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Ein Nachmittag beim 87-Jährigen

von CHRISTOPH WESEMANN

Montevideo/UruguayRiver Plate − weder verwandt noch verschwägert mit dem gleichnamigen Klub aus Buenos Aires − empfängt Atlético Juventud de Las Piedras. Sí, sí, sí, erste Liga Uruguay, ¡señoras y señores! Sekunden vor dem Anpfiff werden noch schnell zwei Wohnzimmerstühle quer über den Platz zur Bank des kleinen Hauptstadtvereins getragen. Mach hinne, viejo, wir sind heiß! So hat’s nicht mehr gekribbelt, seit wir damals mit der Steffi im Sandkasten … aber sie musste dann leider weg, wg. Frühschicht.

Die mitgeschleppten Kinder missbrauchen das olle Stadion Saroldi (87) als Abenteuerspielplatz. Klettern, krabbeln, hüpfen. Och, jetzt hat sich die Viereinhalbjährige den Kopf gestoßen. Tja, ich hatte doch vorhin gesagt: Aufpassen, Leute.

Einer der Ordner will wissen, ob [irgendeinen Namen einsetzen] Argentinier sei. Wer? Ach so, der. Keine Ahnung, glaube nicht.

Er freut sich riesig, als er hört, dass er gerade mit einem Deutschen spricht (den er wegen des Akzents zunächst irrtümlich für einen Franzosen gehalten hat). In der Halbzeitpause analysieren wir tiefgründig die deutsche Geschichte 1933ff.

Er muss jetzt irgendwas erledigen, will aber noch eine letzte Frage loswerden:

»Was zum Teufel wollt ihr hier?«

Gute Frage.

♦♦♦♦♦♦

Estadio Parque Federico Omar Saroldi
Eröffnung: 1928
Fassungsvermögen: 5165
Eintritt: 300 uruguayische Pesos (8,59 Euro; Kinder bis zwölf kostenlos)
Endstand: 0:0
Zuschauer: 1000 (laut der Zeitung El País)

Die Podcast-Premiere: Zwei Herzensargentinier reden sich um Kopf und Magen

von CHRISTOPH WESEMANN

Wacho Chorro (r.) empfängt sein Honorar.

Montevideo/Uruguay ♦ Leser des Argentinischen Tagebuchs kennen ihn schon, el famoso Wacho Chorro, unseren Mallorca-Korrespondenten und Europa-Kantinenchef, »Kopf und Leber« der Borrachos Bornheim vom FSV Frankfurt. Wir haben ihn aus Buenos Aires einschippern lassen – zu einem tiefgründigen, ungeschnittenen Gespräch über Fußball, Frauen, Fleisch und Folklore, über Argentinier und seine Nachbarn, über den Río de la Plata und seine Wellen. Viel Vergnügen.

Ankunft im Exil: Der förmliche Dicke, ein Elternabend und die Latina von gegenüber

von CHRISTOPH WESEMANN

Montevideo/Uruguay ♦ Donnerstagmorgen. Zeitungslektüre. Der Außenminister der sozialistischen Regierung verlangt von Venezuelas ebenfalls sozialistischem Präsidenten Nicolás Maduro, dass er die Schulden für die gelieferten Lebensmittel endlich bezahlt, es geht um 75 Millionen Dollar. Man fühle sich in seiner »Gutmütigkeit ausgenutzt«. Zudem haben heute 222 935 Oberstufenuruguayer keinen Unterricht, weil ihre Lehrer streiken. Einer von ihnen hatte eine Rauferei unter Schülern schlichten wollen und war dabei beleidigt und geschubst worden. Der Außenminister knöpft sich gleich noch die Pisa-Studie vor, deren Untersuchungsmethode er anzweifelt.

Ist es denn so wichtig, dass die Kinder mit dem Bleistift rechnen können, wenn sie doch Taschenrechner haben? Macht einer von Ihnen eine Division mit dem Bleistift?

Das hat er, berichtet El País, am Vortag auf einem Forum gefragt und seinen Zuhörern eine knifflige Aufgabe gestellt: »542 geteilt durch 24.«

Ist ganz schön was los in meiner neuen Heimat, nicht wahr? Ich glaube, ich lege mich noch ein bisschen … oh Wahnsinn: Am Abend empfängt Uruguays Großklub Nacional in der Copa Libertadores Palmeiras. Das Hinspiel in São Paulo war der Hammer.

Auf zu Redpagos. Wo der Uruguayer seine Strom-, Gas-, Telefon- und Sonstwas-Rechnungen bezahlt, die ihm der Postbote vorbeibringt. Redpagos verkauft auch Eintrittskarten für Konzerte und Fußballspiele.

Heute aber nicht. Darum.

Dann eben direkt zur Quelle. Der Kioskbesitzer nennt mir die Buslinie (329) und malt auf die Rückseite eines Kassenbons eine Wegbeschreibung von der Haltestelle zur Geschäftsstelle des Club Nacional de Football. »Hier vorne an der Ecke steigst du ein. 3-2-9.«

weg

Gerade fällt mir ein, ich soll ja am Abend zur Elternversammlung der fast Siebenjährigen. Keine Ahnung, was es drei Wochen nach Schulanfang schon so Wichtiges zu besprechen gibt. Die Lehrerin wird sich kurz fassen, denke ich. Ich kenne sie zwar bloß vom Hola-Winken am ersten Tag und weiß nicht einmal, wie sie heißt, was freilich auch zu viel verlangt wäre, ich habe schließlich drei Kinder. Ich dachte neulich, ich hätte mit ihr telefoniert, wegen irgendeiner Sache, die ich ebenfalls schon wieder vergessen habe. Aber das war die Klassenlehrerin des Zehnjährigen. Der Zehnjährige hat’s mir später bestätigt. Bislang jedenfalls hat sie uns in Ruhe gelassen, und das ist für mich die Kernkompetenz eines Pädagogen.

Die Eltern in Montevideo aber wirken irgendwie übermotiviert.

»Señor, buen día, qué tal, ich will ’ne Karte, bin ich hier richtig?« Der Dicke, der die Eingangstür des Vereinsheims von Nacional bewacht, schüttelt den Kopf und sagt, ihm lägen »keinerlei Informationen vor über die Modalitäten des Eintrittskartenverkaufs am heutigen Tage«. Alter, förmlich kann ich auch: »Hä?«

Ich soll es mal am Ticketschalter versuchen, er beschreibt den Weg und flüstert mir hinterher: »Wenn du keine Karte mehr bekommst, sprich mich nachher noch mal an. Vielleicht kann ich eine besorgen.«

Parque Central, Montevideo

> Parque Central, das Stadion des Club Nacional de Football

In der Schlange handeln sie eifrig mit Gerüchten.

»Alles ausverkauft, habe ich gehört.«

»Nein, gestern Abend haben sie gesagt, heute würden um 10 Uhr noch Karten verkauft.«

»Es ist zehn nach zehn, du Depp, und keine Sau sitzt am Schalter.«

»Mir wurde gesagt, es sollte noch welche bei Redpagos geben.«

»Redpagos ist der letzte Scheiß, amigo.« Die Schlange gibt mir in diesem Punkt absolut recht.

Die Frau vor mir, Nummer 34, Mate in der Hand, Thermosflasche unterm Arm, schwört, sie werde sterben, sollte sie es nicht ins Stadion schaffen. Und ich erst, señora! Plötzlich schreit der Bursche hinter mir in sein Telefon, er hat offenbar jemanden vom Verein dran: »Gestern Abend haben sie uns gesagt, dass heute … « Sekunden später legt er auf.

Feierabend. Keine Karten mehr.

