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Die Podcast-Premiere: Zwei Herzensargentinier reden sich um Kopf und Magen

von CHRISTOPH WESEMANN

Wacho Chorro (r.) empfängt sein Honorar.

Montevideo/Uruguay ♦ Leser des Argentinischen Tagebuchs kennen ihn schon, el famoso Wacho Chorro, unseren Mallorca-Korrespondenten und Europa-Kantinenchef, »Kopf und Leber« der Borrachos Bornheim vom FSV Frankfurt. Wir haben ihn aus Buenos Aires einschippern lassen – zu einem tiefgründigen, ungeschnittenen Gespräch über Fußball, Frauen, Fleisch und Folklore, über Argentinier und seine Nachbarn, über den Río de la Plata und seine Wellen. Viel Vergnügen.

¡Estás igual, Buenos Aires! – Back To The Future auf Argentinisch

von DIRK RÜGER

 

Der Autor lebt in Berlin und betrieb bis vor kurzem das Blog www.entre-vista.de.

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»¡Estás igual!«, kräht es jedes Mal aus dem Mund meiner Freundinnen und Freunde. »Du hast dich gar nicht verändert!« Einerseits sind das ja die Komplimente, die man gerne hört mit fast 44. Andererseits ist es immer so eine Sache mit dem »Sich-nicht-verändert-Haben« – selbst wenn das zunächst nur der erste Eindruck ist, vor allem rein äußerlich gemeint.

Eine Ewigkeit − 17 Jahre − ist es her, dass ich Argentinien und vor allem Buenos Aires verlassen habe, wo ich (lediglich) zwei Jahre gewohnt, gelebt, studiert habe. Vor der Wirtschaftskrise (welcher denn?) 2001. Mit meiner damals hochschwangeren argentinischen Exfrau flogen wir im Juni 1998 nach Berlin. Ich wollte nur mein Studium beenden und dann spätestens nach dem Examen wieder zurückkehren nach Argentinien. Dann machte uns die große Krise einen Strich durch die Rechnung. Die Straßen brannten, und das halbe Land versank in Armut.

Juristische Fakultät

> Eine breite Straße in den Norden von Buenos Aires: die Avenida Figueroa Alcorta mit der Juristischen Fakultät (r.)

Ich war 1996 nicht unvorbereitet nach Argentinien gekommen. Ich hatte zuvor schon große Teile Südamerikas bereist, hatte in Perú ein Praktikum in einer Schule gemacht. Ich hatte durch mein Lateinamerikanistik-Studium und argentinische Freundinnen und Freunde Ahnung von Literatur (Sábato, Córtazar, Borges), Rockmusik (Sumo, Charly, Fito), Sozio-Kultur (Perón, Mate, Tango, Gauchos) und den Besonderheiten der Sprache (vos, che).

> Ezeiza, der internationale Flughafen von Buenos Aires

> Buenos Aires und sein berühmter Fluss, der Río de la Plata

Schon als ich das erste Mal in Buenos Aires ankam und mich mein Freund der Reisebürobesitzer (damals noch Student von irgendwas, jetzt in México lebend) in dem alten Fiat seiner Eltern vom Flughafen Ezeiza abholte, fühlte ich mich wie zu Hause. Obwohl ich bis dahin die Stadt nur aus Erzählungen von einem fünftägigen Besuch in Mendoza kannte: »Wenn du Argentinien richtig kennenlernen willst, musst du unbedingt nach Buenos Aires, das ist der Wahnsinn!«. Und das war auch 1996 schon mehr als zwei Jahre her.

Ich erlebte zunächst ein bonaerensisches Klischee: die italienische Einwandererfamilie des Reisebürobesitzers im »Vorort« Olivos, Boca-River-Fußballspiele im Fernsehen, sonntags selbstgemachte Lasagne, meine ersten Milanesas (argentinische Schnitzel, dem Wienerschnitzel nicht unähnlich, aber viel besser!), abends in Palermo Viejo im Auto vor irgendeinem Kiosk mit den Freunden Bier trinkend, die Wochenenden in Tigre mit Bootsfahrten, Asado und Mate.

Asado: Morcillas (Blutwürste), chorizo (Bratwurst) und Pollo (Huhn)

> Asado: morcillas (Blutwürste), chorizos (Bratwürste) und pollo (Huhn)

Danach tauchte ich ins Studentenleben ein, wohnte erst bei einer exaltierten Architektin in einer Designer-Wohnung im Bezirk Caballito, inklusive US-amerikanischen und brasilianischen Mitbewohnerinnen, und brachte argentinischen Yuppies Englisch in einer Sprachschule bei. Danach zog ich übergangsweise ins Barrio Once, in das Zimmer eines mir über zwei Ecken bekannten Dramaturgen (in dessen WG ich das Licht-Double von Brad Pitt in »Sieben Jahre in Tibet« kennenlernte, der damals in Mendoza gedreht wurde), und schließlich zu meiner Freundin der Theater-Lehrerin nach Chinatown. Das bestand damals nur aus drei Blocks der Straße Arribeños im Stadtteil Belgrano.

Chinatown auf Argentinisch: das Barrio Chino im Norden der Hauptstadt

> Chinatown auf Argentinisch: das Barrio Chino im im Stadtteil Belgrano

Ich las pro Woche zwei Romane in einem Seminar über argentinische zeitgenössische Literatur an der UBA, bestellte Heiligabend Eis per Liefer-Service, tanzte ein einziges Mal Tango, und zwar auf der Hochzeit meiner Freundin der Schauspielerin, besuchte Vorlesungen bei Beatríz Sarlo über Postmoderne in Argentinien, lernte von meinem Freund dem Dichter die Besonderheiten des Gangster-Slangs »Lunfardo« und ging abends auf Konzerte von Divididos, Illya Kuryaki and the Valderramas oder El Otro Yo und in Clubs wie das »Nave Jungla«, wo das Service-Personal aus Kleinwüchsigen bestand und man vor zwei Uhr morgens noch verbilligten Eintritt bezahlte.

Ich fühlte argentinisch, ich war porteño.

Und dann: 17 Jahre weg.

> Das Microcentro von Buenos Aires und ganz entfernt ein Wahrzeichen der Stadt: el Obelisco

Natürlich hat Argentinien auch danach eine Rolle in meinem Leben gespielt. Ich war in Berlin weitere acht Jahre mit einer Argentinierin zusammen. Ich redete in dieser Zeit mehr spanisch als deutsch. Ich trank weiterhin Mate, Familie und Freundinnen berichteten uns über die aktuelle politische Lage, ich gab eine spanischsprachige Zeitung heraus.

Aber 17 Jahre keinen Fuß auf argentinischen Boden.

Ich war so aufgeregt wie nur was. Und hatte auch Angst.

Die Argentinier so:

17 Jahre? Das ist so, als wärst du noch nie da gewesen! Alles hat sich total verändert. Und die Kriminalität! Alles ist viel schlimmer! Du kannst keinen Schritt mehr vor die Tür machen, ohne dass du Angst haben musst, überfallen zu werden. Und wenn du in Ezeiza ankommst: Pass bloß auf mit den Taxis. Nimm bloß kein Taxi, das nicht registriert ist! Es ist schon so viel passiert!

Ich habe meine argentinischen Freundinnen und Bekannten so gelöchert und genervt, dass ich gut verstanden hätte, wenn sie mich aus ihrem Facebook-Freundeskreis gestrichen und einfach nicht mehr geantwortet hätten.

Aber außerdem war ich auch aufgeregt, weil ich meiner deutschen Ehefrau, die noch nie in Argentinien gewesen war, den Ort zeigen wollte, den ich 17 Jahre nicht gesehen hatte. Ich hoffte natürlich, dass sie Buenos Aires genauso liebte wie ich.

