Posts Tagged ‘Superclásico’

Die Frauen und der Fußball – Las mujeres y el fútbol

von CHRISTOPH WESEMANN

Seit einigen Monaten ist die Dreieinhalbjährige, wie ihre ganze Familie, Fan des argentinischen Fußballklubs Boca Juniors. Wenn sie im Kindergarten kickt, und das tut sie täglich, verliert stets ihre beste Freundin Mili, die zum Erzrivalen River Plate hält. Meine Tochter schießt jedes Mal so viele Tore, wie sie Finger an ihrer Hand hat. Boca kann nicht verlieren, daran glaubt sie fest. Ihre Mannschaft führt ja auch in der Meierschaft: acht Siege, drei Unentschieden. Und River? »River es malo«, sagt sie, was sich mit »schlecht« oder »böse« übersetzen lässt.

Heute Morgen habe ich ihr die Nachricht von Bocas nächtlicher 0:1-Niederlage im zweiten Superclásico der Saison überbracht. Sie schüttelte sich kurz, rieb sich die Augen und sagte: »River ist böse. Die haben Boca kein Tor machen lassen.«

Boca immer Junior

Desde hace unos meses mi hija de tres años y medio, es fanática de Boca, como toda su familia. Cada vez que juega al fútbol en su jardín pierde su mejor amiga Mili (muy fanática de River). Mi hija siempre mete tantos goles como los dedos de su mano. »Mili se comió cinco«, dice, mostrandome el resultado. Está convencida que Boca no puede perder. ¿Y River? »River es malo.«

Hoy a la mañana le conté de la derrota de los Xeneizes anoche en el segundo superclásico. Ella se sacudió, se pellizcó sus ojos y dijo: »River es malo. No le dejó meter un gol a Boca.«

Frisches Angeberwissen (3)

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich habe schon eine ganze Weile nicht mehr an der Landeskunde geschraubt. Das hole ich jetzt nach, indem ich eine Reihe beim Lesen entdeckter Statistiken über Argentinien präsentiere. Zum Verständnis vorab: Alle Preise und Löhne sind in Peso angegeben. Der offizielle Peso-Euro-Wechselkurs steht derzeit bei etwa 10,8 : 1. Außerdem ist Argentinien fast achtmal so groß wie Deutschland, hat aber nur halb so viele Einwohner.

Erster Teil: Löhne, Armut, Arbeitslosigkeit und Kino

Zweiter Teil: Politik, Protest, Straßensperren, Unfälle und Taxi fahren

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Bildung

Hauptstadt Buenos Aires: 55,4

Feuerland: 44,7

La Rioja: 41,4

La Pampa: 40,3

Córdoba: 39,8

Provinz Buenos Aires, außerhalb des Hauptstadtspeckgürtels: 38,2

Jujuy: 37,1

Neuquén: 36,7

Tucumán: 36,4

Catamarca: 36,2

Chubut: 34,6

Santa Cruz: 34,2

Salta: 33,2

Río Negro: 31,6

Provinz Buenos Aires, innerhalb des Hauptstadtspeckgürtels: 31,1

Mendoza: 30,7

Santa Fe: 30,7

Entre Ríos: 30,0

Formosa: 28,8

San Juan: 28,4

San Luis: 27,8

Chaco: 26,7

Corrientes: 24,5

Santiago del Estero: 22,2

Misiones: 20,6

  • Auffällig ist vor allem der Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Schulen: So schafften 64,3 Prozent der 2001 eingeschulten Privatschüler 2012 den Abschluss − an den öffentlichen Schulen waren es nur 25,4.

UBA

  • Die Universität von Buenos Aires, kurz La UBA, ist mit mehr als 300 000 Studenten die größte Hochschule des Landes. Es folgen die Universitäten von Córdoba und La Plata mit jeweils mehr als 100 000. Gegründet wurde die UBA 1821. Sie hat 7000 Forscher und Wissenschaftler. Außerdem gehören zu ihr vier Krankenhäuser und 14 Museen.

