Posts Tagged ‘Punta Tombo’

Patagonisches Reisetagebuch (III): Ein falscher Rockstar, ein verwirrter Pinguin und viele andere Deutsche am Ende der Welt

von CHRISTOPH WESEMANN

Die Route: Buenos Aires > Tandil > Pehuen-Có > Las Grutas > Puerto Madryn > Viedma > Azul > Buenos Aires

Teil I: Zwei Lämpchen, der arme Esel und fünf Autohausbesetzer

Teil II: Die Drei-Tropfen-Töchter, der singende Papa und ein Auto im Sandkasten

♦♦♦♦♦

 

Tag 8. Puerto Madryn.

Eine Argentinierin beschimpft meinen Sohn oder mich, genau verstehe ich sie nicht, als »Idiot«. Einer von uns beiden soll den Pinguin verwirrt haben. Ich halte mich aber für unschuldig, und mein Sohn sich auch. Außerdem sind wir vorhin belehrt worden. Zwar habe ich die meisten Verhaltensregeln gleich wieder vergessen oder wegen des Genuschels der Belehrerin gar nicht erst verstanden. Aber an diesen einen Punkt erinnere ich mich noch: »Macht immer Platz für jeden Pinguin, der euch begegnet. Sonst kann’s passieren, dass er die Orientierung verliert und nicht mehr zu seiner Familie zurückfindet.«

Ich habe nicht herumgestanden, ich war höchstens langsamer als der Pinguin, und verwirrt bin ich selbst. Ich im Urlaub – das ist wie Rockstar auf Welttournee: Ich weiß gerade noch, in welcher Stadt wir übernachtet haben. Aber wo waren wir vor drei Tagen? Und wie sah das Hostel aus? Wir waren doch im Hostel, nicht wahr?

Dabei bin ich, alles in allem, ein schlechtes Rockstar-Imitat. Bei mir ist die Frau immer dieselbe, und ich schleppe alles selbst, auch die fast Fünfjährige, wenn’s sein muss, und ob es sein muss, entscheidet die fast Fünfjährige. Vor vier Stunden habe ich mich, mit ihr auf der Schulter, gebückt (und nicht hingehockt), um den von ihrem Fuß abgefallenen Badelatsch aufzuheben. Seitdem brennt und sticht es im linken Bein. Mitleid muss ich mir aber selbst verabreichen, denn die Frau hat ja drei Kinder auf die Welt gebracht. Was an Frauen wirklich nervt: das niemals endende Gejammer über die sogenannten Schmerzen der Geburt. Aus meiner Sicht, und ich war ja dreimal dabei, ist das Gebären kaum anspruchsvoller als das Ausbrüten.

»Hast du meinen Sohn gerade Idiot genannt? Spinnst du?«

»Schatz, ganz ruhig, vielleicht hat die blöde Kuh ja auch mich gemeint.«

»Dann hätt′ ich nichts gesagt.«

Wir sind am südlichsten Punkt unserer Patagonien-Reise, im Tierschutzreservar Punta Tombo, dem größten Pinguin-Nistplatz Lateinamerikas. Hunderttausende Magellan-Pinguine leben von September bis März auf der Halbinsel in der Provinz Chubut. Andere Quellen sprechen sogar von einer Million. Sobald es Frühling wird auf der Südhalbkugel, verlassen sie Brasilien und schwimmen 3000 Kilometer durch den Atlantischen Ozean, um beim Nachbarn ihre Jungen auszubrüten. Die Babys sind schon da, gucken aus Erdlöchern und hinter Sträuchern hervor.

Amerikanische Wissenschaftler, die von 1983 bis 2010 hier geforscht hatten, haben gerade ihre Studie veröffentlicht. Zwei von drei Geschlüpften, so das Ergebnis, überleben die ersten Wochen nicht. Sie sterben ohne das wasserfeste Federkleid an Nässe, Sturm und Kälte, finden keine Nahrung oder werden selbst gefressen. Einer der Autoren der Studie sagt Jahre voraus, in denen – Stichwort: Klimawandel – wegen der heftigeren und häufigeren Stürme keines der Jungtiere überleben werde.

