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Ein Nachmittag beim 87-Jährigen

von CHRISTOPH WESEMANN

Montevideo/UruguayRiver Plate − weder verwandt noch verschwägert mit dem gleichnamigen Klub aus Buenos Aires − empfängt Atlético Juventud de Las Piedras. Sí, sí, sí, erste Liga Uruguay, ¡señoras y señores! Sekunden vor dem Anpfiff werden noch schnell zwei Wohnzimmerstühle quer über den Platz zur Bank des kleinen Hauptstadtvereins getragen. Mach hinne, viejo, wir sind heiß! So hat’s nicht mehr gekribbelt, seit wir damals mit der Steffi im Sandkasten … aber sie musste dann leider weg, wg. Frühschicht.

Die mitgeschleppten Kinder missbrauchen das olle Stadion Saroldi (87) als Abenteuerspielplatz. Klettern, krabbeln, hüpfen. Och, jetzt hat sich die Viereinhalbjährige den Kopf gestoßen. Tja, ich hatte doch vorhin gesagt: Aufpassen, Leute.

Einer der Ordner will wissen, ob [irgendeinen Namen einsetzen] Argentinier sei. Wer? Ach so, der. Keine Ahnung, glaube nicht.

Er freut sich riesig, als er hört, dass er gerade mit einem Deutschen spricht (den er wegen des Akzents zunächst irrtümlich für einen Franzosen gehalten hat). In der Halbzeitpause analysieren wir tiefgründig die deutsche Geschichte 1933ff.

Er muss jetzt irgendwas erledigen, will aber noch eine letzte Frage loswerden:

»Was zum Teufel wollt ihr hier?«

Gute Frage.

♦♦♦♦♦♦

Estadio Parque Federico Omar Saroldi
Eröffnung: 1928
Fassungsvermögen: 5165
Eintritt: 300 uruguayische Pesos (8,59 Euro; Kinder bis zwölf kostenlos)
Endstand: 0:0
Zuschauer: 1000 (laut der Zeitung El País)

Die Podcast-Premiere: Zwei Herzensargentinier reden sich um Kopf und Magen

von CHRISTOPH WESEMANN

Wacho Chorro (r.) empfängt sein Honorar.

Montevideo/Uruguay ♦ Leser des Argentinischen Tagebuchs kennen ihn schon, el famoso Wacho Chorro, unseren Mallorca-Korrespondenten und Europa-Kantinenchef, »Kopf und Leber« der Borrachos Bornheim vom FSV Frankfurt. Wir haben ihn aus Buenos Aires einschippern lassen – zu einem tiefgründigen, ungeschnittenen Gespräch über Fußball, Frauen, Fleisch und Folklore, über Argentinier und seine Nachbarn, über den Río de la Plata und seine Wellen. Viel Vergnügen.

Ankunft im Exil: Der förmliche Dicke, ein Elternabend und die Latina von gegenüber

von CHRISTOPH WESEMANN

Montevideo/Uruguay ♦ Donnerstagmorgen. Zeitungslektüre. Der Außenminister der sozialistischen Regierung verlangt von Venezuelas ebenfalls sozialistischem Präsidenten Nicolás Maduro, dass er die Schulden für die gelieferten Lebensmittel endlich bezahlt, es geht um 75 Millionen Dollar. Man fühle sich in seiner »Gutmütigkeit ausgenutzt«. Zudem haben heute 222 935 Oberstufenuruguayer keinen Unterricht, weil ihre Lehrer streiken. Einer von ihnen hatte eine Rauferei unter Schülern schlichten wollen und war dabei beleidigt und geschubst worden. Der Außenminister knöpft sich gleich noch die Pisa-Studie vor, deren Untersuchungsmethode er anzweifelt.

Ist es denn so wichtig, dass die Kinder mit dem Bleistift rechnen können, wenn sie doch Taschenrechner haben? Macht einer von Ihnen eine Division mit dem Bleistift?

Das hat er, berichtet El País, am Vortag auf einem Forum gefragt und seinen Zuhörern eine knifflige Aufgabe gestellt: »542 geteilt durch 24.«

Ist ganz schön was los in meiner neuen Heimat, nicht wahr? Ich glaube, ich lege mich noch ein bisschen … oh Wahnsinn: Am Abend empfängt Uruguays Großklub Nacional in der Copa Libertadores Palmeiras. Das Hinspiel in São Paulo war der Hammer.

Auf zu Redpagos. Wo der Uruguayer seine Strom-, Gas-, Telefon- und Sonstwas-Rechnungen bezahlt, die ihm der Postbote vorbeibringt. Redpagos verkauft auch Eintrittskarten für Konzerte und Fußballspiele.

Heute aber nicht. Darum.

Dann eben direkt zur Quelle. Der Kioskbesitzer nennt mir die Buslinie (329) und malt auf die Rückseite eines Kassenbons eine Wegbeschreibung von der Haltestelle zur Geschäftsstelle des Club Nacional de Football. »Hier vorne an der Ecke steigst du ein. 3-2-9.«

weg

Gerade fällt mir ein, ich soll ja am Abend zur Elternversammlung der fast Siebenjährigen. Keine Ahnung, was es drei Wochen nach Schulanfang schon so Wichtiges zu besprechen gibt. Die Lehrerin wird sich kurz fassen, denke ich. Ich kenne sie zwar bloß vom Hola-Winken am ersten Tag und weiß nicht einmal, wie sie heißt, was freilich auch zu viel verlangt wäre, ich habe schließlich drei Kinder. Ich dachte neulich, ich hätte mit ihr telefoniert, wegen irgendeiner Sache, die ich ebenfalls schon wieder vergessen habe. Aber das war die Klassenlehrerin des Zehnjährigen. Der Zehnjährige hat’s mir später bestätigt. Bislang jedenfalls hat sie uns in Ruhe gelassen, und das ist für mich die Kernkompetenz eines Pädagogen.