Der Dicke von der Geschäftsstellenpendeltür erkennt mich wieder und speichert meine Nummer in seinem Telefon. Er werde einen Freund fragen, ob der eine Karte verkaufen wolle, angeblich sogar ohne Aufpreis. »Wenn dich keiner anruft, klappt es nicht.«

»Wann kann ich denn mit einem Anruf rechnen?«

»So um sieben, halb acht.«

»Mitten im Elternabend.«

»Was?«

»Perfekt. Anstoß ist um Viertel vor zehn?«

»Genau.«

»Gracias, querido.«

Also, das wird ganz sicher nix. Der Typ wirkt viel zu wenig verschlagen.

Ich will jetzt aber unbedingt zu diesem Scheißspiel. Von dem ich heute Morgen noch gar nichts wusste.

Meine letzte Hoffnung heißt Jorge. Jorge ist Vereinsmitglied von Nacional, und ich habe ihn schon mal begrillt, wir sind also Freunde. Eine warme südamerikanische Nacht. Vollmond. Zwei Kerle allein auf der Terrasse. Vor einem Haufen Fleisch. Von unten der hochblubbernde Verkehr. Gegenüber die eine Latina, die ganz zufällig vergessen hat, die Vorhänge zuzuziehen. Jorge verspricht, er werde sich umhören, und schickt fünf Minuten später eine Nachricht:

Mein Bruder hat seinen Stammplatz leider schon abgetreten. Aber der Onkel seiner Freundin hat eine Loge. Wenn er es schafft, mit ihm zu sprechen, sagt er mir Bescheid.

Whatsapp

Da war ja selbst die Kartenbeschaffung in Argentinien für Spiele der Boca Juniors weniger umständlich. Der Onkel der Freundin des Bruders meines Freundes, den ich seit sechs Wochen kenne – über mehr Ecken geht ja kaum.

Respekt, Uruguay. Ich denke, wir werden miteinander klarkommen.

La última función: la comedia del adios

von CHRISTOPH WESEMANN

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PRIMER ACTO

Argentina, Capital Federal, son las 23 y pico. Un alemán con Pablo, su amigo argentino, sentados en una mesa llena de restos de carne, una botella de Coca media llena y una de Fernet casi vacía

PABLO: Por lo menos, sabés hacer asado.

YO: Aprendí de los mejores.

PABLO: ¡Del mejor de todos!

YO: Si no hubieran caído los choris, hubiera sido un asado perfecto.

PABLO: ¿Dejaste caer nuestros choris sagrados?

YO: Sí. Obvio.

PABLO: Y no dijiste nada. Ni una sola palabra.

YO: Claro que no, boludo!

PABLO: Re bien. Así está correcto. Cada asador argentino tiene sus secretos.

Grill

YO: Escúchame, voy a extrañar tantas cosas. Miles. Millones.

PABLO: ¿Cuántos días te quedan?

YO: Tres, la puta madre. Tres días después de tres años y medio en la Argentina.

PABLO: Y después Uruguay.

YO: Pero antes de mudarme estaré por un mes en Alemania.

PABLO: Es aburrido Alemania pero no tanto como Uruguay.

YO: Cállate la boca, hijo de puta.

PABLO: Es chico Uruguay.

YO: Muy chiquitito.

PABLO: En realidad, no es un país verdadero sino …

YO: … una provincia argentina.

PABLO: ¡No se lo digas a los uruguayos!

YO: Ni en pedo. Pero es verdad.

PABLO: (reparte el resto del Fernet en dos vasos y le pone Coca) ¡Claro que es verdad! Boludo, pero lo más importante es (errupta fuerte)

YO: Decime.

PABLO: Usá oraciones simples. Y hablá despacio con los uruguayos.

YO: Yo …

PABLO: Eso de oraciones simples, no te cuesta mucho.

YO: … lo sé.

PABLO: ¿Terminamos por hoy?

YO: Sí, tengo que laburar muchísimo mañana, atornillando manijas de puertas y armarios.

PABLO: ¿Son muchos?

YO: Obvio. Y las que no están flojas ya se cayeron.

PABLO: Te ayudo. Sé hacerlo.

YO: ¿Lo aprendiste?

PABLO: Como lo dije, sé hacerlo.

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SEGUNDO ACTO

El otro día. Un departamento casi vacío. Muchas herramientas. Una caja llena de tornillos. Suena el teléfono.

YO: ¿Cómo estás, capo?

MARC KOCH: ¿Me podés traer carne? ¿La mejor carne del planeta? ¡Dios mío!, como la extraña en Alemania. Ya no aguanto más al cerdo y pollo de mierda.

Babybeef

YO: Te pongo en voz alta.

MARC KOCH: Y también vino tinto, por favor. Estoy medio sentimental.

Wein

PABLO: Uuuuuuuuh, el otro alemán. ¿Qué tal, flaco?

MARC KOCH: ¿Pablo?

PABLO: En persona. ¿Qué hacés?

MARC KOCH: Hola querido, ¿todo bien?

PABLO: Estamos laburando. Entonces: no.

MARC KOCH: Noooooooo, cuatro manos izquierdas.

YO: Oooooooh, estos argentinos. Lo que pasa es, estamos recorrierendo la casa con el destornillador para ajustar las manijas. Imagínate, en todos lados hay diferentes tornillos, metidos de cualquier manera, la puta que los parió. Viendo este quilombo, mi viejo se volvería loco.

MARC KOCH: Cuéntame algunas novedades, gordo. Todo eso lo conozco bien de mi casa porteña cuando vivía allá. Siempre usé tornillos un poquito más grandes y les puse  pegamento termofusible en la punta.

YO: Este método es bastante complicado para los argentinos.

PABLO: (grita) ¡Un martillo tiene el mismo efecto! (martillea)

MARC KOCH: ¡Para, para, para! Va a salir por el otro lado el tornillo.

YO: No pasa nada.

PABLO: Encontramos un esmalte de su mujer que tiene casi el mismo color como las puertas y los armarios. Cheee alemán, tenemos que seguir laburando.

tattoo 1

MARC KOCH: Pablo, decime: ¿Te gusta el tatuaje de nuestro amigo?

PABLO: ¡Me encanta!

MARC KOCH: Yo tendría miedo de que se caiga o baile algún día en mi pecho.

PABLO: Sos un cuatro de copas. Un amigo mío lo hizo.

MARC KOCH: Por eso.

PABLO: Este tipo es Gardel con guitarra eléctrica.

MARC KOCH: (se pone un casco del obrero y agarra su tablilla con sujetapapeles) Me quedo un poco con ustedes. ¡No me corten, amigos! (grita) Mi corazón, ¿sabes dónde está mi pistola cargada con pegamento termofusible?

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TERCER ACTO

En la puerta

PABLO: (pulsa el botón del ascensor) Lo hicimos muy bien, no cierto?

YO: Sin dudas. Todo vuelve a estar en el estado originario.

PABLO: Decime la verdad, qué piensas de los argentinos?

YO: En realidad no puedo decir nada mal de ustedes. Son buena gente. Disfruté muchas cosas argentinas: los brazos abiertos, el cariño, los abrazos y besos, la franqueza. Y todos aman a los niños, también en los momentos cuando te estén rompiendo las bolas. Fue un placer vivir acá.

PABLO: Cheee, déjate de joder. Se queja siempre un argentino auténtico, eh, sobre todo de otros argentinos, y vos has querido ser más argentino que cualquier argentino.

YO: Bueno, la humildad no es algo muy argen …

PABLO: … pero no tenemos razones para ser humildes.

YO: Encima son chamuyeros, y cada cuatro palabra de ustedes es re tramposa.

