Archiv für August, 2012

Auf Jobsuche

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich überlege ja noch, welche Arbeit für mich in Buenos Aires infrage kommt. Taxifahrer? Nun, ich weiß nicht viel mehr, als dass »der Taxifahrer« auf Spanisch »la el taxista« heißt und durchaus sehr gebildet ist. Er kann zum Beispiel mühelos erklären, warum er zwar Peronist ist und Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner trotzdem nicht leiden kann, obwohl die auch aus dem Peronismus kommt.

Und sie sehen doch recht hübsch aus, die gelb-schwarzen Autos. Einerseits.

Ich weiß andererseits nicht, ob meine Nerven stabil genug wären für eine Taxifahrerkarriere. Es ist ja nicht nur oft ein bisschen viel Verkehr, wie hier in der Avenida Corrientes (Ecke Uruguay) – der Porteño ist am Steuer überdies auch selten spurtreu.

Dann vielleicht Hundesitter? Jeden Morgen warten an den immerselben Ecken angebundene Hunde auf jemanden, der sie ausführt.

Man findet als Hundesitter offenbar auch sehr schnell Freunde.

Aber dieser Job muss warten, weil ich im Augenblick mit meinem Spanisch noch keinen Streit zwischen Pudel und Bulldogge schlichten könnte. Und dass mancher Hund ein Problem hat und gern mal Ärger macht, kann er auch schlecht verheimlichen.

 

Auf einen Wodka mit mir

von CHRISTOPH WESEMANN

Mal den Helmut Schmidt geben: irgendwann etwas zu sagen gehabt und nun anderen die Welt erklären. Oder wenigstens den Peter Scholl-Latour: irgendwann mit dem Vietcong drei Tage im Reisfeld gelegen und nun als Fachmann für Krisenherde aller Art auftreten.

Abgehakt. Auch erledigt. Geschafft. Wie ich so klinge als Elder Statesman Olle-Kamellen-Erzähler steht im Ukraine-Blog von Valeria, die mich interviewt hat. Ich nehme eindeutig Stellung zu: ukrainischen Hochzeiten, einer Trolleybusfahrt auf der Krim, dem Unfall im Gemüsetransporter und Korruption.

Übrigens: Mein Freund Danü, den ich aus Odessa kenne und der mir Diego und Co. gezeichnet hat, bloggt jetzt aus Georgien und nennt sich rätselhafterweise Dani. Sein Blog heißt: Georgische Lektionen.

Und er schreibt, wie nur ein Schweizer schreiben kann (und darf):

Wandere ich friedlich in Gedanken versunken (natürlich in geschäftliche, denn meine momentane Arbeit besteht hauptsächlich aus Wandern) werde ich plötzlich aus meiner Ruhe gerissen und georgische Grenzwächter stoppen mich. „Wo ich denn hin wolle“, „ob ich denn keinen Guide bei mir hätte“, „was, wenn ich verloren ginge“. Nach beruhigenden Floskeln meinerseits und der Versicherung, dass ich hier arbeite und nicht verloren ginge kann ich meinen Reise fortsetzen. Und tatsächlich ich bin nicht zufällig nach Azerbaijan gestrauchelt.

(…)

Auf in den grossen Kaukasus zum Schwarzfelssee auf rund 3000 m.ü.M. Die Wanderung (auch diesmal im Dienste der Wissenschaft) dauert drei Tage und zieht sich durch dunkle Wälder, meterhohe Blumenwiesen und karge Berglandschaften. Am zweiten Tag erreichen wir hungrig und erschöpft den See. Dass hier die Grenze zwischen Dagestan und Georgien liegt lässt nur das GPS und die Karte erahnen. Obwohl – an den Hügeln erkennen wir die Pferde der Grenzwächter, welche über unser Verbleib von fernem wachen.

(Grenzen wo keine sind, 21. August)

Sonne auf dem Bürgersteig

von CHRISTOPH WESEMANN

Eine Runde gute Laune gefällig? Buenos Aires hat zwei Regenwochen überstanden und atmet auf. Seit gestern scheint wieder die Sonne. T-Shirt-Wetter im argentinischen Winter. Außerdem mache ich mich mit der argentinischen Musik vertraut und bin im Supermarkt auf den Sänger und Schauspieler Diego Torres gestoßen. Der ist irre erfolgreich und hatte eine noch erfolgreichere Frau Mama: Lolita Torres.