Der Mensch hält sich bislang heraus. Die Pinguine werden nicht gefüttert und nur beschützt vor uns, den Besuchern. Der drei Kilometer lange, abgesteckte Weg durch den Park darf nicht verlassen werden, und Mülleimer gibt es genauso wenig wie Toiletten. Rauchen ist verboten. Wikipedia spricht von 65 000 Touristen jährlich – doppelt so viele wie in den Neunzigern. Clarín, die größte Tageszeitung Argentiniens, vermeldete Ende November 1500 Besucher pro Tag. Das Tourismusministerium der Provinz zählte 50 000 zwischen September und Dezember 2013. Die Zahlen klingen eher nach Geheimtipp, sind aber angesichts der Niemandsländlichkeit des Ortes wohl wieder recht beachtlich. Punta Tombo liegt ja nicht nur 125 Kilometer südlich einer Stadt (Trelew) und mehr als 1500 Kilometer entfernt von Buenos Aires, sondern auch am Ende einer langen Schotterpiste. Bis Arsch der Welt ist′s nur unwesentlich weiter. Trotzdem kommt jeder Zweite, der die Kolonie besucht, aus dem Ausland und zahlt, wie es sich in Argentinien und anderswo auf dem Kontinent gehört, einen deutlich höheren Eintrittspreis.

»Kommt alle raus, Pingus, kommt alle raus!«

Die Zweijährige ist für ihre Verhältnisse sehr gesprächig heute. Sie hat seit zwei Tagen Heimweh nach Buenos Aires und vermisst ihre Freundinnen aus dem Kindergarten. Wenn ihre Geschwister miteinander spielen, sitzt sie abseits, nimmt sich mein Telefon und redet auf Valentina, María und vor allem Laila ein. Sie hält sich auch Schuhe, Flaschen und Bauklötze ans Ohr. Laila nimmt immer ab – beste Freundin eben.

Schaut, Kinder, wie nett die Pinguine miteinander umgehen, wie lieb die sich haben. Es wird gekuschelt, ohne dass einer den anderen Sekunden später würgt. Es wird gewatschelt, ohne dass einer den anderen irgendwann umschubst. Es wird sich ausgeruht, ohne dass einer dem anderen ins Ohr schnarcht. Sind die immer so? Streiten die nie? Auch die Eltern nicht? Macht mir richtig schlechte Laune, dieses Gutpinguinentum: Kopf größer als ′n Gartenzwerg, aber Riesen in Sachen Moral. Fehlen nur noch VegetarierInnen, die aus »Respekt vor Natur, Tieren und Menschen« keinen Fisch essen.

Auf dem Rückweg überfahre ich ein Gürteltier, das über die Straße läuft. Die Kinder brauchen zweieinhalb Tage, um mir zu verzeihen.

Tag 9. Puerto Madryn.

Das schreibt der Reiseführer:

Das geschützt in der Bucht des Golfo Nuevo liegende Städtchen ist das Tor zum Tierschutzgebiet Península Valdés. Obwohl Tourismus und Industrie boomen, hat es seinen Kleinstadtcharakter bewahrt. Das Radio gibt Suchmeldungen nach vermissten Hunden durch, die Einheimischen sind gastfreundlich und gemütlich.

Gemütlich? Das ist untertrieben. Eine Minute dauert in Patagonien 90 Sekunden, mindestens, und jeder Patagonier scheint einen Tempomat zu tragen, der zu niedrig eingestellt ist. Zum Glück halte ich mit, seit ich nur noch humpeln kann. Die Ärztin im Krankenhaus diagnostiziert an meinem linken Bein gerade eine Art Hexenschuss für Anfänger, gibt mir Schmerztabletten und schickt mich dann ins Nebenzimmer. Jetzt noch eine Spritze, und dann wird es bestimmt gleich besser.

Der Spritzer macht aus dem Stich eine Zeremonie, murmelt vor sich, hoffentlich sind′s patagonische Flüche gegen Hexenschüsse, lässt sich meinen Namen buchstabieren, zieht am Mate, erfragt den Vornamen und reicht mir den Kugelschreiber für die Unterschrift. Um ihn zu beschleunigen, frage ich, mit schon heruntergelassener, also ohne Hose: »Wohin? In den Arsch?«

»Ganz genau.«

»Okay.«

»Dann wollen wir mal.«

»Ja.«

»Augenblick.«

»Ja?«

»Welche Backe?«

Er kassiert 30 Peso (2,77 Euro) – und lässt mich dann noch zehn patagonische Minuten aufs Wechselgeld warten.

