Archiv für das Thema ‘Fußball’

Ein Nachmittag beim 87-Jährigen

von CHRISTOPH WESEMANN

Montevideo/UruguayRiver Plate − weder verwandt noch verschwägert mit dem gleichnamigen Klub aus Buenos Aires − empfängt Atlético Juventud de Las Piedras. Sí, sí, sí, erste Liga Uruguay, ¡señoras y señores! Sekunden vor dem Anpfiff werden noch schnell zwei Wohnzimmerstühle quer über den Platz zur Bank des kleinen Hauptstadtvereins getragen. Mach hinne, viejo, wir sind heiß! So hat’s nicht mehr gekribbelt, seit wir damals mit der Steffi im Sandkasten … aber sie musste dann leider weg, wg. Frühschicht.

Die mitgeschleppten Kinder missbrauchen das olle Stadion Saroldi (87) als Abenteuerspielplatz. Klettern, krabbeln, hüpfen. Och, jetzt hat sich die Viereinhalbjährige den Kopf gestoßen. Tja, ich hatte doch vorhin gesagt: Aufpassen, Leute.

Einer der Ordner will wissen, ob [irgendeinen Namen einsetzen] Argentinier sei. Wer? Ach so, der. Keine Ahnung, glaube nicht.

Er freut sich riesig, als er hört, dass er gerade mit einem Deutschen spricht (den er wegen des Akzents zunächst irrtümlich für einen Franzosen gehalten hat). In der Halbzeitpause analysieren wir tiefgründig die deutsche Geschichte 1933ff.

Er muss jetzt irgendwas erledigen, will aber noch eine letzte Frage loswerden:

»Was zum Teufel wollt ihr hier?«

Gute Frage.

♦♦♦♦♦♦

Estadio Parque Federico Omar Saroldi
Eröffnung: 1928
Fassungsvermögen: 5165
Eintritt: 300 uruguayische Pesos (8,59 Euro; Kinder bis zwölf kostenlos)
Endstand: 0:0
Zuschauer: 1000 (laut der Zeitung El País)

Ankunft im Exil: Der förmliche Dicke, ein Elternabend und die Latina von gegenüber

von CHRISTOPH WESEMANN

Montevideo/Uruguay ♦ Donnerstagmorgen. Zeitungslektüre. Der Außenminister der sozialistischen Regierung verlangt von Venezuelas ebenfalls sozialistischem Präsidenten Nicolás Maduro, dass er die Schulden für die gelieferten Lebensmittel endlich bezahlt, es geht um 75 Millionen Dollar. Man fühle sich in seiner »Gutmütigkeit ausgenutzt«. Zudem haben heute 222 935 Oberstufenuruguayer keinen Unterricht, weil ihre Lehrer streiken. Einer von ihnen hatte eine Rauferei unter Schülern schlichten wollen und war dabei beleidigt und geschubst worden. Der Außenminister knöpft sich gleich noch die Pisa-Studie vor, deren Untersuchungsmethode er anzweifelt.

Ist es denn so wichtig, dass die Kinder mit dem Bleistift rechnen können, wenn sie doch Taschenrechner haben? Macht einer von Ihnen eine Division mit dem Bleistift?

Das hat er, berichtet El País, am Vortag auf einem Forum gefragt und seinen Zuhörern eine knifflige Aufgabe gestellt: »542 geteilt durch 24.«

Ist ganz schön was los in meiner neuen Heimat, nicht wahr? Ich glaube, ich lege mich noch ein bisschen … oh Wahnsinn: Am Abend empfängt Uruguays Großklub Nacional in der Copa Libertadores Palmeiras. Das Hinspiel in São Paulo war der Hammer.

Auf zu Redpagos. Wo der Uruguayer seine Strom-, Gas-, Telefon- und Sonstwas-Rechnungen bezahlt, die ihm der Postbote vorbeibringt. Redpagos verkauft auch Eintrittskarten für Konzerte und Fußballspiele.

Heute aber nicht. Darum.

Dann eben direkt zur Quelle. Der Kioskbesitzer nennt mir die Buslinie (329) und malt auf die Rückseite eines Kassenbons eine Wegbeschreibung von der Haltestelle zur Geschäftsstelle des Club Nacional de Football. »Hier vorne an der Ecke steigst du ein. 3-2-9.«

weg

Gerade fällt mir ein, ich soll ja am Abend zur Elternversammlung der fast Siebenjährigen. Keine Ahnung, was es drei Wochen nach Schulanfang schon so Wichtiges zu besprechen gibt. Die Lehrerin wird sich kurz fassen, denke ich. Ich kenne sie zwar bloß vom Hola-Winken am ersten Tag und weiß nicht einmal, wie sie heißt, was freilich auch zu viel verlangt wäre, ich habe schließlich drei Kinder. Ich dachte neulich, ich hätte mit ihr telefoniert, wegen irgendeiner Sache, die ich ebenfalls schon wieder vergessen habe. Aber das war die Klassenlehrerin des Zehnjährigen. Der Zehnjährige hat’s mir später bestätigt. Bislang jedenfalls hat sie uns in Ruhe gelassen, und das ist für mich die Kernkompetenz eines Pädagogen.

Die Eltern in Montevideo aber wirken irgendwie übermotiviert.

»Señor, buen día, qué tal, ich will ’ne Karte, bin ich hier richtig?« Der Dicke, der die Eingangstür des Vereinsheims von Nacional bewacht, schüttelt den Kopf und sagt, ihm lägen »keinerlei Informationen vor über die Modalitäten des Eintrittskartenverkaufs am heutigen Tage«. Alter, förmlich kann ich auch: »Hä?«

Ich soll es mal am Ticketschalter versuchen, er beschreibt den Weg und flüstert mir hinterher: »Wenn du keine Karte mehr bekommst, sprich mich nachher noch mal an. Vielleicht kann ich eine besorgen.«

Parque Central, Montevideo

> Parque Central, das Stadion des Club Nacional de Football

In der Schlange handeln sie eifrig mit Gerüchten.

»Alles ausverkauft, habe ich gehört.«

»Nein, gestern Abend haben sie gesagt, heute würden um 10 Uhr noch Karten verkauft.«

»Es ist zehn nach zehn, du Depp, und keine Sau sitzt am Schalter.«

»Mir wurde gesagt, es sollte noch welche bei Redpagos geben.«

»Redpagos ist der letzte Scheiß, amigo.« Die Schlange gibt mir in diesem Punkt absolut recht.

Die Frau vor mir, Nummer 34, Mate in der Hand, Thermosflasche unterm Arm, schwört, sie werde sterben, sollte sie es nicht ins Stadion schaffen. Und ich erst, señora! Plötzlich schreit der Bursche hinter mir in sein Telefon, er hat offenbar jemanden vom Verein dran: »Gestern Abend haben sie uns gesagt, dass heute … « Sekunden später legt er auf.

Feierabend. Keine Karten mehr.

Der Dicke von der Geschäftsstellenpendeltür erkennt mich wieder und speichert meine Nummer in seinem Telefon. Er werde einen Freund fragen, ob der eine Karte verkaufen wolle, angeblich sogar ohne Aufpreis. »Wenn dich keiner anruft, klappt es nicht.«

»Wann kann ich denn mit einem Anruf rechnen?«

»So um sieben, halb acht.«

»Mitten im Elternabend.«

»Was?«

»Perfekt. Anstoß ist um Viertel vor zehn?«

»Genau.«

»Gracias, querido.«

Also, das wird ganz sicher nix. Der Typ wirkt viel zu wenig verschlagen.

Ich will jetzt aber unbedingt zu diesem Scheißspiel. Von dem ich heute Morgen noch gar nichts wusste.