»Er ist ein guter Mensch«, hat mir eine Argentinierin gerade gesagt. Diego Torres ist nämlich in Lateinamerika und der Karibik Botschafter der Unicef, des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen. Und seine Mutter? »War auch ein guter Mensch.«

Ich habe mich unsterblich in Torres‘ Lied »Por la vereda del Sol« verliebt. Experten hören natürlich gleich das Original heraus: »Walking on Sunshine«. Von wem?

Jetzt also: »Por la vereda del Sol« – natürlich nicht im Original. Erstens finde ich’s eine Spitzenidee, ein Cover zu covern. Zweitens ist das Video von Pablo und Julián so hübsch. Drittens habe ich ein bisschen Angst, dass ich irgendwann erkenne: Diego Torres ist die Andrea Berg von Argentinien.

Kraut mit Kalauer

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich kann’s mir nicht vorstellen, aber falls Sie sich schon einmal gefragt haben, was das mit der Mate-Sucht der Argentinier auf sich hat, liefere ich Ihnen gern drei Beispiele. (Außerdem wäre es schade um den Kalauer ganz unten. Der nervt mich schon seit Tagen, er will jetzt unbedingt raus.)

1. Im Zoo von Buenos Aires kann man für zwei Pesos warmes Wasser zapfen, um die Thermoskanne wieder aufzufüllen.

2. Mein Wasserkocher hat einen Extra-Mateschalter. Denn das Wasser, das auf  die Blätter der Stechpalme – Yerba (sprich: Scherba) – gegossen wird, darf nicht kochen. Hilfreich wäre es natürlich, wenn der Deckel von alleine aufbliebe. Dann müsste ich zum Nachfüllen nicht den Fünf-Liter-Wassertank in den Schwitzkasten nehmen, weil der Deckel meine linke Hand braucht.

3. Natürlich kommt neben Milch, Eiern und Mehl auch Yerba zum Einsatz, wenn Studenten ihren Abschluss gemacht haben und sich auf der Straße von ihren Freunden einsauen lassen. Ein Namen hat dieser Brauch wohl nicht. Oder ich frage nur Leute, die keine Ahnung haben.

Mate ist für Südamerikaner mehr als ein Getränk. Es ist Geselligkeit und Muße. Man sitzt oder steht zusammen, plaudert und schlürft natürlich durch einen Blechhalm, Runde um Runde. Und »gracias« sagt man erst, wenn man nichts mehr will.

Es gibt unterschiedliche Angaben über den Pro-Kopf-Verbrauch des Krauts – es sollen so sechs bis sieben Kilogramm im Jahr sein. Und natürlich ist Argentinien auch hier Weltspitze. Sagen die Argentinier. Andere (und nicht nur die Uruguayer) sagen: Uruguay.  Ist wahrscheinlich – in Deckung, jetzt: Kalauer! – höhere Matematik.

Mein Mate sieht übrigens so aus:

Die Spanisch-Hausaufgabe (2)

von CHRISTOPH WESEMANN

Wenn ich für meinem Spanischkurs schon mal Hausaufgaben mache, und dann noch halbwegs richtig, sollte auch ein bisschen was fürs Blog abfallen.

Die Aufgabe:

Vas caminando por la calle y encontrás una billetera con 300 pesos. Solo hay una tarjeta de un gimnasio con el nombre y el apellido del socio. ¿Que haces? Escríbe un diálogo.

Du findest auf der Straße ein Portmonee mit 300 Pesos. Darin ist aber nur die Karte eines Fitnessstudios mit dem Vornamen und Nachnamen eines Mitglieds. Was machst du? Schreib einen Dialog!

Die Vorüberlegung:

Ich finde die Person und gebe ihr das Geld zurück, und wenn es das Letzte ist, das ich in diesem Leben tue. Ich lasse mich von nichts und niemandem aufhalten.

Der Dialog:

En un gimnasio

Yo: ¡Hola! ¿Qué tal?

