend.«

»Was?«

»Perfekt. Anstoß ist um Viertel vor zehn?«

»Genau.«

»Gracias, querido.«

Also, das wird ganz sicher nix. Der Typ wirkt viel zu wenig verschlagen.

Ich will jetzt aber unbedingt zu diesem Scheißspiel. Von dem ich heute Morgen noch gar nichts wusste.

Meine letzte Hoffnung heißt Jorge. Jorge ist Vereinsmitglied von Nacional, und ich habe ihn schon mal begrillt, wir sind also Freunde. Eine warme südamerikanische Nacht. Vollmond. Zwei Kerle allein auf der Terrasse. Vor einem Haufen Fleisch. Von unten der hochblubbernde Verkehr. Gegenüber die eine Latina, die ganz zufällig vergessen hat, die Vorhänge zuzuziehen. Jorge verspricht, er werde sich umhören, und schickt fünf Minuten später eine Nachricht:

Mein Bruder hat seinen Stammplatz leider schon abgetreten. Aber der Onkel seiner Freundin hat eine Loge. Wenn er es schafft, mit ihm zu sprechen, sagt er mir Bescheid.

Whatsapp

Da war ja selbst die Kartenbeschaffung in Argentinien für Spiele der Boca Juniors weniger umständlich. Der Onkel der Freundin des Bruders meines Freundes, den ich seit sechs Wochen kenne – über mehr Ecken geht ja kaum.

Respekt, Uruguay. Ich denke, wir werden miteinander klarkommen.

Pilgern mit Hurenkindern: Die viertägige Wallfahrt (3)

von CHRISTOPH WESEMANN

wallfahrt 9

Was bisher geschah: Der Autor und sein argentinischer Freund sind mit ein paar Hundert anderen Pilgern seit zwei Tagen auf Wallfahrt von Buenos Aires nach San Nicolás de los Arroyos. Halbzeit. Es geht ihnen fabelhaft. Bueno, der damenbestrumpfte Autor hatte gestern Abend eine kurze Schwächephase, ausgelöst von Klo und Dusche im zweiten Etappenort San Pedro. Aber das ist fast überstanden. Also gar nicht.

Weiter geht’s.

♦♦♦♦♦

Dritter Tag. San Pedro > El Paraíso.

Wallfahrt 1

12 Uhr.
Es regnet seit viereinhalb Stunden ohne Pause. Wir stolpern und rutschen durch den Schlamm, der an den Sohlen kleben bleibt. Es geht zu wie beim Langlauf: Wir wechseln von links nach rechts, auf der Suche nach der schnellsten Loipe, es sind aber alle gleich seifig und langsam.

Wallfahrt 6

Wallfahrt 3

Wo ist Maria?

Wallfahrt 10

Plötzlich ist alles so sinnlos. Ich will nach Hause. Ich brauche eine Dusche und trockene Klamotten. Ich brabbele vor mich hin, keine Ahnung, ob Cristian unter seiner Kapuze zuhört. Mich kotzt das alles nur noch an. Dieser Scheißsportclub gestern in San Pedro: Da kommen 300 erschöpfte Pilger, und die Inhaber schrauben nicht mal Klobrillen auf die Keramik. Von Sauberkeit wollen wir gar nicht reden, oder davon, dass man ausnahmsweise den seit Monaten herumliegenden Müll aufsammelt oder sogar durchfegt. ¡La puta que los parió!1. Verlange ich zu viel? Ich finde das unmöglich: sich Gäste einladen und die dann so empfangen. Ohne Klobrille!

»Das sagtest du bereits«, sagt Cristian. »Hörst du bald auf zu jammern?«

»Ich jammere doch gar nicht.«

»Und wie.«

»Unsinn.«

»Seit drei Kilometern jammerst du. Ist aber sehr argentinisch.«

»Okay, dann jammere ich.«

»Ich gehe ein Stück vor. Bis später.«

»Wenn du das nächste Mal zu uns zum Grillen kommst«, ich brülle jetzt, »schraube ich vorher alle Klobrillen ab. Nur damit du’s weißt.«

Wo ist Maria?

Wo steckt der dunkelgraue Peugeot?

Wallfahrt 2

Wallfahrt 4

13 Uhr.
Junge, Junge, das sind heute Abstände wie auf der Königsetappe der Tour de France. El Paraíso wird wohl unser L’Alpe d’Huez. Schon die Verpflegungsstation im Städtchen Ramallo erreichen die Letzten eine Stunde nach uns, und wir haben schon zehn Minuten auf die Schnellsten verloren.

Wir würden uns gern einen Augenblick hinsetzen, es ist aber kein Stuhl mehr frei, und die Teenagertruppe, die sich von den Begleitfahrzeugen hat chauffieren lassen, steht auch nicht auf – weder für uns noch für die Alten. Nicht mal den vier Helden, die die zwei Jungfrauen getragen haben, bieten sie einen Platz an.

»So ein verdammtes Pack!«

»Die besuchen alle eine teure Privatschule. Mama und Papa haben Kohle ohne Ende«, sagt Cristian. »Was erwartest du?«

»Scheißhurensöhne. Scheißhurentöchter.«

»Truco, mein Freund?«

»Sehr gern.«

14 Uhr.
Nach dem Mittagessen schwärmt eine alte Frau vom Wallfahren. Eine wundervolle Erfahrung sei das, nicht wahr?, man habe ja so viel Zeit für »Reflexionen«. Und das Wetter heute sei auch gar nicht so schlimm. »Mit dem Regen segnet Gott euch«, sagt sie. »Genießt es!« Sie selbst würde auch gern pilgern, aber ihre Knie schmerzten leider.

»Kann die bitte mal jemand abstellen?«

»Truco.«

»Quiero. Retruco.«

»Quiero. Vale cuatro.«

»Quiero.«

Ich habe einen Lauf und besiege am Ende sogar unseren Freund Conejo, das Kaninchen. Ich schreie, ich jubele, ich mache die Beckerfaust, und wäre ich nicht so erschöpft, würde ich jetzt Anlauf nehmen und auf Knien einmal durch den verdammten Saal rutschen, alle müssten es erfahren. Demut? Pffffffffff! Bescheidenheit? Niemals!

Conejo, das Kaninchen

> Conejo, das Kaninchen

»In zwei Jahren, mein lieber Freund«, sage ich zu Conejo, »wirst du das Radio anmachen und hören, dass zum ersten Mal ein Deutscher die Truco-Weltmeisterschaft gewonnen hat.«

»Hahahaha.«

»Und zwar, ohne zu bescheißen.«

»Geht gar nicht.«

»Dann halt mit bescheißen.«

»Weltsensation! Weltsensation! Unehrlicher Deutscher entdeckt!«

Noch 18 Kilometer lägen heute vor uns, verkündet einer der Organisatoren. Er schätzt: Ankunft in El Paraíso, dem Paradies, in fünf Stunden. Wer allerdings nach diesem Regenvormittag nicht mehr gehen wolle, könne auch im Bus fahren.

17 Uhr.
Fünf Stunden? Pah, keine drei brauchen wir ins Paradies.

Wallfahrt 5

Ich muss sagen: Cristian überrascht mich. Gewiss, er geht oft hinter mir, um in meinem Windschatten Kraft zu sparen, ja, ich leiste eindeutig mehr Führungsarbeit, und es ist sicher Zufall, dass er jedes Mal, bevor wir eine Handvoll sehr hübscher Klatschpuppen am Wegesrand passieren, vorangehen will und mich zu überholen versucht. Aber sonst ist er ein zäher Kerl, verdammt hart im Nehmen. Stundenlang erträgt er mich, weitgehend ohne Murren, ich bewundere ihn dafür. Selbst mir werde ich ja schnell zu viel. Cristian jedoch hört sich alles an, er diskutiert sogar mit mir, dann erkennt er die aussichtslose Lage, in der er steckt, weil ich zu praktisch allem eine Meinung habe. Immer eine dezidierte. Meist auch mehrere. Die sich widersprechen. Was ich sofort bestreite. Weil ich Recht habe.

> Cristian

Theoretisch könnten wir heute warm duschen, weil um die Ecke eine Oma ihr Bad vermietet. Aber erst um 22 Uhr kämen wir dran, und das ist heute keine Option, da wird zu Abend gefressen. Rumpsteak und Rinderfilet für alle! Auf dem Grill, so groß wie eine Tischtennisplatte, liegen schon die Fleischklumpen. Und darunter, im Qualm des Feuers, trocknen unsere Schuhe.

Wir gehen dann mal kalt duschen. Bei der Polizei von El Paraíso.

Wallfahrt 12

Fortsetzung folgt

  1. traditioneller argentinischer Flucht: Die Hure, die sie geboren hat []

Pilgern mit Aretha Nylon – Die viertägige Wallfahrt (2)

von CHRISTOPH WESEMANN

Banane

♦♦♦♦♦

Zweiter Tag. ZárateSan Pedro

7.30 Uhr.
Mein argentinischer Freund Cristian und ich zucken. Sollen wir? Nein! Oder doch? Was meinst du? Sag du! Also gut, wenn du mich fragst, ich denke, dass …

Wir könnten noch ein Weilchen bei den Metallern in Zárate bleiben und dann am Abend im Bus nach San Pedro reisen. Die Organisatoren der Wallfahrt meinen es gut mit uns, es hat nämlich angefangen zu regnen. Das große und das kleine Kaninchen haben bereits kapituliert und liegen schon wieder auf ihren Matten. ¡Trampa! Mogelei!

Ich fühle mich einerseits sehr gut. Als um zehn vor sechs das Licht in der Gewerkschaftsturnhalle anging, war ich schon eine Stunde wach. Schmerzen? Keine! Andererseits: Ich bin mitten im Training. Cristian bringt mir seit gestern Abend Truco bei, das argentinische Kartenspiel schlechthin, eine Art Río-de-la-Plata-Poker. Beim Truco wird nicht bloß gequatscht, geschummelt und gelogen; man provoziert auch den Gegner und macht ihn lächerlich, man hält seine Eier allzeit fest, um sie dann, wenn erforderlich, unverzüglich auf den Tisch packen zu können.

Cristian hat mich soeben ein paar Mal gewinnen lassen, ich hab’s jetzt drauf und brauche endlich einen richtigen Gegner. Steh auf, Kaninchen! Während sich Conejo hochkämpft, gehe ich schnell meinen handgeschriebenen Zettel durch, ich habe ja den Wert der Karten noch nicht ganz im Kopf.

truco 1

> Die vier höchsten Truco-Spielkarten und die mieseste (4 de copas)

Reihenfolge:

  • 1 von den Schwertern, auch Macho genannt
  • 1 von den Stäben, auch Weibchen genannt
  • 7 von den Schwertern
  • 7 von den Münzen
  • 3, 2, 1 (Rest), 12, 11, 10, 7 (Rest), 6, 5, 4

Die oberste Scheißkarte beim Truco ist die 4 de copas (4 von den Pokalen) − so nennt man in Argentinien übrigens auch eine Person, die gar nichts drauf hat oder sehr wenig zu sagen.

Conejo, das Kaninchen, trickst und schummelt und lügt, er nuschelt mich voll, er nimmt meine drei Karten von unten aus dem Stapel, was angeblich legal ist oder jedenfalls nicht ausdrücklich verboten, er versteckt seine Wett-Einsätze – Truco (Zwei-Punkte-Spiel), Retruco (drei), Vale cuatro (vier) – inmitten sinnfreier Monologe und beschimpft mich dann, weil ich wieder nichts verstanden habe. Wenn ich sicher bin, dass er blufft, hat er beste Karten. Und umgekehrt. Kaninchen, der Messi des Truco, gewinnt sogar mit der 4 von den Pokalen.

Ich glaube, ich verliere von zehn Runden zwölf. Oder 20 von 14. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Truco, das ist doch kein Spiel!

8 Uhr.
»Also, ich schlage vor, dass wir pilgern und nicht hier bleiben«, sage ich zu Cristian.

»Natürlich pilgern wir.«

»Der Regen kann uns mal.«

»Welcher Regen? Das ist eine Erfrischung, alemán.«

8.10 Uhr.

Tag 2 b

Tag 2 c

Am Ausgang bekommt jeder ohne Regenmantel eine große Mülltüte. Wir gehen auch erst einmal weiter entlang der Autobahn. Stört mich das? Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein.

(Ein Argentinier versteht den Otto-Witz von Frau Suhrbier und ihren Folgeschäden an der Autobahn übrigens nicht, was wohl zwei Gründe hat: Zum einen darf in diesem Land nirgends schneller als 130 Kilometer pro Stunde gefahren werden; zum anderen unternehmen argentinische Durchschnittsfamilien gern einen Sonntagsausflug zur Autopista, um nebenan auf dem vertrockneten Rasen Fußball zu spielen, zu entspannen und zu grillen. Man trifft Freunde und Verwandte, Nachbarn und Kollegen.)

