Archiv für Dezember, 2012

Reisebericht (II): Drei Erdbeben, zwei Deutsche und ein René in Chile

von CHRISTOPH WESEMANN

Nicht mal eine Woche für Chile. Nur drei Tage für Santiago. Immer an der Oberfläche treiben. Touristenschicksal. Unsere zwei Helden versuchen es jetzt doch mal: bisschen tiefer rein, unter die Oberfläche. Auf geht’s!

(Vorgeschichte und erster Teil)

  • Dienstag: Santiago

(cw) Herr T. sucht immer Anschluss. Im Hostel hängt er dauernd mit den deutschen Mädels herum. Ich meide ja solche Kontakte, weil ich mittlerweile so tief ins Latinospanisch eingetaucht bin, dass mir in meiner Muttersprache manchmal die Wörter nicht mehr einfallen. Vor unserer Abreise aus Buenos Aires hat Herr T. in diesem Internetforum namens Couchsurfing sogar der chilenischen Jugend mitgeteilt, dass wir bald in Santiago seien. Er wollte wohl eine kostenlose Stadtführung schnorren.

Jetzt hat er einen Chilenen aufgetrieben, den er über seine Arbeit kennt.

(Herr T.) Wir brechen auf zum Treffen mit René, einem freundlichen Chilenen, der uns einen Tag lang herumführen wird. In seinen Mails hat er uns einen Ort versprochen, den Touristen nur selten aufsuchen würden. Es stellt sich heraus, dass er den Hügel San Cristóbal meinte, den wir gestern bereits besucht haben. Also fahren wir erst einmal in sein Büro. René arbeitet für die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Cepal).

(cw) Habe ich schon erwähnt, dass Herr T. versprochen hatte, alles perfekt zu organisieren?

(Herr T.) René ist ein Charmeur. Sämtliche Damen werden als »die wichtigste Frau in der Firma« bezeichnet und stets mit »¡Hola Linda!« (»Hallo, Hübsche!«) begrüßt. CW, der Latinospanischtiefentaucher, nimmt mich zur Seite: »Findest du das nicht seltsam, dass hier alle Weiber Linda heißen?«

Ich antworte nicht.

René und Herr T.

chile 2

(cw) Eine Runde Landeskunde: René erzählt, dass es in Chile keinen Rassismus gebe, sehrwohl aber einen Klassismus – die Ober- und Mittelschicht schaue herab auf die Unterschicht, Hautfarbe und Herkunft egal. In Südamerika sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich sehr groß, viel größer als in Europa. Doch nirgendwo auf dem Kontinent sind sie groß wie in Chile.

(Herr T.) René fährt mit uns in ein Armenviertel. Er will uns einen Kindergarten zeigen, der Anfang der neunziger Jahre als soziales Projekt entstanden ist. René hat ihn damals mit aufgebaut und schaut immer noch oft vorbei. Diesmal bringt er einen Computermonitor mit. Die ersten Kinder, die in dieser Einrichtung einen festen Tagesablauf, ordentliche Mahlzeiten und Bildung bekommen haben, sind heute erwachsen. Manche studieren. Und aus einigen Mädchen dieses Kindergartens sind Erzieherinnen dieses Kindergartens geworden.

René ist bekannt in diesem Viertel. Trotzdem befestigt er, bevor wir aussteigen, eine Kralle am Lenkrad seines Autos.

Armutsviertel

(cw) Schwarzhaarige Kinder begrüßen uns. Sie fremdeln ein wenig, aber das muss man verstehen: Da kommen zwei Männer mit sonnenverbrannten Fressen, und ein paar Süßigkeiten hätten sie wenigstens mitbringen können.

(Herr T.) Es ist sehr idyllisch. Ein kleiner Hof. Sehr gepflegte Gruppenräume. Kinderbilder an den Wänden. In einem Büro sitzt eine junge Frau. Sie verbringt ihr Freiwilliges Soziales Jahr hier und ist natürlich aus Deutschland.

(cw) Herr T. horcht sie gleich mal aus.  Sie schaut genauso verängstigt wie eben die Kinder.

Wenn René Männer anspricht, nennt er sie entweder amigo oder maestro – je nach Bekanntheitsgrad. Der Bürokollege ist amigo – der Parkhauswächter maestro; der Polizist und der Tankwart auch. Und alle Frauen heißen Linda.

Armutsviertel

(Herr T.) Als wir wieder im Auto sitzen, flüstert mir CW zu, dass wir noch die Menschenrechtssituation in Chile ansprechen müssten. Da lasse ich ihm gern den Vortritt.

(cw) Ich bin erleichtert: Wir besuchen das Museum der Erinnerung und der Menschenrechte (Museo de Memoria y los Derechos Humanos). Es ist ein Wahnsinnsbau, riesengroß, lichtdurchflutet, museumspädagogisch vorbildlich mit vielen Originaldokumenten und Filmaufnahmen aus der Zeit der Pinochet-Diktatur (1973 bis 1990). Und berührend ist dieser Ort auch. An einer Wand hängen Schwarzweißfotos der Ermordeten, manche nicht älter als 13 oder 14. Und da sind die Kinderbilder aus der Zeit, als in Chile der Staat gefoltert und verfolgt und getötet hat. Gefängnisse und Strichmännchen mit Pistolen sind zu sehen. »Tengo mieda a que se muera mi mama«, hat ein Mädchen über sein Bild geschrieben. »Ich habe Angst, dass meine Mama stirbt.«

Museum

Wir stehen vor einem Bild des Fotografen Lucho Navarro. Es zeigt eine Bergruine von Lonquén. Dort, am Geburtsort des chilenischen Volkssängers Víctor Jara, selbst ein Opfer der Diktatur, fand man 1978 die Überreste von 15 ermordeten Männern. Sie waren fünf Jahre zuvor verhaftet worden und danach verschwunden.

(Herr T.)

Diese Entdeckung schockierte die Öffentlichkeit damals und wurde zu einem Meilenstein in der Geschichte der Verfolgten und Verschwundenen von Chile. Es war eines der ersten Fotos, das die Militärdiktatur von General Augusto Pinochet entblößte.