Meine letzte Hoffnung heißt Jorge. Jorge ist Vereinsmitglied von Nacional, und ich habe ihn schon mal begrillt, wir sind also Freunde. Eine warme südamerikanische Nacht. Vollmond. Zwei Kerle allein auf der Terrasse. Vor einem Haufen Fleisch. Von unten der hochblubbernde Verkehr. Gegenüber die eine Latina, die ganz zufällig vergessen hat, die Vorhänge zuzuziehen. Jorge verspricht, er werde sich umhören, und schickt fünf Minuten später eine Nachricht:

Mein Bruder hat seinen Stammplatz leider schon abgetreten. Aber der Onkel seiner Freundin hat eine Loge. Wenn er es schafft, mit ihm zu sprechen, sagt er mir Bescheid.

Whatsapp

Da war ja selbst die Kartenbeschaffung in Argentinien für Spiele der Boca Juniors weniger umständlich. Der Onkel der Freundin des Bruders meines Freundes, den ich seit sechs Wochen kenne – über mehr Ecken geht ja kaum.

Respekt, Uruguay. Ich denke, wir werden miteinander klarkommen.

Argentinien vor der Stichwahl (2): Mit Chewbacca, Bambi und der Mutter von McFly gegen die Angst

von CHRISTOPH WESEMANN

Doch, doch, witzig ist er, der Wahlkampf um die Präsidentschaft. Argentinier haben ja einen speziellen, sehr flinken und oft abgründigen Humor, der ihnen hilft, all den Irrsinn, der sie umgibt und zu dem sie natürlich selbst viel beitragen, erträglicher zu machen. Aber alles, was war, ist nichts gegen das, was nun kommt.

Vor Argentinien liegen nämlich – von heute an gezählt – noch 36 unbeschwerte Tage. Am 22. November wird ein neuer Präsident gewählt, und wenn der liberal-konservative Hauptstadtbürgermeister Mauricio Macri den linkspopulistischen Regierungskandidaten Daniel Scioli besiegt, beginnt mit seinem Amtsantritt am 10. Dezember unverzüglich der Untergang des Landes. Sagt die Regierung. Dann kürzt der neue Präsident das Kindergeld und streicht die staatlichen Hilfen für Arme, er nimmt den Leuten auch Fútbol para Todos (Fußball für Alle) weg, die kostenlose Live-Übertragung der Ligaspiele, und sieht gleichgültig zu, wie die Arbeitslosigkeit steigt, die Löhne sinken und der Peso an Wert verliert. Es gefällt ihm sogar.

Vor allem aber privatisiert Macri alles. Wirklich alles.

Macri grupo

> Scherz auf Whatsapp: Macri ist der Gruppe beigetreten. – Macri hat die Gruppe privatisiert.

Und nicht einmal dabei belässt er es. Wenn Macri gewinnt,

  • heiratet die Mutter von McFly Biff;
  • wird der Toast auf die Seite mit der Marmelade fallen;
  • fängt Wile E. Coyote Road Runner;
  • machen sie aus Bambi Pastete;
  • trinkt das Baby nicht mehr aus deiner Brust;
  • verlangt Chewbacca von dir, dass du ihn kämmst;
  • wird dir dein Hund nicht mehr das Stöckchen holen;
  • enthält das Überraschungsei keine Überraschung mehr;
  • lässt dich Rexona im Stich.
Bu

> Wenn Macri gewinnt, verlangt Chewbacca von dir, dass du ihn kämmst. Foto: Campaña Bu/Facebook

Es ist genial, wie die Facebook-Gruppe Campaña Bu (Motto: »Mit Angst wählst du besser«) vermeintlich die Wahl der Regierung empfiehlt, um genau das nicht zu erreichen. Auf einer anderen Seite im Netz werden falsche Nachrichten verbreitet, die behaupten, Macri sei verantwortlich für das Verschwinden der Dinosaurier, er plane, den Buchstaben K (für kirchnerismo) aus dem Wörterbuch zu entfernen, werde die Siesta verbieten und stehe unter dem Verdacht, Schneewittchen vergiftet zu haben.

Witzig also ist der Wahlkampf. Aber das kann er nur sein, weil er zugleich schmutzig ist. Das eine bedingt das andere, der Witz ist die Antwort auf den Schmutz. Die Regierung von Cristina Kirchner versucht gerade, und zwar ganz ernsthaft, den Oppositionskandidaten in einen Alleskaputtmacher zu verwandeln. Von Stärke zeugt das nicht, im Gegenteil: Wer Angst schürt, fürchtet sich bekanntlich selbst, Machtwechsel bedeutet eben auch Machtverlust. Eine Regierung, der nach zwölf Jahren Herrschaft als Werbung für sich selbst nichts Besseres einfällt als das Warnen vor der Zeit ohne sie, misstraut ihrer Bilanz. Auch Meinungsforscher und Politikwissenschaftler glauben übrigens, dass die Angstkampagne zum Bumerang werden könnte.

Doch die Angst ist so etwas wie die letzte Patrone, die der Kirchnerismus noch hat vor der gefürchteten Stichwahl. Denn ein Zusammengehen mit den peronistischen Rebellen um Sergio Massa wird es wohl nicht geben. Massa, mit 21 Prozent der Drittplatzierte des ersten Wahlgangs vom 25. Oktober, hat sich festgelegt: Für den Regierungsmann Scioli wird er nicht stimmen. Das bedeutet im Umkehrschluss, wenngleich er es nicht ausdrücklich sagt, dass er Macri will. Wie viele seiner mehr als fünf Millionen Wähler ihm folgen, lässt sich schwer sagen. Klar ist aber, dass diese Masse auf Präsidentensuche die Wahl entscheidet.

Verglichen mit den cleveren Gegenkampagnen im Netz, die das Angstmachen übertreiben und die Angstmacher lächerlich machen, wirkt das, was der Kirchnerismus den Wählern auftischt, plump und einfallslos. Mit Macri, das ist die Kernbotschaft, kehrt der Neoliberalismus der neunziger Jahre zurück, die berühmte Epoche von Pizza y Champagne, als es scheinbar Geld im Überfluss gab, weil Präsident Carlos Menem Staatsbetrieb um Staatsbetrieb verscherbelte. Das Ende ist bekannt: erst Urlaube in Miami und ein Leben in Saus und Braus für die Mittelschicht, dann 2001 Staatspleite, Chaos, Straßenschlachten, Tote, Elend. Man hat es nicht vergessen – und auch nicht, dass es die Kirchners waren, unter denen es seit 2003 wieder eine ganze Weile bergauf gegangen ist. Deshalb wird Macri den Argentiniern als neuer Menem verkauft, als Schreckgespenst und Mann von gestern. Das Volk soll bitte glauben, dass seine Ideen das Land zurück in diese Vergangenheit führten.

Diese Argumentation hat freilich drei – mindestens drei – Schwächen: Erstens hat nicht Macri in den neunziger Jahren an der Seite Menems gestanden, sondern sein aktueller Gegner Daniel Scioli, der damals von eben diesem Präsidenten in die Politik geholt wurde und ihn bald darauf als Abgeordneter »mit Krallen und Zähnen« verteidigte, genau wie Cristina Kirchner übrigens; zweitens hat sich Menem selbst gewandelt, heute ist er: Kirchnerist; und drittens ist Macri erst seit 2003 politisch aktiv.