Tag 2 d

12 Uhr.
Die Ersten humpeln schon, oh, die sind aber früh dran. Es ist noch sehr, sehr weit, nicht nur nach San Nicolás de los Arroyos, dem Ziel, sondern auch zum heutigen Etappenort San Pedro. Wir haben vorhin ein Schild gesehen, auf dem »68 km« stand, wobei wir ja heute Abend wieder ein Stück mit dem Bus zurücklegen werden. Wir können also mindestens 20 Kilometer abziehen.

Tag 2

Meiner Erfahrung nach wird eine jede Wallfahrt im Kopf entschieden, es ist nämlich alles psychologisch, die Angst vorm Scheitern und der Schmerz sowieso. Ich habe bislang keine Tablette gebraucht, meine Füße sind nach wie vor ohne Blase, und meine beigen Nylonstrümpfe aus der Damenabteilung des Supermarktes bei uns an der Ecke haben noch nicht einmal eine Laufmasche.

Damenstrumpf

Jawohl, ich trage Damenstrumpf unter meinen Marathonsocken. Ich halte es natürlich geheim. Nur Cristian weiß davon, weil er mich am Abend vor unserem Aufbruch bei der Anprobe zu Hause erwischt hatte. Saßen tadellos, die Dinger, da waren wir uns einig.

Auch Bundeswehrsoldaten tragen ja Nylon – angeblich, und natürlich ausschließlich für den Marsch, ich will den Kameraden nichts unterstellen, ich hab’s auch nur gehört von einem, der ebenfalls nicht gedient hat.

»Und wenn’s nicht hilft«, hatte Cristian übrigens gesagt, »sieht’s immer noch verdammt scharf aus.«

Tag 2 e

14 Uhr.
Endlich, zum ersten Mal nach eineinhalb Tagen und 65 Kilometern, lassen wir Asphalt und Verkehrslärm hinter uns. Endlich Natur. Endlich ein Feldweg. Und bald darauf: Schlaglöcher.

 

tag 2

17 Uhr.
Kilometer 127 der Nationalstraße 9, eine Brücke. Ganz in der Nähe liegt das 2000-Seelen-Dorf Villa Alsina. Unsere Busse warten schon. Cristian knorrt sich fix noch eine Kürbissuppe rein. Wenn das hier vorbei ist, muss er auf Entzug.

18.30 Uhr. San Pedro.
Ich habe ja schon viel gesehen in meinem Leben. Aber das hier, ¡Madre mía!1, muss die Strafe für etwas Gewaltiges sein.

Das darf man nicht verdrängen, man muss es umgehend verarbeiten. Handy raus zum Gebet!

CW. Bist Du noch oder schon wach?

MC. Ja.

CW. Das ist die heutige Männertoilette.

Klo

MC. Mein Gott!

CW. Ich kneife die Arschbacken zusammen, das glaubst Du nicht.

MC. Was bleibt Dir sonst übrig?

CW. Ich bin zu alt für so’n Scheiß.

MC. Dann nimm den nächsten Bus.

CW. Bus? Wir sind in … wo zum Teufel sind wir überhaupt? Der Kiosk hatte nicht mal Wasser.

MC. Dann muss das Bolivien sein.

CW. Oder die DDR. Ich bin mal im Bad. Gute Nacht!

Marc Koch (MC) ist Gastautor des Argentinischen Tagebuchs und festes Ensemblemitglied der Komödien.

Dusche

Eine warme Dusche kostet 20 Pesos, umgerechnet 1,90 Euro. Man steigt zunächst eine Treppe hinauf, bezahlt dann im Büro des Klubchefs und bekommt schließlich eine nummerierte Duschberechtigungsmarke. So hat’s mir Conejo erklärt, dreimal, um genau zu sein, weil ich das Verfahren nicht auf Anhieb verstanden hatte. Die können mich mal, ¡carajo! Mir ist das erstens immer noch zu kompliziert; zweitens habe ich ja – wie jeder Pilger – umgerechnet 75 Euro Teilnahmegebühr bezahlt; und drittens probiere ich erst mal die wahrscheinlich illegale Kaltwasserdusche aus, die ich vorhin neben den Pinkelbecken entdeckt habe.

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Ich stelle mich, schon entkleidet, auf Zehenspitzen und erreiche tatsächlich – ich bin ein verdammtes Genie! – das oben am Duschkopf angebrachte Wasserhähnchen. Brrrrrrrrrrrrrr, ist das kalt. In meinem Rücken wird derweil gepinkelt, da kennt der Argentinier – und zwar einer nach dem anderen – nichts. Ich beobachte es aus dem Augenwinkel, und mir ist klar, dass ich auf dem Weg zum Handtuch gleich durch das werde waten müssen, was danebengegangen ist – und das ist allerhand.

Fortsetzung folgt

  1. Oh, mein Gott []

Pilgern mit Kaninchen – Die viertägige Wallfahrt (1)

von CHRISTOPH WESEMANN

Mit Cristian

♦♦♦♦♦

Erster Tag. Ingeniero MaschwitzZárate

5.45 Uhr.
Wir sind mit dem Kaninchen verabredet. Es erwartet uns um sechs an der Autobahntankstelle der Stadt Ingeniero Maschwitz, Kilometer 44 der Panamericanagegen sechs natürlich, also ruhig ordentlich nach sechs, wir sind doch in Argentinien, und pünktlich erscheinen hier nur die unhöflichen Einheimischen und die schlecht integrierten Ausländer. Es trifft sich somit gut, dass wir zunächst in den falschen Bus steigen und danach im Morgengrauen einen Kiosk suchen müssen, um die Subes aufzuladen, unsere Guthabenkarten für den Öffentlichen Personennahverkehr.

Conejo, spanisch für Kaninchen, hatte als kleiner Junge sehr hervorstehende Schneidezähne. Die stehen zwar schon seit Jahrzehnten nicht mehr hervor, aber nicht alles lässt sich ja richten im Leben. Wie heißt unser Kontaktmann denn nun wirklich? Mein Freund Cristian, mit dem ich schon zweimal 60 Kilometer nach Luján gepilgert bin, hält sich die rechte Hand unters Kinn und schiebt sie dann flink nach vorn weg. »¡Qué sé yo!«, sagt die Geste, eine der argentinischsten überhaupt. »Was weiß ich.«

Sein Name ist Kaninchen, meinetwegen.

Cristian und ich werden vier Tage pilgern, von Maschwitz, einem Vorort von Buenos Aires, bis nach San Nicolás de los Arroyos, der Stadt am Río Paraná, 240 Kilometer oder so. Anders gesagt: ein klitzekleines Stückchen durch die Riesenprovinz Buenos Aires, die so groß wie Deutschland ist, Heimat von 16,5 Millionen Menschen. Es ist die 32. Wallfahrt; ein paar Hundert Pilger werden erwartet.

6.40 Uhr.
Das Kaninchen bekommt einen Kuss, wie sich das zur Begrüßung und zum Abschied gehört in Argentinien, auch unter Männern. Alles gut? Klar. Freut mich. Mirá vos, un alemán1. Das Schöne an Argentiniern ist ja, dass sie im Umgang mit Europäern keinerlei Berührungsängste haben; man begegnet sich auf Augenhöhe. Bolivianer, Paraguayer oder Peruaner sind da deutlich schüchterner.

»Cheeee2 alemán, ich stell dir mal meinen kleinen Bruder vor«, sagt das Kaninchen und zeigt auf einen Glatzkopf. Der heißt – wie könnte es anders sein – Conejito, kleines Kaninchen.

7.36 Uhr.

Gottesdienst
Der Gottesdienst unter freiem Himmel hinter der Tankstelle ist vorbei. Wir sollen daran denken, hatte der Pfarrer in seiner Predigt gesagt, dass die Jungfrau von San Nicolás, zu der wir pilgern, la Virgen del Rosario de San Nicolás, nicht vor uns sei, nicht weit in der Ferne. »Sie ist immer bei euch, sie begleitet euch.« Außerdem müssen wir aufeinander aufpassen, wir alle sind hermanos peregrinos, pilgernde Schwestern und Brüder.

Claro. Auf geht’s. ¡Vamos!

Gepäck

9 Uhr.
El conurbano, der Ballungsraum der Hauptstadt, den wir heute durchpilgern, ist wahrlich keine Schönheit. Nein, er ist geballte Hässlichkeit: Industrieparks, Gewerbegebiete und Hochhaus-Skelette, dazwischen das kleine und mittelständische Unternehmertum Argentiniens aus Reifenbuden, Autowerkstätten, Kiosken und Versicherungen. Links und rechts der 1967 Kilometer langen Panamerica in Richtung der Hafenstadt Rosario (Provinz Santa Fe) gibt es nichts, was nicht herumliegt: Essenreste, Bauschutt, zerfetzte Reifen, ausgebrannte Autos, Heckscheiben, Frontscheiben, Seitenscheiben, Ölfässer und Farbeimer, Jalousien, Sofas, Kabel, Fernseher und anderer Elektroschrott, jede deutsche Mülldeponie hat weniger im Angebot. Es riecht mitunter sogar nach überfahrenem Hund.

Müll 2

»Räumt diesen Dreck denn keiner weg?«, frage ich Cristian.

»Es ist Montag, boludo3

10 Uhr.

Jungfrau 2
Es gibt drei Jungfrauen auf dieser Wallfahrt: Die eine ist auf das Dach des dunkelgrauen Peugeot geschraubt, der ganz vorne fährt; die anderen Marias werden von Pilgern getragen – jeweils mithilfe zweier Stangen, einer Art Barren, dem Schrecken meines Turnunterrichts. Eine dieser Jungfrauen habe ich jetzt auf den Schultern, weil mich Cristian als Ablösung für den hinteren Träger vorgeschlagen hatte: »Leute, der Deutsche will auch mal!«

(Er selbst wird sich bis zum Ende der Wallfahrt erfolgreich drücken.)

Jungfrau

10.05 Uhr.
Oh, wie das beflügelt! Gracias, Santa Maria, Madre de Dios. Ich bin sowieso jemand, der gern Verantwortung übernimmt, und marschieren konnte schließlich schon der deutsche Landser.

10.15 Uhr.
Viel wiegt sie ja nicht, unsere Jungfrau.

10.18 Uhr.
Das Gehen im Takt mit dem Vordermann schlaucht trotzdem.

10.20 Uhr.
Und die Stangen drücken auch.

10.22 Uhr
Ich verschleppe ein bisschen das Tempo.

10.25 Uhr.
Ablösung. Wurde auch Zeit.

12 Uhr.
Wir gehen seit zwei Stunden auf der abgesperrten rechten Spur der Autobahn, begleitet von Motorradpolizisten. Ab und an rasten wir, dann verteilen Helfer Äpfel und medialunas de manteca, also Croissants mit süßem Butterüberzug; heißes Wasser für den Mate gibt es per Selbstbedienung an der Gulaschkanone, die mit uns fährt.

Gulaschkanone und Cristian

> Gulaschkanone und Cristian

13 Uhr. Campana

Rast 2
Zum Mittag bekommen wir eine Schale Polenta, also Maisgrießpampe, ein argentinisches Nationalgericht. Ich tue oberpatriotisch, als würd‘s mir schmecken – bis Cristian und ein paar andere Jungs, die wir inzwischen kennen gelernt haben, anfangen zu meckern. Ja, scheußlich, der Fraß, ist ja auch nichts drin in dieser Polenta, keine Tomate, kein Käse, nicht mal Salz.

Polenta pur

> Polenta pur

Jesús, ein gebürtiger Peruaner, isst Bondiola, fettiges Nackensteak vom Schwein im Baguette; 60 Pesos hat er an der Bude nebenan bezahlt, umgerechnet fünfeinhalb Euro, ein Wahnsinnspreis, aber Jesús schwärmt trotzdem.

»¡Trampa!«, sagt Cristian. »Mogelei.«

»¡No vale!«, sage ich. »Zählt nicht.«

Cristian und ich sind orthodoxe Pilger: Wir werden essen, was alle essen; wir werden uns auch im Zustand allergrößter Erschöpfung und unmenschlicher Schmerzen keinen Meter vom Begleitauto mitnehmen lassen; wir werden in keinem Hotel schlafen. Leute, die eine Luftmatratze dabei haben oder heute Morgen in Maschwitz gar eine richtige Matratze in den Truck mit all dem Gepäck verfrachtet haben, verachten wir.

Erlaubt sind: Schmerztabletten (Actron 600), Creme (Diclofenac) und Mate (Taragüi).

14 Uhr.
Cristian hat seine Gitarre eingepackt, aber, wie er gerade feststellt, keine Zahnbürste. Kein Problem, mach dir keinen Kopf, amigo, das kenne ich von zu Hause, da steckt auch jeden Morgen meine Bürste in einem Kindermund, und ich nehme dann halt die der Frau. Eigentum wird überschätzt. Seine Gitarre wird Cristian exakt einmal benutzen (um sie zu stimmen), meine Zahnbürste – nach einem Tag des Widerstands – indes morgens und abends.

15 Uhr.
Dieser Fußmarsch entlang der Autobahn ist vielleicht das Langweiligste, das ich in drei Jahren Argentinien erlebt habe.