Wir hatten auf dieser Reise noch keine so schöne Unterkunft. Gleich gestern, am ersten Abend, wurde uns zwar aus unserem Fach in der Gemeinschaftsküche ein Plastikbehälter samt schon gekochter Spaghetti (sehr al dente) geraubt. Und gesäubert wird das Geschirr, ein Klassiker des hostelismo latinoamericano, mit dem Helmut Schmidt unter den Abwaschschwämmen: Hat schon alles gesehen und könnte viel erzählen, ist ordentlich ramponiert, aber nicht totzukriegen.

Das alles gehört selbstverständlich zum Ambiente.

Hier könnten wir bleiben. Die Kinder sind ja ganz pflegeleicht, wenn man ihnen nicht dauernd begegnet. Der Siebenjährige lebt im Fernsehraum, er guckt alles, mexikanische Liga, Truckrennen, zwischendurch gern was Schlüpfriges und notfalls auch die Präsidentin, wenn gerade der Mann nebenan auf dem Ledersofa das Programm bestimmt; sobald der eingeschlafen ist, ist er die Fernbedienung natürlich los.

Habe ich eine Lust auf das Egocentro. Es »feiert die maritimen Schätze der Region«, steht im Reiseführer. Oje, bunte Fische vor Korallen auf Fotos also. Wir könnten zum Strand gehen und dann hunderte Meter hineinlaufen, es ist gerade Ebbe. Wie könnten zuschauen, wie die Sonne untergeht und das Wasser wiederkommt. Viele machen das so, vermutlich sogar alle außer uns, so voll ist der Strand. Der Sohn meint, wir könnten auch fernsehgucken.

Warum findet das Navigationsgerät denn dieses verdammte Museum nicht? Muss ja furchtbar angesagt sein.

»Ecocentro, nicht Egocentro. Wundert mich aber nicht.«

Immer diese unqualifizierten Kommentare.

Es sind tatsächlich noch andere Besucher hier, guck an, hätte ich nicht gedacht. Acht andere, um genau zu sein. Und um ganz genau zu sein: weitere acht Deutsche, zwei Familien, vier blonde Kinder, deren Köpfe von Weitem leuchten. Mein Sohn fragt ja jeden zweiten Tag, wann er sich endlich die Haare färben dürfe, damit sie genauso schwarz seien wie die seiner Schulfreunde. Seit einem halben Jahr vertröste ich ihn auf »nächste Woche«.

Die Vierjährige hat wieder einen ihrer Stolpertage erwischt. Sie stolpert ja jeden Tag mehrmals, über Steine und winzige Unebenheiten auf dem Bürgersteig. Aber an Stolpertagen stolpert sie ohne Grund, sozusagen präventiv. Wenigstens rennt sie nicht gegen das rote Riesenwal-Ding, um sich ordentlich den Kopf zu stoßen. Sie ist natürlich auch viel kleiner als ich.

»Wie kann man das denn nicht sehen?«

Es ist ja so: Alles Schlechte haben die Kinder sowieso von mir. Und alles Gute haben sie von anderen, vor allem von ihrer Mutter, manchmal auch von unserem Stromableser, von irgendeiner Frau, die ihnen mal über den Kopf gestrichen hat, oder ähnlich wichtigen Bezugspersonen, auf keinen Fall aber von mir. Aufregen bringt auch gar nichts. Wenn ich mich darüber aufrege, heißt es nur: »Das haben sie auch von dir, das Aufregen.« Ich bin doch aber auch sensibel.

Die Zweijährige hält sich die Eintrittskarte ans Ohr und telefoniert schon wieder mit Laila. Wenn ich mir Mühe gebe, kann ich das deutsch-spanische Kuddelmuddel, das sie da spricht, dechiffrieren. Ihre Mutter, klar, hört sogar, was Laila sagt.

Ist gar nicht so übel, das Museum. Gerade waren wir in einem Dunkelraum mit Walgeräuschen. Jetzt stehen wir vor einem Brunnen und lassen uns was erklären. Am Ende sitzen die Kinder unten im Unterrichtsraum an einem runden Tisch und lernen, dass der Wal kein … ähm … und der Delfin auch nicht … ist jedenfalls sehr interessant, was die junge Museumsmitarbeiterin erzählt. Ihre Neugierde haben die Kinder eindeutig von mir.

Jetzt wird es aber Zeit, die anderen Deutschen kennen zu lernen. Wenn sich Landsleute am Ende der Welt begegnen, gibt es ja tausend Themen.

»Seid ihr auch auf dem Zeltplatz?«

»Nee, wir sind im Hostel in der Avenida … also in der Nähe vom äh … ach, und ihr auf dem Zeltplatz, ja?»

