Archiv für Juli, 2012

Die Spanisch-Hausaufgabe

von CHRISTOPH WESEMANN

Wenn ich für meinem Spanischkurs schon mal Hausaufgaben mache, und dann noch halbwegs richtig, sollte auch ein bisschen was fürs Blog abfallen.

Die Aufgabe:

¿Cómo era tu rutina en tu país, antes de viajar a Buenos Aires?
Wie war der Tagesablauf in deinem Land vor der Reise nach Buenos Aires?

Die Lösung:

Cuando estaba en Berlin, me levantaba a las siete, tomaba un café con leche y no desayunaba. Frecuentemente  llevaba a mi hijo a su colegio. Íbamos en colectivo y en metro. Llevaba mucho tiempo, alrededor de treinta minutos. Después iba a la oficina y fingía que iba a trabajar. En realidad leía, descansaba y hablaba con mi compañero. Él era tan perezoso como yo.

Salía de la oficina a las tres y treinta minutos, estaba muy, muy cansado y iba al colegio de mi hijo para ir a nuestro departamento, tambien en metro y en colectivo. Allí nos bañabamos,  cenabamos y leíamos. Cuando mis ninos dormían, yo trataba de besar a mi esposa … etcétera. Casi siempre sin éxito. Por eso bebía quince cervezas (más o menos) y soñaba con Michelle Obama.

Der Spanischlehrer:

Du kannst gut lügen.

Der Google-Übersetzer:

Als ich in Berlin war, bekam ich um sieben Uhr auf, nahm einen Kaffee und Frühstück. Oft nahm meinen Sohn an seiner Schule. Wir fuhren mit dem Bus oder der Metro. Hat lange gedauert, ungefähr 30 Minuten. Dann ging ich ins Büro und so tun, ich wollte arbeiten. Eigentlich Lesen, Ausruhen und Gespräch mit meinem Partner. Er war so faul wie ich.

Büros verlassen um halb vier war ich sehr, sehr müde und ging zur Schule für mein Kind an unserer Abteilung zu gehen, auch in U-Bahn und dem Bus. Dort haben wir gebadet, zu Abend gegessen und gelesen. Als meine Kinder schliefen, habe ich versucht, meine Frau zu küssen … etcetera. Fast immer ohne Erfolg. Also trank ich fünfzehn Biere (oder so) und träumte von Michelle Obama.

Ergebnis: Google ist dümmer als ich. wzbw

 

Das Leben der Anderen (2): Villa 31

von CHRISTOPH WESEMANN

Die Abendsonne hat geblendet, als wollte sie den Deutschen mit der Kamera erst ärgern und dann locken. Komm ruhig! Ein paar Schritte. Chico, deine Fotos werden nichts, ich blende dich doch. Hast dein Blitzlicht vergessen, che? Weiter! Ja, noch ein Stück. Es lohnt sich.

Der Stadtteil Retiro im Norden von Buenos Aires hat gleich hinter dem Bahnhof eine, ähm, Sehenswürdigkeit: Villa 31, ein Armutsviertel aus Wellblechhütten, das größte der Stadt. Einwohnerzahl: angeblich 30 000. Ich stand davor. Es hat gejuckt. Und es juckt noch immer, fast zwei Tage danach.

Nicht überall muss man allein hingehen.

Eine Parrilla (Grillstube)

Dieselbe Parrilla

Vor dem Bahnhof Retiro

Straßenmarkt

Auf dem Bahnsteig

Die Katzen auf dem heißen Wellblechdach

Durchgang zur Villa 31

Zeit zu gehen

 

Das Leben der Anderen

von CHRISTOPH WESEMANN

Die Armut in Buenos Aires ist allgegenwärtig. Sie versteckt sich nicht am Rand dieser Riesenstadt, sie versperrt den Weg, sie liegt neben dem schicken Einkaufszentrum und vor dem Obelisk, man kann sie sehen und riechen und fürchten.

Da sind diese zerlumpten Gestalten, die einem in der U-Bahn Klebebildchen aufs Knie legen, damit man ihre Hand nicht zu berühren braucht. Sie verteilen stumm ihre Bildchen im Abteil und sammeln sie dann stumm wieder ein. Manchmal werden sie ein oder zwei los. Die zerlumpten Gestalten sind Sechsjährige.

Und in den Elendsvierteln, die hier Villa Miseria heißen, auch in weiten Teilen Südamerikas, ist die Armut wohl noch unmenschlicher.