Autobahn

15.38 Uhr.
Ach nein, doch nicht, guck mal da: Zwei Frauen und ihre zwei Töchter auf einem Moped! Alle ohne Helm! Und jetzt überholen sie ganz frech den Bullen, der neben uns fährt.

Vor eineinhalb Jahren wurde in der Provinz Buenos Aires hektisch ein Anti-Kriminalitäts-Gesetz erlassen. Seit dem 15. April 2014 sollen der Fahrer und sein Hintermann das Kennzeichen auf dem Helm und einer reflektierende Weste tragen, damit Diebe und Einbrecher, die auf dem Motorrad unterwegs sind, besser verfolgt werden können. Wer gegen diese Vorschrift verstößt, so das Gesetz, dem kann die Polizei die Maschine und den Führerschein wegnehmen. Es war ein großer Aufreger damals, ich erinnere mich gut.

Und jetzt? Der Polizist guckt erst leicht interessiert hin – und dann schwer desinteressiert weg. Fast alle Biker an diesem Tag sind mit nacktem Kopf unterwegs, und nicht einer trägt die reflektierende Weste mit Kennzeichen. Argentinien ist eben auch: das Land vieler Gesetze, die man ignorieren kann, weil Polizisten gerade keinen Auftrag haben oder keine Lust, die Einhaltung zu überwachen. »Hecha la ley, hecha la trampa«, sagt ein hiesiges Sprichwort, das so viel bedeutet wie: Für jedes neue Gesetz, das uns Argentinier maßregeln will, gibt es ein Schlupfloch.

17 Uhr.
Wir halten jetzt alle 20 Minuten.

Rast

Rast

18 Uhr.
Es gibt Kürbissuppe von »Knorr«.

19 Uhr
Schon wieder Kürbissuppe.

Wir sind da.

Kann nicht sein. Wir stehen auf der Plaza Cementerio, dem Friedhofsplatz, der Stadt Zárate.

Das waren höchstens 40 Kilometer heute, niemals 60. Eine Durchsage, per Mikrofon aus dem dunkelgrauen Jungfrau-Maria-Peugeot: Alle rein in die Busse, Frauen und Kinder zuerst.

Busse? Wir fahren?

Ist das peinlich. Halb Buenos Aires hatte ich von meiner bevorstehenden Expedition erzählt, vor allem Frauen natürlich. 60 Kilometer am Tag, 240 Kilometer in vier Tagen, und regnen soll es auch, ich weiß wirklich nicht, ob wir uns wiedersehen, es kommen doch nie alle durch. Die Qualen und ich, wir waren schon Wochen vor dem Aufbruch eins geworden. Ich humpelte ja selbst zu Hause, unbeobachtet, so sehr war ich in meiner Rolle.

Demonstrativ steige ich als einer der Letzten in den Bus; gegen meinen Willen finde ich einen Sitzplatz.

20 Uhr
Wir liegen in der Turnhalle der Metallgewerkschaft von Zárate, das Kaninchen und ich Isomatte an Isomatte, Cristian ein paar Meter entfernt.

Mit Cristian (m.) und dem Kaninchen

> Mit Cristian (m.) und dem Kaninchen

Zárate

21 Uhr.
Nudeln mit Käsesoße für alle!

21.03 Uhr.
Nachschlag, bitte.

21.15 Uhr.
Nein, ich hatte noch keinen Nachschlag.

Die Käsesoße ist aber aus.

23 Uhr.
Noch ’ne Durchsage: In zehn Minuten geht das Licht aus. Gute Nacht, liebe Pilger, schlaft alle schön. Bis morgen um sechs!

1 Uhr.
Ein Höllenlärm neben mir. Das Kaninchen schnarcht.

♦♦♦♦♦

  1. Schau an, ein Deutscher []
  2. argentinischer Ausruf: Hey! []
  3. Schwachkopf, Depp; Anrede unter Freunden in Argentinien []

Señor Schnauzbart und die Höhle: Geldtauschen ins Blaue hinein

von DIRK RÜGER

Der Autor hat von 1996 bis 1998 in Argentinien studiert und gearbeitet, das Land jüngst zum ersten Mal wieder besucht und von dieser Erfahrung  für das Argentinische Tagebuch berichtet: ¡Estás igual, Buenos Aires! – Back To The Future auf Argentinisch.
Er lebt in Berlin und betrieb bis vor kurzem das Blog www.entre-vista.de.

♦♦♦♦♦

»Wer ist das denn, mit dem du dich da triffst?«

»Den kenn ich aus dem Internet.«

»????«

»Nein, keine Angst! Wir kennen uns schon länger. Er hat so’n Blog über Argentinien, und wir folgen uns gegenseitig bei Twitter …«

»????!!!!«

Ok, vielleicht nicht die beste Art, deine Frau zu überzeugen, dass sie sich keine Sorgen machen soll, wenn du dich mit eurem ganzen Reisebudget einem Typen anvertraust, den du noch nie im Leben persönlich getroffen hast. Aber rückblickend ist ja alles gut gegangen, und mein Bauchgefühl hat sich als richtig herausgestellt.

Das Innenministerium in Buenos Aires Foto: Dirk Rüger

> Das Innenministerium Foto: Dirk Rüger

Meine Frau und ich hatten uns vorher informiert über den Euro-Wechselkurs in Argentinien: Da es für Argentinier nahezu unmöglich ist, Pesos in Dollar (oder Euro) zu tauschen, und man dementsprechend nicht an die stabile ausländische Währung herankommt, hat sich ein »inoffizieller« (um nicht zu sagen: illegaler) Parallel-Umtausch-Markt entwickelt,  der sogennante »Blue Dollar« und sein kleiner Bruder, der »Blue Euro«. Die sind zwar, wie gesagt, offiziell verboten, aber selbst in den Tageszeitungen kann man sich über die beiden Tages-Kurse (Offizieller Umtausch vs. Blue Dollar) informieren. Entsprechend geben sich die blauen Wechsler in der Fußgängerzone »La Florida« im City-Center von Buenos Aires auch unverhohlen zu erkennen und sprechen alle, die so aussehen, als ob sie sich nur aus diesem einen bestimmten Grund in der Gegend aufhielten, darauf an: »¿Cambio?, ¿cambio?« (Wechseln? Wechseln?).

Die Fußgängerzone der Hauptstadt: Calle Florida

> Die Fußgängerzone: Calle Florida

> Ein Schuhputzer in der Calle Florida

> Arbeiten in der Florida: der Schuhputzer, ein südamerikanischer Beruf

Allerdings hatte ich auch gehört, dass es dort auf der Straße erstens oft nicht allzu wahrscheinlich ist, dass man den allerbesten inoffiziellen Kurs bekommt, und es zweitens natürlich so eine Sache ist, wenn man Leuten in eine Wechsel-»Höhle« (so der offizielle inoffizielle Name dieser Art Wechsel-Stube: »cueva«) folgt. Denn: Wenn jemand eh etwas Illegales am Laufen hat, was hindert ihn daran, weitere illegale Aktionen zu unternehmen, wie zum Beispiel dir das gerade getauschte Geld auf dem Rückweg wieder abzunehmen? Mit dem Vorteil, dass er sogar genau weiß, wie viel Bargeld du dabei hast und ob es sich entsprechend lohnt. Wen sollst du denn zu Hilfe rufen?

Frau Polizistin, dieser Señor hat mir gerade mein soeben unerlaubterweise getauschtes Geld wieder unerlaubterweise abgenommen!

Da aber das Ausgehen in Buenos Aires manchmal sogar teurer ist als in Berlin, hatten wir uns trotzdem entschieden, Bargeld mitzunehmen, um unser Reise-Budget etwas blau zu färben, will sagen, durch den Blue-Euro zu vergrößern.

Um auf Nummer Sicher zu gehen und uns nicht gleich am ersten Tag in die Wechsel-Höhle des Löwen begeben zu müssen, hatten wir eine, auch vom argentinischen Staat erlaubte Zwischen-Lösung gefunden: den Online-Geldtransfer »Azimo«. Auf diese Weise kann man an sich selbst Geld vom eigenen Konto überweisen, zu einem Kurs irgendwo zwischen »offiziell« und »blue«, und muss dann »nur noch« bei einem ausgewiesenen Büro (Info gibts auf der Website) unter Vorlage des Reisepasses und einer Referenznummer das argentinische Geld abholen.

»In Echt« war das dann aber etwas aufwendiger (weil bürokratischer) als gedacht. Ich hatte vergessen, dass die argentinische Bürokratie bisweilen der deutschen (also kafkaesken) nicht ganz unähnlich ist. Entsprechend reichte die in der Email angegebene Ausweisung mit Pass und Referenznummer dann doch nicht aus, sondern ich musste außerdem ein zweiseitiges Formular ausfüllen, schriftlich versichern, dass das auszuzahlende Geld von einem »Sparkonto« stammt und obendrein eine Kopie des Reisepasses, inklusive Einreisestempel mit Visum abgegen. Plus einer halben Stunde Wartezeit.

Für das Nötigste (die ersten Tage) war nun gesorgt. Da wir jedoch noch Bus-Tickets für die Weiterreise kaufen wollten, benötigten wir so bald wie möglich mehr argentinische Pesos, denn per Online-Buchung hätte man die Fahrkarten ja wieder nur zum offiziellen Kurs bekommen. Zum Glück hatte mir mein Internet-Bekannter CW vorher versichert, dass, wenn wir beim Geld-Tauschen Hilfe brauchten, er uns aus der blauen Patsche helfen könne. Er kenne da vielleicht jemanden, der vielleicht auch jemanden kennt, und diese Person kenne dann wiederum … Argentinien halt.

Facebook-Nachricht an CW.: »Hast du morgen (Samstag) Zeit, mich beim Geldwechseln zu begleiten?«

Antwort von CW: »Tut mir Leid, aber morgen geht leider nicht. Und Sonntag haben die Cuevas ja zu. Also Montag.«

WAS?! Die illegalen Geld-Höhlen haben sonntags geschlossen? Das kann ja wohl nicht …

Facebook-Nachricht an CW: »Wie viel Uhr denn? Geht bei Dir vormittags? Wir müssen ja noch die Bus-Tickets kaufen. Je früher also, desto besser.«

Antwort von CW: »Ich muss erst über einen Freund die Nummer von Mauro besorgen und den dann fragen, wann die aufmachen. Vormittag ist grundsätzlich ok.«

Kurz darauf, noch mal CW: »Ok, um 11 in der Calle Soundso, Hausnummer 1000irgendwas! Wir treffen uns vor dem Haus auf der Straße, ok? Du wirst mich leicht erkennen, ich bin der, der am argentinischsten von allen aussieht!«

Facebook-Nachricht an CW: »Super! Dann bis Montag!«

Erinnert ihr euch an das Gespräch vom Anfang dieses Artikels? Ich kannte CW wirklich nur aus dem Internet. Aber wir hatten schließlich auch mehrere gemeinsame Themen: das argentinische Exil (er jetzt, ich vor 17 Jahren), das Bloggen, den Journalismus. Und ich hatte ihn vorher um seine Einschätzung gebeten, was die Kriminalität und aktuelle soziale und politische Situation in Argentinien angeht, woraufhin er mir ausführlich geantwortet hatte. Kurzum: CW erschien mir überaus sympathisch und vertrauenswürdig. Was sollte also passieren?

Am Montagmorgen packe ich unser gesamtes Euro-Bargeld für zwei Wochen in das »geheime« Reißverschluss-Fach meines Ledergürtels und nehme den Linien-Bus Nummer 24 von Paternal in den Nachbarbezirk nach Caballito. Ich steige kurz hinter der Statue des »Cid Campeador« aus, laufe die Hauptstraße weiter und biege in die von CW benannte Seitenstraße ein. Ich bin wider Erwarten pünktlich und warte besser nicht direkt vor der richtigen Hausnummer, sondern zwei Häuser weiter.

Nur fünf Minuten später (also eigentlich noch hora alemana, deutsche Pünktlichkeit) spricht mich ein bärtiger Brillenträger aus einem Auto heraus an: »Dirk? Ich such nur kurz ‘nen Platz zum Parken, ok?« Den findet CW auch gleich gegenüber und erklärt mir, nach unserer ersten Begrüßung, wie das Ganze abzulaufen hat.

Wir klingeln, und sobald jemand über die Gegensprechanlage fragt, was wir wollen, sagen wir, dass Mauro uns erwartet. Bloß nicht sagen, warum wir eigentlich hier sind, ok?

Gesagt getan. Als daraufhin der Summer ertönt und uns die Tür öffnet, will ich sofort durchmarschieren. Aber CW hält mich erschrocken zurück: »Nein, Boludo1. Wir warten erst, bis jemand kommt, und dann klären wir, ob wir beide hoch dürfen oder du alleine gehst, ok?« Als aber nach fünf Minuten immer noch niemand gekommen ist, trauen wir uns schließlich doch, bis in den zweiten Stock zu gehen und an die Tür zu klopfen. Schließlich öffnet uns ein schnurrbärtiger älterer Herr, den zwar auch CW nicht kennt, der uns aber in einer Art Wartezimmer eintreten lässt, in dem schon andere Leute sitzen. Wir nehmen ebenfalls Platz, und CW erklärt mir die weiteren Schritte.