Die Eltern in Montevideo aber wirken irgendwie übermotiviert.

»Señor, buen día, qué tal, ich will ’ne Karte, bin ich hier richtig?« Der Dicke, der die Eingangstür des Vereinsheims von Nacional bewacht, schüttelt den Kopf und sagt, ihm lägen »keinerlei Informationen vor über die Modalitäten des Eintrittskartenverkaufs am heutigen Tage«. Alter, förmlich kann ich auch: »Hä?«

Ich soll es mal am Ticketschalter versuchen, er beschreibt den Weg und flüstert mir hinterher: »Wenn du keine Karte mehr bekommst, sprich mich nachher noch mal an. Vielleicht kann ich eine besorgen.«

Parque Central, Montevideo

> Parque Central, das Stadion des Club Nacional de Football

In der Schlange handeln sie eifrig mit Gerüchten.

»Alles ausverkauft, habe ich gehört.«

»Nein, gestern Abend haben sie gesagt, heute würden um 10 Uhr noch Karten verkauft.«

»Es ist zehn nach zehn, du Depp, und keine Sau sitzt am Schalter.«

»Mir wurde gesagt, es sollte noch welche bei Redpagos geben.«

»Redpagos ist der letzte Scheiß, amigo.« Die Schlange gibt mir in diesem Punkt absolut recht.

Die Frau vor mir, Nummer 34, Mate in der Hand, Thermosflasche unterm Arm, schwört, sie werde sterben, sollte sie es nicht ins Stadion schaffen. Und ich erst, señora! Plötzlich schreit der Bursche hinter mir in sein Telefon, er hat offenbar jemanden vom Verein dran: »Gestern Abend haben sie uns gesagt, dass heute … « Sekunden später legt er auf.

Feierabend. Keine Karten mehr.

Der Dicke von der Geschäftsstellenpendeltür erkennt mich wieder und speichert meine Nummer in seinem Telefon. Er werde einen Freund fragen, ob der eine Karte verkaufen wolle, angeblich sogar ohne Aufpreis. »Wenn dich keiner anruft, klappt es nicht.«

»Wann kann ich denn mit einem Anruf rechnen?«

»So um sieben, halb acht.«

»Mitten im Elternabend.«

»Was?«

»Perfekt. Anstoß ist um Viertel vor zehn?«

»Genau.«

»Gracias, querido.«

Also, das wird ganz sicher nix. Der Typ wirkt viel zu wenig verschlagen.

Ich will jetzt aber unbedingt zu diesem Scheißspiel. Von dem ich heute Morgen noch gar nichts wusste.

Meine letzte Hoffnung heißt Jorge. Jorge ist Vereinsmitglied von Nacional, und ich habe ihn schon mal begrillt, wir sind also Freunde. Eine warme südamerikanische Nacht. Vollmond. Zwei Kerle allein auf der Terrasse. Vor einem Haufen Fleisch. Von unten der hochblubbernde Verkehr. Gegenüber die eine Latina, die ganz zufällig vergessen hat, die Vorhänge zuzuziehen. Jorge verspricht, er werde sich umhören, und schickt fünf Minuten später eine Nachricht:

Mein Bruder hat seinen Stammplatz leider schon abgetreten. Aber der Onkel seiner Freundin hat eine Loge. Wenn er es schafft, mit ihm zu sprechen, sagt er mir Bescheid.

Whatsapp

Da war ja selbst die Kartenbeschaffung in Argentinien für Spiele der Boca Juniors weniger umständlich. Der Onkel der Freundin des Bruders meines Freundes, den ich seit sechs Wochen kenne – über mehr Ecken geht ja kaum.

Respekt, Uruguay. Ich denke, wir werden miteinander klarkommen.

Argentinien vor der Stichwahl (2): Mit Chewbacca, Bambi und der Mutter von McFly gegen die Angst

von CHRISTOPH WESEMANN

Doch, doch, witzig ist er, der Wahlkampf um die Präsidentschaft. Argentinier haben ja einen speziellen, sehr flinken und oft abgründigen Humor, der ihnen hilft, all den Irrsinn, der sie umgibt und zu dem sie natürlich selbst viel beitragen, erträglicher zu machen. Aber alles, was war, ist nichts gegen das, was nun kommt.

Vor Argentinien liegen nämlich – von heute an gezählt – noch 36 unbeschwerte Tage. Am 22. November wird ein neuer Präsident gewählt, und wenn der liberal-konservative Hauptstadtbürgermeister Mauricio Macri den linkspopulistischen Regierungskandidaten Daniel Scioli besiegt, beginnt mit seinem Amtsantritt am 10. Dezember unverzüglich der Untergang des Landes. Sagt die Regierung. Dann kürzt der neue Präsident das Kindergeld und streicht die staatlichen Hilfen für Arme, er nimmt den Leuten auch Fútbol para Todos (Fußball für Alle) weg, die kostenlose Live-Übertragung der Ligaspiele, und sieht gleichgültig zu, wie die Arbeitslosigkeit steigt, die Löhne sinken und der Peso an Wert verliert. Es gefällt ihm sogar.

Vor allem aber privatisiert Macri alles. Wirklich alles.

Macri grupo

> Scherz auf Whatsapp: Macri ist der Gruppe beigetreten. – Macri hat die Gruppe privatisiert.