Villa 31, eines der großen Elendsviertel der Hauptstadt

> Villa 31, eines der großen Elendsviertel der Hauptstadt

Oder auch das: Macri bringe die Armut zurück nach Argentinien, behauptet die Regierung, die sich seit zwei Jahren nicht mehr traut, sie zu messen, wohl aus gutem Grund. Unabhängige Studien gehen davon aus, dass die Armut wieder wächst, sie soll sogar das Niveau der neunziger Jahre erreicht haben – trotz all der Sozialprogramme, die der Kirchnerismus aufgelegt hat, trotz des Kindergeldes, das ständig erhöht werden muss, damit es von der Inflation nicht aufgefressen wird. Und der Peso, der mit Macri angeblich an Wert verlieren würde, verliert ja schon Monat für Monat an Wert. »Die Frage ist, warum die Armen nach so vielen Jahren mit günstigen internationalen Rahmenbedingungen für Argentinien so viel Angst haben sollen, noch ärmer zu werden«, meint der Rechtsprofessor Ezequiel Spector. »In wirklich prosperierenden Ländern sind Regierungswechsel nicht traumatisch. Man feiert die Demokratie und die Alternative.«

Gewiss, man weiß nicht, was mit Macri kommt, er selbst hat über seine Pläne bislang auch wenig verraten; seine Versprechen sind eher vage: Wandel, Arbeitsplätze und Investitionen aus dem Ausland. Und es ist keineswegs ausgemacht, dass es den Argentiniern – oder zumindest dem Großteil – besser gehen wird als jetzt, wenn er regiert. Nur: Schlau wird man ja aus sowieso immer erst aus der Regierung und nie aus den Kandidaten.

Ein kultureller Wandel ist jedoch wahrscheinlich. Fútbol para Todos wird Macri wohl nicht antasten − er bestätigte damit ja alle Vorurteile, er mache Politik für die Reichen. Versprochen hat er aber, die kostenlosen Live-Spiele nicht als Dauerwerbesendung für die Regierung zu nutzen, wie es der Kirchnerismus seit Jahren tut. Auch die Fernsehansprachen mit Überlänge − vor einer Woche redete die Präsidentin 168 Minuten − sollen ein Ende haben.

Sein Kontrahent Scioli repräsentiert dagegen − kulturell betrachtet − eher schlechte argentinische Angewohnheiten. Die Präsidentschaftsdebatte Anfang Oktober, die erste in der Geschichte des Landes, hat er als einziger der sechs Kandidaten geschwänzt. Dies zeige, so schreibt Pablo Sirvén in der Zeitung La Nación, »dass er nicht toleriert, oder es ihm Angst macht, dass andere anderer Meinung sind als er«. Obendrein, so Sirvén, »verwechselt er den Staat mit sich selbst«. Gemeint ist: Der Gouverneur begreift sich als Eigentümer der Provinz Buenos Aires, die er seit acht Jahren regiert. Und schließlich könne man bei Scioli noch »ein anderes Kennzeichen peronistischer Anführer ausmachen: die Vetternwirtschaft«. Tatsächlich ist die Politik am Río de la Plata voller Ehefrauen und Ehemänner, Schwestern und Brüder, Söhne und Töchter, Schwager und Schwägerinnen, Cousins und Cousinen, die nicht nur Beiwerk sind, sondern selbst nach Ämtern streben, als wären’s Erbgüter.

Sciolis Frau, das Ex-Model Karina Rabolini, führt als Präsidentin die Bank-Stiftung der von ihrem Mann regierten Provinz. Sein Bruder José, genannt Pepe, spielt als Wahlkampfstratege eine wichtige Rolle. Lorena, die Tochter, die der einstige Motorbootrennfahrer erst nach 15 Jahren anerkannt hat, zieht als »Fahnenträgerin« von Desarrollo Argentino, der Denk- und Spendensammelfabrik ihres Vaters, durchs Land. Man sollte eher nicht erwarten, dass Daniel Scioli nach dem Einzug in den Präsidentenpalast diesen Familienbetrieb auflöst.

Eine Angst-Kampagne gegen Macri hat er in dieser Woche bestritten. Sie war vielleicht nicht seine Idee, Scioli ist eher kein Raufbold, er hat den politischen Nahkampf immer gescheut. Mindestens jedoch fehlt ihm die Autorität, einzuschreiten und einen anderen Weg vorzugeben. Nicht einmal jetzt, so kurz vor der Stichwahl, ist er die starke Figur des Kirchnerismus. Die sitzt − noch − im Präsidentenpalast.

Kirchner in der Casa Rosada

> Cristina Kirchner bei ihrer 168 Minuten lange Rede im Präsidentenpalast                         Foto: Casa Rosada

In ihrer langen Rede am vergangenen Donnerstag erwähnte die Amtsinhaberin Scioli mit keinem Wort − dafür dessen Rivalen: Macri »denkt, dass Homosexualität eine Krankheit sei«, sagte Kirchner. Am Sonntagabend, als Argentinien vor dem Fernseher saß, um zu schauen, wie Boca seine 25. Meisterschaft holt, wurde in der Spielpause von Fútbol para Todos ein Spot ausgestrahlt. »Macris Wirtschaftsplan ist der gleiche wie der der Militärdiktatur«, verkündete eine Stimme.

Alles sauber? Kein Schmutz?

Am Abend zuvor, bei einer anderen Partie, hatte einer der ultrakirchneristischen Kommentatoren in der Halbzeit gesagt: »Alle Tore gehören weiter allen … weil du sie nicht den Propheten des Hasses zurückgeben wirst, nicht?« Der Satz, eine Blutgrätsche mit Anlauf, legte nahe, dass unter dem Präsidenten Macri der Fußball wieder – wie vor 2009 – im Bezahlfernsehen ausgestrahlt werde.

Am Dienstag twitterte der Gesundheitsminister, von dem man gar nicht wusste, dass es ihn überhaupt gibt, die zwölf neuen Krebstherapiezentren »bleiben bestehen, wenn Scioli Präsident ist. Überleg dir deine Wahl gut«. Bald darauf löschte er den Tweet und klagte, sein Account sei gehackt worden.

Alles friedlich? Keine Angst?

Macri erzählte im Radio übrigens: »Meine Tochter Antonia hat mich gefragt, ob es wahr sei, dass die Überraschungseier keine Überraschung mehr haben werden, und ich musste ihr sagen, dass es nicht stimmt und sie sich keine Sorgen machen soll.«

Auch das war, natürlich, nur ein Witz.

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Weitere Texte zur Präsidentschaftswahl im Argentinischen Tagebuch:

Die Komödie vom kleinen Pipi eines Hurensohns und den großen Sorgen des Neunjährigen

von CHRISTOPH WESEMANN

Buenos Aires, Argentinien, früher Nachmittag. Ein Vater und sein neunjähriger Sohn auf dem Heimweg vom Fußballtraining

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ERSTE SZENE

SOHN. Ich habe heute zwei golazos1 geschossen, Papa.

VATER. Echt? Toll! Du hast natürlich auch einen brillanten Trainer.

SOHN. Ja, der ist ganz gut.

VATER. Ich meinte mich, wir üben ja fast jeden Sonntag im Park.

SOHN. Ach so. Ja.

Fußball im park

VATER. Ich bin trotzdem sehr stolz auf dich.

SOHN. Ohne mich hätte meine Mannschaft heute verloren.

VATER. Sag so was nicht.

SOHN. Doch, das stimmt. Die anderen haben vierdrei geführt, und dann habe ich kurz vor Schluss zweimal getroffen.

VATER. Aber so denkt nur ein hijo de re re re re contra mil puta2, wie dieser Cristiano Ronaldo.

SOHN. Weil der einen kleinen Pipi hat.

VATER. Das kannst du gar nicht wissen.

SOHN. Das hast du mir aber mal erzählt.

VATER. (überlegt) Der ist wirklich winzig.