Alsbald kommt der Schnurrbärtige zurück und fragt mich nach Währung und Betrag, die ich tauschen will, teilt uns den Tageskurs mit, wartet auf unser Einverständnis und verschwindet wieder. Ein paar Minuten später taucht er wieder auf und drückt mir so etwas wie einen Kassenbon in die Hand, auf dem der Wechselkurs und die zu erwartende Summe in Pesos Argentinos stehen.

Etwas später geht die Tür zu einem anderen Büro auf, aus dem heraus mich jemand hereinwinkt. Dies stellt sich jedoch als Missverständnis heraus, und ich werde überaus unwirsch wieder in den Wartebereich dirigiert. Etwas erschrocken falle ich zurück auf meinen Stuhl.

Endlich taucht Señor Bigote2 abermals auf, und ich folge ihm in ein Zimmer, in dem er mir gegenüber hinter einem großen Tisch Platz nimmt. Vor ihm ein Packen argentinischer Geldscheine und ein Geld-Zähl-Automat. Ich schnalle etwas umständlich meinen Gürtel ab, um die Euro-Scheine aus dem Geheimfach zu befreien. Er zählt nach, bestätigt mir per Kopfnicken sein OK und legt das argentinische Equivalent in die Zähl-Maschine. Auf Knopfdruck raschelt das Geld hindurch, aber die im Display angezeigte Zahl entspricht nicht unser beider Erwartung. Sein Versuch, die Einstellung zu ändern, bringt keine Veränderung! Schließlich ruft er einen Kippa-tragenden Kollegen, mit mehr Ahnung, der es schafft, von Dollar auf Pesos umzustellen. Jetzt ist das Ergebnis ok.

Bigote nimmt das argentinische Geld aus dem Automaten und hält es mir hin. Ich gucke wohl etwas verzweifelt auf meinen Gürtel. Der größte existierende Peso-Schein ist die 100er-Note, was nur etwa zehn Euro entspricht, und das Bündel ist entsprechend voluminös. »Das kannst du gleich vergessen!«, lacht der Schnauzbart und gibt mir stattdessen das Gummiband, das schon am Anfang unseres Unterfangens die Scheine zusammengehalten hatte. Mit einem resignativen Seufzen stecke ich den Klumpen Guita (Slang für »Geld«) in die Tasche und habe ein etwas ungutes Gefühl bei der Vorstellung, im öffentlichen Bus und später zu Fuß durch die Seitenstraßen nach Hause zu müssen. Das Geld nachzuzählen traue ich mich natürlich auch nicht! Stattdessen bedanke und verabschiede ich mich und verlasse das Büro.

Als CW mich sieht, springt er sofort auf, und zusammen begeben wir uns Richtung Treppenhaus. Leider hat Bigote jedoch vergessen, den Tür-Öffner für die Haustür zu betätigen, so dass CW ein paar Fitnessübungen vor der Überwachungskamera machen muss (»Bloß nicht klopfen! Das gibt nur Stress!«), bis sich schließlich jemand erbarmt und uns in die Mittagssonne entlässt. Was für ein Abenteuer!

Ab nach Hause Foto: Dirk Rüger

> Ab nach Hause Foto: Dirk Rüger

Zum Glück bleibt mir die Heimfahrt mit den Öffis erspart, da CW mich netterweise zurück in den Stadtteil Paternal chauffiert. Als ich ihn aus Dankbarkeit in die Wohnung meiner Freundin EA hereinbitte, begrüßt uns diese zunächst wenig begeistert: »Woher kanntest du den Typen noch mal? Ist’n Freund von dir, oder?«

»Ja, genau! Aus dem Internet!«

PS: Meine anschließende Kontrolle des umgetauschten Betrages ergab übrigens eine 100%ige Übereinstimmung mit der auf dem Kassenbon von Señor Schnauzbart vermerkten Anzahl Pesos Argentinos.

  1. argentinisch für Depp oder Schwachkopf, eine liebgemeinte Anrede unter Freunden []
  2. Schnauzbart []

Aus dem Leben eines Chauffeurs

von CHRISTOPH WESEMANN

Die Frau ist wieder verdienstreist, also passiert heute etwas, weil ja immer etwas passiert, wenn die Frau verdienstreist ist. Sicherheitshalber und ausnahmsweise schaue ich mal ins Mitteilungsheft der Dreidreivierteljährigen. Sag ich doch: 9 Uhr, Elternversammlung im Kindergarten. Alles gut. ¡Tranquilo!1 Ja, der Tag wird hart, das schon, viele Fahrten quer durch die Stadt, ich rechne mit 40 Kilometern. Aber ich werde schweben, ich kann gar nicht anders, schließlich hat Argentinien am Abend das Halbfinale der Copa América mit 6:1 gegen Paraguay gewonnen. Außerdem verpasst die Frau ja oft auch dolle Dinger. Vor einer Woche zum Beispiel hat unser Sohn, wie das Brauch ist für Viertklässler hier zu Lande, in seiner Schule geschworen, »die argentinische Fahne zu achten, verteidigen und zu lieben«. Ich hatte Tränen in den Augen.

Die Südamerikameisterschaft ist gleich das Gesprächsthema all der Väter auf diesen winzigen Stühlen. Am Sonnabend kommt es zum Endspiel gegen Chile. Argentinier mögen Chilenen nicht, und Chilenen mögen Argentinier nicht. Diese zwei Nachbarn haben sich zu oft gestritten im 20. Jahrhundert, 1978 standen sie wegen irgendwelcher Inseln sogar kurz vor einem Krieg. Nun ja, ein Ausländer hält sich, wenn er klug ist, aus diesem quilombo2 komplett heraus. Unser aber sagt zweimal »Hurensöhne« und einmal »verdammte Scheißhurensöhne« – zum Glück klingt ja derlei auf Spanisch viel harmloser.

Der Blick der Erzieherin sieht das anders.

10.15 Uhr. Wieder zu Hause. Mate trinken. Zeitung lesen. Noch einmal die Tore vom 6:1 gucken. Und noch mal. Danach noch dreimal.

12 Uhr. Mittwochs endet der Unterricht nicht um 16 Uhr, sondern schon vier Stunden früher, und ich habe zugesagt, nicht nur meine Sechsjährige zur Geburtstagsfeier einer Mitschülerin zu fahren, sondern auch noch drei Freunde aus ihrer Klasse mitzunehmen. Ich stelle jetzt fest: Das war leichtsinnig. Aber es gibt kein Zurück mehr, zumal ich gestern vor den hübschen Müttern der drei Schreihälse auf Superheld gemacht habe: Ach was, gar kein Problem, das schaff ich locker.

Was Lautstärke und Selbstbewusstsein betrifft, entspricht ein argentinisches Kind übrigens zwölf bis 15 deutschen Kindern.

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12.30 Uhr. Rrrrrrrrrrrrrraus mit euch!

Zurück zur Schule. Fünf Kilometer. Das müsste in einer halben Stunde zu schaffen sein – wenn ich zügig fahre.

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Auto 2

13 Uhr. Das Fußballtraining des Neunjährigen ist gerade zu Ende gegangen, ich plaudere noch kurz mit Tomás, seinem Trainer. Wir sind uns nicht immer einig. Zum Beispiel sehe ich meinen Sohn eher zentral, in der Rolle des Spielgestalters, ausgestattet mit allen Freiheiten; sein Trainer findet, er sei für die Mannschaft als Beinesteller in der Abwehr wertvoller. Was allerdings die Chilenen angeht, sind wir hundertprozentig einer Meinung. Tomás urteilt nur nicht so sanft wie ich.

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Hör mal, mein Sohn, wenn wir zu Hause sind, könnten wir vielleicht noch mal die Tore von gestern gucken. Was meinste? Und dann muss ich schon wieder los, um deine Schwester vom Kindergeburtstag abzu … warte mal, da winkt einer. Das ist doch der Dings, äh, der, wie?, ja, genau der, jetzt erkenn ich ihn auch: Ignacio, der chino. Der war heute in deiner Mannschaft, ne? Och, reg dich nicht gleich wieder auf, ich weiß, dass seine Eltern Taiwaner sind, nein, sie sind keine Taiwaner, sondern Argentinier, sie kommen nur aus Taiwan, Du hast Recht. Aber in Argentinien sind alle Asiaten Chinesen, weißt du doch.

Radio aus. Warnblinker an. Scheibe runter. Hola, ¿cómo andan? ¿Todo bien? Me alegro.3 Die beiden wollen bestimmt ein Stück mitgenommen werden. Oder? Nein, ja, vielleicht, im Prinzip schon, aber die Sache ist … Leute, ich stehe mitten auf der Straße, und das fühlt sich sehr chilenisch an. Der Typ im Rückspiegel ist schon rot angelaufen und steigt in spätestens 20 Sekunden aus. Immerhin wird er dann seine Hupe loslassen müssen. Was denn nun? Klartext, por favor. Und du pelotudo4 da, hör auf, mich zu beschimpfen, la puta que te parió5.

Bueno, die Mutter hat einen Arzttermin. Ignacio kann also gern mit zu uns kommen, für ein paar Stunden. Aber wenn es heute nicht passt, dann ein andermal, ich muss es nur sagen. Ach was, gar kein Problem. Ignacio sitzt ja ohnehin schon angeschnallt auf der Rückbank. Ich bin übrigens allein mit meinen drei Kindern!

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15 Uhr. Die Route bislang: Wohnung → Kindergarten → Wohnung → Schule → Kindergeburtstag → Schule → Wohnung → Kindergeburtstag. Die harten Etappen sind damit überstanden. Jetzt rollen wir langsam aus: → Wohnung → Kindergarten → Wohnung. Zwischendurch wird hoffentlich der Chinese abgeholt, und wenn alle baden, bereite ich das Abendessen zu. Serviert wird die Spezialität des Hauses: Chicken Nuggets an Ketchup und Mayonnaise.

Hoppla, Facundo will mitfahren, er wird bei uns übernachten. Nein, das glaube ich nicht. Die Sechsjährige schwört aber, dass sie mir das gesagt habe. Wirklichwirklichwirklich.

Wann?

Vorhin.

Geht’s genauer, corazón6?

Im Auto.

Ach so, als die zwei Schulklassen aus Wuppertal auf meiner Rückbank saßen.

Wuppertal? Kennt sie nicht.

Ich meine: Als ihr so herrlich schräg gesungen habt, da irgendwann hast du‘s mir gesagt, ja?

Ja. Wirklich, Papi.

Mein Schatz, das war ein sehr günstiger Augenblick, um Papa eine solch wichtige Nachricht zu überbringen. Sind wir startklar? Auf geht’s! Nächster Halt: Wohnung.

Später am Abend, es ist schon tiefe Nacht in Buenos Aires: Vier Kinder sind eingeschlafen, man hört zwei von ihnen schnarchen. Ein gebückter Mann, schwer atmend, tritt vor den großen Spiegel im Bad, er macht sich unmerklich gerade und beginnt zu lächeln. So verharrt er minutenlang. Es sieht aus, als bewundere er sich selbst, aber nein, das bilden wir uns sicher nur ein.

  1. Ruhig! []
  2. Slang für Chaos, Durcheinander []
  3. typische Begrüßung in Argentinien: Hallo, wie geht’s euch? Alles gut? Freut mich. []
  4. Blödmann []
  5. argentinischer Fluch, wörtlich übersetzt: Die Hure, die dich geboren hat []
  6. Herz, beliebte Anrede für Kinder und andere geliebte Menschen []

Jenseits von Belgrano, im Wilden Rheingau – ausgerechnet am Feiertag

von MARC KOCH (Gastbeitrag)

 

Der Autor hat als Lateinamerikakorrespondent der Deutschen Welle in Buenos Aires gelebt und ist festes Ensemblemitglied des Argentinischen Theaters Tagebuchs.

 

♦♦♦♦♦

 

Wissen Sie, ich hatte eine Schreibstube in Buenos Aires, am Fuß des Belgrano-Hügels.

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Die Äquatorlinie zog sich 2460 Meilen weiter nördlich durchs Tiefland, doch meine Stube lag 19 Stockwerke über dem Fluss. Der Himmel war unfasslich blau, die Züge unfasslich kaputt, doch wir hatten unser Auskommen und die wöchentliche Mordrate war erträglich.

 

»Geh’ für das Argentinische Tagebuch nach Deutschland, als Korrespondent«, hieß es irgendwann. »Da kannst Du was erleben, und vielleicht zahlen wir auch was«, hieß es. Das hatte den Ausschlag gegeben. Heute weiß ich, dass sie mich loswerden wollten. Zu erfolgreich geworden, verstehen Sie? Bei den Lesern. Und bei den möglichen Praktikantinnen. Und im Fußball, natürlich.

 

Jetzt soll ich also aus diesem Deutschland berichten.

 

Na gut.

 

Wir gingen nach Osten, zu den Westgoten.