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 Fußball

  • Carlos Bianchi, genannt El Virrey (der Vizekönig), ist der erfolgreichste Vereinstrainer des Landes. Er holte insgesamt 15 nationale und internationale Titel − sechs mit Vélez Sarsfield, neun mit den Boca Juniors. Von seinen 352 Spielen als Boca-Trainer gewann er 181. 99-mal spielte die Mannschaft unentschieden; 71 Partien gingen verloren. Insgesamt kommt Bianchi auf 497 Spiele als Trainer.
  • Der Superclásico, das Duell zwischen den beiden Großklubs Boca Juniors und River Plate: Es gab bislang 193 Erstligaspiele. Boca gewann 70-mal (265 Tore), River 63-mal (252 Tore); 60 Unentschieden.
  • Aktueller Schuldenstand der fünf großen Vereine im argentinischen Fußball: Racing Club: 133 Millionen Pesos; San Lorenzo: 168; Boca Juniors: 180; Independiente und River Plate: zusammen fast 1 Milliarde. Nimmt man die übrigen Klubs hinzu, beträgt der Schuldenstand fast zwei Milliarden Pesos und ist damit doppelt so hoch wie 2009, als die Regierung zum ersten Mal dem Fußballverband Afa die TV-Übertragungsrechte abkaufte − angeblich, damit sich die Klubs sanieren können.

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Konsum, Handel, Tourismus

Parque Rivadavia

  • 30 000 panaderías (Bäckereien) gibt es in Argentinien.
  • Die Miete für ein Geschäft in der Calle Florida, der Fußgängerzone von Buenos Aires, kostet im Durchschnitt 2000 Pesos pro Quadratmeter. Damit ist Florida die teuerste Straße der Hauptstadt. Die zweitteuerste ist die Avenida Cabildo mit 485 Pesos
  • Es blüht das Geschäft der »manteros«, der illegalen Straßenverkäufer. An vielen Ecken der Hauptstadt wird auf dem Bürgersteig gehandelt. Der größte Markt dieser Art befindet sich auf der Avenida Avellaneda mit heute 661 Ständen (2013: 353). 19 Prozent aller manteros in der Hauptstadt arbeiten hier; geschätzt wird, dass jeder von ihnen pro Arbeitstag Waren im Wert von mehr als 1000 Pesos verkauft − natürlich schwarz.

Quelle: Ministeriums für Stadtentwicklung von Buenos Aires, veröffentlicht 2013.

Quelle: Ministeriums für Stadtentwicklung von Buenos Aires, veröffentlicht 2013.

»Telos« ist ein Wort aus dem Lunfardo, einer besonderen Spanischvariante in Buenos Aires. Dabei werden Buchstaben verdreht: aus »cafe« wird »feca«, aus »muchachos« »chochamus« und aus »hotel« »telo«. Telos sind Stundenhotels, die Paare − auch verheiratete − gemeinsam aufsuchen, wenn sie ungestört sein wollen.

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Noch einmal Buenos Aires − das große Zahlenfinale

  • 112 463 private und 2778 kommerzielle Garagen und Parkhäuser; 370 Tankstellen
  • 126 905 Geschäfte, davon 11356 in Galerien und Shoppingcentern
  • 5365 Kioske, 2115 Supermärkte, 1939 Gemüse- und Obstgeschäfte, 764 Fleischereien, 413 Diätläden, 117 Fischgeschäfte, 10 Spezialläden für Bienenhonig
  • 1050 Möbelgeschäfte, 228 Matratzengeschäfte
  • 3626 Friseursalons, 244 Schönheits- und Kosmetiksalons, 242 Salons für Pediküre und Enthaarung, 24 Massagesalons
  • 1811 Wäschereien und Reinigungen (in Argentinien lässt man waschen), 168 Bestattungsinstitute
  • Die meisten Apothekte gibt es im − reicheren − Norden der Hauptstadt: 110 im Stadtteil Recoleta, 107 in Palermo.

Quelle: Ministeriums für Stadtentwicklung von Buenos Aires, veröffentlicht 2013.