Und nicht einmal dabei belässt er es. Wenn Macri gewinnt,

  • heiratet die Mutter von McFly Biff;
  • wird der Toast auf die Seite mit der Marmelade fallen;
  • fängt Wile E. Coyote Road Runner;
  • machen sie aus Bambi Pastete;
  • trinkt das Baby nicht mehr aus deiner Brust;
  • verlangt Chewbacca von dir, dass du ihn kämmst;
  • wird dir dein Hund nicht mehr das Stöckchen holen;
  • enthält das Überraschungsei keine Überraschung mehr;
  • lässt dich Rexona im Stich.
Bu

> Wenn Macri gewinnt, verlangt Chewbacca von dir, dass du ihn kämmst. Foto: Campaña Bu/Facebook

Es ist genial, wie die Facebook-Gruppe Campaña Bu (Motto: »Mit Angst wählst du besser«) vermeintlich die Wahl der Regierung empfiehlt, um genau das nicht zu erreichen. Auf einer anderen Seite im Netz werden falsche Nachrichten verbreitet, die behaupten, Macri sei verantwortlich für das Verschwinden der Dinosaurier, er plane, den Buchstaben K (für kirchnerismo) aus dem Wörterbuch zu entfernen, werde die Siesta verbieten und stehe unter dem Verdacht, Schneewittchen vergiftet zu haben.

Witzig also ist der Wahlkampf. Aber das kann er nur sein, weil er zugleich schmutzig ist. Das eine bedingt das andere, der Witz ist die Antwort auf den Schmutz. Die Regierung von Cristina Kirchner versucht gerade, und zwar ganz ernsthaft, den Oppositionskandidaten in einen Alleskaputtmacher zu verwandeln. Von Stärke zeugt das nicht, im Gegenteil: Wer Angst schürt, fürchtet sich bekanntlich selbst, Machtwechsel bedeutet eben auch Machtverlust. Eine Regierung, der nach zwölf Jahren Herrschaft als Werbung für sich selbst nichts Besseres einfällt als das Warnen vor der Zeit ohne sie, misstraut ihrer Bilanz. Auch Meinungsforscher und Politikwissenschaftler glauben übrigens, dass die Angstkampagne zum Bumerang werden könnte.

Doch die Angst ist so etwas wie die letzte Patrone, die der Kirchnerismus noch hat vor der gefürchteten Stichwahl. Denn ein Zusammengehen mit den peronistischen Rebellen um Sergio Massa wird es wohl nicht geben. Massa, mit 21 Prozent der Drittplatzierte des ersten Wahlgangs vom 25. Oktober, hat sich festgelegt: Für den Regierungsmann Scioli wird er nicht stimmen. Das bedeutet im Umkehrschluss, wenngleich er es nicht ausdrücklich sagt, dass er Macri will. Wie viele seiner mehr als fünf Millionen Wähler ihm folgen, lässt sich schwer sagen. Klar ist aber, dass diese Masse auf Präsidentensuche die Wahl entscheidet.

Verglichen mit den cleveren Gegenkampagnen im Netz, die das Angstmachen übertreiben und die Angstmacher lächerlich machen, wirkt das, was der Kirchnerismus den Wählern auftischt, plump und einfallslos. Mit Macri, das ist die Kernbotschaft, kehrt der Neoliberalismus der neunziger Jahre zurück, die berühmte Epoche von Pizza y Champagne, als es scheinbar Geld im Überfluss gab, weil Präsident Carlos Menem Staatsbetrieb um Staatsbetrieb verscherbelte. Das Ende ist bekannt: erst Urlaube in Miami und ein Leben in Saus und Braus für die Mittelschicht, dann 2001 Staatspleite, Chaos, Straßenschlachten, Tote, Elend. Man hat es nicht vergessen – und auch nicht, dass es die Kirchners waren, unter denen es seit 2003 wieder eine ganze Weile bergauf gegangen ist. Deshalb wird Macri den Argentiniern als neuer Menem verkauft, als Schreckgespenst und Mann von gestern. Das Volk soll bitte glauben, dass seine Ideen das Land zurück in diese Vergangenheit führten.

Diese Argumentation hat freilich drei – mindestens drei – Schwächen: Erstens hat nicht Macri in den neunziger Jahren an der Seite Menems gestanden, sondern sein aktueller Gegner Daniel Scioli, der damals von eben diesem Präsidenten in die Politik geholt wurde und ihn bald darauf als Abgeordneter »mit Krallen und Zähnen« verteidigte, genau wie Cristina Kirchner übrigens; zweitens hat sich Menem selbst gewandelt, heute ist er: Kirchnerist; und drittens ist Macri erst seit 2003 politisch aktiv.

Villa 31, eines der großen Elendsviertel der Hauptstadt

> Villa 31, eines der großen Elendsviertel der Hauptstadt

Oder auch das: Macri bringe die Armut zurück nach Argentinien, behauptet die Regierung, die sich seit zwei Jahren nicht mehr traut, sie zu messen, wohl aus gutem Grund. Unabhängige Studien gehen davon aus, dass die Armut wieder wächst, sie soll sogar das Niveau der neunziger Jahre erreicht haben – trotz all der Sozialprogramme, die der Kirchnerismus aufgelegt hat, trotz des Kindergeldes, das ständig erhöht werden muss, damit es von der Inflation nicht aufgefressen wird. Und der Peso, der mit Macri angeblich an Wert verlieren würde, verliert ja schon Monat für Monat an Wert. »Die Frage ist, warum die Armen nach so vielen Jahren mit günstigen internationalen Rahmenbedingungen für Argentinien so viel Angst haben sollen, noch ärmer zu werden«, meint der Rechtsprofessor Ezequiel Spector. »In wirklich prosperierenden Ländern sind Regierungswechsel nicht traumatisch. Man feiert die Demokratie und die Alternative.«

Gewiss, man weiß nicht, was mit Macri kommt, er selbst hat über seine Pläne bislang auch wenig verraten; seine Versprechen sind eher vage: Wandel, Arbeitsplätze und Investitionen aus dem Ausland. Und es ist keineswegs ausgemacht, dass es den Argentiniern – oder zumindest dem Großteil – besser gehen wird als jetzt, wenn er regiert. Nur: Schlau wird man ja aus sowieso immer erst aus der Regierung und nie aus den Kandidaten.