PABLO: Cada segunda.

YO: La auto ironía argentina es de la máxima calidad.

PABLO: Comparto.

YO: Te digo cómo me hinchabas mucho las pelotas. Siempre cuando vos …

PABLO: … ay, lo siento, me tengo que ir. Dale, dame un abrazo. (le da un beso) Te quiero muchísimo, hermano. ¡Cuídate! (se va)

-FIN-

Eine Schule für Diebe, der Polizist, der Deutschen vertraut, und ein überfahrener Hund: Unterwegs im Nordosten Argentiniens (2)

von CHRISTOPH WESEMANN

Dritter Tag: Resistencia, Hauptstadt der Provinz Chaco

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Müllsammler (cartoneros) in Resistencia

> Müllsammler (cartoneros) in Resistencia

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Um 6.37 Uhr stoppt der Bus. Licht an. Ein Polizist tritt ein. Er will einmal durchgehen, müsste dafür aber über eine Tasche steigen, die im Gang steht. Das tut er nicht.

»Deine?«

»Häh?«

Ich bin gewöhnlich weniger, zugegeben: nur ein bisschen weniger, begriffsstutzig. Aber gerade erst ist es mir halbwegs gelungen, die Frage zu beantworten, die ich mir vor einer halben Stunde gestellt hatte, nämlich, warum ich überhaupt in diesem Bus sitze.

»Gehört dir die Tasche, Chef?«

Es ist wohl wegen Jorge Capitanich. Ich hatte ja ziemlich große Pläne mit ihm. Ich wusste damals gleich, dass sein neuer Posten als Kabinettschef der gesundheitlich angeschlagenen Präsidentin Cristina Kirchner nicht das Ende seiner politischen Karriere sein würde. Das war ein Sprungbrett! Natürlich hatte er, das räumte ich auch ein, bislang nur Chaco regiert, eine der rückständigsten Provinzen des Landes, in der einer Studie zufolge 71 Prozent der Kinder und Jugendlichen arm sind. »Aber Capitanich ist kein Bürokrat wie sein Vorgänger, sondern ein Macher, und er hat Cristina öffentlich stets verteidigt«, schrieb ich. »Nun soll er mitführen und sie entlasten, weil klar ist, dass sie ihr altes Arbeitspensum vorerst nicht schaffen wird. Zum ersten Mal gibt sie Macht ab. Und der Mann, mit dem sie sie teilt, könnte 2015 als Präsident kandidieren, um die kirchneristische Politik fortzusetzen.«

Für mich klang das logisch. Das war am 21. November 2013. Später entdeckte ich, dass er sogar schon Wirtschaftsminister gewesen war. Drei Tage lang. Vom 21. bis 23. Dezember 2001.

Mittlerweile ist Capitanich, genannt Coqui, kein Kabinettschef mehr – und Präsidentschaftskandidat schon mal gar nicht. Er hat eine Weile die beste Witzfigur der argentinischen Politik abgegeben, sein allmorgendliches Gestammel, deklariert als Pressekonferenz, wurde legendär, einmal zerriss er vor den Kameras sogar Seiten der oppositionellen Zeitung Clarín, damit das »argentinische Volk« erfahre, von wem es belogen werde, wie er sagte.

15 Monate nach meinem Text verbannte ihn Cristina Kirchner zurück in seine Provinz. Er ist jetzt wieder, was er schon gewesen war, bevor er sich beurlauben ließ, um Kabinettschef zu werden: Gouverneur von Chaco. Aber seine Amtszeit endet, und weil er nicht wiedergewählt werden darf, will er wenigstens Bürgermeister der Hauptstadt Resistencia werden. Dorthin fahre ich gerade. Ich will mir Coquis Reich angucken.

Die Tasche, richtig. Ich zeige auf den Mann neben mir. Der schläft noch, wird aber vom Polizistenzeigefinger augenblicklich angetippt und aufgeweckt. Er scheint auch gerade an Capitanich gedacht zu haben.

»Häh?«

»Darf ich die Tasche öffnen?«, fragt der Polizist noch einmal.

Kontrollen an den Provinzgrenzen sind üblich in Argentinien, auch Autofahrer werden nach Belieben angehalten. Die Polizisten fragen nach dem Ziel der Reise, lassen sich Pässe, Führerscheine und Fahrzeugpapiere zeigen, öffnen auch mal den Kofferraum und wünschen dann eine gute Fahrt.

Gestern auf der Rückfahrt aus Asunción, kurz hinter der Grenze, hat eine Frau aussteigen und neben der Straße ihre drei Riesenkoffer ausleeren müssen. Dabei sah sie gar nicht aus wie eine Schmugglerin.

Für mich hatte sich der Polizist gar nicht interessiert.

»Ich habe ein paar Geschenke gekauft, sonst nichts«, hatte ich gesagt und ihm meinen Reisepass gereicht. Ich wollte den Rucksack öffnen, als er abwinkte. »Du bist Deutscher. Lass gut sein.«

In dieser Tasche nun ist offenbar nichts, das nicht sein darf. Der Polizist verschließt sie wieder, erkundet den Gang bis zum letzten Sitz, ruckelt noch einmal an der Gepäckablage und geht dann ab. Licht aus. Augen zu.

Zwischen meinem Quartier in Formosa und Resistencia liegen 160 Kilometer reines Nichts. Mehr als eine Million Menschen leben in der Provinz Chaco, aber sie ist auch fast so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Es gibt beim Blick aus dem Busfenster keine Ortschaften oder Dörfchen, hie und da immerhin steht eine Hütte schief am Wegesrand.

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Chaco wurde auch erst spät, am 8. August 1951, per Gesetz 14 037 zur Provinz erklärt – unter dem Präsidenten Juan Domingo Perón. Ein halbes Jahr darauf, wiederum per Gesetz, erhielt sie den Beinamen Provincia Presidente Perón.

Ich bin nun in 16 der 23 Provinzen gewesen. Das sind mehr, als jeder Argentinier besucht hat, den ich kenne. Die fahren aber auch immer nur an den Atlantik, ans mar Argentino, das argentinische Meer, oder nach Punta del Este, dem Schnöselbadeort in Uruguay. Mir fehlen noch: Catamarca, Feuerland, La Rioja, San Juan, Santa Cruz, Santiago del Estero und Tucumán.

Die Evita-Statue auf der Plaza 25 de Mayo

> Die Evita-Statue auf der Plaza 25 de Mayo

Über Santiago del Estero und Tucumán erzählt der Aufgeweckte neben mir einen erstklassigen Witz. Seine Oma war Paraguayerin, der Opa kam aus Polen nach Argentinien. Eine tolle Mischung, findet er. Wir unterhalten uns über das mitunter schwierige deutsch-polnische Verhältnis, über die Kriege und die Verbrechen, die Vorurteile vieler Deutscher, die Polenwitze der neunziger Jahre. Werbung des polnischen Fremdenverkehrsverbandes: »Kommen Sie im nächsten Urlaub nach Polen − Ihr Auto ist schon da.«

Hier mache man solche Witze über die Leute aus Tucumán, sagt er. Die Tucumanos hätten nämlich den Ruf, Diebe zu sein. In der Provinz habe es vor 100 Jahren sogar eine Schule gegeben, an der das Stehlen unterrichtet worden sei.