Elf Tage ohne

von CHRISTOPH WESEMANN

 

 

 

 

 

 

 

 

Pferderennen 3 Pferderennen 2 Pferderennen 1

 

 

Superclásico

  1. ((((((((((((((Und 140 verloren. []

Mein Sohn und der Pferdekotismus

von CHRISTOPH WESEMANN

Mein Sohn hat es nicht immer leicht in seiner argentinischen Schule. Wenn er die Wahrheit sagt und sich nicht aus Imagegründen zum Märtyrer stilisiert, dann ist er in seiner Klasse der einzige Fan des Fußballklubs Boca Juniors. Weil die Schule in einer vornehmeren Gegend von Buenos Aires liegt, ist sie Hoheitsgebiet von River Plate, dem Verein der Mittelschicht, dessen Fans sich auch »Millionäre« nennen und die Anhänger des großen Feindes »Bosteros« rufen. Die Bosteros haben früher im Stadtviertel La Boca die Straßen von der »bosta«, dem Pferdekot, befreit.

In der 1 c gibt es noch einen Jungen, der auch den Arbeiterklub Boca mag. Aber der zählt nicht so richtig, weil er auch Einwanderer ist, jedenfalls unterhält er sich mit meinem Sohn auf Russisch – auch über Boca, also vor allem über Boca.

Tja, und die Mädchen in seiner Klasse, die sind natürlich auch keine Hilfe. Die machen nur Hüpfgummi, sagt er.

Am Sonntagnachmittag ist Superclásico in Buenos Aires. River empfängt im »Monumental«, sieben Minuten entfernt von unserer Wohnung, die Boca Juniors. Wenn das Spiel nicht unentschieden endet, muss ich meinem Sohn für Montag eine Krankschreibung besorgen.

Das andere Problem hat mit dem Essen zu tun. Ich schmiere meinem Sohn jeden Morgen zwei Pausenbrote: die Butter schön dick, eine große Scheibe Salami, hin und wieder Käse, echt deutschtümelnd, aber eben auch nahrhaft. Dazu bekommt er einen Apfel (schon entkernt und geviertelt), und manchmal überrasche ich ihn auch.

»Die haben wieder alle mein Essen angeguckt«, hat er gestern gesagt.
»Dein Brot?«
»Nee, das kennen sie ja schon.«
»Was dann?«
»Den Joghurt.«
»Natur, mein Junge, bio, sehr gesund.«

Gelegentlich frage ich ihn, was die anderen Kinder zum Essen in die Schule mitbringen, also auch die Riverfans. Kekse, sagt er.

Ich bin unnachgiebig. Keine Kekse. Bisweilen diskutieren wir das Thema, bis Daniel Martín um kurz nach sieben mit dem Schulbus kommt. Dann verabschiede ich mich, kaufe mir am Kiosk eine Zeitung, fahre zu meinem Stammcafé und bestelle bei Sofia, der netten Kellnerin, mein Frühstück: vier Croissants mit süßer Butter und eine Cola.

»Also wie immer«, sagt Sofia.

Mein-Sohn-Kolumnen:

Mein Sohn und der Kussismus

Mein Sohn und der Datschaismus

Mein Sohn und der Willismus

Mein Sohn, der Gausbub

Mein Sohn und der Sandalismus

Mein Sohn und der Miauismus

Mein Sohn und der Kapitalismus

Manuel und der Detektiv

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich kenne mich, und ein Mensch, der mir sehr nahesteht, behauptet sogar, das täte ich überaus gern. Ich kann ausschließen, dass ich eines Tages im Bad mein Spiegelbild anschreien werde. Ja, vielleicht schreie ich dann auf der Straße Wildfremde an, einfach so, das wiederum schließe ich nicht aus. Um ehrlich zu sein: Ich gehe davon aus, dass das hin und wieder passiert, so ein-, zweimal pro Woche. Seit heute Morgen weiß ich, dass ich ein bisschen auf mich achtgeben muss.

Gestern war noch alles in Ordnung.

Ich hatte im Supermarkt neben dem Kindergarten ein Baguette gekauft, so ein Ding, das sich der Nichtfranzose in die Achselhöhle des Franzosen denkt. Dann ließ ich mir von Fernanda, der Erzieherin, die Kinder aushändigen, zählte auf der Straße nach, kam auf drei und war zufrieden. Das Baguette klemmte ich am Dach des Kinderwagens fest. Der hatte nun ein bisschen Überbreite, aber mit drei Kindern hat die ja jeder Spaziergang.