Trikot des 2010 verstorbenen Ex-Präsidenten Néstor Kirchner (Fan von Racing Club), das dieser gern beim Kicken trug; Ausstellungsstück im Museum del Bicentenario

> 100 Prozent Kirchnerist: das Trikot des 2010 verstorbenen Ex-Präsidenten und Racing-Fans Néstor Kirchner, das dieser gern beim Kicken mit seinen Freunden trug (ausgestellt im Museo del Bicentenario)

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ZWEITE SZENE

SOHN. (geht an einer Baustelle vorbei) Warum wird denn gerade so viel gebaut in Buenos Aires?

VATER. Keine Ahnung. Vielleicht wegen der Präsidentschaftswahl. Cristina Kirchner will, dass alles hübsch aussieht.

SOHN. Dauert es noch lange bis zur Wahl?

VATER. 38 Tage. Am 25. Oktober wird gewählt.

SOHN. Will Cristina wieder Präsidentin werden?

VATER. Sie darf nicht.

SOHN. Nein?

VATER. Nein, die argentinische Verfassung erlaubt nur zwei Amtszeiten am Stück.

SOHN. Mmmhh.

VATER. Also acht Jahre.

SOHN. (sorgenvoll) Und der neue Präsident, Papi, macht der dann alles kaputt, was Cristina gebaut hat?

VORHANG

  1. Traumtore []
  2. in etwa: verdammter, verfluchter Scheißdreckmisthurensohn []

La comedia del zombi y el cervecero

von CHRISTOPH WESEMANN

Argentina, Capital Federal, son las 17 de la tarde. Una familia típica alemana. Padre y tres hijos menores de edad. La mamá está de viaje. Es el tercer día de su ausencia. Los dos hijos mayores acaban de volver de su colegio.

PADRE. Gracias. ¡Hasta mañana!

CHOFER DE LA COMBI. ¡Hasta mañana! (se va)

PADRE. ¿Cómo les fue en el colegio, muchachos?

HIJA. Bien.

HIJO. Bien.

PADRE. Bien.

HIJO. Mañana me pongo una camiseta del fútbol.

Quilmes

PADRE. ¿La blanquita de Quilmes? ¿La camiseta más hermosa del mundo? ¡Qué grande! Sabés que, somos el equipo del momento en Argentina. ¡Cinco victorias consecutivas! Cinco. No lo puedo creer. Ningún DT nuevo de Quilmes logró ganar sus cinco partidos primeros. Facundo Sava es un genio de puta madre. Yo lo banco mucho. ¡Ojo! Ahora faltan nuevo partidos, todo es posible. O mejor dicho: casi todo. A San Lorenzo y Boca no vamos a alcanzar pero

HIJO. … Papá …

PADRE. … las gallinas de mierda están a nuevo puntos. Si terminamos el torneo quinto me vuelvo loco, ¡carajo! Hay que esperar. Y yo tengo mucha fe. Escúchame, el sábado …

HIJO. … Papá …

PADRE. … le vamos a romper el culo a los putos de Temperley. Y nosotros estaremos en la cancha, alentando a nuestro querido cervecero, eh.

quilmes 2

Quilmes 3

HIJO. ¡Papaaaaaaa!

PADRE. ¿Qué? ¡Hablá!

HIJO. Me voy a poner la camiseta del Bayern Múnich mañana.

PADRE. ¡Olvidalo! Vos vas a vestir tu uniforme, como corresponde.

HIJO. ¡Pero puedo! En mi clase de castellano estamos hablando del futuro. Del mundo en 20 años. Quiénes vamos a ser. Que harémos. Esas cosas. Y por eso mañana nos debemos parecer a la persona que queremos ser más adelante.

PADRE. Y vos en 2035 serás …

HIJO. … futbolista.

PADRE. En el Bayern.

HIJO. Sí. Delantero.

PADRE. (murmura) Yo fracasé en la educación. Es evidente que fracasé totalmente.

HIJO. ¿O podría ir mañana al colegio también como zombi?

PADRE. Mejor. Mucho mejor.

HIJO. Pero me tendrías que ayudar con el disfraz y el maquillaje.

PADRE. Flaco, ¿me estás jodiendo o tengo cara de maestra jardinera? Estoy solo, con vos y tus dos hermanitas locas, Mamá está de viaje, ¿no recordas o te mando un fax?

HIJO. Sí.

PADRE. Entonces, ponete la camiseta. ¡Basta!

HIJA. (entusiasmada) Papi, cuando yo será grande voy a jugar en Quilmes, de verdad. Pero quiero ser arquera.

PADRE. (en voz baja) Lo que faltaba.

HIJA. ¿Qué?

PADRE. Gracias, mi amor, eso es un consuelo enorme. Me haces muy feliz.

El padre se pone a llorar.

-FIN-

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Otros textos en castellano

Die Komödie vom Zombie und der Bayernsau

von CHRISTOPH WESEMANN

Buenos Aires, 17 Uhr. Eine deutsche Familie in Argentinien. Ein Vater. Die Mutter auf Dienstreise. Der Große (9) und die Mittlere (6) sind gerade mit dem Schulbus angekommen.

VATER. Gracias. ¡Hasta mañana!

BUSFAHRER. ¡Hasta mañana! (fährt ab)

VATER. Wie war die Schule, Leute?

TOCHTER. Gut.

SOHN. Gut.

VATER. Gut.

SOHN. Morgen ziehe ich ein Fußballtrikot an.

Quilmes

VATER. Das weiße von Quilmes? Das schönste Trikot der Welt? Cool. Wir sind die Mannschaft der Stunde, weißt du ja. Fünf Siege in den letzten fünf Spielen. Fünf! Hat vorher noch kein neuer Trainer von Quilmes geschafft. Facundo Sava ist ein verdammtes Genie, sag ich dir. Die halbe Saison lang verlieren wir fast jedes Spiel, dann kommt er, und plötzlich gewinnen wir. Und pass auf, es sind noch neun Spiele, alles ist möglich. San Lorenzo und Boca holen wir nicht mehr ein, aber  …

SOHN. … Papa …

VATER. … bis zu den Hurensöhnen von River Plate sind es nur neun Punkte. Platz fünf wäre Wahnsinn. Am Sonnabend …

SOHN. … Papa …

VATER. … reißen wir erst mal Temperley den Arsch auf. Und wir sind natürlich dabei. ¡Vamos a la cancha!

quilmes 2

> Choripán-Stand vor dem Stadion des Quilmes Atlético Club

SOHN. Paaaaaaapaaaaaa!

VATER. Was?

SOHN. Ich ziehe mein Bayerntrikot an.

VATER. Du ziehst schön deine Schuluniform an, mein Freund! Wie sich das gehört in Argentinien.

SOHN. Aber ich darf. Wir reden in der Schule gerade über die Zukunft. Was in 20 Jahren ist. Was wir dann machen. Meine Lehrerin sagt, wir sollen morgen aussehen wie die Person, die wir in 20 Jahren sein wollen.

VATER. Und 2035 bist du …

SOHN. … Fußballprofi.

VATER. Bei Bayern.

SOHN. Ja. Im Sturm.

VATER. (murmelt) Ich habe versagt. In der Erziehung. Komplett versagt.

SOHN. Ich kann auch als Zombie gehen.

VATER. Besser. Viel besser.

SOHN. Dann musst du mir beim Verkleiden und Schminken helfen.

VATER. Ich bin allein mit euch dreien, schon vergessen?

SOHN. Nein.

VATER. Ich werde einen Teufel tun. Du gehst als Bayernsau und basta.

Quilmes 3

> Mit der Quilmes-Legende Rodrigo el Chapu Braña

TOCHTER. (aufgeregt) Papi, ich spiele für Quilmes, wenn ich groß bin. Wirklich. Ich will aber ins Tor.

VATER. (leise) Auch das noch.

TOCHTER. Wie bitte?

VATER. Danke, mein Schatz, du machst mich gerade ganz glücklich.

Der Vater fängt leise an zu weinen.

VORHANG.