Es hat sich nichts verändert. Als unsere Freundin die Schauspielerin uns in den Arm nimmt und »¡Pero estás igual, che!« zu mir sagt; als wir das erste Mal in einen »bondi«, den Stadt-Bus, steigen und ich sofort, ohne Stadtplan, wieder weiß, wie Buenos Aires funktioniert, wie die Stadt tickt, wie man in diesem Geschoss freihändig stehen muss, um bei dem rasenden Tempo durchs Verkehrs-Chaos nicht umzufallen, worauf man achten muss, um die Ziel-Haltestelle nicht zu verpassen: Da ist es, als wäre ich nie weg gewesen. Die Freude darüber, dass Freundschaften, die quasi 17 Jahre auf Eis gelegen haben, sich nach nicht mal einer Minute wieder so anfühlen, als hätten wir erst gestern zusammen Mate getrunken − diese Freude lässt sich kaum beschreiben.

Und, na klar, es hat sich auch vieles verändert. Meine Freundinnen von damals sind keine Studenten, Biochemikerin, Bonaerenser, Argentinier mehr, sondern jetzt Reisebürobesitzer, Schauspielerin, Cordobesen, Mexikaner und Pariserin, alle sind älter und bis auf einen auch Eltern geworden. Aber die italienischen Reisebürobesitzer-Eltern wohnen immer noch in Olivos, und die Mutter hat extra für uns frische Pasta handgemacht. Das Barrio Chino, also Chinatown, ist nur ein paar Blocks gewachsen, und die alte Gänsehaut, die ich jedes Mal hatte, wenn ich am Río de la Plata stand und bis zum Horizont nur Süßwasser sah, stellt sich auch sofort wieder ein.

Río de la Plata

> Die direkteste Verbindung nach Uruguay: über den Río de la Plata

Aber auch: Meine Frau ist von dem 17-Millionen-Moloch anfangs ganz schön überfordert − und nicht erst, als wir direkt an einem Slum vorbei im Dunkeln zur zehn Minuten entfernten Bahnstation laufen müssen, um von dort zum Busbahnhof zu fahren, der neben einem anderen, noch viel größeren Slum liegt. Und das alles vor einer zwölf Stunden langen Busfahrt in Richtung Córdoba.

Argentinisch Reisen: im Bus, mangels Zugverbindungen

> Argentinisch reisen: im Bus, mangels Zugverbindungen

Und ja (ganz realistisch): Buenos Aires ist nicht mehr der verklärte Sehnsuchtsort, an den auszuwandern ich mir vorstellen kann, wenn wir alt sind. Es wird wohl doch eher Uruguay, in das wir uns verliebt haben, insbesondere Colonia del Sacramento. Von dort ist man mit der schnellen Fähre auch in einer Stunde drüben, nur für den Fall, dass sich meine Sehnsucht alle zwei Wochen bei mir meldet und um ein Wiedersehen mit Buenos Aires bittet. Meine Frau begleitet mich sicher auch gern, und sei es nur, um bei unserer Freundin der Schauspielerin auf der Terrasse in der Sonne zu sitzen und ein helado von der Eisdiele um die Ecke zu essen. Am letzten Tag hat sie, die Quasi-Italienerin, übrigens zugeben müssen, dass dieses Eis (fast) besser schmeckt als das italienische.

Leben wie ein Argentinier: Mate und Sonnenschein

> Leben wie ein Argentinier: Mate und Sonnenschein

Und noch: Auf die Frage meiner Frau, was denn anders sei als auf der Nordhalbkugel, wusste ich, trotz jahrelangem Aufenthalt und wiederholten Reisen auf die Südhalbkugel, nur zu erwidern, dass ich gelesen hätte, der Strudel im Klo drehe sich in »die andere« Richtung. Außerdem wusste ich, dass man das »Kreuz des Südens« am Himmel sehen kann und die Jahreszeiten »umgekehrt« zum Norden stattfinden.

Meine kluge Frau hat schon am ersten Abend in Buenos Aires gemerkt, dass der Mond spiegelbildlich, in die jeweils andere Richtung hin, zu- und abnimmt und dann später auch, dass die Sonne mittags im Norden im Zenit steht und nicht wie bei uns zu Hause in Berlin im Süden.

Ein Herzensargentinier im Exil (1): Mein Name sei Gandalf

von HERRN T. (GASTBEITRAG)

Herr T. hat ein Jahr in Argentinien gelebt. Der Leser des Argentinischen Tagebuchs kennt ihn vor allem als nervenstarken Reisebegleiter nach Chile und Bolivien. Heute vor einem Jahr landete er wieder in Deutschland.

Herr T. in Santiago de Chile

Herr T. auf dem Cerro San Cristóbal, dem Hügel über Santiago de Chile (Dezember 2012)

♦♦♦♦♦

Mit diesem Text wird es offiziell: Ich bin ein Exilant. Fernab der emotional neugewählten Heimat, schreibe ich diese Zeilen voller Sehnsucht nach meinem Land. Ganze 333 Tage habe ich dort verbracht, und fort wollte ich schon nach 33 nicht mehr. Man kann zwar von Wein, Fleisch und nächtlichen Ausschweifungen durchaus leben, mitunter sogar ausgezeichnet, muss sie aber auch bezahlen können. So drücke ich nun wieder in Deutschland die Schulbank und verharre in Studierzimmern, um mich eines Tages als Magister zu betiteln. Und zurückzukehren.

Bis dahin versuche ich, mir Argentinier nahe zu halten. Fotos schmücken meine Regale, ein Baby-Lama bewacht mein Kopfkissen, eine weiß-himmelblaue Flagge mit der Sonne weht über meiner Tür, und ein Malbec steht in der hintersten Ecke meines Schreibtisches. Ich habe noch nicht gewagt, ihn zu öffnen.

Selbst nicht eingeweihte Gäste sollten bei der Reizüberflutung sofort erkennen, dass ich in Südamerika war. Zwar ist das Reisen auf andere Kontinente längst ein Statussymbol meiner Generation geworden, mit dem jeder Zweite prahlen kann. Aber ich bemühe mich dennoch gleichzeitig cool und voller Glück zu klingen, wenn ich sage: »Ja, ich habe dort unten ein Jahr gelebt.«

In der Universität falle ich auf. Chronisch zu spät kommend, da ich der Gewohnheit folge, einfach zum Bus zu gehen, wenn ich so weit bin, anstatt dann zu gehen, wenn er fährt. In Argentinien wusste ich nie, ob ich den Bus gerade verpasst hatte, oder ob er in der nächsten Minute kommt. In Deutschland weiß ich das. Und bin natürlich sofort frustriert, wenn er nicht pünktlich ist. In den Seminaren werde ich für meinen Mate angestarrt. Die Verbindung zwischen meinem heißem Tee – aua! Zunge verbrannt – und dem Modegetränk aus den deutschen Clubs und Universitätsmensen können nur wenige herstellen. Es verwundert daher nicht, dass ich recht exotisch wirke, wenn ich konzentriert schauend oder zumindest konzentriert tuend Referaten lausche und dabei schlürfe. »Du bist wie Gandalf!«, heißt es von einer Kommilitonin. Es gelingt einem richtigen Argentinier sehr selten, seine Großartigkeit zu verbergen.

Herr T. im Salar de Uyuni (Bolivien), der größten Salzwüste der Welt (Februar 2013)

Auch im sozialen Leben ecke ich an. Der beste Wein der Welt, den ich anfangs für gemütliche Runden beisteuerte, wurde von den Freunden zwar probiert − abgestürzt sind sie aber dann doch lieber mit Bier. Bei der Weltmeisterschaft störte sich niemand an meiner Unterstützung Argentiniens. Erst als die Niederlande verloren hatten und das Finale feststand, kamen die Fragen.