»Ist das der Witz?«

»Nein, die Schule gab es.«

»Nicht wahr!«

»Ich schwör’s dir.«

»Dann erzähl mir mal einen Tucumán-Witz.«

»Bueno. Du weißt sicher, dass Santiago del Estero eine sehr arme Provinz ist, ¿no?«

»Sí. Und in Tucumán essen sie Mandarinen wie die Irren − wenn Saison ist: jeder Tucumano 20 bis 30 pro Tag. Hat mir mein Sohn erzählt, und der war schon da.«

»Kann sein. Also: Treffen sich ein Tucumano und ein Santiagueño. Der Tucumano sagt: ,Ach ihr, ihr habt ja nicht mal Asphalt auf euren Straßen.‘ – ,Stimmt gar nicht‘, erwidert der Santiagueño. ‚Wir haben Asphalt, aber wir bedecken ihn mit Erde, damit ihr uns den nicht klauen könnt.‘«

Resistencia te quiere, heißt der Slogan der Hauptstadt, in die wir gerade einfahren. Sie hat dich also gern. Sagen wir’s so, man glaubt es ihr nicht auf Anhieb. Resistencia empfängt Gäste wie fast jede andere Stadt in Argentinien: ungewaschen und ungeschminkt, insgesamt labil. Man fährt zunächst durch eine Art Gewerbegebiet, viele Autowerkstätten, einige Autoreifenbuden, nicht ganz so viele Autowaschanlagen, dann noch mal alles zusammen unter einem, nun ja, Dach, mit angeschlossenem Imbissstand, bevölkert von Männern, die changas suchen, Gelegenheitsarbeit, und Frauen mit kleinen Karren voller Thermosflaschen, um Tee und Kaffee zu verkaufen.

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Die Provinz Chaco ist, wie der gesamte Norden und Nordosten Argentiniens,  eine Hochburg der Schwarzarbeit. Selbst das Statistikamt Indec, das auf Wunsch der Regierung unangenehme Zahlen gern aufhübscht oder ganz verschweigt, schätzt sie auf 43 Prozent im Großraum Resistencia (letztes Quartal 2014; landesweit: 34 Prozent). Allerdings hat die Region laut Indec mit 0,6 Prozent auch die geringste Arbeitslosenquote Argentiniens, es herrscht: »Vollbeschäftigung«.

Hunderte – viele Frauen mit Kindern – stehen an diesem Tag vor Ämtern und Banken, um sich ihre Zuschüsse abzuholen, und man selbst erstarrt augenblicklich vor diesen reglosen Schlangen. Schaut man ihnen lange genug zu, zucken sie kurz, dann geht es ein paar Schritte vorwärts. Stunden werden die Leute ganz hinten brauchen, bis sie dann drin. Eine voll beschäftigte Provinz.

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Sitz der Provinzregierung von Chaco in Resistencia

> Gouverneurssitz in Resistencia

Die Frau im Tourismusbüro empört sich professionell darüber, dass ich heute Resistencia gleich wieder verlassen werde. »Nur ein Tag? Das ist so schade.«

»Eigentlich bleibe ich nur drei, vier Stunden.«

»Aber bei uns gibt es doch sehr viel!«

Das weiß ich, señora. Die Plaza 25 de Mayo ist eine der größten Argentiniens, mehr als vier Hektar misst sie. Außerdem hat das Parlament Resistencia vor Jahren zur Capital Nacional de las Esculturas ernannt. Es stehen nämlich 606 Skulpturen in den Straßen und Parks der Stadt, und gefühlte 250 davon werden mir gerade nacheinander intensiv ans Herz gelegt.

Eigentlich wollte ich nur einen Stadtplan schnorren.

»Man kann sich für zwei Stunden ein Fahrrad ausleihen. Kostenlos.«

»Oh, das ist toll.«

»Wollen Sie?«

»Nein.«

»Aber unseren Fernando, den müssen Sie besuchen!«

Der Hund Fernando

> Der Hund Fernando

Herrje, den Köter hätte ich fast vergessen. Fernando streunte Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger um die Plaza und besuchte Bars und Konzerte, bis er ganz berühmt war. Angeblich inspirierte er die Bürger zu Tagträumen, und der Chef einer Bank soll ihn jeden Morgen zum Frühstück eingeladen haben. »In einer Stadt, die den Künsten verpflichtet ist, galt Fernando als eine (haarige) Künstlerexistenz«, schreibt der Reiseführer. Am 28. Mai 1963 wurde er allerdings von einem Auto angefahren und starb. Das städtische Orchester spielte einen Trauermarsch, und die Leute schlossen aus Respekt ihre Fensterläden. Fernandos Begräbnis soll das meistbesuchte in der Geschichte Resistencias gewesen sein. Zwei Skulpturen erinnern an ihn.

Es tut mir leid für Resistencia und die Frau, die alles unternimmt, um mich zu begeistern. Ich habe leichte Motivationsprobleme, ich fühle mich sehenswürdigkeitensatt: Drei Städte, zwei argentinische Provinzen, ja zwei südamerikanische Länder in drei Tagen, das ist zu viel. Heute bin ich um halb fünf aufgestanden, um zum Bahnhof zu fahren. Die Bustouren nerven mittlerweile auch. Gestern acht Stunden, heute mindestens sechs, ich lebe ja praktisch im Oberdeck von Nueva Godoy.

»Danke für die Hilfe und den Stadtplan. Ich gehe gleich zu Fernando.«

Ich laufe noch ein bisschen ziellos herum.

Trikotverkauf im Zentrum von Resistencia

> Trikotverkauf im Zentrum von Resistencia

> Skulptur zu Ehren der ersten italienischen Einwanderer

> Skulptur zu Ehren der ersten italienischen Einwanderer

Dritter Teil: Robinson Wese, ein Katzenfresser und eine Fähre, die nicht kommt − von Argentinien nach Paraguay und zurück

¡Estás igual, Buenos Aires! – Back To The Future auf Argentinisch

von DIRK RÜGER

 

Der Autor lebt in Berlin und betrieb bis vor kurzem das Blog www.entre-vista.de.

♦♦♦♦♦

»¡Estás igual!«, kräht es jedes Mal aus dem Mund meiner Freundinnen und Freunde. »Du hast dich gar nicht verändert!« Einerseits sind das ja die Komplimente, die man gerne hört mit fast 44. Andererseits ist es immer so eine Sache mit dem »Sich-nicht-verändert-Haben« – selbst wenn das zunächst nur der erste Eindruck ist, vor allem rein äußerlich gemeint.

Eine Ewigkeit − 17 Jahre − ist es her, dass ich Argentinien und vor allem Buenos Aires verlassen habe, wo ich (lediglich) zwei Jahre gewohnt, gelebt, studiert habe. Vor der Wirtschaftskrise (welcher denn?) 2001. Mit meiner damals hochschwangeren argentinischen Exfrau flogen wir im Juni 1998 nach Berlin. Ich wollte nur mein Studium beenden und dann spätestens nach dem Examen wieder zurückkehren nach Argentinien. Dann machte uns die große Krise einen Strich durch die Rechnung. Die Straßen brannten, und das halbe Land versank in Armut.

Juristische Fakultät

> Eine breite Straße in den Norden von Buenos Aires: die Avenida Figueroa Alcorta mit der Juristischen Fakultät (r.)

Ich war 1996 nicht unvorbereitet nach Argentinien gekommen. Ich hatte zuvor schon große Teile Südamerikas bereist, hatte in Perú ein Praktikum in einer Schule gemacht. Ich hatte durch mein Lateinamerikanistik-Studium und argentinische Freundinnen und Freunde Ahnung von Literatur (Sábato, Córtazar, Borges), Rockmusik (Sumo, Charly, Fito), Sozio-Kultur (Perón, Mate, Tango, Gauchos) und den Besonderheiten der Sprache (vos, che).