Aus dem Leben eines Chauffeurs

von CHRISTOPH WESEMANN

Die Frau ist wieder verdienstreist, also passiert heute etwas, weil ja immer etwas passiert, wenn die Frau verdienstreist ist. Sicherheitshalber und ausnahmsweise schaue ich mal ins Mitteilungsheft der Dreidreivierteljährigen. Sag ich doch: 9 Uhr, Elternversammlung im Kindergarten. Alles gut. ¡Tranquilo!1 Ja, der Tag wird hart, das schon, viele Fahrten quer durch die Stadt, ich rechne mit 40 Kilometern. Aber ich werde schweben, ich kann gar nicht anders, schließlich hat Argentinien am Abend das Halbfinale der Copa América mit 6:1 gegen Paraguay gewonnen. Außerdem verpasst die Frau ja oft auch dolle Dinger. Vor einer Woche zum Beispiel hat unser Sohn, wie das Brauch ist für Viertklässler hier zu Lande, in seiner Schule geschworen, »die argentinische Fahne zu achten, verteidigen und zu lieben«. Ich hatte Tränen in den Augen.

Die Südamerikameisterschaft ist gleich das Gesprächsthema all der Väter auf diesen winzigen Stühlen. Am Sonnabend kommt es zum Endspiel gegen Chile. Argentinier mögen Chilenen nicht, und Chilenen mögen Argentinier nicht. Diese zwei Nachbarn haben sich zu oft gestritten im 20. Jahrhundert, 1978 standen sie wegen irgendwelcher Inseln sogar kurz vor einem Krieg. Nun ja, ein Ausländer hält sich, wenn er klug ist, aus diesem quilombo2 komplett heraus. Unser aber sagt zweimal »Hurensöhne« und einmal »verdammte Scheißhurensöhne« – zum Glück klingt ja derlei auf Spanisch viel harmloser.

Der Blick der Erzieherin sieht das anders.

10.15 Uhr. Wieder zu Hause. Mate trinken. Zeitung lesen. Noch einmal die Tore vom 6:1 gucken. Und noch mal. Danach noch dreimal.

12 Uhr. Mittwochs endet der Unterricht nicht um 16 Uhr, sondern schon vier Stunden früher, und ich habe zugesagt, nicht nur meine Sechsjährige zur Geburtstagsfeier einer Mitschülerin zu fahren, sondern auch noch drei Freunde aus ihrer Klasse mitzunehmen. Ich stelle jetzt fest: Das war leichtsinnig. Aber es gibt kein Zurück mehr, zumal ich gestern vor den hübschen Müttern der drei Schreihälse auf Superheld gemacht habe: Ach was, gar kein Problem, das schaff ich locker.

Was Lautstärke und Selbstbewusstsein betrifft, entspricht ein argentinisches Kind übrigens zwölf bis 15 deutschen Kindern.

Auto 4

12.30 Uhr. Rrrrrrrrrrrrrraus mit euch!

Zurück zur Schule. Fünf Kilometer. Das müsste in einer halben Stunde zu schaffen sein – wenn ich zügig fahre.

Auto 1

Auto 2

13 Uhr. Das Fußballtraining des Neunjährigen ist gerade zu Ende gegangen, ich plaudere noch kurz mit Tomás, seinem Trainer. Wir sind uns nicht immer einig. Zum Beispiel sehe ich meinen Sohn eher zentral, in der Rolle des Spielgestalters, ausgestattet mit allen Freiheiten; sein Trainer findet, er sei für die Mannschaft als Beinesteller in der Abwehr wertvoller. Was allerdings die Chilenen angeht, sind wir hundertprozentig einer Meinung. Tomás urteilt nur nicht so sanft wie ich.

Auto 3

Hör mal, mein Sohn, wenn wir zu Hause sind, könnten wir vielleicht noch mal die Tore von gestern gucken. Was meinste? Und dann muss ich schon wieder los, um deine Schwester vom Kindergeburtstag abzu … warte mal, da winkt einer. Das ist doch der Dings, äh, der, wie?, ja, genau der, jetzt erkenn ich ihn auch: Ignacio, der chino. Der war heute in deiner Mannschaft, ne? Och, reg dich nicht gleich wieder auf, ich weiß, dass seine Eltern Taiwaner sind, nein, sie sind keine Taiwaner, sondern Argentinier, sie kommen nur aus Taiwan, Du hast Recht. Aber in Argentinien sind alle Asiaten Chinesen, weißt du doch.

Radio aus. Warnblinker an. Scheibe runter. Hola, ¿cómo andan? ¿Todo bien? Me alegro.3 Die beiden wollen bestimmt ein Stück mitgenommen werden. Oder? Nein, ja, vielleicht, im Prinzip schon, aber die Sache ist … Leute, ich stehe mitten auf der Straße, und das fühlt sich sehr chilenisch an. Der Typ im Rückspiegel ist schon rot angelaufen und steigt in spätestens 20 Sekunden aus. Immerhin wird er dann seine Hupe loslassen müssen. Was denn nun? Klartext, por favor. Und du pelotudo4 da, hör auf, mich zu beschimpfen, la puta que te parió5.

Bueno, die Mutter hat einen Arzttermin. Ignacio kann also gern mit zu uns kommen, für ein paar Stunden. Aber wenn es heute nicht passt, dann ein andermal, ich muss es nur sagen. Ach was, gar kein Problem. Ignacio sitzt ja ohnehin schon angeschnallt auf der Rückbank. Ich bin übrigens allein mit meinen drei Kindern!

Auto 5

15 Uhr. Die Route bislang: Wohnung → Kindergarten → Wohnung → Schule → Kindergeburtstag → Schule → Wohnung → Kindergeburtstag. Die harten Etappen sind damit überstanden. Jetzt rollen wir langsam aus: → Wohnung → Kindergarten → Wohnung. Zwischendurch wird hoffentlich der Chinese abgeholt, und wenn alle baden, bereite ich das Abendessen zu. Serviert wird die Spezialität des Hauses: Chicken Nuggets an Ketchup und Mayonnaise.

Hoppla, Facundo will mitfahren, er wird bei uns übernachten. Nein, das glaube ich nicht. Die Sechsjährige schwört aber, dass sie mir das gesagt habe. Wirklichwirklichwirklich.

Wann?

Vorhin.

Geht’s genauer, corazón6?

Im Auto.

Ach so, als die zwei Schulklassen aus Wuppertal auf meiner Rückbank saßen.

Wuppertal? Kennt sie nicht.

Ich meine: Als ihr so herrlich schräg gesungen habt, da irgendwann hast du‘s mir gesagt, ja?

Ja. Wirklich, Papi.

Mein Schatz, das war ein sehr günstiger Augenblick, um Papa eine solch wichtige Nachricht zu überbringen. Sind wir startklar? Auf geht’s! Nächster Halt: Wohnung.

Später am Abend, es ist schon tiefe Nacht in Buenos Aires: Vier Kinder sind eingeschlafen, man hört zwei von ihnen schnarchen. Ein gebückter Mann, schwer atmend, tritt vor den großen Spiegel im Bad, er macht sich unmerklich gerade und beginnt zu lächeln. So verharrt er minutenlang. Es sieht aus, als bewundere er sich selbst, aber nein, das bilden wir uns sicher nur ein.