»Für wen bist du denn?«

»Na, für beide.« Zwei Kammern eines Herzens.

Als Mario Götze das Tor schoss, rief ich »Ja!«, begriff, rief »Nein!«, begriff abermals, erntete Blicke und flüsterte: »Vielleicht.«

Argentinien hatte verloren, doch wenigstens wusste Deutschland wieder, dass es uns gibt. Da sich mein Leben tatsächlich ein Jahr lang um und innerhalb Südamerikas drehte, nervte ich wohl viele meiner Freunde. Wahrscheinlich war ich tatsächlich schwer erträglich mitunter. Wenn auch der siebte Satz mit »Als ich in Argentinien war …« beginnt, stößt Toleranz an Grenzen. Mein Vater gab mir einen Rat: »Du wirst viel zu erzählen haben, aber keiner wird es hören wollen.« Er selbst verbrachte lange Zeit im feindlichen inselstehlenden Königreich. Ganz egal, wo er gewesen ist: Er hat Recht.

Meine Rückkehr war seltsam. Nach dem Lärm und der Größe von Buenos Aires, war mein kleines Dörfchen mit gerade einmal 300 Einwohnern so winzig und so still. Argentinier – per Skype zugeschaltet – konnten mir gar nicht glauben, dass es keine Bars gibt, es auf den Straßen ungefährlich ist und vor allem, dass nach Mitternacht die Laternen ausgehen. Schnell fiel mir die Decke auf den Kopf. Mit einem neuen Studienplatz im Ausblick, packte ich meine Sachen. Doch es reichte nicht. Eine neue Reise kam dazu: London wird es sein. Der Alltag sollte mich noch nicht so schnell wieder haben.

Fortsetzung folgt

Zurück in der Wildnis

von CHRISTOPH WESEMANN

Endlich lebe ich in Buenos Aires nicht mehr nur wie ein Student1, sondern bin’s auch wieder. Das Studium war ja sowieso die wildeste Zeit, ach, was haben wir, also speziell ich, damals Party … und die Weiber erst, sag ich euch …  Menschmenschmensch … ja, nicht immer, nicht jeden Tag und nicht jede Woche, aber schon relativ oft. Wie gesagt: Wild war’s.


Sportmarketing: der Fall Boca Juniors
heißt der Kurs, den ich an der Universität von Palermo belegt habe. Dienstags, 19 bis 22 Uhr, Ecke Larrea und Santa Fe, Raum 5.5. Ja, nur ein Kurs, aber ich muss ja der akademischen Welt auch nichts mehr beweisen, ich habe schließlich schon ein abgeschlossenes Hochschulstudium.

Wenn man aus dem Fahrstuhl steigt, ist das Erste, das man sieht, ein Plakat: Andrew Grove, der Mitbegründer von Intel, spricht sein weltberühmtes (und mir bisher selbstverständlich unbekanntes) Zitat:

Sólo el paranoico sobrevive. – Nur der Paranoide überlebt.

In solch einem intellektuellen Zirkel braucht jemand wie ich nur wenige Augenblicke, um sich heimisch und endlich auch mal verstanden zu fühlen. Ja, in der Pause reden wir Jungs natürlich über Fußball. Aber das ist doch nur ein kurzes Dahingleiten vor dem nächsten Höhenflug des Geistes. Ich bin guter Dinge, dass das alles auch meinem Œuvre dienen und das Niveau dieses Blogs heben wird.

Gestern Abend gegen halb neun habe ich gleich mal den Professor ordentlich hängen lassen.

»Habt ihr das verstanden? Nein? Okay, versuchen wir es mit einem Beispiel. Ich frage, ach, ich frage unseren deutschen Freund. Christoph, trinkst du nur Bier oder auch mal Mate?«

»Aber hallo!«

»Nenn mir doch mal drei Hersteller von Yerba-Kraut.«

»Taragüi

»Eins.«

»Äh, also Taragüi. Dann gibt es noch CBirgendwas …«

»Das ist eine Bank.«

»Ähm, ich meine, so eine rote Tüte.«

»Danke, Christoph. Nehmen wir ein anderes Beispiel, und ich frage mal Jorge.«

(Fortsetzung folgt)

  1. der dem Klischee entspricht []

Das Riesenembryo und sein Chauffeur: Der ultimative Mar-del-Plata-Reisebericht (I)

von CHRISTOPH WESEMANN

Danü, der Heldenmaler, den es auch nach Buenos Aires verschlagen hat, muss eine halbe Tonne Bücher an die Atlantikküste bringen. Die argentinische Frohnatur CW bewirbt sich um die Stelle des Chauffeurs (die kein anderer will) mit dem Satz: »Viejo, nach Mar del Plata fahr ich dich rückwärts und mit beschlagenen Scheiben.« Er war ja schon zweimal dort. Oder doch nur einmal? Verwechselt er das gar mit Warnemünde? Ach, wird schon. Unsere zwei Helden machen sich jedenfalls auf den Weg, ein gewisser Herr T. übt noch mal seinen Gastauftritt, und der Leser wird eine Baustelle entdecken, die es inzwischen nicht mehr gibt. Weil Schweizer noch langsamer schreiben als Argentinier bauen. 

Danü: Wo bleibt CW? Um halb acht hat er eine SMS geschickt, dass er im Auto sitze. Jetzt ist es kurz vor acht – und CW ist immer noch nicht da. Hoffentlich hat er wenigstens die drei Kindersitze ausgebaut. Wir werden viel Platz brauchen.

CW: Ich dreh gleich durch, also zum zweiten Mal, denn gerade bin ich ja schon durchgedreht. Die Navigation hatte mir vorgeschlagen, gegen die Einbahnstraße zu fahren, es waren nur noch 100 Meter bis zu Danü und seinen Büchern, die wir in die argentinische Atlantikküstenkapitale Mar del Plata bringen sollen. Jetzt bin ich wieder 500 Meter weg vom Ziel und folge der Anweisung, nach rechts abzubiegen.

Danü: Wenn ich Kaffee trinken würde, könnte ich mir jetzt einen kochen.

CW: Was ist denn das? Eine Straße aus Sand, links und rechts wird gebuddelt. Könnte mal bitte jemand den Betonmischer zur Seite schieben? Danke, sehr nett. Gut, die nächste links, dann noch zwei Blocks – oh, Sackgasse. Ich wende, ich fahre in einer Baustelle gegen die Einbahnstraße, ist so was eigentlich noch mit Führerscheinentzug zu ahnden, oder gibt das schon Bewährungsstrafe?

Danü: »Alles scheiße.« (SMS von CW, 8.14 Uhr)

CW: So, ich hab’s, jetzt noch ’n Parkplatz, puh, sind das viele Bücherkartons, Mist, kein Parkplatz, ich dreh noch ’ne Runde, ja?

Danü: Wieso parkt der denn nicht auf dem Bürgersteig?

CW: Warum ist denn gegenüber vom Büro eine Polizeistation?

Danü: Weg ist er. Das kann dauern.

CW: Jetzt bin ich zum dritten Mal auf der Avenida 9 de Julio, der breitesten Straße der Welt, die gerade auch eine Großbaustelle ist, weil hier eine Metrobus-Linie entsteht. Die Busse bekommen eine eigene Spur und müssen sich nicht mehr durch den Stau quälen. Weiter im Norden der Stadt gibt es so etwas schon, und die Fahrtzeit von Palermo nach Liniers ist um 30 Prozent gesunken. Steht in der Zeitung. Eigentlich sollte man die Fahrscheine nicht mehr beim Fahrer, sondern draußen am Automaten kaufen können, aber das dauert noch ein bisschen. Auch das versprochene W-Lan im Bus lässt auf sich warten.