(cw) Am Ende stehen wir vor einem Fernseher und schauen, wie das Volk im Nationalstadion die Rückkehr zur Demokratie feiert – in jenem Stadion, das in den ersten drei Monaten der Diktatur als Konzentrationslager für politische Gefangene genutzt wurde und Spielstätte des Vereins CF Universidad de Chile und der Fußballnationalmannschaft ist. »Typisch Chile«, sagt René.

Augusto Pinochet ist heute zwar nur noch etwas für Ewiggestrige, aber ein Besuchermagnet scheint das Museum trotzdem nicht zu sein. Ein paar Schulklassen sind unterwegs – und wir.

(Herr T.) Ewiggestrige, soso. Übrigens wird sich CW gleich morgen in Valparaíso eine Pinochet-Kaffeetasse kaufen. Und weil die von Pinochets demokratisch gewähltem Vorgänger Salvador Allende gleich daneben steht, kauft er die auch noch. CWs Humor.

(cw) Im Ausgang beginne ich einen Streit mit René. Er lädt uns zu allem ein, er hat das Mittagmenü samt Kaffee danach bezahlt und fährt uns jetzt seit fünf Stunden durch die Gegend. Ich wehre mich und bestehe darauf, dass das Abendessen auf unsere Rechnung geht. Herr T., german Geizhals, ist natürlich gerade jetzt sehr schweigsam.

(Herr T.) CW hat schon am Mittag bei René Chiles Nationalgericht Cazuela bestellt, eine kräftige Suppe mit Hühnchen und Maiskolben, und dann später noch mehrmals nachgefragt. CW denkt ja pausenlos ans Essen. Er scheint immer hungrig zu sein. Und wenn er gerade nicht hungrig ist, ist er durstig. Richtig übel wird‘s, wenn er hungrig und durstig ist.

(cw) Muss denn die Parkplatzsuche so lange dauern?

(Herr T.) Als René rechts ranfährt, stehen gleich zwei Polizisten an seinem Fenster. Er sagt: »Ich komme aus einem anderen Viertel. Darf ich hier parken? Ich habe zwei Deutsche im Auto.« Er darf.

(cw) Ich gebe zu: Es wäre für die Menschheit eine große Erleichterung, wenn ich tagsüber an einen Tropf angeschlossen wäre.

(Herr T.) Wir sind in einer Art Hinterhofbiergarten gelandet. In lauter und fröhlicher Atmosphäre werden uns Fleischgerichte serviert, deren Namen oder Zubereitung ich nicht annähernd verstehe. Am Nachbartisch feiert eine Chilenin ihren 23. Geburtstag. CW bekommt seine Cazuela und wirkt für einen Augenblick zufrieden mit sich, der Welt und mit mir.

(cw) Ein bisschen schmuddelig ist es hier schon, sagt mein Verstand. Mein Magen widerspricht ganz energisch. »Es horrible, pero es chileno«, sagt René. »Es ist schrecklich, aber chilenisch.« Dann fordert er das Geburtstagskind vom Nachbartisch zum Tanzen auf.

Terremoto

(Herr T.) Unser Gastgeber bestellt für uns das Getränk El Terremoto (Das Erdbeben), eine Mischung aus Fernet, Weißwein und Vanilleeis, das über einen Strohhalm zu sich genommen wird. CW flucht. Er könne das nicht trinken, sagt er, da er sonst einen wahnsinnigen Schädel kriegen würde.

(cw) Um diese Zeit, es ist kurz nach halb acht, hätte ich schon bei Vanilleeis mit Vanille Bedenken. Aber El Terremoto, das sieht aus und schmeckt nach schweren Verwüstungen und stundenlangen Aufräumarbeiten in meinem Körper.

(Herr T.) »Sei höflich und trink aus«, flüstere ich streng. Am Ende wird mir sogar noch ein zweiter Terremoto spendiert. Der Name erweist sich als sinnvoll. Leicht torkelnd verlasse ich das Restaurant und stelle mich an einen Buchstand.

Ich komme mit dem Händler ins Gespräch, der ein wenig Deutsch versteht. CW steht hinter mir, erneut genervt, auf seine nicht vorhandende Uhr schauend. Sein Mund formt still das Wort, das ihn immer zur Eile zwingt: »Toilette«. Ich verabschiede mich vom Buchhändler und erhalte sogar eine Visitenkarte.

(cw) Herr T. verehrt Johann Wolfgang von Goethe. Ganze Verse von Faust kann er herunterbeten. Bei mir ist aus Schulzeiten – warum eigentlich? – nur »der Geist, der stets verneint« hängen geblieben. Ich halte Goethe insgesamt für überschätzt.

Jetzt hat Herr T. endlich Fausto gekauft, den Faust auf Spanisch. Er ist schwer glücklich und leicht betrunken.

Ich bekomme Kopfweh.

Fortsetzung folgt.

Andere Ruten

von CHRISTOPH WESEMANN

Der Erste Weihnachtsfeiertag in Olivos, einem Ortsteil der Stadt Vicente López (Provinz Buenos Aires); den Silberfluss vor Augen, die offizielle Residenz argentinischer Präsidenten im Rücken:

Yachthafen Olivos

Residenz der argentinischen Präsidenten in Olivos

Yachthafen Olivos

Yachthafen Olivos

Yachthafen Olivos

Yachthafen Olivos

Yachthafen Olivos

Yachthafen Olivos

Yachthafen Olivos

Yachthafen Olivos

Yachthafen Olivos

Yachthafen Olivos

Reisebericht (I) : Exil in Chile

von CHRISTOPH WESEMANN

Herr T. lebt für ein Jahr in Buenos Aires. Kommt klar. Muss aber als Tourist, der er laut Reisepass ist, stets nach drei Monaten fluchtartig das Land verlassen, um wieder einreisen zu dürfen. Als Tourist. Tut das nun zum ersten Mal und wählt als Einwochenexil Santiago de Chile und Valparaíso. Wird begleitet von CW. Der ist kein Tourist, sondern Argentinier. Genauer: Porteño. Seit Juli 2012. Kennt Herrn T. kaum und Chile überhaupt nicht.