Ein kultureller Wandel ist jedoch wahrscheinlich. Fútbol para Todos wird Macri wohl nicht antasten − er bestätigte damit ja alle Vorurteile, er mache Politik für die Reichen. Versprochen hat er aber, die kostenlosen Live-Spiele nicht als Dauerwerbesendung für die Regierung zu nutzen, wie es der Kirchnerismus seit Jahren tut. Auch die Fernsehansprachen mit Überlänge − vor einer Woche redete die Präsidentin 168 Minuten − sollen ein Ende haben.

Sein Kontrahent Scioli repräsentiert dagegen − kulturell betrachtet − eher schlechte argentinische Angewohnheiten. Die Präsidentschaftsdebatte Anfang Oktober, die erste in der Geschichte des Landes, hat er als einziger der sechs Kandidaten geschwänzt. Dies zeige, so schreibt Pablo Sirvén in der Zeitung La Nación, »dass er nicht toleriert, oder es ihm Angst macht, dass andere anderer Meinung sind als er«. Obendrein, so Sirvén, »verwechselt er den Staat mit sich selbst«. Gemeint ist: Der Gouverneur begreift sich als Eigentümer der Provinz Buenos Aires, die er seit acht Jahren regiert. Und schließlich könne man bei Scioli noch »ein anderes Kennzeichen peronistischer Anführer ausmachen: die Vetternwirtschaft«. Tatsächlich ist die Politik am Río de la Plata voller Ehefrauen und Ehemänner, Schwestern und Brüder, Söhne und Töchter, Schwager und Schwägerinnen, Cousins und Cousinen, die nicht nur Beiwerk sind, sondern selbst nach Ämtern streben, als wären’s Erbgüter.

Sciolis Frau, das Ex-Model Karina Rabolini, führt als Präsidentin die Bank-Stiftung der von ihrem Mann regierten Provinz. Sein Bruder José, genannt Pepe, spielt als Wahlkampfstratege eine wichtige Rolle. Lorena, die Tochter, die der einstige Motorbootrennfahrer erst nach 15 Jahren anerkannt hat, zieht als »Fahnenträgerin« von Desarrollo Argentino, der Denk- und Spendensammelfabrik ihres Vaters, durchs Land. Man sollte eher nicht erwarten, dass Daniel Scioli nach dem Einzug in den Präsidentenpalast diesen Familienbetrieb auflöst.

Eine Angst-Kampagne gegen Macri hat er in dieser Woche bestritten. Sie war vielleicht nicht seine Idee, Scioli ist eher kein Raufbold, er hat den politischen Nahkampf immer gescheut. Mindestens jedoch fehlt ihm die Autorität, einzuschreiten und einen anderen Weg vorzugeben. Nicht einmal jetzt, so kurz vor der Stichwahl, ist er die starke Figur des Kirchnerismus. Die sitzt − noch − im Präsidentenpalast.

Kirchner in der Casa Rosada

> Cristina Kirchner bei ihrer 168 Minuten lange Rede im Präsidentenpalast                         Foto: Casa Rosada

In ihrer langen Rede am vergangenen Donnerstag erwähnte die Amtsinhaberin Scioli mit keinem Wort − dafür dessen Rivalen: Macri »denkt, dass Homosexualität eine Krankheit sei«, sagte Kirchner. Am Sonntagabend, als Argentinien vor dem Fernseher saß, um zu schauen, wie Boca seine 25. Meisterschaft holt, wurde in der Spielpause von Fútbol para Todos ein Spot ausgestrahlt. »Macris Wirtschaftsplan ist der gleiche wie der der Militärdiktatur«, verkündete eine Stimme.

Alles sauber? Kein Schmutz?

Am Abend zuvor, bei einer anderen Partie, hatte einer der ultrakirchneristischen Kommentatoren in der Halbzeit gesagt: »Alle Tore gehören weiter allen … weil du sie nicht den Propheten des Hasses zurückgeben wirst, nicht?« Der Satz, eine Blutgrätsche mit Anlauf, legte nahe, dass unter dem Präsidenten Macri der Fußball wieder – wie vor 2009 – im Bezahlfernsehen ausgestrahlt werde.

Am Dienstag twitterte der Gesundheitsminister, von dem man gar nicht wusste, dass es ihn überhaupt gibt, die zwölf neuen Krebstherapiezentren »bleiben bestehen, wenn Scioli Präsident ist. Überleg dir deine Wahl gut«. Bald darauf löschte er den Tweet und klagte, sein Account sei gehackt worden.

Alles friedlich? Keine Angst?

Macri erzählte im Radio übrigens: »Meine Tochter Antonia hat mich gefragt, ob es wahr sei, dass die Überraschungseier keine Überraschung mehr haben werden, und ich musste ihr sagen, dass es nicht stimmt und sie sich keine Sorgen machen soll.«

Auch das war, natürlich, nur ein Witz.

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Weitere Texte zur Präsidentschaftswahl im Argentinischen Tagebuch:

Die Komödie vom kleinen Pipi eines Hurensohns und den großen Sorgen des Neunjährigen

von CHRISTOPH WESEMANN

Buenos Aires, Argentinien, früher Nachmittag. Ein Vater und sein neunjähriger Sohn auf dem Heimweg vom Fußballtraining

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ERSTE SZENE

SOHN. Ich habe heute zwei golazos1 geschossen, Papa.

VATER. Echt? Toll! Du hast natürlich auch einen brillanten Trainer.

SOHN. Ja, der ist ganz gut.

VATER. Ich meinte mich, wir üben ja fast jeden Sonntag im Park.

SOHN. Ach so. Ja.

Fußball im park

VATER. Ich bin trotzdem sehr stolz auf dich.

SOHN. Ohne mich hätte meine Mannschaft heute verloren.

VATER. Sag so was nicht.

SOHN. Doch, das stimmt. Die anderen haben vierdrei geführt, und dann habe ich kurz vor Schluss zweimal getroffen.

VATER. Aber so denkt nur ein hijo de re re re re contra mil puta2, wie dieser Cristiano Ronaldo.