Danü: »Riesenscheiße.« (SMS von CW, 8.25 Uhr) Ich kann leider nicht antworten, weil auf meinem Handy kein Guthaben ist. Ich bedauere das nicht im Geringsten.

CW: Mann, ich wollte um 13 Uhr in Mar del Plata sein. Das schaffen wir doch nie. Von Buenos Aires zum größten und bekanntesten Badeort Argentiniens sind es mehr als 400 Kilometer, und nirgends darf man schneller als 130 fahren. Außerdem ist Danü Schweizer, das ist doch ein komplett verweichlichter Stamm, nie einen Krieg mitgemacht und verloren, nie hungern müssen. Danü wird also viele Pausen brauchen.

Danü: Ich bin Schweizer – und Argentinier. Und denke: Ach, was würde ich für das Cliché der Geduld geben. Die werde ich wohl brauchen.

CW: So, jetzt parke ich auf dem Bürgersteig; der Polizist auf der anderen Straßenseite guckt – und sagt nichts. Ich habe in Argentinien wirklich noch keine schlechten Erfahrungen mit Polizisten gemacht. Ich bin natürlich auch ein unauffälliger Verkehrsteilnehmer, ich blinke wenig und hupe viel, ich springe von Lücke zu Lücke und parke, wo ich will. Meine große Spezialität: als Letzter die Ampel schaffen und dann die Kreuzung blockieren.

Danü: Respekt, CW hat tatsächlich die drei Kindersitze ausgebaut. Dann laden wir mal ein.

CW: Das sind ja mindestens 28 mittelgroße Bücherkartons.

Danü: Oben stehen auch noch ein paar.

CW: Ich bereite schon mal den Mate zu. Gestern habe ich übrigens noch eine Thermoskanne gekauft. Die alte Kanne, aus Plastik, hatte ich neulich in Córdoba verloren oder vergessen, war sowieso schon etwas undicht. Jetzt habe ich eine aus Metall, Industria Argentina, die garantiert nicht tropft. Ich weiß gar nicht, wie Danü hier noch sitzen will. Die Karre hängt auch ganz schön durch. Vielleicht sollte ich ein bisschen Mate-Wasser ablassen?

Danü: Dann mal los. Ei, ist das eng hier. Damals im Mutterleib war’s geräumiger. Mate?

CW: Gerne.

Danü: Die Kanne ist undicht und tropft.

Zwei Stunden später

CW: Mit Danü kann man wunderbar schweigen oder über den Sinn von Ordnungspolitik im 21. Jahrhundert reden. Aber ich muss sagen: Die Kommunikation mit meinem Reisebegleiter Herrn T. hatte ein höheres Niveau.

Herr T.: Boludo, wir müssen den letzten Teil unseres BolivienReiseberichts noch fertigmachen!

CW: Du bist doch nicht aus dem Arsch gekommen!

Danü: Wie bitte?

CW: Hast du das gehört?

Danü: Was gehört?

Wüstentanz

CW: Mit Herrn T. konnte man herrlich tratschen, wirklich herrlich getratscht haben wir miteinander. Massenweise Gerüchte konnte ich in Umlauf bringen – die meisten davon über mich. Zum Beispiel hatte ich ja eine Reihe von Affären mit südamerikanischen Supermodels.

Danü: Auf mich kannst du dich verlassen, ich schweige wie ein Grab.

CW: Siehst du, lieber Leser! Und wenn ich zum Beispiel frage, ob Danü den und den auch so schrecklich finde oder die und die auch komplett nervig, dann sagt er …

Danü: … ich bin die Schweiz, ich bin neutral.

CW: Noch da, Herr T.?

Danü: Ich möchte bitte bald austreten. Wir trinken ja jetzt schon zwei Stunden Mate; erstens zieht CW ganz schön was weg, zweitens treibt das Zeug ohnehin. Als Naturbursche, der ich als Schweizer natürlich bin, verbringe ich übrigens gerne viel Zeit in den Parks von Buenos Aires und schaue jedes Mal wehmütig den Argentiniern zu, wie sie Stunden lang zusammensitzen und Mate schlürfen. Ich müsste schon nach 40 Minuten das erste Mal in die Büsche.

CW: Pfff, Schweizer!

Danü: CW leidet unter Vergesslichkeit. Oder er ist ein Lügner. Vielleicht muss er auch angeben, um sich argentinisch zu fühlen. Denn seinetwegen – genauer gesagt: seiner Blase wegen – haben wir schon dreimal anhalten müssen.

CW: Nein, ich kann kein Angeber sein, ich bin viel zu bescheiden. Ich bin ja der bescheidenste Mensch der Welt.

Danü: Die Landschaft in der Provinz Buenos Aires

CW: … die fast so groß ist wie Deutschland …

Danü: … bietet aber wirklich gar keine Reize. Wir fahren jetzt seit drei Stunden geradeaus, und links ist genauso viel oder genauso wenig wie rechts. Felder mit Kühen darauf. Das Spektakulärste waren bisher die drei Autos an der Tankstelle eben. Sie standen nebeneinander an den Zapfsäulen, und alle hatten die Motorhaube oben. So standen sie 15 Minuten lang, und CW kam nicht dran zum Tanken. Dann wurden sie nacheinander mit weiter geöffneter Motorhaube auf den Parkplatz gefahren.

Reisebericht 2

CW: Als wir einmal gemeinsam durch Mecklenburg-Vorpommern fuhren, hat mir Danü erzählt, dass er schier wahnsinnig werde, weil er überall den Horizont sehe. In der Schweiz gebe es keinen Horizont. Nur Berge. Ich glaube, ich muss ihm jetzt was bieten.

Danü: Mal wieder eine Mautstation. Auf argentinischen Autobahnen muss man nämlich hin und wieder bezahlen. Es gibt Schranken, die sich erst öffnen, wenn man dem Schrankenwärter das Geld gegeben hat. Manchmal, so wie jetzt, treffen zu viele Autos auf zu wenige Schrankenwärter. Dann staut es sich. Es staut sich ein bisschen. Ein Stau ist es eigentlich nicht. Es stehen vor jeder Schranke fünf Autos.

CW: Aufpassen, Danü! Ich zeig dir, was Argentinien ist.

Danü: CW hupt. Er hupt wie ein Irrer. Mehrmals. Staccato. Es ist zwei Sekunden ruhig, und dann hupen ringsum mindestens zehn andere Irre. CW macht auch wieder mit. Sie hören nicht auf.

CW: Kann nicht sprechen. Muss hupen.

Danü: Die Schranken gehen hoch. Alle dürfen durchfahren, ohne zu bezahlen. CW brüllt: »AR-GEN-TI-NA! AR-GEN-TI-NA! AR-GEN-TI-NA!«

CW: Das, mein lieber Danü, das ist Argentinien!

Danü: Im Durchfahren sieht man am Schrankenwärterhäuschen übrigens ein Schild: »Bitte nicht hupen!«

Fortsetzung folgt

Pablo und die komplexe Minderwertigkeitskolumne

von CHRISTOPH WESEMANN

Mein Nachbar Pablo versteht nicht, dass ich diese Matetasche aus echtem Kunstleder vom Markt im Rivadavia-Park unbedingt gebraucht habe. Dabei hat sie umgerechnet nur zwölf Euro gekostet. Und wie soll man außerdem alles transportieren, was man braucht, um unterwegs Mate zu trinken: die Thermosflasche, das Yerbakraut, den Trinkhalm, den Becher?