Él: Bien, bien, gracias.

Yo: Tengo una preguntita. Encontré en la calle una billetera con mucha plata, más o menos 300 pesos.

Èl: Bueno. Podés darmelo.

Yo: ¡No! ¡No! ¡No! Aduyame, for pavor.

Èl: No entiendo.

Yo: Perdón. Quisiera hablar español mejor. Verdadera necessitaría una novia argentina, pero a mi esposa no le gustaría. Por eso es un proceso muy lento.

Èl: ¿Qué quieres, boludo?

Yo: La billetera hay solo una tarjeta de su gimnasio con el nombre y el apellido del socio.

Èl: No es un problema. Voy a encontrar a la persona. Estoy seguro donde tengo que buscar.

Yo: Un momento. Creo que, no sería correcto. Me parece, no podría devolverlo a la persona que lo perdío.

Èl: Che, soy un porteño.

Yo: Justamente. Y por eso necesitaría un numero de teléfono para llamar a esta persona.

Èl: Sos más inteligente que pensé, aunque sos de Alemania. De accuerdo. ¿Cómo se llama?

Yo: Tiene 24 años.

Èl: Che, payaso, ¿debería ayudarte? Entonces necesitaría el nombre.

Yo: Ah, claro, perdón. Es una mujer. Se llama Marce.

Èl: Casualmente es mi novia.

Yo: Oh perfecto. Entonces podría darselo.

Èl: Gracias, tonto.

Yo: ¿Cómo?

Èl: No dije nada. ¿Algo más?

Yo: No.

Èl: Dale. Hasta luego.

Die Übersetzung (selbst gemacht):

In einem Fitnesstudio

Ich: Hallo, wie geht’s?

Er: Danke, gut.

Ich: Ich habe ein Frägchen. Auf der Straße habe ich ein Portmonee mit viel Geld gefunden, um die 300 Pesos.

Er: Schön. Kannst du mir geben.

Ich: Neinneinnein. Mir holfst, sitte behr.

Er: Ich verstehe nicht.

Ich: Verzeihung. Ich würde gern besser Spanisch sprechen. Eigentlich brauche ich eine argentinische Freundin, aber meine Frau würde sie nicht mögen. Deshalb ist es ein langsamer Prozess.

Er: Was willst du denn nun, Dummkopf?

Ich: Im Portmonee ist nur die Karte Ihres Fitnessstudios mit dem Namen eines Mitglieds.

Er: Ist doch kein Problem. Ich werde die Person finden. Ich bin sicher, dass ich weiß, wo ich suchen muss.

Ich: Augenblick. Ich glaube, das wäre nicht richtig. Mir scheint, Sie würden es der Person nicht zurückgeben, die es verloren hat.

Er: Hey, ich bin ein Porteño.

Ich: Eben. Und deshalb brauche ich eine Telefonnummer, um die Person anzurufen.

Er: Du bist ja viel schlauer, als ich gedacht habe, und das, obwohl du aus Deutschland bist. Einverstanden. Also, wie heißt sie?

Ich: Sie ist 24 Jahre alt.

Er: Hey Clown, soll ich dir nun helfen? Dann brauchte ich den Namen.

Ich: Ah, natürlich, es ist eine Frau. Sie heißt Marce.

Er: Na, so ein Zufall, das ist meine Freundin.

Ich: Perfekt, dann können Sie ihr ja das Portmonee zurückgeben.

Er: Danke, Idiot.

Ich: Wie bitte?

Er: Ich habe nichts gesagt. Noch was?

Ich: Nein.

Er: In Ordnung. Bis später.

Die Erkenntnis:

eindeutiger Lernfortschritt

Das sagt der Spanischlehrer:

– – – – –
(Der sagt schon lange nix mehr.)