 

Die Westgoten: leben in Regen & Dunkelheit. In Deutschland regnet es praktisch immer. Die Meteorologen behaupten zwar etwas anderes, aber die haben nur Schiss um ihre gutbezahlten Jobs im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das Wetter ist fast so schwer auszuhalten wie die Tatsache, dass es in diesem Land kein gutesrichtiges Fleisch gibt. Hier haben sie Hühnchen (pollo), Schwein (cerdo) und Tofu (tofu). Und Bio-Rind, das schmeckt, wie eingeschlafene Fußsohlen (pies durmidos). Weil es in einem aus veganem Magerjoghurt destilliertemhandgewalktem Bratfettmittel angewärmt wird.

 

Viele Korrespondenten aus zivilisierten Ländern leiden deswegen unter Mangelerscheinungen und Fehlernährung. Wenn der Herausgeber CW erfährt, dass ich der hiesigen argentinischen Sektion der anonymen Vegetarier beigetreten bin, kürzt er mir die Auslandszulage. Aber irgendwas müssen wir ja essen. Vegetariertum wird in Deutschland übrigens nicht von der Krankenkasse bezahlt. Es gilt sogar als Eintrittskarte in Politik, Gesellschaft und Höhere Kreise.

 

Aba ick schweife ab.

 

An Feiertagen, die hier übrigens immer ›Sonntage‹ genannt werden, auch, wenn sie auf einen anderen Wochentag fallen, was wiederum daran liegt, dass die Deutschen für ihr Geld arbeiten müssen und kaum Feiertage haben – an solchen Feiertagen also: geht der Deutsche gerne in die Natur.

 

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Er nennt das »wild romantisch«. Ich verlange für sowas Schlamm-Zulage (die der Geizhals CW natürlich nicht zahlt).

 

Der Deutsche ist so gerne in der Natur, weil Goethe (JWv, 1749-1832, Nationaldichter, völlig überschätzt, höchstens ein Drittel der Sachen taugt was – um Ihnen den Link auf die Wikipedia zu ersparen, haha!) gesagt hat: »Die Natur versteht keinen Spaß, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge, sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen.« Wenn det Cristina wüsste, wa!?

 

Mein Fehler also, wenn ich nasse Schuhe habe, Ende (!) Mai (!) einen Schnupfen bekomme und die Aufstiegsfeiern von Darmstadt 98 verpasse. Danke für nichts, Goethe!

 

Der Deutsche hingegen hört auf seinen FührerNationaldichter und frönt der Natur, die er auch gerne »Mutter«  nennt, aber das ist ein anderes Thema. Zum Beispiel als kontemplierende Künstlerin

 

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als grimmiger Single mit klarer Perspektive

 

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oder als energisches Paar mit Karriereambitionen

 

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Um es mit dem Dichterwort zu sagen: »Wie es Euch gefällt« (GoetheMadonnaGrönemeyerShakespeare).

 

Doch am Ende des Tages hat auch der Park ein Ende: »Hier riecht’s nach Pferd, hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!« (GoetheWaalkesMK): Im Schatten des Schlosses. In B. bei W.! Das ist ja wie zuhause, joder!! Bár!ba!ro!! Wie, wenn man an der Plaza Italia aussteigt und unter strahlendem Himmel auf das ehrwürdige Portal zuschreitet, um mit der von den üblichen Verdächtigen organisierten Ehren-Eintrittskarte die halbe Familie für umsonst an den wartenden Besuchern vorbei…

 

Aba ick fange zum Heulen an!

 

So ne Art Rural, jedenfalls. Nur halt für das Landleben nahe des Polarkreises. Also ohne Kühe. Dafür mit Handschuhen, Decken und was der Verteidiger der Nordwand sonst noch braucht

 

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Pfingst-Reitturnier in B. bei W. am R.: Champagner. Chapeau. Schale Erdbeeren mit Sahne € 5,20 (= AR$ 52, wenn Sie nicht schwarzgeschickt tauschen). Und es gewinnt? Damas & Caballeros? Im herbstlichen Mai? Mitten in Deutschland? Kein Gaucho. Sondern: ein Mexikaner. Singende caballeros auf’m bombigen Beat!

 

 

In der TexMex-Kneipe um die Ecke meckert der Besitzer (ein Italiener!), dass der Mexikaner für einen katarischen Stall reitet. Aber nicht von Blatter bezahlt wird.

 

Endlich vertraute Töne. Wir essen. Es ist warm. Spesen gehen auf den Herausgeber. Haha!

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Alle Texte aller Gastautoren des Argentinischen Tagebuchs

Robinson Wese, ein Katzenfresser und eine Fähre, die nicht kommt: Unterwegs im Nordosten Argentiniens und in Paraguay (3)

von CHRISTOPH WESEMANN

 

Letzter Tag: Formosa (Argentinien) − Alberdi (Paraguay)

♦♦♦♦♦

Wir Menschen sind so. Wir wollen seit Urzeiten erfahren, was da am Horizont schimmert, wie es hinter dem Berg aussieht, der uns den Blick verstellt, und wer am anderen Ufer lebt. Schon unsere Vorfahren segelten drauflos, ins Unbekannte und Ungewisse, wieder und wieder. Jahrhunderte später umkreisten wir die Erde und landeten in einem Filmstudio auf dem Mond. Ohne unseren Pioniergeist würden wir vielleicht noch immer in Höhlen und Hütten hausen.

Apropos Hütten: Vor mir liegt der Straßenmarkt von Alberdi, und ich breche meine Expedition jetzt ab. Aber ich komme ja gerade vom Schiff, ich habe es schon auf die andere Seite des Río Paraguay geschafft. Den nächsten Schritt sollen andere tun.

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> Auf dem Río Paraguay, kurz vor der paraguayischen Grenzstation

Auf dem Weg zum Straßenmarkt in Alberdi

> Auf dem Weg zum Straßenmarkt in Alberdi

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Es ist bestimmt zwei Jahre her. Mein Freund Pablo war mit einem Pfarrer verabredet, der in der Villa 31, einem berühmten und noch berüchtigteren Elendsviertel von Buenos Aires, als Seelsorger arbeitet. Als wir davor standen, rief Pablo den Geistlichen an und bat um Begleitschutz. Man soll nie allein solche Orte betreten – hinein kommt man natürlich immer problemlos. Ein paar Minuten später holte uns ein junger Mann ab, er trug ein Trikot des Fußballklubs Newell’s Old Boys aus Rosario, mit leichtem Abstand folgte ihm ein etwa Gleichaltriger, auch er sportlich gekleidet, aber nicht elegant. Pablo würde sie später so charakterisieren:

Es gibt Typen, denen du nachts niemals, unter keinen Umständen über den Weg laufen willst. Für diese Jungs galt das auch am Tag.

Nun ist es guter Brauch in Argentinien, Fans und Spieler aus Rosario als »Katzenfresser« (come gatos) zu beschimpfen. Einer Legende nach sollen die Rosarinos nämlich auf diese Weise während der großen Krise von 2001 ihren Hunger gestillt haben.

»Cheeeee1 Katzenfresser, hast du heute schon eine Mieze verspeist?«, brüllte ich zur Begrüßung. Ich wollte beweisen, was ich als Ausländer über Argentinien schon alles weiß. Was ich nicht wusste, war, dass der Newell’s-Fan und sein Begleiter nach jahrelangem Drogenkonsum gerade erst einen Entzug begonnen hatten. Pablo war sicher, unser vermeintlicher Beschützer werde ausrasten und uns aus Rache den schlimmsten Kriminellen der ganzen Villa zum Fraß vorwerfen. Er tat es nicht, aber Pablo erzählt diese Geschichte seitdem allen Leuten, die mich noch nicht für einen boludo2 halten.

Ich fahre dann mal zurück nach Formosa.

Ähm, nichts da. Ich müsse mindestens eine weitere Stunde warten, sagt der paraguayische Grenzbeamte, ich sei ja noch gar nicht in seinem System registriert. Welches System denn, Du Angeber? In Formosa hatte ich umgerechnet zwei Euro für die Fähre nach Alberdi bezahlt. Ich bekam eine eingeschweißte Visitenkarte der Fährgesellschaft, die sich später als Fahrschein erwies. Dann ließ sich ein Opa meinen Reisepass reichen und tippte auf einer mindestens 50 Jahre alten Schreibmaschine meine Daten auf die Passagierliste. Genau so ein verrostetes Ding steht jetzt hier noch mal.

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»Guck dir den Markt an.«

»Habe ich schon.«

»Du bist gerade erst angekommen.«

»Es sieht nach Regen aus.«

»In Formosa regnet‘s schon. Es kommen erst mal keine Fähren mehr.«

Das ist nicht gut. Ich muss heute zurück nach Buenos Aires und in weniger als drei Stunden zum Flughafen. Aber ein bisschen Zeit ist ja noch.

»Könnte knapp werden«, sagt der Grenzbeamte.

Eine halbe Minute später fängt es an zu schütten. Ich gehe erst mal pinkeln. Die Toilette befindet sich draußen und ist ein bisschen schwer zu finden, aber eine Frau, die neben dem Schalter des Grenzbeamten einen Stand mit Leggins betreibt und auch Sandwiches verkauft, weist mir den Weg. Geh mir weg mit deinen ekelhaften Sandwiches, señora!

Andere Toilette in Alberdi

> Andere Toilette in Alberdi

Es blitzt und donnert.

Wo, zum Teufel, bin ich hier bloß? Die Holztür des Klos steht offen, weil irgendjemand mit einem Schnürsenkel die Klinke an der gegenüberliegenden Wand angebunden hat. Das muss ein nagelneuer, jedenfalls noch nicht entschlüsselter Seemannknoten sein, ich zuppele und zuppele. Hilfe, Hilfe, wenn nicht schnell was passiert, bin ich nicht mehr nur obenherum durchnässt.

Vielleicht sollte ich öfter mit dem Smartphone in der Hand aufs Pinkelndürfen warten müssen. Was man da alles lernt! Alberdi hat laut Wikipedia 7588 Einwohner und ist damit die zweitgrößte Stadt des Verwaltungsbezirks Ñeembucú. Benannt wurde sie nach einem großen Argentinier, dem Anwalt, Juristen, Ökonom, Politiker, Diplomaten, Staatsmann, Schriftsteller und Musiker Juan Bautista Alberdi (1810-1884). Damals gab es offenbar noch Alleskönner. Alberdi gehörte mit anderen argentinischen Intellektuellen wie Justo José de Urquiza, Domingo Faustino Sarmiento und Bartolomé Mitre zur »Generation von 1837«, die für die Demokratie kämpfte. Er ist der Vater der noch heute gültigen Verfassung von 1853. Anders als Mitre, Urquiza und Sarmiento aber wurde Alberdi nie Präsident Argentiniens. Im Tripel-Allianz-Krieg stand er auf der Seite Paraguays, ach, deshalb die Ehre. Der Tripel-Allianz-Krieg war der von 1864 bis 1870 dauernde Kampf …

Ah, eine Frau kommt, offenbar die Eigentümerin der Toilette. Sekundenschnell löst sie den Knoten, und ich verhandele gar nicht erst, sondern zahle direkt fünf Pesos, umgerechnet 50 Cent.

Keine Fähre wird kommen.

> Keine Fähre wird kommen.

Mittlerweile ist der Strom ausgefallen. Clever, wie ich bin, setze ich mich unauffällig in die Nähe des Legginsstands, wahrscheinlich bricht schon bald der große Ansturm auf die Sandwiches los. Ich will Käse-Schinken! Außerdem besitzt die Frau eine Taschenlampe, das kann heute noch kriegsentscheidend sein.

Einer der Gestrandeten erzählt, drüben in Formosa klare der Himmel angeblich schon wieder leicht auf. Wenn ich das hier überlebe, schreibe ich einen Abenteuerroman. Freitag ist heute auch, das passt ja.

Soll ich schon resümieren? Doch, es hat sich gelohnt, hierher zu reisen. Ich liebe Buenos Aires, ich werde Buenos Aires immer lieben. Aber dort lebend, vergisst man leicht, dass die Stadt nur ein winziger Teil dieses Riesenlandes ist und wahrscheinlich der am wenigsten südamerikanische.

Die Tangosängerin und -komponistin Eladia Blázquez (1931-2005) hat ihre Liebe zu diesem Land und seinen Leuten einst so erklärt:

Wie könnte ich leben, ohne dich zu sehen,
da ich doch weiß: ich gehöre hierher,
wo das Gefühl stets mehr zählt als der Verstand.
Denn Argentinien hat verrückte Schwalben im Herzen,
dort malt sich die Hoffnung immer wieder neue Farben aus
und werden die Menschen nicht müde zu träumen und zu lieben.