Eineinhalb Jahre wollen sie Südamerika bereisen. Sie kommen gerade aus Uruguay und werden in zwei Wochen Chile erreichen. Ich gebe ein paar wertvolle Tipps, Valparaíso, da müsst ihr hin, Santiago de Chile ist hingegen nur Durchschnitt, hat mich nicht gerockt, die Hauptstadt, die Fahrt über die Anden lohnt sich natürlich, kann ich nur empfehlen, ja, nach Bolivien unbedingt, nehmt euch aber an der Grenze vor Rotkäppchen in Acht, und vergesst mir den Norden Argentiniens bitte nicht. Sie schauen, als hätte ich nachträglich Christoph Kolumbus die Entdeckung Amerikas streitig gemacht.

»Haben die’s gut«, sage ich, als wir wieder im Auto sitzen.

»Niemals.«

»Aber überleg doch mal: Ecuador, Peru, Kolumbien, Guatemala. Und alles als Familie. Da wäre man richtig aufeinander angewiesen, und jeder müsste sich ein bisschen zurücknehmen.«

»Papa, können wir endlich losfahren? Mir ist heiß, und ich habe Hunger.«

»Ich muss pieseln.«

»¡Hola Laila!«

»Mir reicht, dass ihr euch zweieinhalb Wochen zurücknehmt.«

»Stimmt: niemals.«

Das Patagonische Reisetagebuch (I): Zwei Lämpchen, der arme Esel und fünf Autohausbesetzer

von CHRISTOPH WESEMANN

 

Tag 1. Buenos Aires > Tandil. 413 Kilometer.

»Ich sitz vorne, Papa.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Polizei. Du darfst noch nicht vorne sitzen.«

»Ich will aber vorne sitzen.«

»Du sitzt hinten. Basta.«

Wir sind gerade auf der Avenida 9 de Julio, der breitesten Straße der Welt, als auf dem Tachometer das gelbe Lämpchen aufleuchtet. Mal im Handbuch nachgucken. Wir wollen ja nach Patagonien, nach Punta Tombo zu den Pinguinen. Wir haben zweieinhalb Wochen sogenannten Urlaub und werden in Etappen fahren: Buenos Aires > Tandil > Pehuen-Có > Las Grutas > Puerto Madryn. Drei der 23 argentinischen Provinzen bereisen wir: Buenos Aires (so groß wie Deutschland), Río Negro und Chubut. Bis dorthin sind es noch 2000 Kilometer. Und es gibt schon jetzt Probleme.

Ah, kein Handbuch. Fragen wir jemanden, der sich mit Autos besser auskennt.

Leider ist der Siebenjährige gerade beschäftigt.

Also Tankstelle.

Der Tankwart will das Handbuch sehen. Er bietet dann Öl an.

»Öl ist super.«

»Das gute Öl?«, fragt er.

»Sicher.«

»Ist ein sehr gutes Öl.«

Dem Lämpchen ist’s, tja, sehr egal.

Man müsste eine Glasscheibe haben wie die Taxifahrer in New York City, ja, das wär’s, eine Scheibe, die das Cockpit von der Rückbank trennt. Könnte gar nicht dick genug sein. Die Kleine (2) und die Mittlere (4) stoßen seit zehn Minuten spitze Schreie aus und beklagen Bissspuren am Unterarm. Gleich wird der Zeigefinger in ein Auge gesteckt. Achso, stimmt, das hatten wir schon, beim Losfahren vor einer Stunde. Dann sind halt die Ohren dran oder die Haare, oder wie wäre es mit dem Ellenbogen in den Rippen, mein Sohn? Das mögen doch deine Schwestern überhaupt nicht.

Mein Sohn sagt, er habe, wie immer, nichts gemacht. Ich bin selbst ein großer Bruder, ich kenne alle Tricks, ich habe mich auch immer nur verteidigt.

»Du kommst nach vorne.«

»Nein.«

»Sofort!«

»Ich will nicht vorne sitzen.«

»Du sitzt vorne!«

»Und die Polizei, Papa?«

Bis ans Ende unserer Reise wird der Siebenjährige beifahren und jedes Mal, wenn Polizisten zu sehen sind, fragen: »Soll ich mich groß oder klein machen?«

Tag 2. Tandil.