Ich wollte nach Hause gehen. Die Kinder wollten das auch, im Prinzip, also nicht gleich, lieber in zwei Stunden und unbedingt erst nach einem Ausflug auf den Spielplatz. Vielleicht bin ich auf der ganzen Welt der einzige Vater, der nicht gern Spielplätze besucht. Vielleicht liegt es daran, dass meiner Tochter immer eine halbe Sahara in den Nacken gekippt wird und ich meinen Sohn überreden muss, sich dafür zu entschuldigen. Und eine große Gemeinheit, zu der Kinder fähig sind, ist die, dass sie zwar überall allein hinaufkommen, aber nicht wieder hinunter, weshalb mir ständig irgendein rostiges Klettergerüst beweist, dass ich alt und ängstlich und schwach geworden bin. Wir verhandelten mehrere Minuten und einigten uns auf: erst ein Eis, dann eine Limonade und dann nur eineinhalb Stunden Spielplatz. Ich habe schon schlechter verhandelt.

Ein Weilchen später, nachdem ich ein paar Mal bemerkt hatte, wie alt und ängstlich und schwach ich geworden bin, entdeckte ich, dass der Kinderwagen keine Überbreite mehr hatte. Das Baguette war angebissen.

Meine Kinder behaupteten gleich, nichts gegessen zu haben. Ich ließ sie nebeneinander antreten und durchsuchte ihre Münder nach Brotresten. Bestimmt gibt es elegantere Methoden, ein Verhör vielleicht, aber bei meinen Kindern klappt das nicht. Die beschuldigen sich entweder gegenseitig oder geben einander ein Alibi. Und ich bin nun einmal nicht halb so schlau wie Inspektor Columbo.

Nichts. Keine Brotreste.

Mein Sohn hatte gleich einen Verdächtigen gefunden: den Jungen im Trikot von River Plate.

Es ist in Buenos Aires sehr verrückt mit dem Fußball. In keiner anderen Metropole, vielleicht mit Ausnahme Londons, gibt es so viele Erstliga-Fußballklubs. Die beiden wichtigsten Vereine der Stadt und damit auch des Landes sind die Boca Juniors und River Plate. 40 Prozent der argentinischen Fußballfans, vor allem viele Arbeiter, fiebern angeblich mit Boca, 32 Prozent, vor allem die Mittelschicht und die Wohlhabenden, halten zu River. Der Rest ist für Quilmes oder San Lorenzo oder Rosario, weiß der Teufel, warum. Und wenn die beiden Großen gegeneinander spielen, ist das natürlich kein »Clásico«, sondern ein »Superclásico«, der das Land tagelang lahmlegt.

Es gibt angeblich sogar Fans, die testamentarisch verfügen, dass sie im Trikot des Feindes beerdigt werden – damit wenigstens einer von denen geht. Verglichen mit diesem Duell, bestreiten Schalke und Dortmund zweimal im Jahr ein Kaffeekränzchen.

Mein Sohn steht auf Boca, obwohl sein Vater kein Arbeiter ist, und er hat seine Gründe. Der eine ist: Diego Maradona. Argentiniens »Goldjunge« hat zweimal für Boca gespielt, von 1981 bis 1982 und von 1995 bis 1997. Der andere Grund ist: Rivers Trikot hat einen roten Diagonalstreifen.
»Vorsicht, mit falschen Beschuldigungen, mein Sohn«, sagte ich.
»Nein, Papa, die von River sind wirklich böse.«

Nun weiß man von Fjodor Dostojewskis Rodion Romanowitsch Raskolnikow, dass der Täter ein Gewissen hat und sich selbst überführen kann. Ich stellte dem Brot-Dieb also eine Falle. Ich zog das verbliebene Baguette ein Stück aus der Tüte und legte es zurück auf den Kinderwagen, entfernte mich und schaukelte wie ein Irrer. Mein Brot ließ ich keine Sekunde aus den Augen. Schon bald sah ich, wie sich ein Junge meinem Baguette näherte. Ehe er zugreifen konnte, stellte ich ihn.