> Ezeiza, der internationale Flughafen von Buenos Aires

> Buenos Aires und sein berühmter Fluss, der Río de la Plata

Schon als ich das erste Mal in Buenos Aires ankam und mich mein Freund der Reisebürobesitzer (damals noch Student von irgendwas, jetzt in México lebend) in dem alten Fiat seiner Eltern vom Flughafen Ezeiza abholte, fühlte ich mich wie zu Hause. Obwohl ich bis dahin die Stadt nur aus Erzählungen von einem fünftägigen Besuch in Mendoza kannte: »Wenn du Argentinien richtig kennenlernen willst, musst du unbedingt nach Buenos Aires, das ist der Wahnsinn!«. Und das war auch 1996 schon mehr als zwei Jahre her.

Ich erlebte zunächst ein bonaerensisches Klischee: die italienische Einwandererfamilie des Reisebürobesitzers im »Vorort« Olivos, Boca-River-Fußballspiele im Fernsehen, sonntags selbstgemachte Lasagne, meine ersten Milanesas (argentinische Schnitzel, dem Wienerschnitzel nicht unähnlich, aber viel besser!), abends in Palermo Viejo im Auto vor irgendeinem Kiosk mit den Freunden Bier trinkend, die Wochenenden in Tigre mit Bootsfahrten, Asado und Mate.

Asado: Morcillas (Blutwürste), chorizo (Bratwurst) und Pollo (Huhn)

> Asado: morcillas (Blutwürste), chorizos (Bratwürste) und pollo (Huhn)

Danach tauchte ich ins Studentenleben ein, wohnte erst bei einer exaltierten Architektin in einer Designer-Wohnung im Bezirk Caballito, inklusive US-amerikanischen und brasilianischen Mitbewohnerinnen, und brachte argentinischen Yuppies Englisch in einer Sprachschule bei. Danach zog ich übergangsweise ins Barrio Once, in das Zimmer eines mir über zwei Ecken bekannten Dramaturgen (in dessen WG ich das Licht-Double von Brad Pitt in »Sieben Jahre in Tibet« kennenlernte, der damals in Mendoza gedreht wurde), und schließlich zu meiner Freundin der Theater-Lehrerin nach Chinatown. Das bestand damals nur aus drei Blocks der Straße Arribeños im Stadtteil Belgrano.

Chinatown auf Argentinisch: das Barrio Chino im Norden der Hauptstadt

> Chinatown auf Argentinisch: das Barrio Chino im im Stadtteil Belgrano

Ich las pro Woche zwei Romane in einem Seminar über argentinische zeitgenössische Literatur an der UBA, bestellte Heiligabend Eis per Liefer-Service, tanzte ein einziges Mal Tango, und zwar auf der Hochzeit meiner Freundin der Schauspielerin, besuchte Vorlesungen bei Beatríz Sarlo über Postmoderne in Argentinien, lernte von meinem Freund dem Dichter die Besonderheiten des Gangster-Slangs »Lunfardo« und ging abends auf Konzerte von Divididos, Illya Kuryaki and the Valderramas oder El Otro Yo und in Clubs wie das »Nave Jungla«, wo das Service-Personal aus Kleinwüchsigen bestand und man vor zwei Uhr morgens noch verbilligten Eintritt bezahlte.

Ich fühlte argentinisch, ich war porteño.

Und dann: 17 Jahre weg.

> Das Microcentro von Buenos Aires und ganz entfernt ein Wahrzeichen der Stadt: el Obelisco

Natürlich hat Argentinien auch danach eine Rolle in meinem Leben gespielt. Ich war in Berlin weitere acht Jahre mit einer Argentinierin zusammen. Ich redete in dieser Zeit mehr spanisch als deutsch. Ich trank weiterhin Mate, Familie und Freundinnen berichteten uns über die aktuelle politische Lage, ich gab eine spanischsprachige Zeitung heraus.

Aber 17 Jahre keinen Fuß auf argentinischen Boden.

Ich war so aufgeregt wie nur was. Und hatte auch Angst.

Die Argentinier so:

17 Jahre? Das ist so, als wärst du noch nie da gewesen! Alles hat sich total verändert. Und die Kriminalität! Alles ist viel schlimmer! Du kannst keinen Schritt mehr vor die Tür machen, ohne dass du Angst haben musst, überfallen zu werden. Und wenn du in Ezeiza ankommst: Pass bloß auf mit den Taxis. Nimm bloß kein Taxi, das nicht registriert ist! Es ist schon so viel passiert!

Ich habe meine argentinischen Freundinnen und Bekannten so gelöchert und genervt, dass ich gut verstanden hätte, wenn sie mich aus ihrem Facebook-Freundeskreis gestrichen und einfach nicht mehr geantwortet hätten.

Aber außerdem war ich auch aufgeregt, weil ich meiner deutschen Ehefrau, die noch nie in Argentinien gewesen war, den Ort zeigen wollte, den ich 17 Jahre nicht gesehen hatte. Ich hoffte natürlich, dass sie Buenos Aires genauso liebte wie ich.

Es hat sich nichts verändert. Als unsere Freundin die Schauspielerin uns in den Arm nimmt und »¡Pero estás igual, che!« zu mir sagt; als wir das erste Mal in einen »bondi«, den Stadt-Bus, steigen und ich sofort, ohne Stadtplan, wieder weiß, wie Buenos Aires funktioniert, wie die Stadt tickt, wie man in diesem Geschoss freihändig stehen muss, um bei dem rasenden Tempo durchs Verkehrs-Chaos nicht umzufallen, worauf man achten muss, um die Ziel-Haltestelle nicht zu verpassen: Da ist es, als wäre ich nie weg gewesen. Die Freude darüber, dass Freundschaften, die quasi 17 Jahre auf Eis gelegen haben, sich nach nicht mal einer Minute wieder so anfühlen, als hätten wir erst gestern zusammen Mate getrunken − diese Freude lässt sich kaum beschreiben.

Und, na klar, es hat sich auch vieles verändert. Meine Freundinnen von damals sind keine Studenten, Biochemikerin, Bonaerenser, Argentinier mehr, sondern jetzt Reisebürobesitzer, Schauspielerin, Cordobesen, Mexikaner und Pariserin, alle sind älter und bis auf einen auch Eltern geworden. Aber die italienischen Reisebürobesitzer-Eltern wohnen immer noch in Olivos, und die Mutter hat extra für uns frische Pasta handgemacht. Das Barrio Chino, also Chinatown, ist nur ein paar Blocks gewachsen, und die alte Gänsehaut, die ich jedes Mal hatte, wenn ich am Río de la Plata stand und bis zum Horizont nur Süßwasser sah, stellt sich auch sofort wieder ein.

Río de la Plata

> Die direkteste Verbindung nach Uruguay: über den Río de la Plata

Aber auch: Meine Frau ist von dem 17-Millionen-Moloch anfangs ganz schön überfordert − und nicht erst, als wir direkt an einem Slum vorbei im Dunkeln zur zehn Minuten entfernten Bahnstation laufen müssen, um von dort zum Busbahnhof zu fahren, der neben einem anderen, noch viel größeren Slum liegt. Und das alles vor einer zwölf Stunden langen Busfahrt in Richtung Córdoba.

Argentinisch Reisen: im Bus, mangels Zugverbindungen

> Argentinisch reisen: im Bus, mangels Zugverbindungen

Und ja (ganz realistisch): Buenos Aires ist nicht mehr der verklärte Sehnsuchtsort, an den auszuwandern ich mir vorstellen kann, wenn wir alt sind. Es wird wohl doch eher Uruguay, in das wir uns verliebt haben, insbesondere Colonia del Sacramento. Von dort ist man mit der schnellen Fähre auch in einer Stunde drüben, nur für den Fall, dass sich meine Sehnsucht alle zwei Wochen bei mir meldet und um ein Wiedersehen mit Buenos Aires bittet. Meine Frau begleitet mich sicher auch gern, und sei es nur, um bei unserer Freundin der Schauspielerin auf der Terrasse in der Sonne zu sitzen und ein helado von der Eisdiele um die Ecke zu essen. Am letzten Tag hat sie, die Quasi-Italienerin, übrigens zugeben müssen, dass dieses Eis (fast) besser schmeckt als das italienische.