Das sagt der Reiseführer:

Die hübsche Stadt Tandil liegt am nördlichen Rand der Sierras de Tandil, einer 2,5 Mio. Jahre alten Bergkette. Durch Erosion entstanden sanfte, grasbewachsene Hügel und Felsvorsprünge, die zum Klettern und Mountainbiken geradezu ideal sind. Zum Reiz der Stadt gehört die Mischung aus dörflichem Charme und der Energie einer Großstadt.

Wir sind im Naturschutzgebiet unterwegs, der Reserva Natural Sierra del Tigre. Wir wollen uns aufwärmen für das, was uns erwartet auf dieser Reise: argentinische Wildnis. Oder wenigstens das ein oder andere exotische Tier, das bereit ist, sich fotografieren zu lassen: Pinguine, Gürteltiere, vielleicht ein Schwertwal, vor allem Robben oder Seehunde, vielleicht sind’s auch Seelöwen, egal, ich kann diese grunzenden braunen Säcke, die am Strand rumliegen, eh nicht unterscheiden. Bislang habe ich hier außerhalb des Zoos nur Lamas gesehen und auch gleich gegessen, damals in Salta, hoch im Norden Argentiniens; ich hatte mich nicht im Griff, ich war allerdings auch mit Herrn T. unterwegs, das gibt mildernde Umstände.

Guckt mal, Kinder, da vorn, ein Pferd, nee, ein Pony. Ein Esel, sag ich doch.

Großer Jubel im Auto. Wurde in unserer Welt jemals ein Esel so überschwänglich begrüßt? Oh, er ist ganz blutverschmiert. Die Familie ergeht sich sogleich in Mutmaßungen: Er hat sich bestimmt am Felsen beim Fressen die Schnauze eingeklemmt oder wurde ganz sicher von dummen, bösen, ekelhaften Menschen mit Steinen beworfen oder ist wahrscheinlich einem Raubtier begegnet. An der Börse von Buenos Aires wird weniger spekuliert. Die Zweijährige ist mit den Nerven komplett am Ende, eine halbe Stunde lang sagt sie unaufhörlich: »Armer Esel. Armer Esel.«

Ich heize hinab ins Tal, wir brauchen einen Arzt, dringend, der Esel verblutet uns, halt durch, Junge, halt durch. Wahrscheinlich musst du ausgeflogen werden, wir kommen selbstverständlich für alle Kosten auf. Ich mache schon mal meinen linken Arm frei, ich spende dir so viel Blut, wie du willst.

»Papa spinnt.«

»Sag bloß.«

»Armer Esel. Armer Esel.«

»Ist ja gut, Liebes.«

Einer der Parkwächter sagt, der Esel habe mit einem anderen Esel gekämpft. »Machen die ganz gern. Sind nun mal Esel.«

Tag 3. Tandil > Pehuen-Có. 337 Kilometer.

Abfahrt. Jetzt leuchtet noch eine zweite Lampe, und eine rote Schrift sagt, das Abblendlicht sei defekt. Abblendlicht, aha. Der rechte Scheinwerfer geht nicht mehr, was dumm ist, weil man auf argentinischen Nationalstraßen immer mit Licht fahren muss. Ich zupfe an ein paar Kabeln im Motorraum, ich lasse mir Zeit, mache mein Finger absichtlich schmutzig und starre zwischendurch ins Nichts. Dann tauche ich wieder auf, kratze mich am Kopf und sage der Familie den Satz, den ich vor Jahren in einer Werkstatt aufgeschnappt habe: »Pfffffff, kannst heute nichts mehr selbst reparieren am Auto, läuft alles übern Computer, nicht mal ne kaputte Glühbirne kriegste gewechselt, ja, früher, bei meiner ersten Karre, da habe ich den Motor noch zerlegt und …«

Ich werde gebeten, endlich loszufahren. Nächster Halt: Tankstelle.

Ein höchstens zwölfjähriger Tankwart mit mindestens 20 Jahre alten Koteletten beschaut den Schaden, also er guckt auf die zwei Lämpchen, und sagt dann: »Ich weiß nicht, was es ist, aber schlimm ist es nicht.« Ich könnte ihn küssen, fürchte aber, dass er sich in einen Esel verwandelt.

Ich stelle den Tempomat auf 130 Kilometer pro Stunde, 20 mehr als erlaubt; die 60-Schilder vor Abfahrten in irgendwelche entlegenen Dörfer ignoriere ich schon seit vorgestern, da bremst ohnehin keiner. Genauso ist es mit Baustellen, die großspurig angekündigt werden – Gefahr! Arbeitende Menschen und Maschinen! 20 km/h! – und dann verwaist sind. Außerdem weiß ich mittlerweile, dass vor jeder echten Baustelle in Argentinien ein Mann steht und eine Fahne schwenkt. Dann – und nur dann – wird gebremst.