Teil 1 des Reiseberichts unserer beiden Helden

  • Sonnabend/Sonntag: Buenos Aires → Santiago de Chile

(cw) Ich mache mir Sorgen um Herrn T. Muss der Kerl eigentlich nie aufs Klo? Seit acht Stunden sitzen wir nebeneinander im Bus, unterwegs nach Santiago de Chile. Ich schlürfe Mate ohne Pause und kenne die Toilette bereits in- und auswendig. Herr T. kann trinken, ohne zu pinkeln. Ja, er ist ein bisschen jünger als ich, zehn Jahre oder so, man sieht uns den Altersunterschied nicht an. Nur beim Harndrang wird er offensichtlich.

Ich habe mir mehr von meinem Begleiter versprochen, eine Hilfe ist Herr T. jedenfalls kaum. Er versteht den nuschelnden Busbegleiter, der die Verpflegung reicht, genauso wenig wie ich. Der kommt zum Beispiel mit einer Kanne und sagt: »©€® ¥∞µƔ ƈǂƾɀ ɞɷʄῶ⁞ Ωⅎ ⌂ ∩◊◌⸗ cafe.« Herr T. schaut mich an, ich schaue Herrn T. an, wir nicken und kriegen Kaffee.

Ich erzähle Herrn T., dass ich im Argentinischen Tagebuch einen baldigen Streit zwischen uns angekündigt hätte, wir seien bereits in Verzug. Er lacht, er nimmt mich nicht ernst.

(Herr T.) Auf unserer 20-stündigen Reise nach Chile sitzen CW und ich direkt vor der Bord-Toilette. Während ich den Vorteil daraus ziehe, in aller Kürze jeden unserer Mitreisenden zu studieren, scheint CW dadurch nur inspiriert, ständig in der engen Kabine zu verschwinden.

Ich stelle fest: Wir sind die einzigen Deutschen im Bus. Pardon. Ich bin der einzige Deutsche im Bus. CW bezeichnet sich – mit stets überschwänglicher Gestik und lauter Stimme – als Porteño, als Bürger der argentinischen Hauptstadt. Ich werde dafür später den Ausdruck Überintegration verwenden.

(cw) Mitten in der Nacht, es mag vier Uhr sein, hält der Bus auf einem Bahnhofsvorplatz, um noch ein Paar einzusammeln. Ich steige kurz aus, um mir das Kribbeln aus den Beinen zu hüpfen, sehe eine Prostituierte und treffe den Busbegleiter.

»Wo sind wir?«, frage ich.

»Was?«

»Wo sind wir?«

»$&@Ω^†™#◊_Œ⸗.«

»Ah, danke«, sage ich und gehe wieder schlafen, ich versuche es jedenfalls. Die Sitzlehne lässt sich zurückklappen, es gibt ein Kissen und eine Decke, aber ein Bett ist das natürlich nicht.

(Auf der Rückfahrt mit einem anderen Bus-Unternehmen, aber das wissen wir noch nicht, wird es weder Kissen noch Decken geben. Den Mann, den wir anfangs für unseren Verpfleger halten, werden wir prächtig verstehen. Wir wissen dann nur nicht, wozu. Er verpflegt uns nämlich nicht.)

Als ich aufwache, sind wir bereits in den Anden und beginnen mit dem Aufstieg zum Grenzübergang. Die Aussicht ist atemberaubend. Links und rechts, vorne und hinten, wohin man auch schaut: Berge, Berge, Berge. Schnee auf den Kuppen. Bäche neben der Straße. Die Natur macht sich rarer mit jedem Kilometer, zieht sich zurück, spart an Farben und an Vielfalt. Die Welt ganz oben ist grau mit einigen grünen Tupfern.

Der Bus jagt durch die Kurven. Manchmal gibt es Leitplanken. Ich stehpinkele, mittlerweile zum Leidwesen meiner Schuhe, schon wieder.

(Herr T.) CW ist der einzige, der im Reisebus bei voller Fahrt versucht, seinen Mate zu trinken. Und als hätte ich es nicht geahnt – muss ich alle zwei Minuten doch irgendwas für ihn halten –, kippt ihm der Becher dreimal um. Zum Vergleich: Echte Argentinier schaffen es sogar, zu zweit auf einem fahrenden Motorroller Mate zu trinken, ohne etwas zu verschütten. Ich überquere die Grenze schließlich mit nassem Mateschlamm unter meinen Füßen.

Auf der Rückfahrt wird CW seinen Mate verlieren. Wo? Auf der Bustoilette natürlich. Der Becher rutscht ihm aus der Hand und verschwindet in den gesammelten Ausscheidungen aller Passagiere.

◊◊◊◊◊

  • Sonntagnachmittag: Santiago de Chile

(cw) In Buenos Aires, ein paar Tage vor der Abfahrt, hatte Herr T. versprochen, alles zu organisieren. Nichts, fast nichts, ist organisiert! Erst versteht man im Bus kein Wort, jetzt suchen wir eine Herberge für die erste Nacht in der chilenischen Hauptstadt. Er hat natürlich nichts reserviert, er besitzt nur einen Haufen Adressen von Hostels, die er auf dem Stadtplan aber nur mit meiner Hilfe findet. Ich komme mir vor wie Josef an Heiligabend. Herr T. könnte Maria sein, einen Bauch hat er jedenfalls. Für den bin ich genauso wenig verantwortlich wie Josef für Marias. Der Bauch heißt auf Spanisch übrigens la panza und ist feminin.

Als Herr T. duscht, schleiche ich aus dem Zimmer und hole mir auf der Plaza de Armas, dem zentralen Platz der Hauptstadt, zwei Hotdogs. In Buenos Aires heißen sie panchos, hier completos, und sie werden mit Avocadocreme gereicht. Ich verschlinge sie und bewundere meinen Magen: erst die Anden rauf, dann die Anden runter, jetzt zwei Hotdogs, umspült von einer eiskalten Cola. Respekt, Magen!