Matekram

Ich kann es aber Pablo sowieso nie recht machen. Wenn ich beim Sprechen argentinisch gestikuliere, also die Fingerkuppen zusammenführe und die Hand aus dem Gelenk unentwegt schüttele, weil mir das hilft, die Wörter zu finden, regt er sich auf. Wenn ich dann nicht gestikuliere, versteht mich Pablo nicht – und regt sich auch auf.

geste neu

Ein Deutscher, der schon ein paar Jahre in Buenos Aires lebt, hat mir neulich seine argentinische Theorie vorgestellt, die im Kern besagt, dass zwei Argentinier (oder mehr) auf einem Haufen für Nichtargentinier schwer erträglich seien. Die Formel lautet entsprechend:

• 1 Argentinier = 1 Mensch

• 1 Argentinier + 1 Argentinier = 2 Größenwahnsinnige

• x Argentinier + x Argentinier = x+x Größenwahnsinnige.

Ich halte die argentinische Theorie für unausgereift. Sie berücksichtigt zum Beispiel nicht den so genannten Pablofaktor.

»Häng einem Ausländer eine Matetasche um, und er denkt, er wäre Argentinier«, sagt Pablo.

Ich gebe übrigens zu: Ich habe die Matetasche vor allem für die Zeit gekauft, wenn ich wieder in Deutschland lebe und sonnabendnachmittags in meine kleine Charlottenburger Kneipe gehe, um die Bundesligakonferenz auf Sky zu gucken.

Ich habe meinen Auftritt bereits geplant und auch die Dialoge vorgeschrieben. Ich werde, egal wie heiß es gerade ist, den schwarzen Poncho und den schwarzen Lamahirtenhut tragen, die ich mit Herrn T. in La Quiaca (Bolivien) gekauft habe. Dann trete ich ein, puh, stinkt das hier, und meine Augen brauchen auch ein Weilchen, bis sie den Zigarettenqualm durchschaut haben. Ganz so schlimm ist es nicht, aber als großer Theaterfreund weiß ich natürlich: Hetzen lassen sich nur die Nebendarsteller.

»Dass ihr euch immer so groß machen müsst, ist nicht angenehm«, sagt Pablo. »Und uns erreicht ihr ja sowieso nicht.«

Poncho

Ich sehe den Tisch von Gabi, die in einem Spandauer Blumengeschäft arbeitet, und von Peter, der nicht arbeitet. Gabi ist wieder direkt von der Arbeit gekommen und trägt noch ihren Fleurop-Pullover. Sie wird in den nächsten zwei Stunden fünf Tassen Kaffee trinken und bei jedem Dortmunder Tor schreien. Was sie ganz besonders nicht mag: Tore der Bayern, Tore der Schalker und Kneipengäste, die nicht über Fußball reden oder von ihr jetzt, nach Feierabend, wissen wollen, wie man Orchideen umtopft.

Peter fährt viel Fahrrad und betreut als Co-Trainer eine Fußballmannschaft, E-Jugend. Michael Ballack, der Micha, ist sein Allzeitheld, und jedes Mal, wenn einer zu lange mit dem Ball läuft, wird Peter den Fernseher anbrüllen: »Spiel doch ab, du Idiot!« Schon vor dem Anpfiff schaut er alle drei Minuten auf seinen Wettzettel. Die Bayern müssen heute zu Hause mit drei Toren Unterschied gegen Braunschweig verlieren. Aber Braunschweig kann befreit aufspielen, die Mannschaft steht ja schon seit fünf Wochen als Absteiger fest. Dann noch zwei Spiele, in denen jeweils mehr als sechs Tore fallen, aber bitte nicht alle in der ersten Halbzeit, plus ein Doppelpack des Stürmers, der seit Monaten nicht getroffen hat, und wenn die vier anderen Partien enden, wie Peter das annimmt, dann hat er aus fünf Euro 1628,34 gemacht. Seinen Gewinn wird er aber erst am Montag im Wettbüro abholen, denn gleich morgen, das wäre viel zu riskant. Die anderen denken ja, dass er gleich am Sonntag das Geld abholt, also denkt er, Peter, gar nicht dran.

Der Stuhl zwischen Gabi und Peter ist frei. Mein Platz. Ich gehe ein paar Schritte und grüße unterwegs den Mann hinterm Tresen: »Wie geht’s dir, Horst?«

»Hä?«

»Du erinnert dich nicht an mich, oder? Bin ’ne Weile weggewesen. Argentinien.« Kurze Pause. Das Wort muss ja erst wirken. »Ich war der mit der Cola. Ohne Glas. Aus der Flasche. Macht’s jetzt klick?«

»Jut«, sagt Horst, »ick bringse dir.«

»Nein, keine Cola mehr. Ich brauch heißes Wasser«, sage ich und hole die Thermoskanne aus meiner Matetasche. »Aber kochen darf‘s nicht, 75 Grad, ja? Und bisschen kaltes Wasser, bitte. Der erste Mateschluck darf nämlich nicht heiß sein.«

Dann werde ich schlürfen und mich demonstrativ nur mäßig interessieren für die Bundesligakonferenz, und das nicht nur, weil die Boca Juniors gleichzeitig spielen, was ich per Live-Ticker möglichst unauffällig, also so, dass es wirklich jeder mitbekommt, auf dem Handy verfolge. Hin und wieder werde ich murmeln, dass es der deutsche Fußball in punkto Leidenschaft gar nicht mit dem argentinischen aufnehmen könne.

»Argentinier kann man nicht kopieren«, sagt Pablo. »Der liebe Gott hat uns mit einem Kopierschutz ausgestattet.«

Als die Mauer fiel, war ich elfeinhalb. Bis dahin hatte ich die DDR zweimal verlassen, 1985 und 1988, immer Tscheh-ess-ess-ärr. Von der Welt kannte ich Prag, Bratislava und Mladá Bodeslav. Wenn ich heute, beinahe ein Vierteljahrhundert später, mittwochnachts um halb elf vom Fußballspielen nach Hause fahre und mich im Radio zufällig das falsche, also richtige Lied erwischt, muss ich manchmal schlucken. Vor Glück, dass ich hier lebe, vor Glück, dass ich gerade mit neun Argentiniern unter Flutlicht in einem Käfig gekickt habe, vor Glück, dass ich in diesem Augenblick am berühmten Monumental vorbeirolle, dem Stadion des Klubs River Plate, und natürlich vor Glück, dass mein Herz einem anderen Verein gehört. All das und noch viel mehr war doch bei meiner Geburt überhaupt nicht vorgesehen.

 

»Schön, dass du wieder da bist, mein Großer«, wird Gabi in der Halbzeitpause sagen. »Der ganze Kiez, vom Klausenerplatz bis zur Schustehrusstraße, hat übrigens dein Argentinisches Tagebuch gelesen, jede einzelne Kolumne, sag ich dir. Und wir haben dich bewundert, wie du klargekommen bist da am Ende der Welt, du warst ein richtiger Argentinier. Die Leute in Buenos Aires haben dich ja überhaupt nicht mehr als Ausländer wahrgenommen.«

»Das lag doch nur daran, dass ich akzentfrei spanisch gesprochen habe.«

»Nee, nee, Großer, nicht so bescheiden, das lag nicht nur daran. Da gehört schon mehr dazu. Wahnsinn, oder, Peter?«

»Absolut, Gabi. Einfach war das bestimmt nicht.«

»Ach, na ja, nun übertreibt mal nicht.«

»Schwachkopf, das Ding leih ich mir mal aus, brauchst du ja sowieso nicht«, sagt Pablo.

El peluquero y el filósofo

von CHRISTOPH WESEMANN

Mi corte de pelo – no quiere que lo llamen peinado – desde ayer me está exigiendo una explicación.