 

Dreierpack der Präsidentin

von CHRISTOPH WESEMANN

Vor ein paar Tagen hatte ich mich mit »Fútbol para todos« beschäftigt, den Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner ihren Untertanen spendiert, damit die ihr was spendieren. Gerade spielen die Boca Juniors gegen Racing Club um den argentinischen Pokal. Und so sieht das dann im Fernsehen aus: Drei der zwölf Sender, die ich empfange – und es gibt noch viel mehr -, zeigen das Spielchen. Glauben Sie nicht? Doch:

Es gibt auch eine Art Dauer-Bauchbinde: »Gentileza de Fútbol para todos«, sinngemäß: »Präsentiert von Fußball für alle«. Und zwischendurch kommt immer wieder eine Einblendung der Präsidentin, die die Zuschauer daran erinnert, wer das Gratisgucken bezahlt: die Präsidentin.

Mit ihrem Privatvermögen?
Nö.

Der Schriftsteller Heinrich Mann hat einmal gesagt: »An der Sprache erkennt man das Regime.«

Manuel und der Detektiv

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich kenne mich, und ein Mensch, der mir sehr nahesteht, behauptet sogar, das täte ich überaus gern. Ich kann ausschließen, dass ich eines Tages im Bad mein Spiegelbild anschreien werde. Ja, vielleicht schreie ich dann auf der Straße Wildfremde an, einfach so, das wiederum schließe ich nicht aus. Um ehrlich zu sein: Ich gehe davon aus, dass das hin und wieder passiert, so ein-, zweimal pro Woche. Seit heute Morgen weiß ich, dass ich ein bisschen auf mich achtgeben muss.

Gestern war noch alles in Ordnung.

Ich hatte im Supermarkt neben dem Kindergarten ein Baguette gekauft, so ein Ding, das sich der Nichtfranzose in die Achselhöhle des Franzosen denkt. Dann ließ ich mir von Fernanda, der Erzieherin, die Kinder aushändigen, zählte auf der Straße nach, kam auf drei und war zufrieden. Das Baguette klemmte ich am Dach des Kinderwagens fest. Der hatte nun ein bisschen Überbreite, aber mit drei Kindern hat die ja jeder Spaziergang.

Ich wollte nach Hause gehen. Die Kinder wollten das auch, im Prinzip, also nicht gleich, lieber in zwei Stunden und unbedingt erst nach einem Ausflug auf den Spielplatz. Vielleicht bin ich auf der ganzen Welt der einzige Vater, der nicht gern Spielplätze besucht. Vielleicht liegt es daran, dass meiner Tochter immer eine halbe Sahara in den Nacken gekippt wird und ich meinen Sohn überreden muss, sich dafür zu entschuldigen. Und eine große Gemeinheit, zu der Kinder fähig sind, ist die, dass sie zwar überall allein hinaufkommen, aber nicht wieder hinunter, weshalb mir ständig irgendein rostiges Klettergerüst beweist, dass ich alt und ängstlich und schwach geworden bin. Wir verhandelten mehrere Minuten und einigten uns auf: erst ein Eis, dann eine Limonade und dann nur eineinhalb Stunden Spielplatz. Ich habe schon schlechter verhandelt.

Ein Weilchen später, nachdem ich ein paar Mal bemerkt hatte, wie alt und ängstlich und schwach ich geworden bin, entdeckte ich, dass der Kinderwagen keine Überbreite mehr hatte. Das Baguette war angebissen.

Meine Kinder behaupteten gleich, nichts gegessen zu haben. Ich ließ sie nebeneinander antreten und durchsuchte ihre Münder nach Brotresten. Bestimmt gibt es elegantere Methoden, ein Verhör vielleicht, aber bei meinen Kindern klappt das nicht. Die beschuldigen sich entweder gegenseitig oder geben einander ein Alibi. Und ich bin nun einmal nicht halb so schlau wie Inspektor Columbo.

Nichts. Keine Brotreste.

Mein Sohn hatte gleich einen Verdächtigen gefunden: den Jungen im Trikot von River Plate.

Es ist in Buenos Aires sehr verrückt mit dem Fußball. In keiner anderen Metropole, vielleicht mit Ausnahme Londons, gibt es so viele Erstliga-Fußballklubs. Die beiden wichtigsten Vereine der Stadt und damit auch des Landes sind die Boca Juniors und River Plate. 40 Prozent der argentinischen Fußballfans, vor allem viele Arbeiter, fiebern angeblich mit Boca, 32 Prozent, vor allem die Mittelschicht und die Wohlhabenden, halten zu River. Der Rest ist für Quilmes oder San Lorenzo oder Rosario, weiß der Teufel, warum. Und wenn die beiden Großen gegeneinander spielen, ist das natürlich kein »Clásico«, sondern ein »Superclásico«, der das Land tagelang lahmlegt.