(Herr T.) Statt des günstigen Achtmannzimmers musste es natürlich die Suite für Ehepaare sein. 60 Euro die Nacht. Santiago ist eine Millionenstadt. Es gibt dutzende Hostels. Wer öfter reist, weiß, dass man gar nicht zu reservieren braucht. CW weiß das nicht. So forderte er nach einem Örtchen für seine Notdurft sofort absolute Ortskenntnis. Abgesehen vom Kauf des Stadtplanes machte sich CW selten nützlich. Während ich die Konditionen der Zimmer erfragte, betonte er nur stets Porteño zu sein, was in Chile aber nicht sonderlich hilfreich ist. Sowohl Argentinier als auch Chilenen halten sich für was Besseres. Wahrscheinlich haben wir deshalb auch das Honeymoon-Zimmer bekommen. CW meckerte, ich resignierte. Es gab zwei Kissen, aber nur eine Decke. Ich überließ sie ihm mit Freuden. Hauptsache, ein richtiges Bett nach der langen Busfahrt. Endlich entspannen!

(cw) Ich schlafe nicht mit sechs fremden Männern und einem Deutschen in einem Zimmer. Ich bin fast 35 Jahre alt. Ich mache das nicht mehr. Ja, ich hätte das wohl auch mit 25 nicht gemacht. Bei acht Männern in einem Zimmer sind garantiert zwei dabei, die laut schnarchen und mich um den Schlaf bringen, den ich in meinem fortgeschrittenen Alter brauche.

(Herr T.) Ich muss CW in der Nacht mehrmals boxen. Er schnarcht. Unter der dicken Tagesdecke ist es wahnsinnig heiß.

◊◊◊◊◊

  • Montag: Santiago de Chile

(cw) Wir wollen mit der Seilbahn hinauf auf den San Cristóbal, den Hügel über Santiago, benannt nach dem Heiligen Christophorus, nach dem ich ja auch benannt bin. 880 Meter über dem Meeresspiegel steht die Statue der Jungfrau Maria. Der Papst war auch schon da: Johannes Paul II. hat 1987 eine Messe gehalten.

Ich glaube ja nicht, dass sich Herr T. traut, er wird kurz vor Abfahrt eine Zerrung in der Achselhöhle vortäuschen, dieses Wohlstandskind. Ich habe im Juli 2009 mit der Krimseilbahn den Ai-Petri – Gipfelkreuz auf 1234 Metern – bezwungen. Drei Kilometer durch die Lüfte! Erbaut in nur 20 Jahren! Sowjetische Ingenieurskunst!

An der Kasse dauert‘s länger, Herr T. scheint zu verhandeln, wahrscheinlich versucht er den Preis zu drücken, der Pfennigfuchser, oder er hat – versehentlich, na klar – Karten für den Zoo nebenan gekauft und kann die jetzt nicht umtauschen.

Er kommt wieder und täuscht Niedergeschlagenheit vor. Die Seilbahn wird repariert, also ist jedenfalls kaputt. Uns bleibt nur der Bus hinauf.

(Herr T.) Da bin ich einmal in meinem Leben in Santiago und will mit der Seilbahn fahren. Sie ist kaputt. Schmollend esse ich meine Bananenchips – ein Überbleibsel meiner Flugreise nach Buenos Aires – und biete CW welche an. Er spuckt sie aus.

Oben angekommen, vergesse ich meinen Kummer. Der Ausblick ist wunderbar. Wir sind keine 1000 Meter über der Stadt, aber können alles überblicken. Hinter uns thront die 22 Meter hohe Statue der Jungfrau Maria, ein Krippenspiel ist aufgebaut. Ich versuche, den Ausblick zu genießen und Fotos zu machen. CW zerstört die Idylle: »Ich will eine Cola!«, schreit er, sichtlich schwitzend, den Abhang hinab. »Mach mal ein Foto von mir«, fordert er, »meinen Rücken vor dem Panorama.« Ich knipse ein paar Fotos. CW ist nicht zufrieden: »Was machst du denn? Da ist ja meine Nase mit drauf. Ich zeig dir mal, wie ich das meine. Stell dich da mal hin!« Er fotografiert mich, zeigt mir, wie er es haben will. Ich verstehe. Er will seinen Zinken auf keinem Bild wiederfinden. Dann halt nur Bilder vom Hinterkopf. Ist vielleicht auch besser so. Ich fotografiere, wie befohlen und … CW ist nicht zufrieden. »Warum sehe ich nicht so cool aus wie du?«, fragt er. Es wird das einzige Kompliment sein, das ich je von ihm höre.

Bereits beim Umzug von einer Schlafmöglichkeit in die andere haben wir festgestellt, dass es in Santiago von Deutschen nur so wimmelt. Alleine in unserem neuen Hostel arbeiten vier deutschsprachige Mädchen. Und auch auf dem Hügel treffen wir eine Deutsche, die uns nach längerem Smalltalk ein Restaurant empfiehlt. Durch die Anwesenheit der Deutschen fühlt sich CW belästigt. Anscheinend hat er Angst, dass ihm niemand seine Porteño-Masche abkauft, wenn er unter Deutschen wandelt. Zu seinem Glück werde ich durch meinen Akzent immer für einen Franzosen gehalten.

(cw) Der Franzose muss endlich etwas Vernünftiges essen! Nicht immer nur diese Bananenchips, die nach gepressten Holzspänen schmecken und auch so aussehen. Wenn er nichts gegessen hat, ist er so empfindlich. Nachdem wir den San Cristóbal hinabgestiegen sind, spendiere ich ihm erst mal zwei completos.

(Herr T.) Wie CW completos isst, hat was Groteskes. Japsend, mehr schluckend als kauend, braucht er für einen ganzen completo keine 60 Sekunden.