Oldells Boys

Tal vez debí haber estado advertido. Por un lado, el cliente anterior dejó unos tres kilos de rulos negros en el piso del salón – supuestamente porque es periodista y tiene poco tiempo para ir a la peluquería, según dijo más tarde Julio, el hombre de las tijeras.

Por otra parte, había fotos en la pared junto al espejo: el seleccionado de fútbol uruguayo y el Presidente uruguayo José Mujica.

Mujica

Mujica, llamado El Pepe, cultiva flores, es un ex – guerrillero del movimiento de liberación tupamaro y ateo. Su auto privado es un VW escarabajo y como limusina oficial le gusta utilizar un Opel Corsa. Calienta el agua para el mate en una caldera abollada y dona el 90 percentos de su sueldo de 12 500 dólares a pequeñas empresas y ONGs.

Recientemente ofendió a la Presidenta argentina Cristina Fernández de Kirchner y a su fallecido esposo Néstor. Supuestamente no sabía que el micrófono estaba abierto cuando dijo »Esta vieja es peor que el tuerto. El tuerto era más político, esta es terca.«

 

»¿Sos uruguayo?« le pregunté a Julio, mi nuevo peluquero, a quien descubrí casualmente en el barrio de Almagro, donde el niño de 7 y la niña de casi 4 estudian ruso los miércoles.

»Sí. Pero ya hace muchos años que vivo en Buenos Aires.«

»Esta mañana no me lavé el pelo. ¿Te molesta?«

»Pero no … ningún problema.«

Entonces Julio comenzó a cortarme los dos centímetros que habíamos acordado, contándome al mismo tiempo acerca de dónde en Uruguay podría pasar las mejores vacaciones. Fue a buscar un mapa, paseó con su dedo índice por la costa atlántica hasta Castillos y me recomendó por último que sentara base en Aguas Dulces. Supuestamente sería una playa sin gente, un pueblito paradisíaco, algunos restaurantes y la laguna de Castillos: »¡Un sueño! Cuando quieras ir vení antes por aquí que te ayudaré a encontrar algo bueno.«

O nuestra conversación duró demasiado, o los peluqueros uruguayos no dominan el sistema métrico.

Para los supuestos dos centímetros menos de cabello que debía tener, mi cabeza había quedado demasiado calva.

»¿Te gusta vivir aquí?« pregunté como para despedirme.

»Sí, mucho, Buenos Aires es una ciudad maravillosa«, dijo Julio. »¡Ay, si no hubiera tanta delincuencia!«

»¿Está empeorando?«

»Sí.«

»¿Por qué?«, pregunté. »¿Demasiados pobres?«

»No.«

»¿No?«

»Demasiados ricos.«

(Según Wikipedia, Aguas Dulces tiene »417 habitantes, de los cuales 215 son hombres y 202 mujeres«.)

◊◊◊◊◊

Muchísima gracias a mi lectora Moníca por la traducción del texto Phriseur y Filosoph.

Der unerreichbare Nationalheld und eine kinderfeindliche Hexe

von CHRISTOPH WESEMANN

Uruguays Hauptstadt Montevideo Ende März: Sonnenschein, 25 Grad und Laub auf den Wegen, ist schließlich Herbst. Wie zuvorkommend die Urus sind: Auf dem Unabhängigkeitsplatz haben sie vor die Statue ihres Nationalhelden José Gervasio Artigas eine zusätzliche Stufe gebaut. Danke, sehr freundlich, wir Geschichtsfanatiker und Uns-gern-vor-großen-Männern-Verneiger sind ja doch oft schon ziemlich gebrechlich.

Schauen wir uns den Kerl auf dem Gaul jetzt mal aus der Nähe an, oder? Plötzlich: ein Ton, den man viele Jahre nicht mehr gehört hat. Damals im Sportunterricht war’s, dieser Idiot im Trainingsanzug, der sich seinen Verstand erfolgreich abtrainiert hatte. Was konnte der sich erfreuen an missglückten Turneinlagen. Und eine laute Trillerpfeife hatte er auch.

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Die erklingt jetzt wieder, gar dreimal, und ein Mann mit Schirmmütze winkt dazu – Monument betreten verboten. Aha. Man guckt noch zehn Minuten gierig zu, wie ein Tourist nach dem anderen auf die weiße Stufe steigt und zurückgepfiffen wird, und denkt an Funny van Dannen.

Drei Beobachtungen:

1. Der Argentinier ist freundlicher, wobei der Uruguayer auch nicht unfreundlich ist.

2. Der Uruguayer geht langsamer, er schleicht regelrecht, vor allem, wenn er, was er gerne tut, eine Thermoskanne mit heißem Wasser und seinen Mate bei sich trägt.

3. Wenn sich auf dem Schiff von Buenos Aires nach Montevideo eine Frau über Kinderlärm beschwert, singen der Uruguayer und der Argentinier zusammen: »¡Que se vaya, la bruja!« – »Die Hexe soll verschwinden!«

Montevideo Tour

Ein Argentinier und die Blasmusik

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich werde in Buenos Aires niemals Tangounterricht nehmen. Ich verspreche es. Ich will das keinem Argentinier zumuten, und außerdem hat die Integration auch Grenzen. Ich trinke schon mehr Mate als meine Nachbarn – und wenn er mir zu bitter schmeckt, denke ich an die Kaffeepreise in Buenos Aires. Ich komme an keinem Imbissstand vorbei, ohne mir Choripán mitzunehmen. Ich esse zum Frühstück Superpanchos und abends vor dem Schlafengehen Dulce de leche pur. Und natürlich wird Argentinien 2014 Fußballweltmeister. Wer soll uns denn bitte besiegen? Aber das Tangotanzen werde ich nicht lernen. Es spielt doch auch kein Argentinier, den es nach Deutschland verschlagen hat, Blasmusik.

Augenblick, es gibt ja einen Blasmusik-Argentinier. Martin Huss lebt mit seiner Familie in einem winzigen Dorf in Mecklenburg und trägt einen Titel, der deutscher kaum sein könnte: Landesposaunenwart. Der Sohn eines Deutschen und einer Ungarin, die 1939 nach Argentinien auswanderten, ist verantwortlich für 1300 Kirchenmusiker. Wenn er die Posaunen dirigiert, trägt er gern einen Poncho.

Mecklenburg, im Nordosten Deutschlands gelegen, ist Santa Cruz minus Pinguine und die Kirchners: eher dünn besiedelt, von Leuten, die man verschlossen, stur oder bodenständig nennt. »Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg“, hat der Reichskanzler Otto von Bismarck (1815 bis 1898) einst gesagt, „denn dort geschieht alles 50 Jahre später.« Gestorben ist er dann aber in einem Dörfchen namens Friedrichsruh, ein paar Kilometer entfernt von der mecklenburgischen Grenze.

Vor sechseinhalb Jahren, im Sommer 2006, traf ich Martin Huss, um für die Zeitung eine Geschichte darüber zu schreiben, wie sich ein Argentinier in Mecklenburg auf das WM-Viertelfinale seiner Nationalmannschaft gegen Deutschland freut. Die meisten Menschen auf dieser Welt müssen erst ein bisschen auftauen, wenn jemand von der Presse kommt und Fragen stellt. Martin Huss, gehört zu den wenigen anderen. Und so erzählte er gleich von seiner Armeezeit mit Diego Armando Maradona. Argentiniens Goldjunge hatte natürlich Wichtigeres zu tun, er musste Fußball spielen und durfte sich drücken. Der Soldat Martin Huss sah den Kameraden Diego genau zweimal: am ersten und am letzten Tag ihrer Armeezeit. Trotzdem schimpfte er nicht auf die Privilegien der berühmten Nummer 10, er verstand das vollkommen. Hätte das Genie denn seine Zeit damit vergeuden sollen, mit dem Gewehr zu schießen oder zu marschieren?