Es gibt angeblich sogar Fans, die testamentarisch verfügen, dass sie im Trikot des Feindes beerdigt werden – damit wenigstens einer von denen geht. Verglichen mit diesem Duell, bestreiten Schalke und Dortmund zweimal im Jahr ein Kaffeekränzchen.

Mein Sohn steht auf Boca, obwohl sein Vater kein Arbeiter ist, und er hat seine Gründe. Der eine ist: Diego Maradona. Argentiniens »Goldjunge« hat zweimal für Boca gespielt, von 1981 bis 1982 und von 1995 bis 1997. Der andere Grund ist: Rivers Trikot hat einen roten Diagonalstreifen.
»Vorsicht, mit falschen Beschuldigungen, mein Sohn«, sagte ich.
»Nein, Papa, die von River sind wirklich böse.«

Nun weiß man von Fjodor Dostojewskis Rodion Romanowitsch Raskolnikow, dass der Täter ein Gewissen hat und sich selbst überführen kann. Ich stellte dem Brot-Dieb also eine Falle. Ich zog das verbliebene Baguette ein Stück aus der Tüte und legte es zurück auf den Kinderwagen, entfernte mich und schaukelte wie ein Irrer. Mein Brot ließ ich keine Sekunde aus den Augen. Schon bald sah ich, wie sich ein Junge meinem Baguette näherte. Ehe er zugreifen konnte, stellte ich ihn.

Über die Verschlagenheit der Porteños braucht mir keiner mehr etwas zu erzählen. Die haben’s wirklich drauf, und ich bin von ihren Künsten jeden Tag aufs Neue überfordert. Ich kaufe in der U-Bahn oder an der Straßenecke immerfort Dinge, die ich schon besitze, nicht brauche oder nicht brauche und trotzdem besitze: Ich habe für umgerechnet acht Euro eine Armbanduhr gekauft, die nach drei Wochen eine Ex-Armbanduhr ist und ihren vorzeitigen Ruhestand in einer Schublade verbringt. Eine Ex-Umhängetasche habe ich auch. Ohne Schultergurt hängt sie jetzt irgendwo ab. Und wenn ich nachschaue, welches unfähige Volk auf Erden etwas herstellt, das sich selbst zerstört, steht irgendwo stolz und groß: »Industria Argentina«.

Ich lese gerade die neue Ausgabe der Straßenzeitung »Hecho«, die der Verkäufer als argentinisches »Hinz&Kunzt« bewarb, nachdem er erfahren hatte, dass ich aus Deutschland komme. Erst vorgestern habe ich einem übel zugerichteten Mann so viele Pflaster abgekauft, dass ich jede Nacht auf einem Kaktus schlafen könnte und trotzdem noch genug hätte für die ersten Schnittwunden im Jenseits. Andererseits, vielleicht kleben die Pflaster auch gar nicht.

Wenn ich in der U-Bahn ausnahmsweise einmal nichts kaufe, liegt das daran, dass der Waggon so voll ist und ich nicht an mein Geld komme, weil ich affenähnlich an der Stange hänge, um jemandem Platz zum Aussteigen zu machen. Die »Subte« ist eigentlich immer voll, also jedenfalls morgens, mittags, nachmittags und abends. Ich bin mittlerweile fünfzigmal gefahren und hab einmal gesessen: an einem Sonntagmorgen um halb zehn. Aber da benimmt sich die Hauptstadt auch, als hätte sie einen Kater. Zu allen anderen Zeiten sind die Züge so voll, dass immer Hände am Gesäß sind – entweder die eigenen an einem anderen oder die anderen am eigenen. Ich habe auch den zweiten Fall zu schätzen gelernt.