Leben wie ein Argentinier: Mate und Sonnenschein

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Und noch: Auf die Frage meiner Frau, was denn anders sei als auf der Nordhalbkugel, wusste ich, trotz jahrelangem Aufenthalt und wiederholten Reisen auf die Südhalbkugel, nur zu erwidern, dass ich gelesen hätte, der Strudel im Klo drehe sich in »die andere« Richtung. Außerdem wusste ich, dass man das »Kreuz des Südens« am Himmel sehen kann und die Jahreszeiten »umgekehrt« zum Norden stattfinden.

Meine kluge Frau hat schon am ersten Abend in Buenos Aires gemerkt, dass der Mond spiegelbildlich, in die jeweils andere Richtung hin, zu- und abnimmt und dann später auch, dass die Sonne mittags im Norden im Zenit steht und nicht wie bei uns zu Hause in Berlin im Süden.

El peluquero y el filósofo

von CHRISTOPH WESEMANN

Mi corte de pelo – no quiere que lo llamen peinado – desde ayer me está exigiendo una explicación.

Oldells Boys

Tal vez debí haber estado advertido. Por un lado, el cliente anterior dejó unos tres kilos de rulos negros en el piso del salón – supuestamente porque es periodista y tiene poco tiempo para ir a la peluquería, según dijo más tarde Julio, el hombre de las tijeras.

Por otra parte, había fotos en la pared junto al espejo: el seleccionado de fútbol uruguayo y el Presidente uruguayo José Mujica.

Mujica

Mujica, llamado El Pepe, cultiva flores, es un ex – guerrillero del movimiento de liberación tupamaro y ateo. Su auto privado es un VW escarabajo y como limusina oficial le gusta utilizar un Opel Corsa. Calienta el agua para el mate en una caldera abollada y dona el 90 percentos de su sueldo de 12 500 dólares a pequeñas empresas y ONGs.

Recientemente ofendió a la Presidenta argentina Cristina Fernández de Kirchner y a su fallecido esposo Néstor. Supuestamente no sabía que el micrófono estaba abierto cuando dijo »Esta vieja es peor que el tuerto. El tuerto era más político, esta es terca.«

 

»¿Sos uruguayo?« le pregunté a Julio, mi nuevo peluquero, a quien descubrí casualmente en el barrio de Almagro, donde el niño de 7 y la niña de casi 4 estudian ruso los miércoles.

»Sí. Pero ya hace muchos años que vivo en Buenos Aires.«

»Esta mañana no me lavé el pelo. ¿Te molesta?«

»Pero no … ningún problema.«

Entonces Julio comenzó a cortarme los dos centímetros que habíamos acordado, contándome al mismo tiempo acerca de dónde en Uruguay podría pasar las mejores vacaciones. Fue a buscar un mapa, paseó con su dedo índice por la costa atlántica hasta Castillos y me recomendó por último que sentara base en Aguas Dulces. Supuestamente sería una playa sin gente, un pueblito paradisíaco, algunos restaurantes y la laguna de Castillos: »¡Un sueño! Cuando quieras ir vení antes por aquí que te ayudaré a encontrar algo bueno.«

O nuestra conversación duró demasiado, o los peluqueros uruguayos no dominan el sistema métrico.

Para los supuestos dos centímetros menos de cabello que debía tener, mi cabeza había quedado demasiado calva.

»¿Te gusta vivir aquí?« pregunté como para despedirme.

»Sí, mucho, Buenos Aires es una ciudad maravillosa«, dijo Julio. »¡Ay, si no hubiera tanta delincuencia!«

»¿Está empeorando?«

»Sí.«

»¿Por qué?«, pregunté. »¿Demasiados pobres?«

»No.«

»¿No?«

»Demasiados ricos.«

(Según Wikipedia, Aguas Dulces tiene »417 habitantes, de los cuales 215 son hombres y 202 mujeres«.)

◊◊◊◊◊

Muchísima gracias a mi lectora Moníca por la traducción del texto Phriseur y Filosoph.

Phriseur und Filosoph

von CHRISTOPH WESEMANN

Seit gestern 15 Uhr (Ortszeit) sagt mir mein Haarschnitt, der übrigens nicht »Frisur« genannt werden will, er bestehe darauf, erklärt zu werden. Ich versuch‘s.

Vielleicht hätte ich gewarnt sein sollen. Zum einen hatte der Kunde vor mir schätzungsweise drei Kilogramm schwarzer Locken auf dem Boden des Salons zurückgelassen – angeblich, weil er Journalist ist und wenig Zeit für Friseurbesuche hat, wie Julio, der Scherenmann, später erzählen sollte. Zum anderen waren da die Fotos an der Wand neben dem Spiegel: Uruguays Nationalmannschaft und Uruguays Präsident José Mujica.

Mujica, genannt El Pepe, ist gelernter Blumenzüchter, Ex-Guerillero der kommunistischen Befreiungsbewegung Tupamaros und Atheist. Er fährt privat VW-Käfer und nutzt als Dienstlimousine gern einen Opel Corsa. Sein Matewasser erwärmt er in einem ollen Kessel, und er lebt von 1500 Dollar im Monat, weil er fast 90 Prozent seines Präsidentengehalts (260 259 uruguayische Pesos, 12 000 Dollar) Betrieben und Nichtregierungsorganisationen spendet.

Gerade hat er die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner beleidigt – und deren verstorbenen Mann und Amtsvorgänger Néstor gleich mit. Angeblich wusste er nicht, dass das Mikrofon offen ist, als er sagte: »Die Alte ist schlimmer als der Einäugige. Der Einäugige war politischer, sie ist störrisch.« Mujica entschuldigte sich ein bisschen, wurde aber mit der uruguayischen Variante von Eber an stolzer Eiche auch pampig:»Was kümmert den Tiger schon ein weiterer Streifen?«

 

»Bist du Uruguayer?«, fragte ich Julio, meinen neuen Herrenfriseur, den ich zufällig im Stadtviertel Almagro gefunden hatte, wo der Siebenjährige und die fast Vierjährige zweimal die Woche Russisch lernen.

»Ja. Aber ich lebe schon viele Jahre in Buenos Aires.«

»Ich habe meine Haare heute Morgen nicht gewaschen, stört dich das?«

»Gar gar kein Problem.«

Dann begann Julio, mir die vereinbarten zwei Zentimeter abzuschneiden, und erzählte dabei, wo ich in Uruguay am besten und schönsten den nächsten Urlaub verbrächte, er holte eine Landkarte, reiste mit seinem Zeigefinger an der Südatlantikküste entlang bis nach Castillos und empfahl schließlich, in Aguas Dulces Quartier zu nehmen. Menschenleer sei dort der Strand, ein paradiesisches Dörfchen, ein paar Restaurants, und die Lagune von Castillos – ein Traum! »Wenn du hinfahren willst, komm vorher vorbei, ich helf dir, was Gutes zu finden.«

Entweder hat unser Gespräch ein bisschen zu lange gedauert, oder aber uruguayische Friseure haben es nicht so mit dem Metrischen Einheitensystem. Für angeblich zwei Zentimeter weniger Haar war mein Kopf jedenfalls viel zu kahl.