Zitat aus dem Reiseführer von Jürgen Vogt: »Argentinien mit Patagonien und Feuerland«

Der Porteño schaut gern mitleidig oder gar abschätzig aufs interior, das Hinterland, und sieht dort alles, was er nicht braucht: schlechten Fußball, unbefestigte Straßen, schmuddelige Restaurants, Hinterwäldlertum auf zwei Beinen, ein kollektives Schlurfen durch den Alltag.3 Langsamer geht es im Nordosten in jedem Fall zu, ich fühle mich regelrecht entschleunigt nach vier Tagen. Nur: Notorisch unpünktlich sind im Prinzip alle Argentinier − die in Buenos Aires allerdings hetzen sich beim Zuspätkommen auch noch ab.

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> Ankunft in Alberdi: die Grenzstation auf dem Río Paraguay

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Die Fähre kommt! Es wird voll werden, aber gegen Nähe habe ich mittlerweile nichts mehr. Gestern Nachmittag, auf der Rückfahrt von Resistencia nach Formosa, schlief im Bus sogar ein kleines paraguayisches Mädchen, drei oder vier Jahre alt, an meiner Schulter. Seine Mutter lag weiter hinten, verteilt über beide Sitze.

Herrschaften, ist das ein Geschnatter an Bord. Holt doch mal Luft! Der Frauenanteil auf diesem Kahn liegt bei mindestens 90 Prozent – der Rest: Bettdecken in durchsichtigen Tragetaschen und ich. Ein Baby hat die Füße auf meinem Schoß gelegt, und jetzt packt seine Mama ihre Brust aus und beginnt zu stillen. Ich halte mal die drei Einkaufstüten so lange, ja? Ach was, kein Problem.

Kannste nicht erfinden.

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17.36 Uhr. Ich bin tatsächlich pünktlich am Flughafen − das Flugzeug leider nicht. Es steht noch in Buenos Aires. Liegt bestimmt am Unwetter. Zum Glück habe ich Mate dabei.

18.49 Uhr. Für zehn Sekunden Stromausfall im gesamten Flughafen; völlige Dunkelheit.

18.55 Uhr. Um neun soll das Flugzeug starten. Also, in Buenos Aires. Ich könnte natürlich für ein paar Stunden zurück ins Zentrum von Formosa. Aber dann kommt das Flugzeug doch früher an als erwartet. Murphys Gesetz und so. (Argentinien ist sein Lieblingsland.)

19 Uhr. Wie man hört, streiken ein paar Angestellte von Aerolineas Argentinas, um 40 Prozent mehr Lohn zu bekommen und nicht bloß die vereinbarten 25. Das kann eine lange Nacht werden.

19.13 Uhr. ‘Ne Durchsage! Seid doch mal leise! Ruhe dahinten! Der Flug ist gestrichen. Rudelbildung am Check-in-Schalter. Ich bin bereit, die Meute anzuführen. Holt eure Mistgabeln, Leute. Zapft Benzin ab, so viel ihr könnt. Macht kaputt, was euch kaputt macht. Anarchie ist machbar, Herr Nachbar.

19.25 Uhr. Wir sind zu müde für Randale, und morgen Früh um elf kommt ja ein großes Flugzeug. In das passen wir dann alle rein. Verspricht die arme Sau am Check-in-Schalter.

19.27 Uhr. Halt. Morgen ist ja Sonnabend. Da kommt vielleicht doch kein großes Flugzeug. Benzin! Und Mistgabeln! Und Mist! ¡Qué se vayan todos!4

19.35 Uhr. Ich hätte noch viel länger in Alberdi bleiben können.

 

Allerletzter Tag

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14.35 Uhr. Die Maschine landet mit zwei Stunden Verspätung in Buenos Aires. Wie sich Zivilisation anfühlt? Nun, der Taxifahrer rast mit neunzig durch die Straßen der Hauptstadt, sieben Minuten brauchen wir vom Flughafen bis zur Haustür.

Nie war ich schneller zu Hause.

  1. argentinisch für »hey« []
  2. Schwachkopf oder Depp []
  3. All das kennt der Porteño natürlich auch aus seiner eigenen Stadt. []
  4. »Alle sollen sie verschwinden!«; Schlachtruf der Proteste während der Krise 2001 gegen die Politiker []

Eine Schule für Diebe, der Polizist, der Deutschen vertraut, und ein überfahrener Hund: Unterwegs im Nordosten Argentiniens (2)

von CHRISTOPH WESEMANN

Dritter Tag: Resistencia, Hauptstadt der Provinz Chaco

♦♦♦♦♦

Müllsammler (cartoneros) in Resistencia

> Müllsammler (cartoneros) in Resistencia

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Um 6.37 Uhr stoppt der Bus. Licht an. Ein Polizist tritt ein. Er will einmal durchgehen, müsste dafür aber über eine Tasche steigen, die im Gang steht. Das tut er nicht.

»Deine?«

»Häh?«

Ich bin gewöhnlich weniger, zugegeben: nur ein bisschen weniger, begriffsstutzig. Aber gerade erst ist es mir halbwegs gelungen, die Frage zu beantworten, die ich mir vor einer halben Stunde gestellt hatte, nämlich, warum ich überhaupt in diesem Bus sitze.

»Gehört dir die Tasche, Chef?«

Es ist wohl wegen Jorge Capitanich. Ich hatte ja ziemlich große Pläne mit ihm. Ich wusste damals gleich, dass sein neuer Posten als Kabinettschef der gesundheitlich angeschlagenen Präsidentin Cristina Kirchner nicht das Ende seiner politischen Karriere sein würde. Das war ein Sprungbrett! Natürlich hatte er, das räumte ich auch ein, bislang nur Chaco regiert, eine der rückständigsten Provinzen des Landes, in der einer Studie zufolge 71 Prozent der Kinder und Jugendlichen arm sind. »Aber Capitanich ist kein Bürokrat wie sein Vorgänger, sondern ein Macher, und er hat Cristina öffentlich stets verteidigt«, schrieb ich. »Nun soll er mitführen und sie entlasten, weil klar ist, dass sie ihr altes Arbeitspensum vorerst nicht schaffen wird. Zum ersten Mal gibt sie Macht ab. Und der Mann, mit dem sie sie teilt, könnte 2015 als Präsident kandidieren, um die kirchneristische Politik fortzusetzen.«

Für mich klang das logisch. Das war am 21. November 2013. Später entdeckte ich, dass er sogar schon Wirtschaftsminister gewesen war. Drei Tage lang. Vom 21. bis 23. Dezember 2001.

Mittlerweile ist Capitanich, genannt Coqui, kein Kabinettschef mehr – und Präsidentschaftskandidat schon mal gar nicht. Er hat eine Weile die beste Witzfigur der argentinischen Politik abgegeben, sein allmorgendliches Gestammel, deklariert als Pressekonferenz, wurde legendär, einmal zerriss er vor den Kameras sogar Seiten der oppositionellen Zeitung Clarín, damit das »argentinische Volk« erfahre, von wem es belogen werde, wie er sagte.

15 Monate nach meinem Text verbannte ihn Cristina Kirchner zurück in seine Provinz. Er ist jetzt wieder, was er schon gewesen war, bevor er sich beurlauben ließ, um Kabinettschef zu werden: Gouverneur von Chaco. Aber seine Amtszeit endet, und weil er nicht wiedergewählt werden darf, will er wenigstens Bürgermeister der Hauptstadt Resistencia werden. Dorthin fahre ich gerade. Ich will mir Coquis Reich angucken.

Die Tasche, richtig. Ich zeige auf den Mann neben mir. Der schläft noch, wird aber vom Polizistenzeigefinger augenblicklich angetippt und aufgeweckt. Er scheint auch gerade an Capitanich gedacht zu haben.

»Häh?«

»Darf ich die Tasche öffnen?«, fragt der Polizist noch einmal.

Kontrollen an den Provinzgrenzen sind üblich in Argentinien, auch Autofahrer werden nach Belieben angehalten. Die Polizisten fragen nach dem Ziel der Reise, lassen sich Pässe, Führerscheine und Fahrzeugpapiere zeigen, öffnen auch mal den Kofferraum und wünschen dann eine gute Fahrt.

Gestern auf der Rückfahrt aus Asunción, kurz hinter der Grenze, hat eine Frau aussteigen und neben der Straße ihre drei Riesenkoffer ausleeren müssen. Dabei sah sie gar nicht aus wie eine Schmugglerin.

Für mich hatte sich der Polizist gar nicht interessiert.

»Ich habe ein paar Geschenke gekauft, sonst nichts«, hatte ich gesagt und ihm meinen Reisepass gereicht. Ich wollte den Rucksack öffnen, als er abwinkte. »Du bist Deutscher. Lass gut sein.«

In dieser Tasche nun ist offenbar nichts, das nicht sein darf. Der Polizist verschließt sie wieder, erkundet den Gang bis zum letzten Sitz, ruckelt noch einmal an der Gepäckablage und geht dann ab. Licht aus. Augen zu.

Zwischen meinem Quartier in Formosa und Resistencia liegen 160 Kilometer reines Nichts. Mehr als eine Million Menschen leben in der Provinz Chaco, aber sie ist auch fast so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Es gibt beim Blick aus dem Busfenster keine Ortschaften oder Dörfchen, hie und da immerhin steht eine Hütte schief am Wegesrand.

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Chaco wurde auch erst spät, am 8. August 1951, per Gesetz 14 037 zur Provinz erklärt – unter dem Präsidenten Juan Domingo Perón. Ein halbes Jahr darauf, wiederum per Gesetz, erhielt sie den Beinamen Provincia Presidente Perón.

Ich bin nun in 16 der 23 Provinzen gewesen. Das sind mehr, als jeder Argentinier besucht hat, den ich kenne. Die fahren aber auch immer nur an den Atlantik, ans mar Argentino, das argentinische Meer, oder nach Punta del Este, dem Schnöselbadeort in Uruguay. Mir fehlen noch: Catamarca, Feuerland, La Rioja, San Juan, Santa Cruz, Santiago del Estero und Tucumán.

Die Evita-Statue auf der Plaza 25 de Mayo

> Die Evita-Statue auf der Plaza 25 de Mayo

Über Santiago del Estero und Tucumán erzählt der Aufgeweckte neben mir einen erstklassigen Witz. Seine Oma war Paraguayerin, der Opa kam aus Polen nach Argentinien. Eine tolle Mischung, findet er. Wir unterhalten uns über das mitunter schwierige deutsch-polnische Verhältnis, über die Kriege und die Verbrechen, die Vorurteile vieler Deutscher, die Polenwitze der neunziger Jahre. Werbung des polnischen Fremdenverkehrsverbandes: »Kommen Sie im nächsten Urlaub nach Polen − Ihr Auto ist schon da.«

Hier mache man solche Witze über die Leute aus Tucumán, sagt er. Die Tucumanos hätten nämlich den Ruf, Diebe zu sein. In der Provinz habe es vor 100 Jahren sogar eine Schule gegeben, an der das Stehlen unterrichtet worden sei.

»Ist das der Witz?«

»Nein, die Schule gab es.«

»Nicht wahr!«

»Ich schwör’s dir.«

»Dann erzähl mir mal einen Tucumán-Witz.«

»Bueno. Du weißt sicher, dass Santiago del Estero eine sehr arme Provinz ist, ¿no?«

»Sí. Und in Tucumán essen sie Mandarinen wie die Irren − wenn Saison ist: jeder Tucumano 20 bis 30 pro Tag. Hat mir mein Sohn erzählt, und der war schon da.«

»Kann sein. Also: Treffen sich ein Tucumano und ein Santiagueño. Der Tucumano sagt: ,Ach ihr, ihr habt ja nicht mal Asphalt auf euren Straßen.‘ – ,Stimmt gar nicht‘, erwidert der Santiagueño. ‚Wir haben Asphalt, aber wir bedecken ihn mit Erde, damit ihr uns den nicht klauen könnt.‘«

Resistencia te quiere, heißt der Slogan der Hauptstadt, in die wir gerade einfahren. Sie hat dich also gern. Sagen wir’s so, man glaubt es ihr nicht auf Anhieb. Resistencia empfängt Gäste wie fast jede andere Stadt in Argentinien: ungewaschen und ungeschminkt, insgesamt labil. Man fährt zunächst durch eine Art Gewerbegebiet, viele Autowerkstätten, einige Autoreifenbuden, nicht ganz so viele Autowaschanlagen, dann noch mal alles zusammen unter einem, nun ja, Dach, mit angeschlossenem Imbissstand, bevölkert von Männern, die changas suchen, Gelegenheitsarbeit, und Frauen mit kleinen Karren voller Thermosflaschen, um Tee und Kaffee zu verkaufen.

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Die Provinz Chaco ist, wie der gesamte Norden und Nordosten Argentiniens,  eine Hochburg der Schwarzarbeit. Selbst das Statistikamt Indec, das auf Wunsch der Regierung unangenehme Zahlen gern aufhübscht oder ganz verschweigt, schätzt sie auf 43 Prozent im Großraum Resistencia (letztes Quartal 2014; landesweit: 34 Prozent). Allerdings hat die Region laut Indec mit 0,6 Prozent auch die geringste Arbeitslosenquote Argentiniens, es herrscht: »Vollbeschäftigung«.