(cw) Wir laufen ein bisschen durch die Innenstadt von Santiago. Ich kaufe für umgerechnet zwölf Euro einen Sonnenhut, den ich auf der Rückreise nach Buenos Aires irgendwo verlieren werde. An jeder Straßenkreuzung fährt Herr T. mit seinem Zeigefinger über den Stadtplan, den er danach immer wieder ordentlich zusammenfaltet, ehe er an der nächsten Straßenkreuzung … Er kann nicht loslassen. Ich lasse mich an fremden Orten treiben. Ich bin quasi überall zu Hause.

(Herr T.) Überall zu Hause? Der hässliche Hut – den ich bezahlen musste, weil CW kein Geld hat – lässt jeden Einwohner Chiles sofort erkennen, dass er Tourist ist. Wenn er dann wild fuchtelnd behauptet, Argentinier zu sein, müssen sich diese schon fast beleidigt fühlen. Bevor wir uns zum Abendessen aufmachen, brauchen wir eine Pause im Hostel. Besser gesagt, CW braucht eine Pause, er ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Außerdem ärgern ihn seine Zweiminutencompletos vom Nachmittag ein bisschen.

Wir stehen schließlich vor einem Frisör und sind verwirrt. Hier soll man essen können? In der Tat! Ein Seiteneingang führt uns zu einem schicken und verwinkelten Restaurant. Wir kriegen die Karte und verzweifeln. Mein Wortschatz erweitert sich zwar täglich, aber Meerestiere gehören (noch) nicht dazu.

(cw) Ich neige zum Carpaccio del pulpo. Frage vorher Herrn T., was das für ein Tier sein könnte.

(Herr T.) Ich bitte den Kellner, mir auf Spanisch zu erklären, was ein pulpo sei. Er formt die Hände so, als würde er einen Ball halten. »Un calamar«, sagt er und schaut mich an. Dann grinst er, reißt seine Augen weit auf. Wahnsinn funkelt auf. »Un calamar grande«, wiederholt er. »Gra-Gracias«, stottere ich leicht eingeschüchtert und bestelle Seehecht.

(cw) Ich nehme Riesenkrake, natürlich.

Fortsetzung folgt

Söhnlein Brillant

von CHRISTOPH WESEMANN

Ein Deutscher, sein Sohn und ein Kiosk im U-Bahnhof: Die beiden haben Durst und öffnen den Kühlschrank. Ein Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, ist ganz hilfsbereit, holt eine Flasche heraus und murmelt etwas, halb zum Deutschen, halb zum Kioskbesitzer. Der Deutsche versteht nichts und nickt. Das Mädchen entfernt sich – mit der Cola. Die wird dem Deutschen in Rechnung gestellt.

Bin ich auf den ältesten Trick Argentiniens reingefallen?

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Verfrühtes Jolkafest im Russischen Haus von Buenos Aires. Die meisten Kinder (= meine nicht) sind hübsch kostümiert. Cowboys. Ritter. Prinzessinnen. Feen. Hasen. 1 Kosmonaut. Sohn trägt, wie fast jeden Tag, sein Barcelona-Trikot mit der Rückennummer 10.

Die Russenjungs: »Che! Guckt mal, da hat sich einer als Messi verkleidet!«

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Ich verliere zweimal nacheinander im Schnick-Schnack-Schnuck, weil mein Sohn Pistole wählt. Beim dritten Mal ziehe ich auch Pistole und verliere wieder. Gegen seine Bazooka.

Was lernt der Kerl denn da in seinem Ferienhort?

Zwischen Topfschlagen und Toren von Klinsmann

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich habe für Kiek an!, die Mitgliederzeitschrift des Deutschen Journalisten-Verbandes in Mecklenburg-Vorpommern, dem ich angehöre, einen Text gedichtet. Es ist ein sehr langer Text, und deshalb peppe ich ihn mit einem Gewinnspiel auf. Wer errät meinen Scherz, der mich am meisten zum Lachen bringt? Siegerpokal: Mate samt bombilla. Die Lösung bitte in den Kommentarbereich.

Nachtrag: Wacho_Chorro hat erfolgreich gelöst: Argentinier brauchen den Superlativ, wenn sie über sich sprechen: der leidenschaftlichste Fußball, die breiteste Straße, das beste Fleisch, die schönsten Frauen. Nicht alles stimmt, das brasilianische Fleisch ist ja auch nicht schlecht. Konnte wahrscheinlich nur ein Mann drauf kommen.

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Zwischen Topfschlagen und Toren von Klinsmann
Christoph Wesemann, seit fünf Monaten in Buenos Aires, über eine medial omnipräsente Präsidentin und ein Land, das seine besten Jahre hinter sich hat

Argentinien wird von einer Quasselstrippe regiert. Wenn Cristina Fernández de Kirchner den Drang verspürt, etwas sagen zu müssen, schreckt sie auch vor Mord nicht zurück. Die Präsidentin lässt sich unangekündigt auf die Radio- und Fernsehsender schalten, unterbricht das Programm und tötet die Quote. Die Auftritte sind wohl inszeniert, aber so wenig unterhaltsam, dass umgeschaltet wird. Man weiß, was kommt: CFK trägt schwarz, wie sie es seit dem Tod ihres Mannes Néstor vor zwei Jahren immer tut, tupft eine Träne weg und erzählt über ihre Politik nur Gutes.

Eigentlich braucht es einen Grund, eine Krise oder Katastrophe, für die Zwangszusammenschaltung der Kanäle. Aber die Präsidentin hat seit Januar 16 Stunden geplaudert – und in drei Jahren mehr als fünfzigmal. So katastrophal ist nicht mal Argentinien. Ihr Vorgänger, ein gewisser Néstor Kirchner, hielt in vier Jahren nur zwei Reden.

Die Präsidentin – in Zeitungen oft nur Cristina genannt – ist wortgewaltig. Und manchmal sind die Worte stärker als sie. In Jahresansprache Nummer 17 sagte sie, ihre Landsleute sollten sich nicht nur vor Gott fürchten, sondern ein bisschen auch vor ihr. Als sie Ende September in den USA weilte, bestritt sie, dass die heimische Inflation bei 25 Prozent liege, wie inoffizielle Studien behaupten. Bei 25 Prozent würde »das Land in die Luft fliegen«. Dann knöpfte sie sich die bösen Jungs vor. Bei jedem Termin rede sie mit der Presse.