Im Augenblick ist die »Subte« leer. Sie fährt nämlich gar nicht, weil die Angestellten seit Freitag für höhere Löhne streiken. Die Stadt liegt lahm, als würden fünf »Superclásicos« am Stück gespielt; an den Haltestellen stehen 200 Menschen und warten auf den Bus; der kommt und fährt weiter, weil er schon voll ist. Ein Taxi zu finden ist fast unmöglich. Und auf den breitesten Straßen der Welt stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange. Es gibt im Fernsehen Sondersendungen, aber die Leute bleiben fröhlich. Niemand rempelt. Niemand flippt aus. Geflucht wird, als führe die »Subte«. Also pausenlos.

Ich fahre auch Auto in Buenos Aires. Ich hatte ein bisschen Angst vor der ersten Tour, auch vor der zweiten und dritten, das hört wohl nie ganz auf. Mag sein, dass es anderen egal ist, wenn sie etwas falsch machen und deshalb von vorne, von der Seite und von hinten beleidigt werden. Ich werde nie ganz loswerden, dass ich in einer Kleinstadt aufgewachsen bin. Ich denke noch immer, das spricht sich rum unter den drei Millionen Argentiniern in Buenos Aires, ungefähr so: »Da ist ein Deutscher in der Stadt, hombre, wie der fährt, das glaubst du nicht. Eine Navi im Cockpit, die mehr wert ist als mein Auto, aber null Orientierung. Ohne Bordsteinkante stünde der mit seiner Kutsche schon in deinem Schlafzimmer.«

Aber Pablo hat mich beruhigt. Er wohnt über mir. Ich weiß nicht, was er beruflich macht, ich würde es wahrscheinlich ohnehin nicht verstehen. Er hingegen weiß schon allerhand über mich, ich habe mich als neuer Nachbar jedenfalls gleich ordentlich vorgestellt.
»Ich nenne dich Cristóbal oder jefe, vielleicht auch Deutscher oder Brille oder Nase, so machen wir das hier nämlich«, sagte er. »Und damit das klar ist: Deinen grässlichen Nachnamen merke ich mir gar nicht erst.« Ich sieze Pablo, aber auch nur, weil ich das »voseo«, die südamerikanische Form des Duzens, noch nicht richtig beherrsche.
»Eines solltest du wissen«, sagte Pablo. »Porteños sind schlechte Autofahrer. Porteños behaupten immer, alles zu können, ich weiß das, weil ich selbst einer bin.«
»Und was bedeutet das für mich?«
Pablo überlegte einen Augenblick, dann sagte er: »Weiß nicht.«
»Muss ich anders fahren?«
»Ich denk drüber nach«, sagte er und verabschiedete sich. »Ich kann übrigens sehr gut Auto fahren.«

Am nächsten Tag klebte an meiner Tür ein Zettel von Pablo. Darauf stand: »Habe noch mal nachgedacht, Schumi. An vielen Ecken stehen Jugendliche und bieten Dir etwas an, wollen die Autoscheibe putzen oder machen Kunststücke, wenn die Ampel rot ist. Sei höflich und zeig ihnen mit Deinen Händen ein no! Und für nichts auf der Welt öffnest Du das Fenster, für nichts auf der Welt, selbst wenn jemand auf dem Asphalt einen Kopfstand macht, der olympiareif ist, für nichts auf der Welt. Ist das klar?«

Mir ist gleich aufgefallen, dass Argentinier anders fahren. In Deutschland benutzt man gern die Lichthupe, hier lässt man das Licht weg. Zebrastreifen sind nur Zierde und darüber hinaus ohne jede Bedeutung. Ich habe noch keine Ahnung, wie das an einer Kreuzung ohne Ampel ist. Es ist alles sehr industria Argentina. Manchmal kommt es mir vor, als würde rechts vor links praktiziert. Aber diese Regel scheint nicht immer und nicht überall zu gelten. Manchmal fährt auch links vor rechts. Ich schließe nicht aus, dass es auf die Schönheit ankommt – nur: auf die Schönheit des Autos (gut für mich) oder die des Fahrers (gut für die anderen)?

Der argentinische Rodion Raskolnikow hat sich mir übrigens als Manuel vorgestellt, doch wahrscheinlich ist das nicht sein echter Name. In einem hundsgemeinen Dialekt, den ich kaum verstand, bestritt er alles. Ich ließ ihn erst mal ausreden und fragte dann nach seiner Mutter. Manuel sagte, er sei mit seinem Vater auf den Spielplatz gekommen, und zeigte auf einen in der Sonne dösenden Riesen.