SOHN. Weil der einen kleinen Pipi hat.

VATER. Das kannst du gar nicht wissen.

SOHN. Das hast du mir aber mal erzählt.

VATER. (überlegt) Der ist wirklich winzig.

Trikot des 2010 verstorbenen Ex-Präsidenten Néstor Kirchner (Fan von Racing Club), das dieser gern beim Kicken trug; Ausstellungsstück im Museum del Bicentenario

> 100 Prozent Kirchnerist: das Trikot des 2010 verstorbenen Ex-Präsidenten und Racing-Fans Néstor Kirchner, das dieser gern beim Kicken mit seinen Freunden trug (ausgestellt im Museo del Bicentenario)

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ZWEITE SZENE

SOHN. (geht an einer Baustelle vorbei) Warum wird denn gerade so viel gebaut in Buenos Aires?

VATER. Keine Ahnung. Vielleicht wegen der Präsidentschaftswahl. Cristina Kirchner will, dass alles hübsch aussieht.

SOHN. Dauert es noch lange bis zur Wahl?

VATER. 38 Tage. Am 25. Oktober wird gewählt.

SOHN. Will Cristina wieder Präsidentin werden?

VATER. Sie darf nicht.

SOHN. Nein?

VATER. Nein, die argentinische Verfassung erlaubt nur zwei Amtszeiten am Stück.

SOHN. Mmmhh.

VATER. Also acht Jahre.

SOHN. (sorgenvoll) Und der neue Präsident, Papi, macht der dann alles kaputt, was Cristina gebaut hat?

VORHANG

  1. Traumtore []
  2. in etwa: verdammter, verfluchter Scheißdreckmisthurensohn []

Die Komödie vom Zombie und der Bayernsau

von CHRISTOPH WESEMANN

Buenos Aires, 17 Uhr. Eine deutsche Familie in Argentinien. Ein Vater. Die Mutter auf Dienstreise. Der Große (9) und die Mittlere (6) sind gerade mit dem Schulbus angekommen.

VATER. Gracias. ¡Hasta mañana!

BUSFAHRER. ¡Hasta mañana! (fährt ab)

VATER. Wie war die Schule, Leute?

TOCHTER. Gut.

SOHN. Gut.

VATER. Gut.

SOHN. Morgen ziehe ich ein Fußballtrikot an.

Quilmes

VATER. Das weiße von Quilmes? Das schönste Trikot der Welt? Cool. Wir sind die Mannschaft der Stunde, weißt du ja. Fünf Siege in den letzten fünf Spielen. Fünf! Hat vorher noch kein neuer Trainer von Quilmes geschafft. Facundo Sava ist ein verdammtes Genie, sag ich dir. Die halbe Saison lang verlieren wir fast jedes Spiel, dann kommt er, und plötzlich gewinnen wir. Und pass auf, es sind noch neun Spiele, alles ist möglich. San Lorenzo und Boca holen wir nicht mehr ein, aber  …

SOHN. … Papa …

VATER. … bis zu den Hurensöhnen von River Plate sind es nur neun Punkte. Platz fünf wäre Wahnsinn. Am Sonnabend …

SOHN. … Papa …

VATER. … reißen wir erst mal Temperley den Arsch auf. Und wir sind natürlich dabei. ¡Vamos a la cancha!

quilmes 2

> Choripán-Stand vor dem Stadion des Quilmes Atlético Club

SOHN. Paaaaaaapaaaaaa!

VATER. Was?

SOHN. Ich ziehe mein Bayerntrikot an.

VATER. Du ziehst schön deine Schuluniform an, mein Freund! Wie sich das gehört in Argentinien.

SOHN. Aber ich darf. Wir reden in der Schule gerade über die Zukunft. Was in 20 Jahren ist. Was wir dann machen. Meine Lehrerin sagt, wir sollen morgen aussehen wie die Person, die wir in 20 Jahren sein wollen.

VATER. Und 2035 bist du …

SOHN. … Fußballprofi.

VATER. Bei Bayern.

SOHN. Ja. Im Sturm.

VATER. (murmelt) Ich habe versagt. In der Erziehung. Komplett versagt.

SOHN. Ich kann auch als Zombie gehen.

VATER. Besser. Viel besser.

SOHN. Dann musst du mir beim Verkleiden und Schminken helfen.

VATER. Ich bin allein mit euch dreien, schon vergessen?

SOHN. Nein.

VATER. Ich werde einen Teufel tun. Du gehst als Bayernsau und basta.

Quilmes 3

> Mit der Quilmes-Legende Rodrigo el Chapu Braña

TOCHTER. (aufgeregt) Papi, ich spiele für Quilmes, wenn ich groß bin. Wirklich. Ich will aber ins Tor.

VATER. (leise) Auch das noch.

TOCHTER. Wie bitte?

VATER. Danke, mein Schatz, du machst mich gerade ganz glücklich.

Der Vater fängt leise an zu weinen.

VORHANG.

Der Floh und der Apache, der Beißer und der Gebissene, die Statue und der Bleiche – die Berliner Komödie

von MARC KOCH & CHRISTOPH WESEMANN

Zwei Deutsche, räumlich getrennt, auf zwei Kontinenten. MC, früherer Lateinamerikakorrrespondent der Deutschen Welle, ist dem Leser als regelmäßiger Autor des Argentinischen Tagebuchs vertraut und hat bereits in diversen Komödien mitgespielt. Er hat lange in Buenos Aires gelebt. CW tut es noch. Und weil die beiden zwei sehr moderne Helden sind, sprechen sie nicht direkt miteinander, sondern mittels Kurznachrichten.

Heute über: das Champions-League-Finale in Berlin.

♦♦♦♦♦

CW. Ich bin schon krass heiß auf Barcelona gegen Juventus. Leo Messi und Carlitos Tévez, der Floh1 gegen den Apachen2! Luis Suárez und Giorgio Chiellini, der Beißer gegen den Gebissenen! Was für ein Finale!