Martin Huss war der erste und einzige Argentinier, der mir in Deutschland jemals begegnet ist.  Er plauderte über sein Land, erzählte vom Asado und stellte mit zwei Kaffeetassen, einem Zuckerstreuer und einer Kastanie Traumtore der Albiceleste nach. Nach zwei Stunden in seinem Garten hatte ich, der junge Journalist, einen vollen Notizblock und hätte drei Zeitungen füllen können. Und ich war verliebt in Argentinien.

Vielleicht überlege ich mir das mit dem Tangolernen noch einmal

(Diese Kolumne ist erstmalig im Argentinischen Tageblatt erschienen.)

Reisebericht (I) : Exil in Chile

von CHRISTOPH WESEMANN

Herr T. lebt für ein Jahr in Buenos Aires. Kommt klar. Muss aber als Tourist, der er laut Reisepass ist, stets nach drei Monaten fluchtartig das Land verlassen, um wieder einreisen zu dürfen. Als Tourist. Tut das nun zum ersten Mal und wählt als Einwochenexil Santiago de Chile und Valparaíso. Wird begleitet von CW. Der ist kein Tourist, sondern Argentinier. Genauer: Porteño. Seit Juli 2012. Kennt Herrn T. kaum und Chile überhaupt nicht.

Teil 1 des Reiseberichts unserer beiden Helden

  • Sonnabend/Sonntag: Buenos Aires → Santiago de Chile

(cw) Ich mache mir Sorgen um Herrn T. Muss der Kerl eigentlich nie aufs Klo? Seit acht Stunden sitzen wir nebeneinander im Bus, unterwegs nach Santiago de Chile. Ich schlürfe Mate ohne Pause und kenne die Toilette bereits in- und auswendig. Herr T. kann trinken, ohne zu pinkeln. Ja, er ist ein bisschen jünger als ich, zehn Jahre oder so, man sieht uns den Altersunterschied nicht an. Nur beim Harndrang wird er offensichtlich.

Ich habe mir mehr von meinem Begleiter versprochen, eine Hilfe ist Herr T. jedenfalls kaum. Er versteht den nuschelnden Busbegleiter, der die Verpflegung reicht, genauso wenig wie ich. Der kommt zum Beispiel mit einer Kanne und sagt: »©€® ¥∞µƔ ƈǂƾɀ ɞɷʄῶ⁞ Ωⅎ ⌂ ∩◊◌⸗ cafe.« Herr T. schaut mich an, ich schaue Herrn T. an, wir nicken und kriegen Kaffee.

Ich erzähle Herrn T., dass ich im Argentinischen Tagebuch einen baldigen Streit zwischen uns angekündigt hätte, wir seien bereits in Verzug. Er lacht, er nimmt mich nicht ernst.

(Herr T.) Auf unserer 20-stündigen Reise nach Chile sitzen CW und ich direkt vor der Bord-Toilette. Während ich den Vorteil daraus ziehe, in aller Kürze jeden unserer Mitreisenden zu studieren, scheint CW dadurch nur inspiriert, ständig in der engen Kabine zu verschwinden.

Ich stelle fest: Wir sind die einzigen Deutschen im Bus. Pardon. Ich bin der einzige Deutsche im Bus. CW bezeichnet sich – mit stets überschwänglicher Gestik und lauter Stimme – als Porteño, als Bürger der argentinischen Hauptstadt. Ich werde dafür später den Ausdruck Überintegration verwenden.

(cw) Mitten in der Nacht, es mag vier Uhr sein, hält der Bus auf einem Bahnhofsvorplatz, um noch ein Paar einzusammeln. Ich steige kurz aus, um mir das Kribbeln aus den Beinen zu hüpfen, sehe eine Prostituierte und treffe den Busbegleiter.

»Wo sind wir?«, frage ich.

»Was?«

»Wo sind wir?«

»$&@Ω^†™#◊_Œ⸗.«

»Ah, danke«, sage ich und gehe wieder schlafen, ich versuche es jedenfalls. Die Sitzlehne lässt sich zurückklappen, es gibt ein Kissen und eine Decke, aber ein Bett ist das natürlich nicht.

(Auf der Rückfahrt mit einem anderen Bus-Unternehmen, aber das wissen wir noch nicht, wird es weder Kissen noch Decken geben. Den Mann, den wir anfangs für unseren Verpfleger halten, werden wir prächtig verstehen. Wir wissen dann nur nicht, wozu. Er verpflegt uns nämlich nicht.)

Als ich aufwache, sind wir bereits in den Anden und beginnen mit dem Aufstieg zum Grenzübergang. Die Aussicht ist atemberaubend. Links und rechts, vorne und hinten, wohin man auch schaut: Berge, Berge, Berge. Schnee auf den Kuppen. Bäche neben der Straße. Die Natur macht sich rarer mit jedem Kilometer, zieht sich zurück, spart an Farben und an Vielfalt. Die Welt ganz oben ist grau mit einigen grünen Tupfern.

Der Bus jagt durch die Kurven. Manchmal gibt es Leitplanken. Ich stehpinkele, mittlerweile zum Leidwesen meiner Schuhe, schon wieder.

(Herr T.) CW ist der einzige, der im Reisebus bei voller Fahrt versucht, seinen Mate zu trinken. Und als hätte ich es nicht geahnt – muss ich alle zwei Minuten doch irgendwas für ihn halten –, kippt ihm der Becher dreimal um. Zum Vergleich: Echte Argentinier schaffen es sogar, zu zweit auf einem fahrenden Motorroller Mate zu trinken, ohne etwas zu verschütten. Ich überquere die Grenze schließlich mit nassem Mateschlamm unter meinen Füßen.

Auf der Rückfahrt wird CW seinen Mate verlieren. Wo? Auf der Bustoilette natürlich. Der Becher rutscht ihm aus der Hand und verschwindet in den gesammelten Ausscheidungen aller Passagiere.

◊◊◊◊◊

  • Sonntagnachmittag: Santiago de Chile

(cw) In Buenos Aires, ein paar Tage vor der Abfahrt, hatte Herr T. versprochen, alles zu organisieren. Nichts, fast nichts, ist organisiert! Erst versteht man im Bus kein Wort, jetzt suchen wir eine Herberge für die erste Nacht in der chilenischen Hauptstadt. Er hat natürlich nichts reserviert, er besitzt nur einen Haufen Adressen von Hostels, die er auf dem Stadtplan aber nur mit meiner Hilfe findet. Ich komme mir vor wie Josef an Heiligabend. Herr T. könnte Maria sein, einen Bauch hat er jedenfalls. Für den bin ich genauso wenig verantwortlich wie Josef für Marias. Der Bauch heißt auf Spanisch übrigens la panza und ist feminin.

Als Herr T. duscht, schleiche ich aus dem Zimmer und hole mir auf der Plaza de Armas, dem zentralen Platz der Hauptstadt, zwei Hotdogs. In Buenos Aires heißen sie panchos, hier completos, und sie werden mit Avocadocreme gereicht. Ich verschlinge sie und bewundere meinen Magen: erst die Anden rauf, dann die Anden runter, jetzt zwei Hotdogs, umspült von einer eiskalten Cola. Respekt, Magen!