An der U-Bahn-Station Tribunales

Plaza Canadá im Stadtviertel Retiro

In der Avenida de Mayo, in der Nähe des Kongresses

Am Botanischen Garten im Viertel Palermo

Am Obelisk

Diego und die Holzfäller

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich war acht Jahre alt und ganz sicher nicht einmal der klügste Achtjährige in meiner Straße, und ich bin nicht in einer Straße wie der Avenida Rivadavia aufgewachsen, die 35 Kilometer lang ist. Meine Straße hieß Ipser Weg. Kürzer geht’s kaum. Vielleicht erklärt das, was jetzt kommt.

Das erste Mal habe ich von Argentinien am 29. Juni 1986 gehört. Ich weiß das genau, obwohl seitdem ordentlich Zeit vergangen ist – wie viel genau, spielt jetzt keine Rolle, bitte. Ich saß an diesem Sonntagabend vor dem Fernseher, bestimmt trug ich einen gestreiften Schlafanzug, und die deutsche Nationalmannschaft stand gegen Argentinien im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko. Wahrscheinlich habe ich damals »BRD« gesagt. Meine Heimat war die DDR, und wer in der DDR lebte, der sagte auch »BRD«, nicht »Bundesrepublik« und nicht »Deutschland«.

Argentinien jedenfalls hatte Diego Armando Maradona, das Jahrhunderttalent, den besten und genialsten Spieler der Welt. Deutschland hatte ein paar Holzfäller. Sie spielten nicht nur so, sie sahen auch so aus. Und ihre Namen klingen heute, als wären sie unter Tage abgebaut und dann geschmiedet worden. Briegel. Förster. Eder. Jakobs. Hans-Peter. Karlheinz. Norbert. Ditmar. Abwehr made in Germany.

Ich war für die Holzfäller.

Ich war gegen Diego.

Rudi Völler schoss in der 81. Minute das Tor zum Ausgleich. Gerade hatte Argentinien noch 2:0 geführt, nun stand es auf einmal 2:2, und ich wusste ganz genau, wer gewinnen würde. Dann passte Maradona auf Burruchaga.

 

Argentinien ist mir danach immer wieder begegnet, und zwar alle vier Jahre, bei einer Weltmeisterschaft. Wie das Land spielte, war mir egal, glaube ich. Ich mochte andere Mannschaften, meistens Brasilien, wahrscheinlich habe ich so unbewusst überkompensiert. Eine größere Abkehr von den Holzfällern ist ja kaum vorstellbar.

Zum ersten Mal war ich im Sommer 2006 für Argentinien. Ich hatte eine Karte für das Viertelfinale gegen Deutschland, ich stand im Berliner Olympiastadion in der argentinischen Kurve und erlebte, wie ein paar Tausend Männer 120 Minuten lang toll sangen und dann kaum weniger schön heulten. Ich hatte einen Argentinienhut auf, den kein Argentinier weit und breit trug, und das nicht nur, weil es in ihrer Heimat kein »H&M« gab.

Den Hut habe ich irgendwann verloren. Und »H&M« gibt es heute, sechs Jahre später, noch immer nicht in Argentinien.

Als es neulich kein warmes Wasser gab, weil irgendetwas im Keller kaputtgegangen war, schien mir, als hätte unser Portier Luis Angst, dem Deutschen die Nachricht zu überbringen. »Unser Portier Luis«, das klingt ein bisschen nach Kolonialzeit, claro. Aber zum einen ist Luis eher eine Art Hausmeister, zum anderen gibt es im Zentrum von Buenos Aires kaum noch Wohnhäuser ohne einen Mann, der die stets verschlossene Eingangstür im Blick hat. Um Luis zu beruhigen, erzählte ich, dass ich mal eine Weile in der Ukraine gelebt hätte.

»¿Ukra … cómo?«, fragte Luis.

Weil mein Spanisch noch nicht reicht, um einem Argentinier die Ukraine vorzustellen, machte ich kurzerhand die Unabhängigkeit von 1991 rückgängig und schlug das Land wieder Putins Reich zu.

»Oh«, sagte Luis, »Russland.«

»Ja, und Russland in Wasser sehr kalt.«

Wenn ich mich nicht täusche, hält er mich seitdem für einen Eisbär auf zwei Beinen, für jemanden, der sich gern mit Schnee wäscht, in Bergseen mit bloßen Händen Forellen fängt und hilft, wenn ein Mieter Ärger macht. In Wahrheit habe ich innerlich geflucht, eine eiskalte Dusche am Morgen bleibt eine eiskalte Dusche am Morgen. Die wird auch nicht wärmer, weil man in zwei Jahren Odessa fünfmal nicht heiß geduscht hat.