MC. Ähem, der Gebissene kneift.

CW. Schulterverletzung?

MC. Wade! Links.

CW. Simulant.

MC. Es gibt ja auch noch Andrea Pirlo und Andrés Iniesta, die Statue gegen den Bleichen! Pirlo hat auf seinem sagenhaften rechten Fuß mehr Haare als Iniesta auf dem Kopf.

CW. Leider erwarten wir am Sonnabend, Mitte der zweiten Halbzeit, den einzigen Argentinier, der Fußball nicht mag, zum Kaffeekränzchen.

MC. Vor einem Jahr, Real gegen Atléti, saß er bei mir. Hat aber nicht groß gestört.

CW. Unsere Frauen sind echt …

MC. … so tolle Gastgeberinnen. Wir würden vereinsamen und verwahrlosen ohne sie, ach was, wir wären sozial seit Jahren isoliert.

CW. Wir müssten die ganze Zeit Fußballspiele gucken.

MC. Schreckliche Vorstellung.

CW. Für wen bist Du? Als halber Madrilene kannst Du ja nicht wollen, dass Barça die Champions League gewinnt. Also Juve.

MC. ICH WERDE NIEMALS FÜR EINEN ITALIENISCHEN VEREIN SEIN.

CW. Ich zitiere den argentinischen Fußballphilosophen Jorge Valdano, den wir beide ja sehr schätzen, was auch nicht oft vorkommt.

Italien weiß genau, was es will. Wenn ihr ästhetischen Stil wollt, dann schaut euch die Trikots an, die Millimeterfrisuren, den Schnitt der Bärte. Wenn ihr Talent möchtet, schaut auf die Ersatzbank (da sitzt del Piero mit der Feierlichkeit eines Pharaos).

MC. Oder auch:

Es gibt Momente, in denen ein Abwehrspieler klärt, und er sieht zum Beispiel die Beine eines Norwegers sperrangelweit offen, eine schöne Einladung zum Tunneln, die ein freier Mann niemals ablehnen würde. Der italienische Abwehrspieler lehnt die Versuchung ab und klärt trotzdem.

CW. Unsere Frauen allerdings…

MC. …sind für Juve.

CW. Wegen Totti.

MC. Der spielt seit 112 Jahren beim AS Rom.

CW. Das wissen aber unsere Frauen nicht. Für sie wird auch immer Paolo Maldini der Abwehrchef der Nationalelf sein.

MC. Noch so ein Schönling. Überhaupt total attraktive, charmante Männer, diese Italiener, voller Gefühle. Und aufrichtig, natürlich. Nie würde ein Italiener ‘ne Schwalbe machen. Niemals.

CW. Das Fairplay wurde in Italien erfunden. Von Pippo Inzaghi.

MC. Übrigens, Gigi Buffon …

CW. … Weltklasse-Torhüter …

MC. … hatte mal die Rückennummer 88, war aber kein Faschist. Er wollte eigentlich die Doppelnull haben, weil er meinte, das symbolisiere zwei Eier. Kein Witz. Fußballerlogik: Eier haben und so. Der AC Parma, sein damaliger Klub, ließ das aber nicht zu. Buffon, gedankenschnell: »Dann nehme ich die 88, das bedeutet: vier Eier!« Als man ihn darauf hinwies, wofür die Zahl in rechtsextremen Kreisen stehe, sagte er: »Wer ahnt das? Dass 88 der Hitlergruß ist, das wissen doch wirklich nur die Nazis!«

Seite Drei in der »Süddeutschen« am Donnerstag.

CW. Und dann gewinnt der ausgerechnet die Weltmeisterschaft im Berliner Olympiastadion. Da schloss sich ein Kreis.

MC. Du als Argentinier, der argentinischer sein will als jeder Argentinier, müsstest am Sonnabend für Juve sein. Wegen Tévez. Spieler des Volkes. Kindheit im Elendsviertel und so.

Mir ist egal, was die Leute denken. Ich werde meine Wurzeln nicht vergessen. Die Jungs sagen immer zu mir: »Wenn du ganz oben ankommst, vergiss nicht die Armen.«

CW. Ich bin für Juve! Genau aus diesem Grund.

MC. Dacht’ ich mir. Letzte Frage: Und Franziskus?

CW. Für Tévez, natürlich. Der Papst des Volkes. Aber Messi mit dem Pokal würde er auch empfangen.

MC. Es haben ja sowieso alle argentinischen Fußballer einen Hausausweis für den Vatikan.

  1. la Pulga, Messis Spitzname []
  2. el Apache, Tévez‘ Spitzname []

Die Frauen und der Fußball – Las mujeres y el fútbol

von CHRISTOPH WESEMANN

Seit einigen Monaten ist die Dreieinhalbjährige, wie ihre ganze Familie, Fan des argentinischen Fußballklubs Boca Juniors. Wenn sie im Kindergarten kickt, und das tut sie täglich, verliert stets ihre beste Freundin Mili, die zum Erzrivalen River Plate hält. Meine Tochter schießt jedes Mal so viele Tore, wie sie Finger an ihrer Hand hat. Boca kann nicht verlieren, daran glaubt sie fest. Ihre Mannschaft führt ja auch in der Meierschaft: acht Siege, drei Unentschieden. Und River? »River es malo«, sagt sie, was sich mit »schlecht« oder »böse« übersetzen lässt.