Aber ein argentinischer Journalist fragt mich und fängt gleich an zu schreien. Wenn ihm die Antwort nicht gefällt, schreit er, ärgert sich und tritt gegen die Tür.

Es sprach La Reina, Königin Cristina I.

Die Redakteure von Clarín, der auflagenstärksten Zeitung des Landes, konnten ihr Glück kaum fassen und feierten vier Seiten lang. Eine Rubrik hieß »Cristinas Sprüche und die Fakten«. Ein Fakt: Im Pressesaal der Casa Rosada, des rosafarbenen Präsidentenpalastes, war Kirchner zuletzt am 15. August 2011. Die Feindschaft zwischen dem Medienkonzern Clarín und den Kirchneristen, wie Parteifreunde der Präsidentin genannt werden, steuert auf die Entscheidungsschlacht 7D zu: Bis zum 7. Dezember muss sich Clárin von Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern trennen. So will es ein vor drei Jahren erlassenes Gesetz gegen Medienmonopole. Keiner weiß, was passieren wird. Die Regierung bewirbt das Vorhaben in minutenlangen TV-Spots als Beitrag zur Meinungsvielfalt. Clarín behauptet, knapp gesagt: Der Beitrag zur Meinungsvielfalt kommt doch von uns. Und tatsächlich, viele Blätter und Sender gehören längst Kirchneristen.1

Dabei ist Argentinien – fast achtmal so groß wie Deutschland mit nur halb so vielen Einwohnern – eine Zeitungsnation. Man sitzt im Kaffeehaus, taucht die Croissants, die hier medialunas (Halbmonde) heißen, in die Espressotasse mit dem cafecito und beugt sich über La Nación, das Sportblatt Olé oder eben Clarín. Zeitungen und Zeitschriften gibt es nur am Kiosk, nicht im Supermarkt oder an der Tankstelle.

Die Auftritte der Präsidentin werden bizarrer. Während ihrer USA-Reise wollte sie ihr Gespräch mit den Studenten einer berühmten Universität auf ein höheres Niveau bringen. Heraus kam ein Satz, der mittlerweile ein Klassiker ist: »Chicos, wir sind in Harvard, das sind doch Themen für La Matanza.« La Matanza ist eine Hochschule für die Ärmeren im Speckgürtel von Buenos Aires. Zu Hause schüttelte man den Kopf. Hat sie das wirklich gesagt? Und sie wusste, dass Kameras im Saal sind? »Tiene que ser loca.« – »Die muss verrückt sein.« Und so wird getuschelt. Ist es eine eher harmlose Krankheit, vielleicht Déformation professionnelle? Hat ihr die Macht den Blick für die Wirklichkeit gestohlen? Oder ist es ernst? War Néstors Tod zu viel? Hat die Nummer 1 gar psychische Probleme?

Es wächst der Widerstand. Der Cacerolazo, das Lärmmachen der Mittelschicht mit Töpfen und Pfannen, ist wieder zu hören. Mitte September hat das Land die größten Proteste seit vier Jahren erlebt, allein in Buenos Aires versammelten sich Hunderttausend. »Se va a acabar/Se va a acabar/La dictadura de los K«, sangen sie. »Sie wird verschwinden/Die Diktatur der Kirchneristen.« Der Kabinettschef sprach von einer »Minderheit«. Die Präsidentin selbst sagte: »Ich werde nicht nervös, und die werden mich auch nicht nervös machen.«

Am 8. November, beim nächsten Topfschlagen, waren es in der Hauptstadt schon 700 000 – und vielleicht noch mal so viele im Rest des Landes. »Olele, olala, si este no es pueblo/El pueblo dónde está?«, sangen sie diesmal. »Wenn das hier nicht das Volk ist/Wo ist das Volk denn dann?« Cristina Kirchner sagte, es habe in der Woche zwei bedeutende Ereignisse gegeben: die US-Präsidentenwahl und den Parteitag der chinesischen Kommunisten.

Es ist nicht nur ihre Dauerpräsenz, die für Unmut sorgt, es ist auch ihre Politik. Die Regierung misstraut ihrem Volk und erfindet immer neue Vorschriften. Wer für eine Auslandsreise Dollar braucht, muss einen Papierberg ausfüllen und Intimstes preisgeben. Seit der Fast-Staatspleite von 2001, als die Argentinier ihr Erspartes verloren, ist das Wegtauschen des schlappen Peso Volkssport. Cristina und ihre Leute machen dem ein Ende. Dollar gibt es zum offiziellen Kurs gar nicht mehr, getauscht wird auf der Straße.

Die Schulden wachsen, auch, weil Cristinas Herz groß ist. Die Nationalheilige Evita hat einst Fahrräder, Nähmaschinen, Betten und Gebisse verschenkt oder Geldscheine aus dem Zug geworfen und so den Staatshaushalt ruiniert. Cristina verteilt Wohnungen und erhöht das Kindergeld um 25 Prozent auf umgerechnet 55 Euro. Die Mittelschicht, die viel Arbeit hat und wenige Kinder, schimpft auf die Armen, bei denen es umgekehrt sei. Und dass sich die Präsidentin mit Schurken blendend versteht, Geschäfte mit dem Iran macht und Hugo Chávez zur Wiederwahl in Venezuela beglückwünscht, ist vielen peinlich. Ist doch kein Umgang für das Volk der Dichter und Dirigenten!