Zwei Stunden und fast 200 Kilometer später beginnt das Auto zu ruckeln, wenn ich Gas gebe; ein Überholmanöver endet damit, dass der Fahrer des entgegenkommenden Autos scharf bremst und auf den Rasen neben der Straße wechselt. Danke, Du Retter! Die letzten 50 Kilometer bis Pehuen-Có fahre ich 80, beschleunige wie ein Sonntagsfahrer mit Regenschirm auf der Hutablage und spreche mit dem Auto: Das machst du ganz fein. Ein Stückchen noch, ja?

Der Mann in der einzigen Auto-Werkstatt von Pehuen-Có sagt, der Motor bekomme keine Luft. Aber helfen könne er auch nicht, er habe, genau, keinen Computer.

Wir wohnen, 200 Meter entfernt vom Atlantikstrand, beim Russen. El ruso, so heißt die Unterkunft und wohl auch ihr Besitzer. Argentinier sind ja Weltmeister im Spitznamengeben. Man orientiert sich gern an Äußerlichkeiten und nimmt es dabei nicht so genau: Wer ein bisschen asiatisch erscheint, ist el chino, der Chinese, wer eine dunklere Hautfarbe hat, wird el negro, der Schwarze, gerufen, und el turco, der Türke, ist entweder Moslem oder sieht aus, wie in der Vorstellung von Argentiniern Männer aus dem arabischen Kulturkreis auszusehen haben. Eine andere beliebte Methode ist, aus Menschen Tiere zu machen. Im Fußball gab und gibt‘s unter anderem: Esel, Enten und Entchen, Schildkröten, Küken, Aale, schwarze Spinnen, Tiger, Mäuschen und Mäuse, Hunde und Windhunde, Echsen, Löwen, Affen, Wölfe, Ponys, Tauben und Maulwürfe. Lionel Messi ist, klar, der Floh. Außerdem heißen Spieler: Kartoffelchen, Zwiebel, Butter, Kakao, Paprika, Salat, Bohne und Tomätchen. Jeder Argentinier hat obendrein mindestens einen Freund, den er gordo (Dicker) oder flaco (Dünner) nennt, wobei – hiesiger Humor – der gordo auch sehr flaco sein kann und umgekehrt. Und wenn man den Namen des Gegenübers nicht kennt oder vergessen hat, behilft man sich mit Schmeicheleien: Der Hotdog- und der Zeitungsverkäufer in unserem Viertel begrüßen mich als Chef und verabschieden mich als Champion.

Unsere Ferienwohnung, meint die Frau, ist ein bisschen schmuddelig. Sie findet angetrocknetes Bratfett auf der Mikrowelle, Staubschichten unter den Betten und alte Fußspuren in der Dusche. Wir sind im Urlaub und werden sowieso die meiste Zeit unterwegs sein, ich denke, da kann man ruhig mal ein Auge zudrüc … LÄSST SICH DIE VERDAMMTE SCHEISSHAUSTÜR ETWA NICHT SCHLIESSEN? Ich verlange ja keinen Schlüssel oder einen Riegel. Aber zumachen lassen sollte sich die Tür wenigstens.

Das schreibt der Reiseführer:

Im Strandort Pehuen-Có, 440km südwestlich von Mar del Plata, kann man den Strand noch für sich alleine haben – abgesehen von den Quallen, die wie die Badefreudigen das hier ein paar Grad wärmere Wasser schätzen.

Tag 4. Bahía Blanca.

Wir stehen um sechs Uhr auf, wir müssen zum VW-Autohaus nach Bahía Blanca, 80 Kilometer entfernt von Pehuen-Có. Meine Plan ist: Wir werden die ersten Kunden sein, ich schicke die Frau mit den Kindern rein, das erweckt Mitleid und kitzelt die Beschützerinstinkte der ölverschmierten Kerle; ich existiere gar nicht. Während wir in der Nähe einen Kaffee trinken, wird das Auto an den Computer gestöpselt und der Fehler entdeckt; Ersatzteile liegen im Lager, es ist schließlich eine Vertragswerkstatt; nach einem Spaziergang zur Plaza Rivadavia, dem zentralen Platz, holen wir das reparierte Auto ab. Um 16 Uhr bin ich bereits wieder in Pehuén-Có am Strand und jage Quallen. Ich kann nicht erkennen, dass der Plan auch nur eine Schwachstelle hätte.