Heute Morgen habe ich ihr die Nachricht von Bocas nächtlicher 0:1-Niederlage im zweiten Superclásico der Saison überbracht. Sie schüttelte sich kurz, rieb sich die Augen und sagte: »River ist böse. Die haben Boca kein Tor machen lassen.«

Boca immer Junior

Desde hace unos meses mi hija de tres años y medio, es fanática de Boca, como toda su familia. Cada vez que juega al fútbol en su jardín pierde su mejor amiga Mili (muy fanática de River). Mi hija siempre mete tantos goles como los dedos de su mano. »Mili se comió cinco«, dice, mostrandome el resultado. Está convencida que Boca no puede perder. ¿Y River? »River es malo.«

Hoy a la mañana le conté de la derrota de los Xeneizes anoche en el segundo superclásico. Ella se sacudió, se pellizcó sus ojos y dijo: »River es malo. No le dejó meter un gol a Boca.«

Grass und Gagelmann, Katsche und Schmelzer, mieses Internet und kaltes Wasser in Buenos Aires: die ausgerutschte Komödie

von MARC KOCH & CHRISTOPH WESEMANN

Zwei Deutsche, räumlich getrennt, auf zwei Kontinenten. MC, früherer Lateinamerikakorrrespondent der Deutschen Welle, ist dem Leser als regelmäßiger Autor des Argentinischen Tagebuchs vertraut und hat bereits in diversen Komödien mitgespielt. Er hat lange in Buenos Aires gelebt. CW tut es noch. Und weil die beiden zwei sehr moderne Helden sind, sprechen sie nicht direkt miteinander, sondern mittels Whatsapp und Facebook-Chat.

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ERSTE SZENE

CW. Ich lese übrigens gerade »Herr Pep«, das Buch von Martí Perarnau über Guardiolas erstes Jahr beim FC Bayern. Auf Spanisch, weil’s billiger war als die deutsche Ausgabe. Schön erzählt. Tolle Anekdoten. Was allerdings arg nervt: hemos visto, han ganado, he dicho1. Habe ich noch nie benutzt. Ist das dieser ominöse Perfekt? Vollkommen überflüssig, wenn Du mich fragst. Oder reden normal entwickelte Spanisch sprechende Völker so?

Wörterbuch

MC. Das ist korrektes Spanisch. Bildet eine Verlaufsform der Vergangenheit ab, die dem knöcheltief in seiner Geschichte stehenden La-Plata-Spanier nicht verständlich ist.

CW. Verlaufsform, aha. ¡Qué sé yo!2

MC. Das heißt: ¡Yo qué sé!

CW. In Madrid vielleicht, wo ja Dein Kolonialherrenspanisch herstammt.

MC. Überall, wo christlich gesprochen wird.

CW. Ich bin Argentinier. ¡Andate!3

MC. Véte, heißt das.

CW. Nie gehört.

MC. Der Imperativ von irse. Der Spanier kann noch starke Flektion.

CW. Asador
Hübsches Foto, ne?

MC. 1959? Nach der Einnahme von La Habana?

CW. Die Geschichte muss neu geschrieben werden, wenigstens teilweise. El comandante Fidel. El Che. Und El Wese. Ach, vergiss den Medizinmann. Wir haben Havanna natürlich nicht eingenommen, sondern befreit.

MC. Das ist doch bei Euch immer das Gleiche.

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ZWEITE SZENE

CW. So ein Mist.

MC. Was?

CW. Ich habe plötzlich kein Internet mehr. Der schöne Stream ist weg. Das Halbfinale des DFB-Pokals! Wieso kommt dieses Spiel auch nicht im argentinischen Fernsehen? Die zeigen lieber Mr. Empoli gegen Dr. Caligari … Cagliari … was weiß ich, jedenfalls Mafialiga. Scheiß Argentinien! Verdammte Präsidentin! Verfluchter Peronismus! Und Evita kann mich auch mal.

Helden des Peronismus, von links: Héctor Cámpora, Evita, Juan Domingo Perón, Néstor Kirchner, Cristina Kirchner

> Helden des Peronismus, von links: Héctor Cámpora, Evita, Juan Domingo Perón, Néstor Kirchner und Cristina Kirchner

MC. Wesemann! Ich wusste, Du begreifst es irgendwann. Aber: Lass das Land in Ruhe. Die Präsidentin kann nichts dafür. Sie hat es nicht gewusst. Wie früher.

CW. Obendrein ist das Wasser kalt; auch so ein Zusammenhang, den es nur in Argentinien gibt.

MC. Weiß ich doch. Wenn Du in Buenos Aires kein Internet hast, hast Du auch kein heißes Wasser. Aber: Wenn das Wasser heiß ist, heißt das noch lange nicht, dass Du Internet hast.

CW. Aquí también la Nación Crece.4

Werbetafel in der Provinz Misiones

> Werbetafel in der Provinz Misiones

MC. Noch zehn Minuten. Gagelmann raus!

CW. Das von Schmelzer war keine Hand.

MC. Du hast es doch gar nicht gesehen.

CW. Marcel ist, so wie ich, in Magdeburg geboren. Er hat, anders als ich, für den 1. FC Magdeburg gespielt. Für den Club. Europapokalsieger 1974. Schmelzer darf alles.

MC. Die Hand soll ihm abfaulen! Hab‘s damals übrigens nicht geguckt, Euer Finale gegen den AC Mailand. Hat das überhaupt jemand geguckt in der normalen Welt? 4641 Zuschauer im Stadion, sagt Wikipedia. Ewige Minuskulisse.

CW. Sohn kommt gerade von der Schule. Und flucht auch gleich auf die Präsidentin.

MC. Saludos an meinen kleinen Bayernfan.

CW. Er grüßt zurück. So langsam wird er erwachsen, also, er misstraut mir neuerdings. Hab ihm vor ein paar Tagen erzählt, dass das 6:1 gegen Porto wiederholt werden muss, wegen Peps zerrissener Hose, klarer Verstoß gegen Uefa-Regularien usw. Da sagte er:

Ja, und letztes Jahr hab ich dir geglaubt, dass die Meisterschaft nachträglich an Dortmund geht, weil Pep die Meisterschale hat fallen lassen. Und das WM-Finale gegen Argentinien wird noch mal gespielt, weil Neuer ein grünes Trikot anhatte und man das im Endspiel nicht darf wegen gleicher Farbe wie der Rasen.