Hunderte – viele Frauen mit Kindern – stehen an diesem Tag vor Ämtern und Banken, um sich ihre Zuschüsse abzuholen, und man selbst erstarrt augenblicklich vor diesen reglosen Schlangen. Schaut man ihnen lange genug zu, zucken sie kurz, dann geht es ein paar Schritte vorwärts. Stunden werden die Leute ganz hinten brauchen, bis sie dann drin. Eine voll beschäftigte Provinz.

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Sitz der Provinzregierung von Chaco in Resistencia

> Gouverneurssitz in Resistencia

Die Frau im Tourismusbüro empört sich professionell darüber, dass ich heute Resistencia gleich wieder verlassen werde. »Nur ein Tag? Das ist so schade.«

»Eigentlich bleibe ich nur drei, vier Stunden.«

»Aber bei uns gibt es doch sehr viel!«

Das weiß ich, señora. Die Plaza 25 de Mayo ist eine der größten Argentiniens, mehr als vier Hektar misst sie. Außerdem hat das Parlament Resistencia vor Jahren zur Capital Nacional de las Esculturas ernannt. Es stehen nämlich 606 Skulpturen in den Straßen und Parks der Stadt, und gefühlte 250 davon werden mir gerade nacheinander intensiv ans Herz gelegt.

Eigentlich wollte ich nur einen Stadtplan schnorren.

»Man kann sich für zwei Stunden ein Fahrrad ausleihen. Kostenlos.«

»Oh, das ist toll.«

»Wollen Sie?«

»Nein.«

»Aber unseren Fernando, den müssen Sie besuchen!«

Der Hund Fernando

> Der Hund Fernando

Herrje, den Köter hätte ich fast vergessen. Fernando streunte Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger um die Plaza und besuchte Bars und Konzerte, bis er ganz berühmt war. Angeblich inspirierte er die Bürger zu Tagträumen, und der Chef einer Bank soll ihn jeden Morgen zum Frühstück eingeladen haben. »In einer Stadt, die den Künsten verpflichtet ist, galt Fernando als eine (haarige) Künstlerexistenz«, schreibt der Reiseführer. Am 28. Mai 1963 wurde er allerdings von einem Auto angefahren und starb. Das städtische Orchester spielte einen Trauermarsch, und die Leute schlossen aus Respekt ihre Fensterläden. Fernandos Begräbnis soll das meistbesuchte in der Geschichte Resistencias gewesen sein. Zwei Skulpturen erinnern an ihn.

Es tut mir leid für Resistencia und die Frau, die alles unternimmt, um mich zu begeistern. Ich habe leichte Motivationsprobleme, ich fühle mich sehenswürdigkeitensatt: Drei Städte, zwei argentinische Provinzen, ja zwei südamerikanische Länder in drei Tagen, das ist zu viel. Heute bin ich um halb fünf aufgestanden, um zum Bahnhof zu fahren. Die Bustouren nerven mittlerweile auch. Gestern acht Stunden, heute mindestens sechs, ich lebe ja praktisch im Oberdeck von Nueva Godoy.

»Danke für die Hilfe und den Stadtplan. Ich gehe gleich zu Fernando.«

Ich laufe noch ein bisschen ziellos herum.

Trikotverkauf im Zentrum von Resistencia

> Trikotverkauf im Zentrum von Resistencia

> Skulptur zu Ehren der ersten italienischen Einwanderer

> Skulptur zu Ehren der ersten italienischen Einwanderer

Dritter Teil: Robinson Wese, ein Katzenfresser und eine Fähre, die nicht kommt − von Argentinien nach Paraguay und zurück

Faule Gnocchi, Frauenüberschuss und ein kleines Krokodil zum Abendessen: Unterwegs im Nordosten Argentiniens und in Asunción (1)

von CHRISTOPH WESEMANN

 

Erster Tag: Formosa

♦♦♦♦♦

Sollten Sie, lieber Leser, eines Tages mit mir, aus Gründen, über die ich an dieser Stelle nicht spekulieren will,1 gemeinsam in der Wüste landen − keine Sorge, die Oase würde ich wohl finden. Falls Sie aber zu den Pyramiden wollen, die gar nicht zu verfehlen sind, fragen Sie bitte jemanden mit Orientierungssinn.

Es ist mein erster Tag im argentinischen Nordosten, ich bin 1200 Kilometer entfernt von Buenos Aires und suche die goldene Perón-Statue. Seltsamerweise stehe ich im Augenblick allerdings vor der Coca-Cola-Fabrik.

Perón-Statue in Formosa

> Perón-Statue in Formosa

Das mexikanische Unternehmen Arca Continental, dem sie gehört, ist einer der wenigen echten Arbeitgeber in der Hauptstadt Formosa und der gleichnamigen Provinz. Die 400 Jobs im Abfüllwerk sind gut bezahlt und entsprechend begehrt. Denn eine nennenswerte Industrie gibt es nicht, und Formosas Tourismus ist auch noch keine Branche, nur Slogan: »El Imperio del Verde«, das Grüne Imperium.

Wichtiger als Coca-Cola ist nur der Staat.

95 Prozent des Provinzhaushalts bezahlt die Nationalregierung. Hilfe säen, Treue ernten, so haben es auch die Vorgänger der Präsidentin Cristina Kirchner gehalten. Deren linksperonistische Siegesfront (Frente para la Victoria) erreichte bei den Parlamentswahlen vor eineinhalb Jahren 60 Prozent in Formosa – fast doppelt so viel wie im Landesschnitt. Bei ihrer triumphalen Wiederwahl 2011 hatte Kirchner hier gar 78 Prozent geholt – landesweit kam sie auf 54.

Cristina Kirchner spricht in Buenos Aires und ist in Formosa zu sehen.

> Cristina Kirchner spricht in Buenos Aires und ist in Formosa zu sehen.

Vier Tage habe ich Zeit, um Formosa und Chaco zu bereisen, jenen Teil des argentinischen Nordostens, den ich noch nicht kenne. Misiones und Corrientes, die beiden anderen Provinzen des NEA, habe ich vor zweieinhalb Jahren mit dem Auto durchquert. Vier Tage, lächerlich. Formosa ist die fünftkleinste Provinz und trotzdem größer als der Freistaat Bayern – ein weites, weitgehend leeres Land mit nur 580 000 Einwohnern.

Der goldene Perón muss hier irgendwo sein. Ich sehe ihn noch nicht, fühle ihn aber. Jeder Argentinier ist ja laut Perón Peronist, einige wissen es nur nicht. »Wir Peronisten sind wie Katzen«, hat der General gesagt. »Wenn wir schreien, glaubt man, wir würden streiten. In Wahrheit pflanzen wir uns fort.« Unmöglich, dass ich den Kerl nicht finde; das glaubt mir doch kein Peronist.

In Buenos Aires haben viele Leute den Kopf geschüttelt. Was will man in Formosa? Dort gibt’s doch nichts. Nichts außer Schmugglern, die Waren aus Paraguay – vor allem Fernseher und Mobiltelefone – auf den argentinischen Markt bringen, weil der für derlei Produkte wegen der Importrestriktionen unverschämte Preise verlangt. Zigaretten? Natürlich. Andere Drogen? Ja, auch.

Biertransport über den Río Paraguay

> Biertransport über den Río Paraguay

Übrigens hat sich der Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen, den Formosa tatsächlich besitzt, zum Hotel sehr böse ausgelassen über die Porteños, die Hauptstädter. »Porteños wissen alles. Deshalb mögen wir sie auch nicht«, sagte er. »Wenn du dich in Buenos Aires nicht auskennst, bist du aufgeschmissen. Dann fährt dich der Taxifahrer zehnmal im Kreis. Fragst du jemanden nach dem Weg, zeigt der hier lang, obwohl du da lang musst. Aber immer weiß er alles, der Porteño.«

Keiner − keiner außer den Porteños, versteht sich − mag die Porteños, so ist das in Argentinien. Und je weiter man sich von ihnen entfernt, umso übler wird ihr Ruf. Hier in Formosa ist die argentinische Hauptstadt in vielerlei Hinsicht sehr weit weg. Die meisten Formoseños kennen sie vor allem aus den Nachrichten oder vom Hörensagen, und über solche Kanäle exportiert Buenos Aires reichlich Geschichten über Mord und Totschlag an jeder Straßenecke. Die Metropole ist ein Moloch, bevölkert von arroganten, egoistischen und kaltherzigen Kreaturen, die überdies mehr Europäer sein wollen als Latinos. In Formosa ist jeder zweite Mestize, also Nachfahre von Weißen und Indigenen. Man lebt viel ruhiger, sagen sie und meinen auch: Wir versuchen nicht, uns 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche gegenseitig übers Ohr zu hauen.

Grenzübergang am Río Paraguay von Formosa nach Alberdi

> Grenzübergang am Río Paraguay von Formosa nach Alberdi

Puerto Formosa 2

Auch geografisch liegt anderes näher als Buenos Aires: Paraguays Hauptstadt Asunción erreicht man mit dem Auto in zweieinhalb Stunden und mit dem Bus in vier. An Formosas Uferpromenade fahren halbstündlich Barkassen über den Río Paraguay nach Alberdi, dem Grenzort des Nachbarn. Dort kaufen Argentinier gerne ein, weil’s drüben billiger ist, und die Paraguayer schicken dafür ihre Kinder in Formosa zu Schule und lassen sich im Hospital de Alta Complejidad »Presidente Juan Domingo Perón« gesund machen (was nicht jedem Argentinier gefällt).

»Ufff, da hast du dich aber ganz schön verlaufen«, sagt der Mann an der Bushaltestelle. »Also, geh mal zehn Blocks geradeaus, nein elf, dann kommt eine große Kreuzung, und dort biegst du rechts ab, gehst zwei Blocks und danach …«

Immer geradeaus, dann sehen wir weiter.

»Warte, mein Chef kommt gerade«, ruft er hinterher. »Sollen wir dich an der Plaza absetzen?«

»Sicher?«

»He, du bist nicht in Deutschland. In Formosa haben wir Vertrauen zu den Leuten.«

Ich finde es ja schön, dass ihr mir vertraut, wirklich, das ehrt mich. Aber die Frage ist doch: Soll ich auch euch vertrauen?

Evita-Denkmal im Stadtzentrum von Formosa

> Evita-Denkmal im Stadtzentrum von Formosa

Sportplatz in Formosa in der Nähe der Uferpromenade

> Sportplatz in Formosa in der Nähe der Uferpromenade

Formosa ist, je nach Statistik, die ärmste, die zweitärmste oder die drittärmste aller 23 argentinischen Provinzen. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist das zweitniedrigste nach dem des Nachbarn Chaco und liegt mit 2879 Dollar weit unter dem Schnitt (8269; Deutschland: 40 000). Studien zufolge sind mindestens sechs von zehn Formoseños beim Staat angestellt, was selbst in diesem Land, dessen Bürgermeister, Gouverneure, Minister und Präsidenten immer auch Jobvermittler sind, ein überragender Wert ist.

Freilich, nicht alle Staatsangestellte arbeiten auch für den Staat. Argentinien ist ja voller ñoquis (Gnocchi), Leuten, die zwar offiziell beschäftigt werden, in irgendeiner Behörde oder im Rathaus, aber nur am Monatsende zur Arbeit kommen, wenn der Lohn verteilt wird. Der Spitzname leitet sich ab von den Ñoquis del 29, einem alten argentinischen Brauch, wonach die Familie am 29. des Monats Gnocchi isst, weil das Geld in der Haushaltskasse nicht mehr für eine bessere Mahlzeit reicht.

»Danke fürs Mitnehmen, muchachos

Der Straßenmarkt der Paraguayer (Formosa)

> Der Straßenmarkt der Paraguayer

Ich gehe jetzt ein bisschen spazieren, kaufe den Paraguayern auf dem Markt ein paar CDs mit argentinischer Rockmusik ab und lege mich dann früh schlafen. Morgen muss ich fit sein.

Die neue Uferpromenade von Formosa

> Die neue Uferpromenade von Formosa

Zweiter Tag: Asunción

♦♦♦♦♦

Hätte ich doch weniger Bier getrunken. Oder wenigstens schneller. Nicht bis Mitternacht. Aber Emilio hatte mich überredet, mit Blick auf den Río Paraguay zwei Delikatessen der regionalen Küche zu kosten: als Vorspeise trozos de yacaré rebozados en harina y huevo, den Brillenkaiman aus der Familie der Alligatoren, paniert mit Mehl und Ei; und als Hauptgang Surubí al paquete, den in Folie eingewickelten Pseudoplatystoma aus der Familie der Antennenwelse. Mein erster Abend in Formosa: viel Bier, ein knuspriges kleines Krokodil und ein gut geölter Süßwasserfisch.

Surubí al paquete

> Surubí al paquete

Jetzt, um 3.45 Uhr, klingelt mein Wecker. Ich habe nicht mal Kaffee da, und die Hotelküche ist noch geschlossen, also trinke ich zwei Tassen Cola. Die Dusche gibt kein warmes Wasser. Vielleicht bin ich auch zu blöd, die drei Knäufe zu bedienen, bei mir kommt jedenfalls nur kaltes oder gar kein Wasser. Um halb fünf stehe ich vor dem Hotel. Emilio hat einen Bekannten, der nachts Taxi fährt und mich zum Busbahnhof bringen wird.