»Na ja, wir können das ja auch alleine klären«, sagte ich. Mit einem hundsgemeinen Akzent, den er kaum verstand, redete ich auf ihn ein. Ich machte ihm erst ein schlechtes Gewissen und gab dann der Welt, dem lieben Gott und der Präsidentin eine Teilschuld. Irgendwo, zwischen zwei eher wirren Gedanken, verlor ich auch meine Grammatik. Um Manuel zu zeigen, dass er nicht stehlen müsse, sondern auf die Gutherzigkeit von lieben Menschen vertrauen solle, schenkte ich ihm zum Abschied noch ein Stück vom Baguette und bestand darauf, dass er es vor meinen Augen isst. Noch mit vollem Mund behauptete er, Weißbrot gar nicht zu mögen.

Ich fühlte mich gut. Ich hatte einem Kleinkriminellen den Weg aus dem Milieu gewiesen. Von meinen Kindern ließ ich mich feiern.

Das fehlende Baguettestück habe ich am nächsten Morgen auf dem Weg zum Kindergarten gefunden, an einer Stelle des Bürgersteigs, die für Kinderwagen mit Überbreite sehr eng ist.

Ich nehme die Beschuldigungen hiermit zurück. Tut mir Leid, Manuel.

Uhrzustand

von CHRISTOPH WESEMANN

Ein Bundestagsabgeordneter, dessen Namen ich unmöglich verraten kann, sagt seinem Redenschreiber hin und wieder: »Die geklauten Ideen sind die besten.« Also bitte: Die Bildidee habe ich Herrn Wiegold gestohlen. Ja, seine Uhren hängen besser, also, sie hängen überhaupt. Würden meine auch, wenn ich zwei Nägel und einen Hammer hätte.

Vielleicht hört es jetzt auf, dass ich nachts um elf Kaffee trinke und mich bereithalte, um Kommentare freizuschalten.

Nur für den Fall, dass Sie mich besuchen wollen: Ich bin umgezogen, von Palermo nach Belgrano. Dass ich in der fremden Stadt gleich mal die Wohnung wechsele, hat ja Tradition. Klar, fürs Blog wäre es schöner gewesen, wenn mich der Vermieter wieder rausgeschmissen hätte, sehe ich ganz genauso.

Aber schauen Sie mal: Von meiner Terrasse sehe ich den Río de la Plata.

Doooooooooooooch, das isser.

Pille auf Staatskosten

von CHRISTOPH WESEMANN

Da sage noch einer, Politiker hielten ihre Wahlkampfversprechen nicht. Auch zukünftig »Fútbol para todos«, »Fußball für alle«, hatte Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner ihrem Land versprochen, als sie sich im vergangenen Jahr um eine zweite Amtszeit bewarb. Und sie gewann die Wahl im Oktober mit 53 Prozent.

»Fußball für alle« meint: Die Spiele der Ersten Liga werden seit drei Jahren im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt, gestern Abend zum Beispiel Meister Arsenal FC aus Sarandí (bei Buenos Aires) gegen Unión (aus der Provinz Santa Fe) und Vélez Sársfield (aus Buenos Aires) gegen Argentinos Juniors (aus Buenos Aires). Heute Abend schaue ich mir an, wie die Boca Juniors (aus Buenos Aires) gegen Quilmes AC (aus der Provinz Buenos Aires) gewinnen, und am Sonntag gönne ich mir die Heimniederlage von River Plate (aus Buenos Aires) gegen Belgrano (aus Córdoba).

(Dass die Primera División ein bisschen hauptstadtlastig ist, behaupten nur Deutsche. Hertha BSC Berlin hat gestern Abend übrigens 2:2 gespielt. Zu Hause. Gegen Paderborn.  Primera B Nacional.)