In Bahía Blanca (300 000 Einwohner) befindet sich übrigens der größte Marinestützpunkt des Landes; er wurde 1828 von Oberst Ramón Estomba als Fortaleza Protectora Argentina (Beschützerin Argentiniens) gegründet. Außerdem ist die Stadt das Zentrum der Petrochemie und hat seit dem vergangenen Jahr wieder einen Erstligafußballklub.

Wir sind nicht die Ersten, eher Nummer zehn. Oder zwölf. Kinder, ihr seht nicht niedergeschlagen genug aus! Und hört auf, so nett zueinander zu sein, benehmt euch wie immer. Los jetzt!

Nach einer halben Stunde treffe ich die Familie wieder; sie sieht niedergeschlagen aus. Es sei nicht klar, ob das Auto heute überhaupt noch drankomme. Wir sollen auf einen Anruf warten. Kann zwei Uhr werden oder auch fünf. Ich muss noch mal zum Auto, um die Sonnencreme und die Matetasche zu holen. Es ist inzwischen weggeparkt worden und steht, tja, wie soll ich’s beschreiben? Der Parkplatz gehört bestimmt offiziell noch zum Autohaus, der Weg dorthin ist aber weit und stellenweise sehr dunkel. Ich glaube nicht, dass die Autos ringsum irgendwann wieder fahren sollen. Die warten eher auf ihre Ausschlachtung.

Wir halten erst mal am Plan fest und verbringen eine Stunde im Café. Als die Kinder beginnen, Tische zu verrücken, und zwar besetzte, brechen wir auf. Und jetzt? Die Museen sind geschlossen. Ferienzeit. In der Fußgängerzone sind Klettergerüste und Rutschen aufgebaut, das bringt wieder eine Dreiviertelstunde. Wie spät ist es jetzt? Halb zwölf.

Ich bekomme allmählich sehr schlechte Laune und beginne zu hassen. Leute, die nicht verstehen, nicht verstehen wollen oder nicht verstehen können, dass es ein riesiger Unterschied ist, ob ich allein in einer fremden Stadt bin oder mit drei kleinen Kindern, machen mich aggressiv. Wir haben weder eine Wohnung in Bahía Blanca noch kennen wir jemanden, bei dem wir die Zweijährige zum Mittagsschlaf hinlegen könnten. Heiß ist es außerdem. Ihr Männer im Autohaus, wie habt ihr euch das vorgestellt? Was sollen wir in eurer Petrochemie-Metropole machen, bis ihr irgendwann in ein paar Stunden anruft? Und was sagt ihr uns dann? Keine Zeit gehabt heute? Zu viele Terminkunden, ja? Und dann? Fahren wir zurück nach Pehuén-Có? Mit dem Bus? Und das Auto? Morgen ist Feiertag, nicht wahr? Und ich weiß dann immer noch nicht, ob das Auto bald erstickt? Hmmmh.

Wir kaufen erst mal ein Handtuch als Bettdecke, versuchen, die Zweijährige auf der Parkbank schlafen zu legen, trinken um die Wette kaltes Wasser und rufen im Autohaus an. Alle Männer sind zu Tisch. Ich würde jetzt am liebsten den Laden besetzen, so richtig breitmachen müsste man sich, wie die Bundys damals im Supermarkt. Toiletten, W-Lan, Klimaanlage, heißes Wasser für den Mate, Autozeitschriften für den Großen, Sessel zum Rumhüpfen für die Mädchen – ist ja alles da. Peggy meint, das sei meine beste Idee seit Jahren. Eine Stunde später ist das Autohaus erfolgreich besetzt.

 

Die Kleine schläft auf zwei zusammengeschobenen Sesseln, wir schlürfen Mate und lesen Kinderbücher vor. Wenn dem Sohn langweilig ist, schaut er sich die Neuwagenmodelle an und sabbert vorm Amarok, Listenpreis: 223 590 Peso. Es gibt auch Modelle für 190 000, aber er will Allradantrieb. Volkswagen Argentina wirbt übrigens mit dem Slogan Das Auto, also deutscher Artikel. (Auto heißt auch hier auto; coche sagen die Spanier.) Der Boss von VW ist war 1 Viktor Klima, der frühere österreichische Bundeskanzler. Präsident Néstor Kirchner hat er auch beraten. »Seit einer Herzoperation im Jahre 2009 hat er sein Leben umgestellt«, schreibt Wikipedia. »Er lebt mit seiner dritten Frau und drei Kindern im Alter zwischen 4 und 9 Jahren rund eine Stunde von Buenos Aires entfernt, wo er eine Farm mit 240 Hektar Grund und 200 Rindern besitzt.«

Fährt bestimmt Amarok, der Klima.