(Herr T.) Statt des günstigen Achtmannzimmers musste es natürlich die Suite für Ehepaare sein. 60 Euro die Nacht. Santiago ist eine Millionenstadt. Es gibt dutzende Hostels. Wer öfter reist, weiß, dass man gar nicht zu reservieren braucht. CW weiß das nicht. So forderte er nach einem Örtchen für seine Notdurft sofort absolute Ortskenntnis. Abgesehen vom Kauf des Stadtplanes machte sich CW selten nützlich. Während ich die Konditionen der Zimmer erfragte, betonte er nur stets Porteño zu sein, was in Chile aber nicht sonderlich hilfreich ist. Sowohl Argentinier als auch Chilenen halten sich für was Besseres. Wahrscheinlich haben wir deshalb auch das Honeymoon-Zimmer bekommen. CW meckerte, ich resignierte. Es gab zwei Kissen, aber nur eine Decke. Ich überließ sie ihm mit Freuden. Hauptsache, ein richtiges Bett nach der langen Busfahrt. Endlich entspannen!

(cw) Ich schlafe nicht mit sechs fremden Männern und einem Deutschen in einem Zimmer. Ich bin fast 35 Jahre alt. Ich mache das nicht mehr. Ja, ich hätte das wohl auch mit 25 nicht gemacht. Bei acht Männern in einem Zimmer sind garantiert zwei dabei, die laut schnarchen und mich um den Schlaf bringen, den ich in meinem fortgeschrittenen Alter brauche.

(Herr T.) Ich muss CW in der Nacht mehrmals boxen. Er schnarcht. Unter der dicken Tagesdecke ist es wahnsinnig heiß.

◊◊◊◊◊

  • Montag: Santiago de Chile

(cw) Wir wollen mit der Seilbahn hinauf auf den San Cristóbal, den Hügel über Santiago, benannt nach dem Heiligen Christophorus, nach dem ich ja auch benannt bin. 880 Meter über dem Meeresspiegel steht die Statue der Jungfrau Maria. Der Papst war auch schon da: Johannes Paul II. hat 1987 eine Messe gehalten.

Ich glaube ja nicht, dass sich Herr T. traut, er wird kurz vor Abfahrt eine Zerrung in der Achselhöhle vortäuschen, dieses Wohlstandskind. Ich habe im Juli 2009 mit der Krimseilbahn den Ai-Petri – Gipfelkreuz auf 1234 Metern – bezwungen. Drei Kilometer durch die Lüfte! Erbaut in nur 20 Jahren! Sowjetische Ingenieurskunst!

An der Kasse dauert‘s länger, Herr T. scheint zu verhandeln, wahrscheinlich versucht er den Preis zu drücken, der Pfennigfuchser, oder er hat – versehentlich, na klar – Karten für den Zoo nebenan gekauft und kann die jetzt nicht umtauschen.

Er kommt wieder und täuscht Niedergeschlagenheit vor. Die Seilbahn wird repariert, also ist jedenfalls kaputt. Uns bleibt nur der Bus hinauf.

(Herr T.) Da bin ich einmal in meinem Leben in Santiago und will mit der Seilbahn fahren. Sie ist kaputt. Schmollend esse ich meine Bananenchips – ein Überbleibsel meiner Flugreise nach Buenos Aires – und biete CW welche an. Er spuckt sie aus.

Oben angekommen, vergesse ich meinen Kummer. Der Ausblick ist wunderbar. Wir sind keine 1000 Meter über der Stadt, aber können alles überblicken. Hinter uns thront die 22 Meter hohe Statue der Jungfrau Maria, ein Krippenspiel ist aufgebaut. Ich versuche, den Ausblick zu genießen und Fotos zu machen. CW zerstört die Idylle: »Ich will eine Cola!«, schreit er, sichtlich schwitzend, den Abhang hinab. »Mach mal ein Foto von mir«, fordert er, »meinen Rücken vor dem Panorama.« Ich knipse ein paar Fotos. CW ist nicht zufrieden: »Was machst du denn? Da ist ja meine Nase mit drauf. Ich zeig dir mal, wie ich das meine. Stell dich da mal hin!« Er fotografiert mich, zeigt mir, wie er es haben will. Ich verstehe. Er will seinen Zinken auf keinem Bild wiederfinden. Dann halt nur Bilder vom Hinterkopf. Ist vielleicht auch besser so. Ich fotografiere, wie befohlen und … CW ist nicht zufrieden. »Warum sehe ich nicht so cool aus wie du?«, fragt er. Es wird das einzige Kompliment sein, das ich je von ihm höre.

Bereits beim Umzug von einer Schlafmöglichkeit in die andere haben wir festgestellt, dass es in Santiago von Deutschen nur so wimmelt. Alleine in unserem neuen Hostel arbeiten vier deutschsprachige Mädchen. Und auch auf dem Hügel treffen wir eine Deutsche, die uns nach längerem Smalltalk ein Restaurant empfiehlt. Durch die Anwesenheit der Deutschen fühlt sich CW belästigt. Anscheinend hat er Angst, dass ihm niemand seine Porteño-Masche abkauft, wenn er unter Deutschen wandelt. Zu seinem Glück werde ich durch meinen Akzent immer für einen Franzosen gehalten.

(cw) Der Franzose muss endlich etwas Vernünftiges essen! Nicht immer nur diese Bananenchips, die nach gepressten Holzspänen schmecken und auch so aussehen. Wenn er nichts gegessen hat, ist er so empfindlich. Nachdem wir den San Cristóbal hinabgestiegen sind, spendiere ich ihm erst mal zwei completos.

(Herr T.) Wie CW completos isst, hat was Groteskes. Japsend, mehr schluckend als kauend, braucht er für einen ganzen completo keine 60 Sekunden.

(cw) Wir laufen ein bisschen durch die Innenstadt von Santiago. Ich kaufe für umgerechnet zwölf Euro einen Sonnenhut, den ich auf der Rückreise nach Buenos Aires irgendwo verlieren werde. An jeder Straßenkreuzung fährt Herr T. mit seinem Zeigefinger über den Stadtplan, den er danach immer wieder ordentlich zusammenfaltet, ehe er an der nächsten Straßenkreuzung … Er kann nicht loslassen. Ich lasse mich an fremden Orten treiben. Ich bin quasi überall zu Hause.

(Herr T.) Überall zu Hause? Der hässliche Hut – den ich bezahlen musste, weil CW kein Geld hat – lässt jeden Einwohner Chiles sofort erkennen, dass er Tourist ist. Wenn er dann wild fuchtelnd behauptet, Argentinier zu sein, müssen sich diese schon fast beleidigt fühlen. Bevor wir uns zum Abendessen aufmachen, brauchen wir eine Pause im Hostel. Besser gesagt, CW braucht eine Pause, er ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Außerdem ärgern ihn seine Zweiminutencompletos vom Nachmittag ein bisschen.

Wir stehen schließlich vor einem Frisör und sind verwirrt. Hier soll man essen können? In der Tat! Ein Seiteneingang führt uns zu einem schicken und verwinkelten Restaurant. Wir kriegen die Karte und verzweifeln. Mein Wortschatz erweitert sich zwar täglich, aber Meerestiere gehören (noch) nicht dazu.

(cw) Ich neige zum Carpaccio del pulpo. Frage vorher Herrn T., was das für ein Tier sein könnte.

(Herr T.) Ich bitte den Kellner, mir auf Spanisch zu erklären, was ein pulpo sei. Er formt die Hände so, als würde er einen Ball halten. »Un calamar«, sagt er und schaut mich an. Dann grinst er, reißt seine Augen weit auf. Wahnsinn funkelt auf. »Un calamar grande«, wiederholt er. »Gra-Gracias«, stottere ich leicht eingeschüchtert und bestelle Seehecht.

(cw) Ich nehme Riesenkrake, natürlich.

Fortsetzung folgt


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Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

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