MC. Neuer: souverän! Sohn: Weltklasse!

CW. Mein Sohn!

MC. DIE BRINGEN LEWA UM, UND DER PFEIFT NICHT!!!! Zweiter klarer Elfer! Der gehört doch auf die Sportakademie, der Gagelmann.

CW. Uli schlägt in der JVA gerade jemanden zusammen.

MC. Mit Recht. 90 Sekunden bis zum Elfmeterschießen.

CW. Und ich bin ohne Internet. Und ohne Warmwasser. Ich dreh aber noch mal am Hahn. Gleich zurück.

♦♦♦♦♦

DRITTE SZENE

MC. Wir fangen an. Lahm:

CW. Pfosten.

MC. Vorbei. Rutscht weg wie Beckham damals gegen die Türken.
Gündoğan trifft.
Xabi. Aus. Wie Lahm. Rutscht weg.
Kehl. Tor.
Götze. Langerak hält.

CW. Was ist da los?

MC. Bestechung.
Hummels. Neuer!

CW. Sohn weint.

MC. Noch nicht! Neuer schießt. Latte.
Jetzt ja.

CW. Und ich bin so schlecht im Bayernsäue-Trösten.

MC. Du lachst ja auch schon wieder hinter seinem Rücken. Und er bekommt es natürlich mit. Weil er Dich durchschaut.

CW. Er sagt einen Satz, den nur ein Bayernfan sagen kann:

Immer verlieren wir.

MC. Mit rechten Dingen ging das jedenfalls nicht zu. Betrug. Bestechung. Beschiss.

CW. Heul doch! #schlechteVerlierer.

MC. Immer verlieren wir.

CW. Diese Saison nur noch zweimal. #Barça #MesQueUnClub #Messi #Mascherano

MC. Ein Unentschieden und zwei Siege. #SternDesSüdens

CW. Stern des Südens? Strauß? Der große FJS? Der die Westbindung erfunden hat?

MC. Mein lieber junger Freund, das war Adenauer!!! Der den Soffjets die Oder-Neiße-Linie aufgezwungen hat. Entweder man akzeptiert sie. Oder man ist nicht unser Freund. So war er, der Konny. Der Osten? Fort mit Schaden! Einer der wenigen Punkte, an denen sich Thomas Mann geirrt hat. #schlechterrussentisch #klawdiachauchat #zauberberg

CW. Amen, Herr Grass.

MC. Aber Günter wollte immer auf die andere Seite der Oder-Neiße-Linie.

CW. Äh, auf welche Seite jetzt? Der war doch früh auf der anderen Seite. Geboren in Gdánsk. Meine Oma war übrigens auch Vertriebene!

MC. Aber er wollte zurück. Deine Oma nicht.

CW. Und wer hat ihn aufgehalten?

MC. Die Gruppe 47. Nach seiner Lesung der »Blechtrommel« haben sie für ein Stipendium gesammelt. Jedes Mal, wenn wieder 500 DM zusammen waren, kam Richter am Tresen vorbei, und Grass hat einen Obstler genommen. Nach diesem Abend war er reich. Und dann berühmt.

CW. Die Gruppe 47 ging mir schon beim Abi auf den Wecker. Nur Schaumschläger. Aber gutes Marketing. Peter Weiss, war der da auch drin? Und Enzensberger? Konnten ja alle nicht für fünf Pfennig schreiben. Da ist mir die Gruppe 74 lieber.

gruppe 74

MC. Die mit Müller, Maier und Hoeneß?

CW. Ja, und mit Katsche.

Zwei Beine, ohne Interesse an Genialität,
vereinfachter Mechanismus, nichts Brasilianisches,
kein Sternenlauf, kein Jubel in den Fußgelenken,
Standbein, Schussbein, nichts für Genießer,
und trotzdem einer, dessen die Menschen,
die ihn spielen sahen, gedenken.

MC.

Unzuständig für alles Künstlerische!
Kein Dribbling, kein nie gesehener Trick,
stattdessen Luft für neunzig Minuten,
und notfalls für die Verlängerung, wenn die Kollegen Krämpfe quälen.
Merkwürdig, daß so einer, eckig wie eine leer gegessene
Pralinenschachtel, etwas trifft, das rund ist.

CW. »Gedicht für Georg Schwarzenbeck«. Das einzig Brauchbare und halbwegs Verständliche von Wolf Wondratschek.

MC. Lessing sagt:

Wer mich einen Intellektuellen nennt, dem hau‘ ich eine rein!

Aus dem Hintergrund wird »Fußball ist unser Leben« langsam unter den letzten Worten durchgeblendet. Estragon und Wladimir schauen sich fragend an. Botho Strauß zerknüllt ein Stück Papier und verlässt den Raum. Irgendwo pinkelt jemand auf ein Buch von Ggm. Frau CW nimmt die Kinder und zieht zu ihrer Mutter.

VORHANG.

  1. wir haben gesehen, sie haben gewonnen, er hat gesagt []
  2. Was weiß ich! []
  3. Hau ab! []
  4. Bekannter Satz auf Werbetafeln der argentinischen Regierung überall im Land: »Auch hier wächst die Nation.« []

Der kürzeste argentinische Witz

von CHRISTOPH WESEMANN

Geht ein Kaiser in Buenos Aires in ’ne Tango-Bar…

Beckenbauer Franz

Foto im Fenster der »Bar Sur«, Stadtteil San Telmo, Estados Unidos 289 (Ecke Balcarce)

 

 

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Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

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Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geistes-
wissenschaftlichen Hintergrund. Wir sind böse, sexy und klug. Wir können saufen wie die Kutscher, haben Kant gelesen und nicht verstanden, aber das merkt keiner, und schlafen nie.


Gegründet 2012 von Christoph Wesemann in Buenos Aires

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