  1. Ruhig! []
  2. Slang für Chaos, Durcheinander []
  3. typische Begrüßung in Argentinien: Hallo, wie geht’s euch? Alles gut? Freut mich. []
  4. Blödmann []
  5. argentinischer Fluch, wörtlich übersetzt: Die Hure, die dich geboren hat []
  6. Herz, beliebte Anrede für Kinder und andere geliebte Menschen []

Wir sind unzähmbare Argentinier: das Lied „Somos de acá“

von CHRISTOPH WESEMANN

Mein Freund Pablo sagt, ich soll dieses Lied, das fünf Gänsehäute übereinander schichtet, so erklären: »Uns Argentiniern ist alles komplett egal. Außer Fußball und Religion. Aber die Religion auch erst, seit Jorge Bergoglio Papst ist.«

Somos de acá 2

Somos de acá 3

Somos de acá 4

Somos de acá 5

Es ist eine viereinhalbminütige Reise durch Argentinien, auf die uns die Rockgruppe Yeims Bondi mitnimmt. Wir hören eine grandiose Liebeserklärung an Land und Leute, großkotzig bis narzisstisch, zugleich aber schwer selbstironisch, weil Argentinien und Argentiniern ja auch allerlei misslungen ist über die Zeit und allerlei weiter misslingen wird. Große Ereignisse, hübsche Menschen, viele Idole, nicht weniger boludos1 und ein paar richtige Verbrecher werden uns im offiziellen Video begegnen. Genau hingucken, bitte!

Anschnallen, señoras y señores: »Somos de acá« (Wir sind von hier) von Yeims Bondi:

Am Ende klingt dann noch all die Widersprüchlichkeit an, die manches zur Faszination Argentiniens beiträgt. Man ist einerseits sehr patriotisch, kann sich aber auch entsetzlich aufregen über sein Land. Schuld sind natürlich immer die anderen. Diebe und Gauner aller Art, die keine Grenzen kennen, haben dieses wunderbare Land heruntergewirtschaftet, ganz klar. Man selbst schmeißt seinen Müll natürlich auf die Straße und geht bei Rot über die Ampel, hält sich auch sonst an kein Gebot und wählt grundsätzlich den, der das Meiste verspricht.

Argentinien, heißt es im Lied, ist die Titanic, die so oft untergegangen ist und auf einmal wieder auftaucht, außerdem ein Witz, den man nicht ganz versteht, über den man aber trotzdem lacht. Weil man sonst weinen würde.

Ich habe den Text des Liedes übersetzt. Kritik, Hinweise und Vorschläge − her damit!

 
Somos de acá Wir sind von hier
Somos una charla
en el café de cada esquina.
Somos ese mate
compartido en la cocina.
Somos cantautores
en la ducha, en la cancha
y en el bar.
Somos de acá.
Wir sind ein Gespräch
im Café an jeder Straßenecke
Wir sind dieser Mate,
der in der Küche geteilt wird.
Wir sind Liedermacher
unter der Dusche, im Stadion
und in der Bar.
Wir sind von hier.
Somos el país
de las 13 maravillas.

Somos ese country
justo al lado de la villa.

Somos una infancia
de pelota y figuritas
y algo más.

Somos de acá.
Wir sind das Land
der 13 Wunderwerke.

Wir sind die Luxussiedlung
genau neben dem Elendsviertel.

Wir sind eine Fußball-und-
Sammelbilder-Kindheit
und noch mehr.

Wir sind von hier.
Si nos visitas
te enamorarás
de nuestro chamuyo
industria nacional.

Y si sos varón,
andá con precaución:
las minas de acá
explotan de verdad.
Wenn du uns besuchst,
wirst du dich verlieben
in unser Gelaber
made in Argentina.

Und wenn du ein Junge bist,
sei immer schön vorsichtig:
Unsere Bomben2
explodieren wirklich.
Si naciste acá
y cruzaste el mar
como en aquel tango
siempre volverás.
Y yo que en mi piel
llevo tu piel porque aprendía crecer acá
ya no me voy más.

Yo soy de acá.
Wenn du hier geboren
und dann ausgewandert bist,
wirst du wie in diesem Tango
immer zurückkommen.
Und ich, der auf meiner Haut
deine Haut trägt, weil ich weiß,
hier klarzukommen,
Ich werde nicht wieder abhauen.

Ich bin von hier.
Somos un buen polvo
y el asado con amigos.

Si la vida miente
le cantamos falta envido.

Y si el río se llevó la plata,
nos vamos a cartonear

A orillas del mar.
Wir sind ein guter Fick
und das Grillen mit Freunden.

Wenn das Leben lügt,
singen wir ihm falta envido.

Und wenn der Fluss das Geld weggespült hat,
ziehen wir los zum Müllsammeln an den Stränden des Meeres.
Somos de acá,
somos de acá.

Somos argentinos
sin domesticar.

Somos la soberbia,
y la chispa genial,

la bandera desteñida
de los locos sin atar.
Wir sind von hier.
Wir sind von hier.

Wir sind Argentinier,
nicht zu zähmen.

Wir sind der Hochmut
und der geniale Mutterwitz,

die ausgeblichene Fahne
der absolut Bekloppten.

 

 

 

Villa 31, eines der großen Elendsviertel der Hauptstadt

> Argentinisch: das Elendsviertel (hier Villa 31) in bester Lage

Eine Leidenschaft argentinischer Kinder: figuritas, die Sammelbilder.

>Eine Leidenschaft der Kinder: las figuritas, die Sammelbilder

Y le damos palos
a la argentinidad,
pero la regamos
del campo a la ciudad.
Todas las gargantas con
arena de este mar
se encontrarán
en la popular.
Und wir regen uns furchtbar
auf übers Argentinische,

düngen es es aber
überall und jederzeit.

Alle Stimmen, die zu
Argentinien gehören,
versammeln sich
auf den Stehplätzen.
Somos argentinos,
luchando contra molinos,

sangrando por un siglo,
malvendido,
mal parido,
por espejos de colores,
por payasos y traidores
que se toman todo el vino
pero nunca vacaciones
Wir sind Argentinier,
gegen Windmühlen kämpfend,

Blutend wegen eines verschleuderten,
weggeworfenen Jahrhunderts,
wegen der Illusionen,
der Clowns und Betrüger,
die sich all den Wein nehmen,
aber niemals Urlaub.
Somos todo lo que fuimos,
Lo que no pudimos ser:
El Titanic que se hundió tantas veces
y que de repente

vuelve a aparecer.
Como un chiste de argentinos,
que no lo entendí muy bien,
por si acaso igual yo me río,
para no llorar, también.
Wir sind alles, was wir waren,
das, was wir nicht sein konnten:
Die Titanic, die so oft unterging
und plötzlich dann wieder auftaucht;

wie ein Witz von Argentiniern,
den ich nicht recht verstand,
Über den ich vorsichtshalber
trotzdem gelacht hab,
um nicht zu weinen.
¿Sabés porqué?
Por la furia,
la emoción, el orgullo
y el dolor
de ser un argentino,
uno más, igual que vos
Weißt Du warum?
Wegen des Zorn,
des Gefühls, des Stolzes
und des Schmerzes,
ein Argentinier zu sein,
noch einer, genauso wie Du.
Somos de acá,
somos de acá.

Somos argentinos
sin domesticar.

Somos la soberbia,
y la chispa genial,

la bandera desteñida
de los locos sin atar.
Wir sind von hier,
wir sind von hier.
Wir sind Argentinier,
nicht zu zähmen,
Wir sind der Hochmut
und der geniale Mutterwitz,
die ausgeblichene Fahne
der absolut Bekloppten.
Somos de acá,
somos de acá.
Somos argentinos
sin domesticar
Somos una mezcla milagrosa
para bien y para mal
Somos de acá.
Wir sind von hier,
wir sind von hier.
Wir sind Argentinier,
nicht zu zähmen.
Eine wunderbare Mischung,
auf Gedeih und Verderb.
Wir sind von hier.

 

  1. Deppen []
  2. tolle Frauen []

La FIFA, el Kaiser y el fútbol alemán: discurso en el Congreso

von CHRISTOPH WESEMANN

Yo participé en un debate sobre la corrupción en el fútbol, organizado por la diputada Cornelia Schmidt-Liermann. Les dejo mi discurso en el Congreso de la Nación.