Argentinier brauchen den Superlativ, wenn sie über sich sprechen: der leidenschaftlichste Fußball, die breiteste Straße, das beste Fleisch, die schönsten Frauen. Nicht alles stimmt, das brasilianische Fleisch ist ja auch nicht schlecht. Auch die besten Jahre hat man hinter sich. Die Vergangenheit war besser, als die Gegenwart ist und die Zukunft wohl sein wird. Argentinien hatte 1913 ein höheres Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als Deutschland und war als einer der zehn reichsten Staaten der Welt Traumziel europäischer Auswanderer. Zwischen den Weltkriegen begann der Abstieg, sechs Staatsstreiche seit 1930 inklusive. Trotzdem ist man gefühlte Erste Welt, hat die höchste Alphabetisierungsrate Südamerikas (97,2 Prozent) und schaut herab auf die Nachbarn, die sich dafür mit Witzen rächen. »Was ist das beste Geschäft deines Lebens?«, fragen sie. »Kauf einen Argentinier für das, was er tatsächlich wert ist, und verkauf ihn dann für das, was er wert zu sein glaubt.«

Die Tage in Buenos Aires sind lang – und anstrengend sind sie auch. Die 150 000 Busse reichen für die Dreizehn-Millionen-Metropole einfach nicht, und die Subte, die erste U-Bahn Südamerikas (1913), kann in ihrem Alter auch nicht mehr so. Eng ist‘s in ihr und heiß. Händler quetschen sich durch, um Socken und Taschentücher zu verkaufen. Und da sind die zerlumpten, stummen Gestalten, Kinder aus den Elendsvierteln, die einem Klebebildchen aufs Knie legen, damit man ihre Hand nicht zu berühren braucht, und ein paar Münzen verdienen. Allein in der Villa  31, der größten Armensiedlung, sollen 30 000 Menschen leben. Andere kommen nicht mal dort unter und hausen vor dem Parlament oder den Ministerien. Wenn die Präsidentin aus ihrem Palast schaut, kann sie die Schlafsäcke auf der berühmten Plaza de Mayo zählen.

Es ist 21 Uhr, wenn Männer das Wichtige erledigen: Vamos a la cancha! Auf Kunstrasen spielt man fünf gegen fünf unter Flutlicht, jeder im Trikot seines Lieblingsklubs, die Passagiere der aufsteigenden Flugzeuge als flüchtige Zeugen. Ab und zu schießt der Neuzugang aus Deutschland, den sie aus unerfindlichen Gründen Klinsmann nennen, sogar ein Tor. »Muy bien, Kliiinsmann!« Am Ende gibt jeder 25 Pesos (vier Euro) für die Platzmiete. Ja, teuer sind die Tage obendrein.

Schweigen kann Cristina Kirchner übrigens auch. Als im Oktober ein US-Hedgefonds das Marineschiff Libertad in Ghana beschlagnahmte, weil Argentinien seine Auslandsschulden nicht bezahlen will, wartete das Land auf eine Erklärung der Quasselstrippe. Doch von der gab es wochenlang: kein Wort.

  1. Die aktuelle Entwicklung steht hier. []

Fußballade

von CHRISTOPH WESEMANN

So klingen argentinische Jahresendgrüße, es schreibt der Kapitän meiner Mittwochsmannschaft, und man kann die Zeilen in ihrer Schönheit kaum übersetzen:

Estimados amigos y compañeros futbolisticos.

Hoy ya no tendremos fútbol debido a las dificultades para reclutar gente. Les agradezco el año compartido, las grandes jugadas, goles y la magia que pusieron en todos los partidos. Espero que el año próximo podamos continuar con esta agradable rutina. Les mando un fuerte abrazo, feliz navidad y un gran año nuevo.

Saludos
F.

Geschätzte Freunde und Fußballkumpel!

Wegen der Probleme, Leute zusammenzukriegen, spielen wir heute nicht. Ich danke Euch für das gemeinsame Jahr, die großen Spiele, die Tore und den Zauber, den Ihr in jede Partie gelegt habt. Ich hoffe, dass wir im nächsten Jahr genauso angenehm weitermachen. Ich schicke Euch eine feste Umarmung und wünsche frohe Weihnachten und ein großartiges neues Jahr.

Grüße
F.

Betriebsferien

von CHRISTOPH WESEMANN

Gleich fahre ich mit meinem Begleiter Herrn T. nach Santiago de Chile – Ankunft: irgendwann nach mehr als 20 Stunden im Komfortbus. Wir planen, sieben, acht, neun Tage unterwegs zu sein. Wahrscheinlich werden wir uns aber schon am Ortsausgang von Buenos Aires zerstritten haben. Mal schauen, ob ich mich aus Chile melde, ein bisschen Technik ist im Gepäck.

Ich habe, weil wir ja [Argi-Arroganz an] ein viel weniger zivilisiertes Land bereisen [Argi-Arroganz aus], meinen Brustbeutel aus den Ferienlagerzeiten 1988-1990 ausgegraben.

Eine Stadt ertrinkt

von CHRISTOPH WESEMANN

Ganz schlechtes Timing. Da beklage ich mich über die Hitze in Buenos Aires – und dann das:

Schweres Unwetter. Blitze. Donner. Regenfälle. Stundenlang. Überschwemmte Straßen. Verkehrskollaps. Die Fernsehsender berichten live.

In der Avenida Cabilda, einer der großen Straßen der Hauptstadt, steht das Wasser einen Meter hoch. Und es regnet noch immer. Besonders schlimm wird es wohl wieder in den Elendsvierteln sein, dort, wo es keine Kanalisationen gibt und die Leute noch die letzten Habseligkeiten verlieren werden.

Nur zwei Blocks entfernt ist aus der Avenida Libertador der Río Libertador geworden. Ich darf drei Kinder hüten und komm nicht raus. Wie gesagt: ganz schlechtes Timing.

Woran Sie erkennen, dass es bald Sommer wird in Buenos Aires

von CHRISTOPH WESEMANN

&Wetteraussichten für die nächsten sieben Tage: 32, 27, 30, 30, 32, 27, 31

1. In die Subte, die sehr alte U-Bahn der Hauptstadt, nehmen Sie ein Handtuch mit. Nach zehn Minuten steigen Sie aus und springen in den erstbesten Brunnen. Diese Prozedur wiederholen Sie noch zweimal. Beim dritten Mal erkundigen Sie sich bei den anderen Passagieren, wann der letzte Aufguss war.