Über die Verschlagenheit der Porteños braucht mir keiner mehr etwas zu erzählen. Die haben’s wirklich drauf, und ich bin von ihren Künsten jeden Tag aufs Neue überfordert. Ich kaufe in der U-Bahn oder an der Straßenecke immerfort Dinge, die ich schon besitze, nicht brauche oder nicht brauche und trotzdem besitze: Ich habe für umgerechnet acht Euro eine Armbanduhr gekauft, die nach drei Wochen eine Ex-Armbanduhr ist und ihren vorzeitigen Ruhestand in einer Schublade verbringt. Eine Ex-Umhängetasche habe ich auch. Ohne Schultergurt hängt sie jetzt irgendwo ab. Und wenn ich nachschaue, welches unfähige Volk auf Erden etwas herstellt, das sich selbst zerstört, steht irgendwo stolz und groß: »Industria Argentina«.

Ich lese gerade die neue Ausgabe der Straßenzeitung »Hecho«, die der Verkäufer als argentinisches »Hinz&Kunzt« bewarb, nachdem er erfahren hatte, dass ich aus Deutschland komme. Erst vorgestern habe ich einem übel zugerichteten Mann so viele Pflaster abgekauft, dass ich jede Nacht auf einem Kaktus schlafen könnte und trotzdem noch genug hätte für die ersten Schnittwunden im Jenseits. Andererseits, vielleicht kleben die Pflaster auch gar nicht.

Wenn ich in der U-Bahn ausnahmsweise einmal nichts kaufe, liegt das daran, dass der Waggon so voll ist und ich nicht an mein Geld komme, weil ich affenähnlich an der Stange hänge, um jemandem Platz zum Aussteigen zu machen. Die »Subte« ist eigentlich immer voll, also jedenfalls morgens, mittags, nachmittags und abends. Ich bin mittlerweile fünfzigmal gefahren und hab einmal gesessen: an einem Sonntagmorgen um halb zehn. Aber da benimmt sich die Hauptstadt auch, als hätte sie einen Kater. Zu allen anderen Zeiten sind die Züge so voll, dass immer Hände am Gesäß sind – entweder die eigenen an einem anderen oder die anderen am eigenen. Ich habe auch den zweiten Fall zu schätzen gelernt.

Im Augenblick ist die »Subte« leer. Sie fährt nämlich gar nicht, weil die Angestellten seit Freitag für höhere Löhne streiken. Die Stadt liegt lahm, als würden fünf »Superclásicos« am Stück gespielt; an den Haltestellen stehen 200 Menschen und warten auf den Bus; der kommt und fährt weiter, weil er schon voll ist. Ein Taxi zu finden ist fast unmöglich. Und auf den breitesten Straßen der Welt stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange. Es gibt im Fernsehen Sondersendungen, aber die Leute bleiben fröhlich. Niemand rempelt. Niemand flippt aus. Geflucht wird, als führe die »Subte«. Also pausenlos.

Ich fahre auch Auto in Buenos Aires. Ich hatte ein bisschen Angst vor der ersten Tour, auch vor der zweiten und dritten, das hört wohl nie ganz auf. Mag sein, dass es anderen egal ist, wenn sie etwas falsch machen und deshalb von vorne, von der Seite und von hinten beleidigt werden. Ich werde nie ganz loswerden, dass ich in einer Kleinstadt aufgewachsen bin. Ich denke noch immer, das spricht sich rum unter den drei Millionen Argentiniern in Buenos Aires, ungefähr so: »Da ist ein Deutscher in der Stadt, hombre, wie der fährt, das glaubst du nicht. Eine Navi im Cockpit, die mehr wert ist als mein Auto, aber null Orientierung. Ohne Bordsteinkante stünde der mit seiner Kutsche schon in deinem Schlafzimmer.«