Fünf Uhr. Um den Bus nach Asunción nicht zu verpassen, kümmere mich jetzt mal selbst um ein Taxi. »In diesem Land hat man immer das Gefühl, gleich geschieht was Schreckliches, und dann geschieht gar nichts«, lässt der argentinische Schriftsteller Tomás Eloy Martínez (1934-2010) eine Figur seines Romans Der Flug der Königin sagen. »Alles wird weitergehen wie bisher, du wirst schon sehen.«

Wollen wir hoffen, dass die anderen Passagiere genauso müde sind wie ich immer noch.

Busbahnhof von Formosa

> Formosas Busbahnhof morgens um halb sechs

»¡Señor! ¡Señor!«

Kann die verfluchte Alte bitte nicht so brüllen?

»¡Seeeeñññoooorrr! ¡Seeeeñññoooorrr!«

Oder kann sie der verdammte Señor mal hören?

»¡Seeeeeeññññoooooorrrrr! ¡Seeeeeeeññññoooooorrrrr!«

Ach Gott, die meint mich. Ich muss zwei Stunden durchgeschlafen haben, wir haben jedenfalls die paraguayische Grenze schon erreicht. Nur noch die freundliche Señora, ihre Tochter und ich sind im Bus. Das Mädchen, vielleicht elf Jahre alt, schaut mich verängstigt an. Wenn ich Glück hatte, habe ich nur laut geschnarcht. Mein Kinn ist allerdings ein bisschen feucht, das deutet auf sinnloses Gebrabbel im Schlaf hin – mit falscher Spanischgrammatik und schwerem Akzent. Beruhig dich, Kleines. Der alte weiße Mann ist okay.

> Argentinisch-paraguayische Grenze in der Stadt Clorinda

Paraguay 3

Ich bin der Letzte in der Schlange und stehe auch am Schalter wieder länger als alle anderen. Der Grenzbeamte studiert seelenruhig alle Aus- und Einreisestempel; ich habe bolivianische, chilenische, brasilianische, uruguayische, viele argentinische, dazu noch ein paar aus der Ukraine. Señor, ich will nur Asunción angucken. Ja, ich komme heute Abend zurück. Exactamente, ich lebe in Argentinien. , schon ‘ne ganze Weile. (Du hast doch all meine Visa, auch die abgelaufenen, zwei Minuten lang angeglotzt, ¡boludo!2)

Ringsherum sind die Geldwechsler unterwegs, einen Bündel Scheine in der Hand. Amigos, ich habe schon Guaraníes. 207 000! Emilio hat sie mir gestern Nacht geliehen, damit ich nicht bei euch Geiern zum miesen Kurs wechseln muss, sondern erst mal mit dem Taxi ins Zentrum fahren kann. 207 000 Guaraníes sind bei einem Peso-Wechselkurs von 1:380 … nee, das kann ich natürlich zu dieser frühen Stunde nicht … also irgendwas um 500 Peso vielleicht … also 50 Euro. Die Geldwechsler waren vorhin auch schon im Bus, ich habe sie im Halbschlaf gehört. Das war kein Traum, ich erinnere mich genau.

Puh, geschafft. Ich leg mich noch mal hin, lese ein bisschen und warte darauf, dass ich wegdöse.

Der Flug der Königin, erschienen 2002, verwebt die Geschichte der unglücklichen Liebe zwischen einem Chefredakteur und einer jungen Journalistin mit dem politischen Geschehen im korrupten Argentinien der späten neunziger Jahre, kurz vor dem Zusammenbruch. Tomás Eloy Martínez ist ein brillanter Erzähler.

»¡Venga!«

Der Busfahrer ist extra ins Oberdeck gestiegen. Mehr sagt er nicht. Ich soll nur mitkommen. Hoppla, offenbar habe ich zwar Argentinien verlassen, mich aber nicht von den Paraguayern aufnehmen lassen. Kann doch mal passieren, oder?

Na ja, sagt der Blick des Busfahrers.

Neben dem Schalter ist das Büro der paraguayischen Polizei, da muss ich jetzt auch noch schnell Hallo sagen, weil auf der Passagierliste des Busunternehmens hinter einem Namen das Häkchen fehlt. Sitzplatz 24. Ja, der bin ich.

Abfahrt.

> Der Río Paraguay und die Skyline von Asunción

> Der Río Paraguay und die Skyline von Asunción

Mein Freund Pablo schickt mir eine Nachricht. »Pass bloß auf«, schreibt er. »Die Paraguayerinnen sind äußerst warmherzig und die schönsten Frauen nach den Argentinierinnen.«

In Asunción herrscht Frauenüberschuss, wie es typisch ist für südamerikanische Metropolen. Hotels, Cafés und Restaurants, die weibliche Servicekräfte brauchen, sind auf dem Kontinent weitgehend ein Großstadtphänomen; hinzu kommt eine Wohlstandsschicht, die die Arbeit im Haushalt gern outsourct und sich bedienen lässt. Die Stadt gehört, demografisch gesehen, den Jungen: Mehr als die Hälfte aller Bewohner sind noch keine 30 Jahre alt; nur jeder zehnte hat die 60 schon überschritten.

Der Großraum Asunción ist auch einer der 20 großen Ballungsgebiete Südamerikas. Mehr als zwei der 6,7 Millionen Paraguayer leben hier. Täglich, so schätzt man, fahren 2,1 Millionen Menschen und mehr als 300 000 Fahrzeuge hinein in die Hauptstadt. Offiziell heißt sie übrigens: La Muy Noble y Leal Ciudad de Nuestra Señora Santa María de la Asunción, die sehr noble und treue Stadt unserer Heiligen Jungfrau Mariä Himmelfahrt. Asunción ist auch eine der ältesten spanischen Städte des Kontinents, gegründet 1537, eineinhalb Jahre nach Buenos Aires.

Ich kenne überhaupt keine andere paraguayische Stadt.

Der bekannteste Paraguayer?

Für mich: Roque Santa Cruz.

 

Der Polizist vor dem Busbahnhof meint, das Taxi ins Zentrum werde ungefähr 50 000 Guaraníes kosten. Mhhmm, das macht, du hast es gleich, fuffzig durch dreikommaacht, sagen wir: vier, la puta madre,3 ist das ein Wechselkurs de mierda, fuffzig durch vier sind zwölf, und jetzt noch die Nullen hinten dran, la concha de mi hermana,4 so schwer ist das doch … ach komm, gib auf, unmöglich. Versucht hast du‘s ja.

Die paraguayische Nationalbank im Stadtzentrum von Asunción

> Die paraguayische Nationalbank im Stadtzentrum von Asunción

Palacio de los López, der Präsidentenpalast

> Palacio de los López, der Präsidentenpalast

Das Nationalparlament

> Das Nationalparlament

Paraguay 9

Catedral Metropolitana, Bischofskirche des Erzbistums Asunción

> Catedral Metropolitana, die Bischofskirche des Erzbistums Asunción

Ich beschließe, mich treiben zu lassen. Kein Stadtplan. Mir bleiben ohnehin nur fünf, sechs Stunden, bis der Bus zurückfährt, und ich weiß ja ungefähr, was ich sehen will: das Parlamentsgebäude, die Kathedrale, den Panteón de los Héroes, in dem die Reste der Kriegshelden aufbewahrt werden, den stillgelegten Hauptbahnhof von 1861 und natürlich den Palacio de los López, den Präsidentenpalast. Seit zwei Jahren regiert dort der Konservative Horacio Cartes, ein gelernter Flugzeugmechaniker und Tabakbaron.

Auf dem Heldenplatz, der Plaza de los Héroes

> Auf dem Heldenplatz, der Plaza de los Héroes

Paraguays Ruf ist ja nicht der beste: Armut, Schulden, Korruption und Ungleichheit – von all dem hat das Land reichlich, mehr als viele andere Länder. Selbst für südamerikanische Verhältnisse soll es bisweilen ziemlich gesetzlos zugehen, und die Vetternwirtschaft hat ohnehin eine lange Tradition. In unguter Erinnerung sind auch die 35 Dienstjahre des Präsidenten Alfredo Stroessner (1954-1989). Der Sohn eines Buchhalters aus Oberfranken und einer Guarani-Indianerin war ein glühender Antikommunist und Tyrann, was erfahrungsgemäß keine angenehme Kombination ist. Stroessner ließ Widersacher foltern und trieb eine Million Landsleute ins Exil. Franz Josef Strauß verlieh ihm 1973 den Bayerischen Verdienstorden.

Ich kaufe doch mal einen Stadtplan. Wegen Pablos Auftrag sehe ich mittlerweile bloß noch Banken und Geldautomaten. Aber ich fühl mich wohl, ich bin vielleicht sogar verliebt, ein kleines bisschen. Eine Großstadt, die nicht unaufhörlich brüllt –  so etwas kennt man nach fast drei Jahren in Argentinien ja gar nicht mehr. Asunción ist jedenfalls zur Mittagszeit leiser als Buenos Aires nachts um drei, und das liegt nicht bloß an der Müllabfuhr, die dann durch unsere Straße rumpelt. (Also, jede Nacht um drei.) Hier ist es, als ob man Ohrenstöpsel trüge, so gedämpft erzählt Asunción von sich.

Der Stadtplan kostet 20 000 Guaraníes. Bestimmt ein Schnäppchen. ¡Vamos!

Polizistenverschnaufpause

> Polizistenverschnaufpause

Argentinier im Allgemeinen halten eher wenig von ihren Nachbarn – und trotzdem viel mehr als die umgekehrt von ihnen. Auf die Bolivianer, Brasilianer, Chilenen, Paraguayer und Uruguayer wirken sie überheblich und laut. Der Argentinier, heißt es, fällt, das Trikot seines Fußballklubs stets am Leib, ins fremde Land ein, flucht unaufhörlich und fordert: Bewundert mich!

Es ist kein Geheimnis: Argentinier bilden sich auf ihre Herkunft viel ein, obwohl es mit dem Land im Grunde seit 80, 90 Jahren − die Spanier sagen: seit dem 9. Juli 1816bergab geht. »Wenn ich abends nach Hause komme, ist die Straße menschenleer. Ich sehe nur Bettler, die sich daherschleppen«, sagt die junge Journalistin im Flug der Königin zu ihrem Geliebten, dem Chefredakteur. »Wir sind uns dessen gar nicht bewußt, Bitte,5 aber Buenos Aires verändert sich. Es ist ein Schmetterling, der ins Larvenstadium zurückschlüpft.«

Ein Elendsviertel hinter dem Nationalparlament

> Ein Elendsviertel hinter dem Nationalparlament

Asunción: Ein Elendsviertel hinter dem Nationalparlament

Aber die ganz alte Vergangenheit glänzt nach wie vor. Lange war Argentinien ja die größte Nummer auf dem Kontinent. Die erste U-Bahn Lateinamerikas (und der gesamten Südhalbkugel) fuhr 1913 in Buenos Aires, auch das erste Kinderkrankenhaus (1875) stand hier. Es war ein Argentinier, der Chirurg René Favaloro, dem 1961 die erste Bypass-Operation am Herzen gelang. Der erfolgreichste Formel-1-Fahrer, bevor der Kerpener kam? El Balcarceño, Juan Manuel Fangio, fünfmal Weltmeister in den fünfziger Jahren, 24 Siege in 51 Rennen. Das schönste und beste Opernhaus der Welt laut Wilhelm Furtwängler, dem Jahrhundertdirigenten? Das Teatro Colón, eröffnet 1908 und fast gelegen an der breitesten Straße der Welt, der 9 de Julio. Wer kann bei so viel Pracht schon mithalten?

> Verlassener Mate

> Verlassener Mate

> Fotograf im absoluten Parkverbot neben dem Panteón de los Héroes

> Fotograf im Parkverbot neben dem Panteón de los Héroes

Die Nachbarn rächen sich mit schlechten Witzen. Wie begeht ein Argentinier Selbstmord?, fragen sie. – Er springt von seinem hohen Ego. Warum rennt er aus dem Haus, wenn‘s draußen blitzt? – Er denkt, Gott fotografiert ihn.

Ganz schön warm heute in Asunción. Ich kann die Jacke wohl ausziehen. Mein Trikot: das weiße vom Quilmes Atlético Club.

Clorinda, der argentinische Grenzort, am Abend

> Clorinda, der argentinische Grenzort, am Abend

Clorinda, der argentinische Grenzort, am Abend

Paraguay 17

  1. weil es nur um den fabelhaften Einstieg in diesen Text geht []
  2. Schwachkopf/Depp, sehr beliebte Anrede in Argentinien []
  3. argentinischer Fluch: puta = Hure, madre = Mutter, la = die []
  4. das Geschlechtsorgan meiner Schwester, nur derber []
  5. ihr Spitzname für den Chefredakteur []

Argentinische Helden

Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

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Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geistes-
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