»Gefällt’s dir eigentlich hier?«, fragte ich zum Abschied.

»Ja, sehr, Buenos Aires ist eine wunderschöne Stadt«, sagte Julio. »Wenn nur die Kriminalität nicht wäre!«

»Wird’s denn schlimmer?«

»Ja.«

»Warum?«, fragte ich. »Zu viele Arme?«

»Nein.«

»Nein?«

»Zu viele Reiche.«

◊◊◊◊◊

Aguas Dulces hat laut Wikipedia »417 Einwohner, davon 215 männliche und 202 weibliche«.

Der unerreichbare Nationalheld und eine kinderfeindliche Hexe

von CHRISTOPH WESEMANN

Uruguays Hauptstadt Montevideo Ende März: Sonnenschein, 25 Grad und Laub auf den Wegen, ist schließlich Herbst. Wie zuvorkommend die Urus sind: Auf dem Unabhängigkeitsplatz haben sie vor die Statue ihres Nationalhelden José Gervasio Artigas eine zusätzliche Stufe gebaut. Danke, sehr freundlich, wir Geschichtsfanatiker und Uns-gern-vor-großen-Männern-Verneiger sind ja doch oft schon ziemlich gebrechlich.

Schauen wir uns den Kerl auf dem Gaul jetzt mal aus der Nähe an, oder? Plötzlich: ein Ton, den man viele Jahre nicht mehr gehört hat. Damals im Sportunterricht war’s, dieser Idiot im Trainingsanzug, der sich seinen Verstand erfolgreich abtrainiert hatte. Was konnte der sich erfreuen an missglückten Turneinlagen. Und eine laute Trillerpfeife hatte er auch.

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Die erklingt jetzt wieder, gar dreimal, und ein Mann mit Schirmmütze winkt dazu – Monument betreten verboten. Aha. Man guckt noch zehn Minuten gierig zu, wie ein Tourist nach dem anderen auf die weiße Stufe steigt und zurückgepfiffen wird, und denkt an Funny van Dannen.

Drei Beobachtungen:

1. Der Argentinier ist freundlicher, wobei der Uruguayer auch nicht unfreundlich ist.

2. Der Uruguayer geht langsamer, er schleicht regelrecht, vor allem, wenn er, was er gerne tut, eine Thermoskanne mit heißem Wasser und seinen Mate bei sich trägt.

3. Wenn sich auf dem Schiff von Buenos Aires nach Montevideo eine Frau über Kinderlärm beschwert, singen der Uruguayer und der Argentinier zusammen: »¡Que se vaya, la bruja!« – »Die Hexe soll verschwinden!«

Montevideo Tour

Pablos Götterspeise vom Grill

von CHRISTOPH WESEMANN

Pablo glaubt, ich hätte den Gott des Asados verhöhnt.

Bis gestern hatte ich nicht gewusst, dass über das Grillen in Argentinien höhere Mächte wachen, und ich weiß noch immer nicht, ob das nun eine bedeutende Glaubensrichtung hier zu Lande ist oder doch nur eine Ein-Personen-Religion, gewissermaßen die kleinste Kirche der Welt von Pastor Pablo.

Mein Nachbar missioniert jedenfalls.

Es begann damit, dass sich Pablo bei mir zum Grillen einlud. Ich solle alles vorbereiten und dürfe ihm im Gegenzug über die Schulter schauen, er werde mir seine Geheimnisse verraten, sagte er und schaute dabei sehr geheimnisvoll.

»Welche Geheimnisse, Pablo?«

»Große Geheimnisse, sehr große Geheimnisse.«

Bislang bin ich in meinem Leben ganz gut ohne Grillgötter und Grillgeheimnisse zurechtgekommen. Wenn mein Feuer nicht brannte, fluchte ich und warf mehr Anzünder hinein. Ich platzte also nicht gerade vor Neugier. Allerdings steht in jedem Argentinien-Reiseführer auch, es gebe nichts Tolleres, als ein Asado zu erleben.

Am Nachmittag rief mich Pablo an und erkundigte sich, wie weit ich sei.

»Du kannst mir vertrauen«, sagte ich.

»Super«, sagte Pablo.

»Danke.«

»Kohlen?«

»Riesentüte.«

»Zeitung?«

»La Nación

»Olé brennt besser.«

»Keine mehr gekriegt.«

»Na gut.«

»Alles klar«, sagte ich.

»Ordentlich Fleisch gekauft?«

»Hatte noch was eingefroren.«

Stille.

Ein Fehler. Mein Fehler. Ich mache dauernd Fehler. Ich mache in meinem Leben das meiste falsch und den Rest nicht richtig. Ich bestreite das manchmal, aber es ist wohl so. Das Traurige ist, dass ich mir bei allem Mühe gebe.

Vor zwei Wochen war mein Laptop kaputt. Er ließ sich anschalten und zeigte mir dann Risse auf dem Bildschirm. Aber zu fühlen waren sie nicht. Ich brauchte schnell Hilfe und ging schräg über die Straße zu einem Laden, der auch Computer repariert. Das Wort auch scheint mir im Rückblick wichtig zu sein. Das Gespräch mit dem jungen Mann im Laden war angenehm, ich hatte ein gutes Gefühl. Wir waren uns sofort einig, dass es ein Virus ist. Er sagte: »Alles kein Problem, krieg ich hin, ich ruf dich an.« Dann kümmerte er sich weiter um einen grauen Schlauch, der wohl undicht war.

Es ist ja so: Ohne Vertrauen geht nichts in Argentinien. Wenn ich das Auto ins Parkhaus bringe, gebe ich den Schlüssel entweder ab oder lass ihn stecken. Wenn ich wiederkomme, steckt der Schlüssel oder er liegt draußen auf der Scheibe neben den Wischern. Manchmal steht das Auto auch anderswo. Es wird in Abwesenheit der Fahrzeughalter viel hin und her geparkt, weil oft fünf Autos hintereinander stehen, wobei links und rechts kein Platz ist. Es kann passieren, dass der zuerst eingeparkte Wagen auch zuerst abgeholt wird – dann müssen zunächst die anderen vier nacheinander umgesetzt werden.

Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um mich damit abzufinden, dass ich das Auto samt Schlüssel zurücklasse. Die Parkhausmänner sehen nicht immer sehr vertrauenserweckend aus, für meinen Geschmack tragen sie die Haare zu lang. Wahrscheinlich bin ich da befangen. Ich hatte auch mal lange Haare, und das war keine angenehme Zeit – nicht für mich, nicht für die anderen. (Ich sah ein bisschen aus wie John Lennon, was ein Problem ist – außer, man ist John Lennon.)

Für Frauen wird natürlich eingeparkt – für hübsche sogar kompliziert. Das soll erstens Eindruck machen und zweitens sicherstellen, dass für die Dame auch wieder ausgeparkt werden muss.

Ich habe mir um meinen Laptop also überhaupt keine Sorgen gemacht.