15 Uhr. Unser Auto wird aus der Abstellkammer geholt. Die Kleine schläft immer noch. Die Mittlere liegt auf dem Boden und malt. Der Große trinkt Mate, um mehr sabbern zu können. Ich weiß gar nicht, was diese Blicke sollen. »Gobernar es poblar«, schrieb schon der Verfassungsvater Juan Bautista Alberdi (1810 bis 1884). »Regieren bedeutet besiedeln.« Und in der Verfassung, Artikel 25 steht sogar:

Die Bundesregierung hat die europäische Einwanderung zu begünstigen; sie darf in keiner Weise den Eintritt von Fremden in das Argentinische Gebiet, welche in der Absicht kommen, das Land zu bebauen, die Gewerbe zu verbessern und Wissenschaften und Künste einzuführen und zu lehren, beschränken und mit Abgaben belasten.

16 Uhr. Die chicas von der Buchhaltung gucken angewidert, als ich vor der Glasscheibe ihres Großraumbüros meine Salamistulle aus Pehuen-Có esse. Sie haben sehr gute Fahrgestelle und werden offenbar serienmäßig mit langem, wallendem Haar und großen Airbags ausgeliefert. Ich sabbere nicht.

16.30 Uhr. Der Kanister des Wasserspenders wird ausgetauscht. Wurde aber auch Zeit.

17 Uhr. Ein Teil war locker oder abgebrochen, ich habe keine Ahnung, welches. Die Frau versucht’s mir zu erklären, sie hat ja die ganze Zeit mit den Jungs verhandelt und auch den Schlüssel empfangen. Ich nicke und freue mich, dass die beiden Lämpchen am Tacho nicht mehr leuchten.

Kleiner Haken, sagt sie: Das Auto ist nur provisorisch repariert.

Ich würde sagen: sehr großer Haken, man könnte einen Schwertwal dran aufhängen. Wir haben in Argentinien schon Toiletten und Markisen reparieren lassen, die dann gleich wieder kaputt gegangen sind – und das waren keine provisorischen Reparaturen. Auch der Rückspiegel im Auto fällt gern ab, wenn’s ihm zu heiß ist.

Tag 5. Monte Hermoso.

Ich will unbedingt den höchsten Leuchtturm Südamerikas besteigen und zwinge die Familie, mit mir nach Monte Hermoso zu fahren, einen Badeort 70 Kilometer entfernt von Pehuen-Có. 70 Kilometer, das ist nichts. Höchster Leuchtturm Südamerikas! 293 Stufen! 67 Meter! Leider endet die asphaltierte Strecke nach 20 Kilometern. Man sieht: Schotter, Schlaglöcher, Sand und Staub bis zum Horizont. Wir beraten fünf Minuten und suchen nach einer Ausweichroute. Schon morgen werden wir eine doppelt so lange und dreimal so schlimme Piste ohne Murren zurücklegen. Aber das weiß noch keiner von uns.

Der Umweg über eine asphaltierte Straße kommt nicht infrage. Das wären 120 Kilometer.

»Jetzt einen Amarok, das wär’s, ne, Papa?«

Als wir am Leuchtturm ankommen, brennt das gelbe Lämpchen schon wieder.

 

Fortsetzung folgt

  1. Nachtrag: Llamadojorge ist schlauer als Wikipedia (und als ich sowieso) und korrigiert in den Kommentaren: Klima ist schon Ende 2012 in Rente gegangen. []

Argentinische Helden

Diego Maradona, gezeichnet von Danü (c)

Themen

Suchen

Suchbegriff eingeben und «Enter»


Musik: Somos de acá

Steckbrief

Wir sind schnell.
Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geistes-
wissenschaftlichen Hintergrund. Wir sind böse, sexy und klug. Wir können saufen wie die Kutscher, haben Kant gelesen und nicht verstanden, aber das merkt keiner, und schlafen nie.


2012 von Christoph Wesemann in Buenos Aires gegründet. Derzeit im Exil. (Berlin)