2. Als Mann tragen Sie Ihr Hemd bis zum Bauchnabel aufgeknöpft. Sie sind Gouverneur einer argentinischen Provinz oder ein anderes ehrenwertes hochrangiges Mitglied der Gesellschaft? Egal.

3. Im Mitteilungsheft Ihres sechsjährigen Sohnes hat die Klassenlehrerin eine Notiz hinterlassen: »Badehose, Handtuch, Sonnencreme, Schirmmütze und Sandalen.« Die Nachfrage beim Kind ergibt, dass die Klasse nachmittags auf dem Schulhof mit dem Schlauch abgespritzt wird.

4. Ihre Kinder baden abends fast freiwillig. Ihr Protest ist jedenfalls harmlos – freilich nicht aus Einsicht in die gerade jetzt geforderte körperliche Hygiene. Es ist pure Schwäche am Ende eines heißen Tages.

5. Ihr Eis schmilzt schon, bevor Sie es bestellt haben.

6. Sie sind jung und inkontinent. Die einzig andere Erklärung: Selbst im Intimbereich schwitzen Sie jetzt tierisch. Ist Ihnen das angenehmer?

7. Nein, das sind nicht die Tränen der Trauernden, die ihnen auf den Kopf regnen. Das sind die tropfenden Klimaanlagen an den Hauswänden.

8. Sie sind süchtig nach dem deutschen Wetterbericht. »Zwei Grad minus in Berlin« – aaaaaaaaah! »Überfrierende Nässe in Oberbayern« – ooooooooh! »Eisregen in Köln« – mmmmmmmh!

9. Sie wollen dauernd eiskalt duschen. Vergessen Sie’s! Kühler als auf Willy-Brandt-Temperatur kriegen Sie das Wasser nicht. Und wenn Sie das Shampoo auf die Kopfhaut bringen, ist Ihr Haar schon wieder getrocknet.

10. Sie sind ein Mann und haben keine Lust auf Fleisch. (Warnung für sie – er meint: von Tieren.)

11. Sie sind eine Frau und haben Lust auf Fleisch. (Hinweis für ihn – sie meint nicht: von Tieren.)

12. Sie haben sich die ersten Wochen nach der Ankunft in Buenos Aires oft gefragt, was die Badewanne in all den Büros soll. Sie fragen sich das jetzt nicht mehr. Sie liegen drin.

13. Sie erwägen, die Weihnachtsplätzchen direkt auf der Terrasse zu backen.

14. Ihr freundlicher Kolumnist trägt seit eineinhalb Jahren ganzkörperschwarz. Der Trick der alten und dicken Männer. Er ist gerade sehr verzweifelt.

15. Ihr Sohn tritt in neun Tagen seine dreimonatigen Sommerferien an.

Deutsch-argentinischer Größenwahn

von CHRISTOPH WESEMANN

Mein sechseinhalbjähriger Sohn hält sich für Lionel Messi, den besten Fußballer der Welt, geboren in der argentinischen Millionenstadt Rosario.1 Und ich bin sehr weit von irgendeiner Karriere entfernt und glaube deshalb gern, dass er bald von allen großen Klubs dieses Planeten gejagt wird. Dann werde ich sein Manager, zumindest so lange, bis er dahinterkommt, dass ich sowohl faul als auch überfordert bin, und mich abfinden muss. Jedenfalls sagt mein Sohn: »In der Schule spielen mich immer alle an. Genau wie Messi. Der kriegt auch immer den Ball, weil er der Beste ist.«

Größenwahn im sehr frühen Stadium? Nein! Mein Sohn ist nach nur vier Monaten in Buenos Aires schon argentinisiert. Fragen Sie mal einen Kolumbianer, Uruguayer, Peruaner oder Chilenen, was er vom Argentinier als solchen hält. Ja, die Argentinier sind in Südamerika nicht unbedingt beliebt. Man hält sie für arrogant. Es ist auch der Stolz, die einzigen Weißen des Kontinents zu sein, obendrein Nachfahren europäischer Einwanderer, der sie manchmal herabschauen lässt auf all die Nachbarn. Und unter den hochnäsigen Argentiniern ist der Porteño, der Bürger der Hauptstadt Buenos Aires, der hochnäsigste. Andererseits lebt er auch in der wichtigsten Metropole der Welt. »Gott ist überall«, sagt der Porteño, »aber seine Sprechzeiten hat er in Buenos Aires.«

Mein Sohn integriert sich also bloß. Als Familienoberhaupt ist es mir wichtig, dass sich meine drei Kinder integrieren. Es klappt. Wenn die Einjährige fiebert, trinkt sie Mate, das teeähnliche Nationalgetränk. Sie spricht außer »hola« und »Mama« kein Wort, zieht aber an der bombilla, dem Halm aus Weißblech, als hätte ich sie im Kinderwagen und ohne Nuckelflasche eine Woche durch die Pampa geschoben. Die Dreieinhalbjährige verdrückt die Riesensteaks mit Speckrand, was nicht ohne Folgen für ihre Figur bleibt. Wenn sie im
Park mit uns Fußball spielt und natürlich auch Messi sein will, sagt ihr Bruder: »Du bist zu dick für Messi, du bist Maradona.«

Mein Sohn und ich tendieren zu Real Madrid. Aber unter Bayern München, Manchester United oder Juventus Turin machen wir es nicht. Hansa Rostock kann gern meine Tochter unter Vertrag nehmen.

(Diese Kolumne ist erstmalig in der Schweriner Volkszeitung erschienen.)

  1. Der andere berühmte Rosarino ist übrigens Che Guevara. []

Argentinische Helden

Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

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Wir sind schnell.
Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geistes-
wissenschaftlichen Hintergrund. Wir sind böse, sexy und klug. Wir können saufen wie die Kutscher, haben Kant gelesen und nicht verstanden, aber das merkt keiner, und schlafen nie.


Gegründet 2012 von Christoph Wesemann in Buenos Aires