»Canal 7« überträgt, und was »Canal 7« nicht überträgt, überträgt »Canal 9«, und was »Canal 9« nicht überträgt, überträgt »América«. So einfach ist das. Der Steuerzahler Staat bezahlt seit 2009 die Übertragungsrechte, immerhin 110 Millionen Euro pro Jahr. »Die Verquickung von Sport und Politik ist in Argentinien so verhängnisvoll wie in kaum einem anderen Land«, schrieb die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« damals über den Deal zwischen Regierung und Fußballverband, zwischen dem Präsidentenpaar Kirchner und dem Allmächtigen: Julio Grondona, einem der übelsten Halunken des an üblen Halunken nicht armen Gewerbes. Sein Lebensmotto trägt der Chef des argentinischen Fußballs und Vizepräsident der Fifa eingraviert auf einem Goldring: »Todo pasa«, »alles geht vorüber«. Argentiniens Justiz versucht seit 2011, ihn zur Strecke zu bringen.

Ein bisschen kompliziert ist es auch mit den Regeln der Primera División. Bislang gab pro Saison es immer zwei Meister: einen Meister der Hinrunde, des »Torneo Inicial« (August bis Dezember), und einen Meister der Rückrunde, des »Torneo Final« (Februar bis Juni). Von dieser Saison an wird es nur noch einen Meister geben. Der Erste der Hinrunde trifft am Ende auf den Ersten der Rückrunde. Ist das eine Welterfindung? (Und wenn der Erste der Hinrunde auch der Erste der Rückrunde ist, spielt der natürlich nicht gegen sich selbst.)

Wie das mit dem Abstieg funktioniert, habe ich gelesen und nicht verstanden. Da geht es um Koeffizienten der vergangenen drei Jahre. Ist mir egal, Boca steigt ja nicht ab. Anderseits: Wer hätte damit gerechnet, dass im Juni 2011 der Rekordmeister River Plate nach 110 Jahren zum ersten Mal absteigt? Dieser Fan jedenfalls nicht:

(Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa, das Filmchen ist uralt. Aber als es neu war, hatte ich noch kein Argentinisches Tagebuch.)

Wenn Sie noch mehr wissen wollen, empfehle ich Ihnen, bei den Jungs von »Argifútbol« vorbeizuschauen, die aus Buenos Aires auf Deutsch über den argentinischen Fußball berichten. Das ist nicht so ein Gestümper wie bei mir. Mir ist am Freitag aufgefallen, dass am Freitag die Saison beginnt. Also habe ich mir schnell die Saisonvorschauen der beiden Tageszeitungen »La Nación« und »Clarín« besorgt. Die von »Clarín« hatte ich sogar aus einem Café stehlen müssen, weil an sechs Kiosken die Zeitung ausverkauft war.

Andreas, Etienne, Christof und Viktor haben vor Beginn der Saison die Vereine geröngt und wissen mehr über die Mannschaften als die Mannschaften selbst. Atlético de Rafaela braucht zum Beispiel ganz dringend einen Ersatztorwart:

Für die B-Elf steht im Trainingsspiel derzeit der 15-jährige Axel Werner im Tor. Der Torwart der argentinischen U17 misst bereits 1,92m und gilt als das größte Talent der Jugendschmiede, aus der auch Sara kam. Ein Kandidat ist Vélez dritter Torwart Alan Aguerre.

Die Jungs erkennen sogar die Spielerfrauen am Hinterteil. Ohne anfassen, natürlich.

Und ich werde mal im Kanzleramt anrufen und erklären, wie Frau Merkel mit 53 Prozent die nächste Bundestagswahl gewinnt. Und falls sie mich abwimmelt, ruf ich Sigmar Gabriel an. Und falls der »zu viel zu tun hat«, um mit mir zu sprechen, tja, dann heißt der nächste Bundeskanzler einer FDP-Alleinregierung halt Rainer Brüderle. Ist doch nicht mehr mein Problem.

Nahrungsaufnahme

von CHRISTOPH WESEMANN

Das passiert übrigens, wenn ein Vater aus Deutschland auf Spanisch einfach nicht versteht, was er seinen beiden Mädchen zum Essen in den argentinischen Kindergarten mitgeben soll:

(Die schwarzen Balken sind natürlich von mir.)

 


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Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

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Gegründet 2012 von Christoph Wesemann in Buenos Aires