Discurso sobre la corrupción en el fútbol (Honorable Cámara de Diputados de la Nación)

> con Alberto Rivero (Asociación Gustavo Rivero), Javier Castrilli (ex árbitro), Sebastián Sal (International Association of Anti-Corruption Authorities) y Cornelia Schmidt-Liermann (diputada nacional del PRO)

I

¡Señoras y señores!

Muchos alemanes creen que el famoso Franz Beckenbauer nos consiguió el Mundial que fue disputado en 2006. ¿Todos conocen a Beckenbauer? ¡No me digan que no! Es el mejor futbolista de la historia alemana, un genio, no tan genio como Diego Maradona, claro que no. Pero él ganó la copa mundial dos veces, como capitán en ‘74 y 16 años después como técnico − contra Argentina y Diego, lo siento mucho. La verdad, yo en ese entonces ya alentaba a la albiceleste. A ustedes les habla un mufa.

Yo quiero contar hoy de la FIFA desde el punto de vista de un chucrut, un alemán, trazando por qué el blatterismo funcionó tanto tiempo. En realidad todavía no dejó de funcionar, ¿no?

II

¿Volvamos con Beckenbauer? Cuando él – nuestro Kaiser (el emperador) – era un bebé Dios le dio un beso. Sí, yo estoy bromeando pero me parece la única manera de explicarles porque él llega a conseguirlo todo. Les quiero mostrar un cortito vídeo muy conocido para evidenciarles la excelencia de este crack alemán.

Estamos en una noche de ‘94, unas horas después de que Beckenbauer como técnico del Bayern Múnich ganara el campeonato local, de la Bundesliga. La fiesta de su equipo es televisado por un programa deportivo que tiene un juego muy emblemático. Los invitados – futbolistas y otros deportistas – deben patear la pelota y tratar de meterla por dos agujeros redondos de 55 centímetros de diámetro ubicados en las esquinas superior izquierda e inferior derecha de un rectángulo vertical que hace las veces de arco.

¿Suena complicado eso, eh? Nooooo.

¡Es complicado!

Estamos viendo a Beckenbauer, junto a Lothar Matthäus, el capitán de la selección de ‘90, poniendo en el piso una copa enorme llena de cerveza de trigo.

¿Qué va a pasar?

¡Miren!

Qué golazo, ¿eh?

Sin dudas, Diego lo hubiera hecho con la pelota y la copa de cerveza.

III

Señoras y señores, hablemos de fines de los años noventa. Alemania quiere organizar el Mundial de 2006 y solicita a la FIFA. Beckenbauer como jefe de la campaña viaja con su bolsa de golf por el mundo, para convencer a reyes, emires y presidentes. Está en todos lados el Kaiser. ¡Hace diez vueltas al mundo! Su cuerpo pintado, baila en Fiyi, y en África le regalan un carnero. ¡Un carnero vivo! Por supuesto, los reyes, emires y presidentes están tan contentísimos de encontrarse con este personaje que después apoyan la candidatura alemana.

¿Lo podemos creer? ¡No! Es una leyenda. Un cuento chino.

Cualquiera candidatura exitosa para el Mundial jamás es la obra de una sola persona. En realidad, la responsabilidad la tiene el jefe, de forma detallada y perfeccionista. Muchos forman parte de un tal proyecto: el gobierno, la política, las embajadas, la economía, las empresas, las organizaciones deportivas, todo el país, todo el estado. Es porque la FIFA requiere muchas cosas del organizador:

  • distintas garantías,
  • la certeza de poder cobrar mucha plata durante el torneo,
  • una infraestructura re buena,
  • hoteles de primera categoría,
  • otro lujo para los funcionarios y sus laderos, incluso las esposas.

Andrew Jennings, el prestigioso periodista de investigación escocés, dice:

Pueden hacer todos los aspirantes del Mundial. Le pueden presentar a sus super-modelos al Comité Ejecutivo de la FIFA. Sus políticos le pueden prometer que vayan a hacer todo para organizar un Mundial perfecto. Pero los chicos de la FIFA van a bostezar y preguntar después: »¿Dónde está la guita? ¿Dónde está la guita?« (Vídeo)

Ocho días antes de la decisión que toman las 24 personas del Comité Ejecutivo, en Alemania la Comisión de la seguridad del Gobierno autoriza el suministro de 1200 bazucas a Arabia Saudita. Un miembro de la casa real – Abdullah Al Dabal – pertenece al Comité Ejecutivo.

¿Pura coincidencia? ¿Cosas que pasan?

Encima son acordados negocios de mil millones de Euros por empresas grandes de Alemania en Asia. Daimler (Mercedes) plantea una aportación de capital de 400 millones de Euros en Hyundai, el fabricante coreano de automóviles. El hijo y jefe júnior de la dinastía de Hyundai (Chung Jong Moon) lidera la Asociación de fútbol de su país y es delegado del Comité Ejecutivo de la FIFA.

¿Una coincidencia más? Puede ser …

El representante tailandés en la FIFA (Morawi Makudi) administra un negocio de Mercedes en Bangkok. El Bayern juega absurdos partidos amistosos en Malta, Túnez y Tailandia, siempre fluye mucho dinero por los derechos de transmisión. Por lo menos dos de los tres países votan más tarde a favor de Alemania.

Son muchas las coincidencias, ¿no? Puede ser …

El propio Beckenbauer comentó después de un »chanchullo«.

La elección del Comité Ejecutivo en 2000 ganó Alemania presumiblemente por la traición que cometió el representante neozelandés en la FIFA, Charles Dempsey. En la última vuelta él debería haber votado a favor de Sudáfrica. Así lo había decidido su Confederación de Fútbol de Oceanía. Con su voto Sudáfrica hubiera ganado.

¿Qué pasó?

Antes de la votación Dempsey salió del salón.

Y se abstuvo.

Así que Alemania ganó.

Había y hay muchos rumores y cuentos de soborno pero ninguna prueba. La primera ministra de Nueva Zelanda – Helen Clark – le pidió disculpa al presidente sudafricano. El ministro de deporte dijo: »Dempsey es una vergüenza nacional.«

Dempsey apenas explicó su voto extraño. En unas pocas entrevistas hablaba de »presión por influyentes grupos de interés en Europa«.

Murió en 2008.

IV

¿Por qué estoy hablando de esta historia vieja? Lo que pasa es que no hay relaciones limpias con una organización bastante corrupta y mafiosa como la FIFA. Tampoco Alemania lo logró.

Fíjense que el Mundial es una fiesta tan lucrativa que la FIFA – como dueña del torneo – puede hacer y exigir lo que quiera. Y la única que siempre gana en cada campeonato es la FIFA. El Mundial es una mina de oro.

Lo que más me decepcionó antes de la retirada chiquita de Sepp Blatter (que está laburando en este momento, sabe Dios lo que pasa en su búnker) – fue la actitud de los funcionarios europeos y sobre todo los de Alemania. Recordemos que la Federación Alemana del Futbol es la organización (individual) deportiva más grande del planeta. Tiene casi siete millones socios. Es mucho peso. Encima Alemania dispone de un poder económico extraordinario.

 

 

A eso voy. Si una nación tuvo la obligación y la opción de ir de delante de los demás, hubiera sido Alemania. Pero: Nuestro jefe del fútbol Wolfgang Niersbach – muy amigo de Beckenbauer, muy amigo de Blatter – él ni aun habló en la asamblea para marcar el paso. Igual que cualquier otro funcionario de la UEFA. Nada. Nada de nada. ¡Qué vergüenza!