Aber Pablo hat mich beruhigt. Er wohnt über mir. Ich weiß nicht, was er beruflich macht, ich würde es wahrscheinlich ohnehin nicht verstehen. Er hingegen weiß schon allerhand über mich, ich habe mich als neuer Nachbar jedenfalls gleich ordentlich vorgestellt.
»Ich nenne dich Cristóbal oder jefe, vielleicht auch Deutscher oder Brille oder Nase, so machen wir das hier nämlich«, sagte er. »Und damit das klar ist: Deinen grässlichen Nachnamen merke ich mir gar nicht erst.« Ich sieze Pablo, aber auch nur, weil ich das »voseo«, die südamerikanische Form des Duzens, noch nicht richtig beherrsche.
»Eines solltest du wissen«, sagte Pablo. »Porteños sind schlechte Autofahrer. Porteños behaupten immer, alles zu können, ich weiß das, weil ich selbst einer bin.«
»Und was bedeutet das für mich?«
Pablo überlegte einen Augenblick, dann sagte er: »Weiß nicht.«
»Muss ich anders fahren?«
»Ich denk drüber nach«, sagte er und verabschiedete sich. »Ich kann übrigens sehr gut Auto fahren.«

Am nächsten Tag klebte an meiner Tür ein Zettel von Pablo. Darauf stand: »Habe noch mal nachgedacht, Schumi. An vielen Ecken stehen Jugendliche und bieten Dir etwas an, wollen die Autoscheibe putzen oder machen Kunststücke, wenn die Ampel rot ist. Sei höflich und zeig ihnen mit Deinen Händen ein no! Und für nichts auf der Welt öffnest Du das Fenster, für nichts auf der Welt, selbst wenn jemand auf dem Asphalt einen Kopfstand macht, der olympiareif ist, für nichts auf der Welt. Ist das klar?«

Mir ist gleich aufgefallen, dass Argentinier anders fahren. In Deutschland benutzt man gern die Lichthupe, hier lässt man das Licht weg. Zebrastreifen sind nur Zierde und darüber hinaus ohne jede Bedeutung. Ich habe noch keine Ahnung, wie das an einer Kreuzung ohne Ampel ist. Es ist alles sehr industria Argentina. Manchmal kommt es mir vor, als würde rechts vor links praktiziert. Aber diese Regel scheint nicht immer und nicht überall zu gelten. Manchmal fährt auch links vor rechts. Ich schließe nicht aus, dass es auf die Schönheit ankommt – nur: auf die Schönheit des Autos (gut für mich) oder die des Fahrers (gut für die anderen)?

Der argentinische Rodion Raskolnikow hat sich mir übrigens als Manuel vorgestellt, doch wahrscheinlich ist das nicht sein echter Name. In einem hundsgemeinen Dialekt, den ich kaum verstand, bestritt er alles. Ich ließ ihn erst mal ausreden und fragte dann nach seiner Mutter. Manuel sagte, er sei mit seinem Vater auf den Spielplatz gekommen, und zeigte auf einen in der Sonne dösenden Riesen.

»Na ja, wir können das ja auch alleine klären«, sagte ich. Mit einem hundsgemeinen Akzent, den er kaum verstand, redete ich auf ihn ein. Ich machte ihm erst ein schlechtes Gewissen und gab dann der Welt, dem lieben Gott und der Präsidentin eine Teilschuld. Irgendwo, zwischen zwei eher wirren Gedanken, verlor ich auch meine Grammatik. Um Manuel zu zeigen, dass er nicht stehlen müsse, sondern auf die Gutherzigkeit von lieben Menschen vertrauen solle, schenkte ich ihm zum Abschied noch ein Stück vom Baguette und bestand darauf, dass er es vor meinen Augen isst. Noch mit vollem Mund behauptete er, Weißbrot gar nicht zu mögen.

Ich fühlte mich gut. Ich hatte einem Kleinkriminellen den Weg aus dem Milieu gewiesen. Von meinen Kindern ließ ich mich feiern.

Das fehlende Baguettestück habe ich am nächsten Morgen auf dem Weg zum Kindergarten gefunden, an einer Stelle des Bürgersteigs, die für Kinderwagen mit Überbreite sehr eng ist.

Ich nehme die Beschuldigungen hiermit zurück. Tut mir Leid, Manuel.


Argentinische Helden

Diego Maradona, gezeichnet von Danü (c)

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Steckbrief

Wir sind schnell.
Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geistes-
wissenschaftlichen Hintergrund. Wir sind böse, sexy und klug. Wir können saufen wie die Kutscher, haben Kant gelesen und nicht verstanden, aber das merkt keiner, und schlafen nie.


2012 von Christoph Wesemann in Buenos Aires gegründet. Derzeit im Exil. (Berlin)