Pablo hatte ein anderes Gefühl. »Du hast ihn doch nicht einfach dagelassen, oder? Und du hast bestimmt nichts, um zu beweisen, dass du da warst?«

»Doch!«

»Gut. Bin stolz auf dich. Zeig mal her!«

»Am Kühlschrank.«

»Das ist eine Visitenkarte, boludo

»Eine magnetische Visitenkarte.«

»Kein Name. Keine Adresse. Und lies mal, was drauf steht: Der Typ repariert Waschmaschinen, Mikrowellen und Kühlschränke.«

»Computer auch«, sagte ich. »An seiner Ladentür klebt ein Poster vom Pentium

»Wie heißt der Typ überhaupt?«

»Adriano. Glaub ich. Oder Andres. Irgendwas mit A.«

»Irgendwas mit A«, schrie Pablo. »Hallo Polizei, bitte Großfahndung: Gesucht wird irgendwas mit A, das Kühlschränke, Waschmaschinen und Mikrowellen repariert. Ach ja, und Laptops klaut. Aber mein deutscher Freund hat eine verdammt heiße Spur: eine Visiten … pardon … eine magnetische Visitenkarte.«

Ein paar Tage später lief ich durch die Avenida Corrientes. Sie ist berühmt für ihre Buchläden, ihre Theater und Opern, man nennt sie auch den Broadway von Buenos Aires. Ich beschloss, einem der Schuhputzer, die dort Tag für Tag auf dem Bürgersteig sitzen, einen Besuch abzustatten. Natürlich putze ich meine Schuhe auch selbst. Aber zum einen erzählt der Journalist Sebastian Schoepp in seinem wunderbaren Buch »Das Ende der Einsamkeit. Was die Welt von Lateinamerika lernen kann« von einem Erlebnis in Nicaragua:

Einmal erwischt Douglas mich dabei, wie ich meine Schuhe putze. »Warum gibst du die nicht einem der Schuhputzer, die überall draußen herumlaufen, der muss auch Geld verdienen, um zu überleben?

Zum anderen gebe ich in der Corrientes so viel Geld für Bücher aus, um dann immer aufs Neue schon beim Vorwort – überfordert von der Fülle unbekannter Wörter – auszusteigen, dass viel dafür sprach, umgerechnet 2,50 Euro einmal sinnvoller anzulegen.

»Zieh deine Schuhe aus, ich nehme die mit nach Hause.«

Ich schaute von meiner Zeitung auf. »Wissen Sie, was ich gerade verstanden habe?«

»Wie sollte ich?«

»Dass Sie meine Schuhe mitnehmen wollen. Witzig, oder?«

»Wie man’s nimmt. Ich hab’s ja gesagt. Die Dinger muss ich über Nacht behandeln. Sind morgen fertig. Dort drüben ist ein Schuhgeschäft. Gruß von Alfredo, kriegst einen schönen Rabatt.«

Natürlich ist mir zu Hause Pablo im Fahrstuhl begegnet.

»Schicke Schuhe. Neu?«

»Ja.«

»Bisschen zu grün vielleicht.«

Pablo hörte sich meine Geschichte bis zum Ende an. »Warte«, sagte er dann und drückte die Stopptaste des Fahrstuhls. »Erzähl sie mir noch mal. Du bist ja noch dümmer, als ich dachte.«

Ich habe dann gleich gemerkt, dass Pablo wegen des eingefrorenen Fleisches nicht so richtig Lust hatte, mit mir zu grillen. Immer wieder murmelte er etwas vom Wetter, ging hinaus auf die Terrasse und schaute minutenlang schweigend gen Himmel, kam in die Küche, roch am Fleisch, redete Unverständliches mit seinem Asadogott und ging wieder nach draußen.

»Pablo, ich gucke mal im Internet, wie das Wetter wird, ja?«

»Du glaubst dem Internet?«, fragte er und machte ein Geräusch, das wie pffffffff klang. Dann griff er zum Telefon und wählte eine Nummer. »Che Augustin! Holabuendiaquetal? Geh mal schnell zum Fenster. … Ja, ich weiß, dass du viel zu tun hast. … Haben wir alle. … Die Señora an Tisch drei kann warten. … Ist sie wenigstens hübsch? … Siehst du, dann kann sie erst recht warten. … Ja, bei mir ist alles gut. … Nun sag mal, was ist mit Uruguay? … Echt? Hmmh. Wusst ich’s doch! … Du kannst die Speisereste in den Bärten erkennen? … Nicht mal ordentlich essen können die, hehe. … Du, die Señora mit den breiten Hüften wartet auf dich. Wir sehen uns. Hasta luego!«

Pablo legte sein Telefon beiseite und sagte: »Bestellen wir uns eine Pizza. Asado fällt aus. Regnet nachher.«

»Ich verstehe kein Wort.«

»Augustin, alter Freund von mir, absolut zuverlässig. Arbeitet als Kellner im 22. Stock, feinster Blick über unsere herrliche Stadt.«

»Und?«

»Er sieht Uruguay, also nicht das ganze Land oder vielleicht doch, ist ja nicht so groß. Die Küste sieht er jedenfalls. Und wenn Augustin im 22. Stock über den Río de la Plata nach Uruguay schauen kann, gibt’s bald Regen in Buenos Aires. Ist so. Sehr altes Wettergesetz. Die Wäsche kannst du schon mal abnehmen. Übrigens, welches Land liegt am dichtesten am Himmel?«

»Argentinien?«

»Nee, mein Lieber, Argentinien ist ja der Himmel.«

»Dann wohl Uruguay.«

Ja, Humor haben sie, die Argentinier. Neulich war ich mit der Einjährigen im Kinderkrankenhaus. Sie hatte Fieber und sollte Urin abgeben. Die Schwestern erzählten etwas von aseptisch und schickten mich über die Straße zur Apotheke, um einen Becher zu kaufen. Als ich zurück war, ermahnten sie mich, beim Wasserholen sozusagen Abstand zum Brunnen zu halten, wegen aseptisch. War sicher alles nett gemeint und medizinisch vorbildlich. Wenn das keimfreie Gefäß aber leer bleibt, weil Vaters ballistische Kenntnisse nicht ausreichen, um den weiblichen Strahl aufzufangen, hätte es auch der ausgewaschene Joghurtbecher getan, den die Bolivier neben uns gereicht bekamen.

Ich hatte mittlerweile Kohlen und Kohlenanzünder im Verhältnis 2:1 gemischt. Das Feuer brannte noch nicht, da begann ich schon, die Steaks auszupacken und den fettigen Chorizos Schnittwunden zuzufügen. Pablo versuchte noch immer, in die Wolken zu schauen, wurde aber von Minute zu Minute unruhiger. Er ging jetzt auf und ab, kam zu mir und lief wieder weg, fummelte an seinem Telefon herum und blätterte in La Nación, drehte noch eine Runde. Und wenn er sich einen Augenblick nicht bewegte, nicht mit sich selbst sprach, nicht getrieben war, stach ich mit der Gabel tief ins Fleisch hinein. Das wirkte.

»Waaaaaas machst du da?«, schrie er irgendwann.

»Ich grille, und ich gucke, ob das Fleisch schon durch ist.«

»Du grillst nicht, du entweihst unser Fleisch, unser heiliges argentinisches Fleisch, das beste Fleisch der Welt, unseren Stolz.«

»Oh bitte, Pablo!«

»Ich sag dir: Der Asadogott sieht alles. Du bist hier nur Gast!«

Pablo nahm mir das Grillbesteck ab und schob mich beiseite. Dann zog er seinen Pullover aus. Er stand vor mir im Unterhemd und versuchte, mich auf seine vielen Brusthaare neidisch zu machen. Was ihm auch gelang.

»Showtime«, sagte er und klatschte in die Hände. »Es ist das erste und das letzte Mal, dass ich dir meine Geheimnisse zeigen werde. Und pssssst! Kein Wort zu niemandem!«

Es hat nicht geregnet an diesem Abend. Und ich habe alles wiederbekommen: erst meine Schuhe, die wie neu aussehen, dann nach einer Woche den Laptop. Ich weiß nicht, was genau kaputt war. Aber ein Virus war es nicht. Sogar das Wasserholen bei der Einjährigen hat geklappt. Mit Katheter.


Argentinische Helden

Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

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