O sea: Los viejos a quienes siempre les gusta echar un sermón a la juventud futbolística, a nuestros pibes – usando palabras como fair play, honestidad y valor cívico – ellos mismos no lo practican. Y ellos eran protagonistas, simpatizantes, patrocinadores o beneficiarios del blatterismo. Nadie se va a retirar a propia voluntad. Pero: ¿Basta que se va el jefe y el resto se queda?

V

A mí me cuesta muchísimo creer ahora en un cambio verdadero de la FIFA. Quienes lo quieren no lo pueden lograr. Les faltan poder y mayoría. Y quienes podrían lograrlo no quieren. A ellos les falta nada más que voluntad.

Olvídense del francés Michel Platini, el presidente de la UEFA. Esa organización también está llena de figuras oscuras. Platini asumió su cargo en 2007 por truchadas. Trabajó con Blatter por más de 20 años. Había apoyado la candidatura de este último en ‘98 y después lo aconsejó cuatro años.

La UEFA, monsieur Platini, los alemanes con Charles Dempsey: Todos tienen muertos en el placard. Y Blatter lo sabía. Por eso no tenía miedo de nadie. Pero el 2 de junio – cuatro días después de su reeleción – nos enteramos a quién le teme Blatter: al FBI.

Por lo tanto digo: La única manera de ordenar la FIFA es destrozarla, completamente, y empezar de nuevo. No, señoras y señores, ahora no estoy bromeando. Eso les digo en serio. Esa organización está demasiado estropeada. No se la puede reparar ni reformar.

Para ir finalizando quiero citar a Gary Lineker, ex jugador de Inglaterra. ¿Sabían que a los alemanes nos encanta todo lo que dice? Para nosotros, es una autoridad – por su frase que pasó a la historia. El fútbol según Lineker »es un juego simple: 22 hombres corren detrás de una pelota durante 90 minutos y, al final, los alemanes siempre ganan«.

Esta vez Lineker escribió en Twitter: »La FIFA está explotando. Lo mejor que le pudo pasar al juego hermoso.«

Muchas gracias por escucharme.

Der Floh und der Apache, der Beißer und der Gebissene, die Statue und der Bleiche – die Berliner Komödie

von MARC KOCH & CHRISTOPH WESEMANN

Zwei Deutsche, räumlich getrennt, auf zwei Kontinenten. MC, früherer Lateinamerikakorrrespondent der Deutschen Welle, ist dem Leser als regelmäßiger Autor des Argentinischen Tagebuchs vertraut und hat bereits in diversen Komödien mitgespielt. Er hat lange in Buenos Aires gelebt. CW tut es noch. Und weil die beiden zwei sehr moderne Helden sind, sprechen sie nicht direkt miteinander, sondern mittels Kurznachrichten.

Heute über: das Champions-League-Finale in Berlin.

♦♦♦♦♦

CW. Ich bin schon krass heiß auf Barcelona gegen Juventus. Leo Messi und Carlitos Tévez, der Floh1 gegen den Apachen2! Luis Suárez und Giorgio Chiellini, der Beißer gegen den Gebissenen! Was für ein Finale!

MC. Ähem, der Gebissene kneift.

CW. Schulterverletzung?

MC. Wade! Links.

CW. Simulant.

MC. Es gibt ja auch noch Andrea Pirlo und Andrés Iniesta, die Statue gegen den Bleichen! Pirlo hat auf seinem sagenhaften rechten Fuß mehr Haare als Iniesta auf dem Kopf.

CW. Leider erwarten wir am Sonnabend, Mitte der zweiten Halbzeit, den einzigen Argentinier, der Fußball nicht mag, zum Kaffeekränzchen.

MC. Vor einem Jahr, Real gegen Atléti, saß er bei mir. Hat aber nicht groß gestört.

CW. Unsere Frauen sind echt …

MC. … so tolle Gastgeberinnen. Wir würden vereinsamen und verwahrlosen ohne sie, ach was, wir wären sozial seit Jahren isoliert.

CW. Wir müssten die ganze Zeit Fußballspiele gucken.

MC. Schreckliche Vorstellung.

CW. Für wen bist Du? Als halber Madrilene kannst Du ja nicht wollen, dass Barça die Champions League gewinnt. Also Juve.

MC. ICH WERDE NIEMALS FÜR EINEN ITALIENISCHEN VEREIN SEIN.

CW. Ich zitiere den argentinischen Fußballphilosophen Jorge Valdano, den wir beide ja sehr schätzen, was auch nicht oft vorkommt.

Italien weiß genau, was es will. Wenn ihr ästhetischen Stil wollt, dann schaut euch die Trikots an, die Millimeterfrisuren, den Schnitt der Bärte. Wenn ihr Talent möchtet, schaut auf die Ersatzbank (da sitzt del Piero mit der Feierlichkeit eines Pharaos).

MC. Oder auch:

Es gibt Momente, in denen ein Abwehrspieler klärt, und er sieht zum Beispiel die Beine eines Norwegers sperrangelweit offen, eine schöne Einladung zum Tunneln, die ein freier Mann niemals ablehnen würde. Der italienische Abwehrspieler lehnt die Versuchung ab und klärt trotzdem.

CW. Unsere Frauen allerdings…

MC. …sind für Juve.

CW. Wegen Totti.

MC. Der spielt seit 112 Jahren beim AS Rom.

CW. Das wissen aber unsere Frauen nicht. Für sie wird auch immer Paolo Maldini der Abwehrchef der Nationalelf sein.

MC. Noch so ein Schönling. Überhaupt total attraktive, charmante Männer, diese Italiener, voller Gefühle. Und aufrichtig, natürlich. Nie würde ein Italiener ‘ne Schwalbe machen. Niemals.

CW. Das Fairplay wurde in Italien erfunden. Von Pippo Inzaghi.

MC. Übrigens, Gigi Buffon …

CW. … Weltklasse-Torhüter …

MC. … hatte mal die Rückennummer 88, war aber kein Faschist. Er wollte eigentlich die Doppelnull haben, weil er meinte, das symbolisiere zwei Eier. Kein Witz. Fußballerlogik: Eier haben und so. Der AC Parma, sein damaliger Klub, ließ das aber nicht zu. Buffon, gedankenschnell: »Dann nehme ich die 88, das bedeutet: vier Eier!« Als man ihn darauf hinwies, wofür die Zahl in rechtsextremen Kreisen stehe, sagte er: »Wer ahnt das? Dass 88 der Hitlergruß ist, das wissen doch wirklich nur die Nazis!«

Seite Drei in der »Süddeutschen« am Donnerstag.

CW. Und dann gewinnt der ausgerechnet die Weltmeisterschaft im Berliner Olympiastadion. Da schloss sich ein Kreis.

MC. Du als Argentinier, der argentinischer sein will als jeder Argentinier, müsstest am Sonnabend für Juve sein. Wegen Tévez. Spieler des Volkes. Kindheit im Elendsviertel und so.

Mir ist egal, was die Leute denken. Ich werde meine Wurzeln nicht vergessen. Die Jungs sagen immer zu mir: »Wenn du ganz oben ankommst, vergiss nicht die Armen.«

CW. Ich bin für Juve! Genau aus diesem Grund.

MC. Dacht’ ich mir. Letzte Frage: Und Franziskus?

CW. Für Tévez, natürlich. Der Papst des Volkes. Aber Messi mit dem Pokal würde er auch empfangen.

MC. Es haben ja sowieso alle argentinischen Fußballer einen Hausausweis für den Vatikan.

  1. la Pulga, Messis Spitzname []
  2. el Apache, Tévez‘ Spitzname []

Argentinische Helden

Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

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Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geistes-
wissenschaftlichen Hintergrund. Wir sind böse, sexy und klug. Wir können saufen wie die Kutscher, haben Kant gelesen und nicht verstanden, aber das merkt keiner, und schlafen nie.


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