Oder aber Luis denkt: »Spanisch lernt der Kerl nie.«

In meinem Sprachkurs sind drei andere Jungs: ein australisches Brüderpaar und Salim, ein Amerikaner, dessen Eltern in den Siebzigern aus Indien eingewandert sind. Er steht auf Trance-Musik und ist trotzdem der Schlaueste von uns vieren. Salim löst die Aufgaben, die wir gar nicht lösen müssen, weil er die Aufgaben, die wir lösen müssen, schon lange fertig hat, während die beiden Australier und ich noch wild raten. Wenn ich zufällig zwei Minuten vor den Australiern fertig bin, erhole ich mich von den Strapazen und glotze an die Decke. Sollte ich ehrgeiziger sein? Strebsamer? Ich meine: als Deutscher?

Dafür bin ich der, über dessen Scherze und Sprüche am meisten und am lautesten gelacht wird. Ich gebe mir Mühe. Witzig zu sein ist für mich eine ernste Angelegenheit. Überdies warte ich jeden zweiten Tag ein paar Minuten vor dem Unterrichtsraum, um mich zu verspäten. Mehr kann ich aus der Ferne für Deutschland nicht tun.

Mal angenommen, Deutschland hätte das Endspiel gewonnen. Maradona, neben Pelé der Beste, der sich im Fußball bisher versucht hat, wäre also 1986 nicht Weltmeister geworden. Gewonnen hätte ja nicht nur eine Mannschaft mit einem Durchschnittsalter von 28,37 Jahren, die sich durchs Turnier gerumpelt und geduselt hatte: 1:1 gegen Uruguay, 2:1 gegen Schottland, 0:2 gegen Dänemark, 1:0 gegen Marokko, 4:1 nach Elfmeterschießen gegen Mexiko, 2:0 gegen Frankreich. Gewonnen hätten Rummenigge, der nur noch humpelte, ein Hoeneß, der nicht Uli heißt, die Holzfäller.

»Bitte begrüßen Sie unsere vier Weltmeister von 1986: Karlheinz Förster, Hans-Peter Briegel, Norbert Eder und Ditmar Jakobs.« (Applaus, Fußgetrampel)

Und zum WM-Kader gehörten noch Uwe Rahn, Wolfgang Rolff und Matthias Herget. Ja, der Herget von Bayernullfünf, nein, nicht Bayernullvier, also nicht Leverkusen, sondern Uerdingen (sprich: Ör-ding-en, Dudenlautschrift: ˈyːɐ̯…).

Sie alle wären heute Weltmeister. Und Maradona, der Goldjunge aus einem Elendsviertel am Rande von Buenos Aires, den sie hier verehren, der seinen Trainer Carlos Bilardo einst dazu brachte, Gott zu danken, weil der Diego als Argentinier auf die Welt geschickt hat? Der wäre es nicht.

Kein Weltmeister.

Wer außer mir, einem Achtjährigen aus dem Ipser Weg, wer um alles in der Welt kann so etwas damals noch gewollt haben?

18 Pesos (Axel vorgestreckt)

von CHRISTOPH WESEMANN

Ein Segelschiff namens Freiheit

von CHRISTOPH WESEMANN

Eine schöne, uralte und spanische Schnulze, weil hier heute der Tag des Freundes ist und überhaupt. Mir ist danach.

Ich übersetze den Text mal sehr frei: Er haut ab, eine Jeans, ein Hemd, ein Lied, segelt drauflos, Möwen am Himmel, die Suche nach einem anderen Leben, nachts komische Träume, die Frage »Wo bist du?« und immer wieder diese verdammten Möwen, bis er weiß, dass er zurück muss. Und dann sind ihre Augen so blau wie das Meer.

»Un velero llamado libertad« von José Luis Perales:

 

 

 

Schlafschützen

von CHRISTOPH WESEMANN

Vor dem Museum des Senats in der Avenida de Mayo

 

Sprachkurs für vier Müllmänner

von CHRISTOPH WESEMANN

Im Augenblick fehlt mir ein bisschen die Zeit fürs Schreiben, weil ich einen Sprachkurs mache. Ein australisches Brüderpaar, ein Amerikaner und ich, alles Männer, die obendrein eigentlich zu alt sind fürs Recyceln längst verdorbener Witze – was das fürs Niveau bedeutet, können Sie sich vielleicht vorstellen.

Übrigens: Der Müll wird seit heute Nachmittag wieder abgeholt. Die vergangenen drei Tage hatten die Müllmänner nämlich gestreikt, was längst nur noch eine Randnotiz im Alltag der Stadt ist. Der Porteño hofft, dass der Abfall abgeholt wird, geht aber nicht davon aus.

Ja, es war mancherorts ein bisschen beschwerlicher voranzukommen. Dem Hauptstadtmüll selbst, dem kann man keinen Vorwurf machen: Der roch nach drei Tagen auf der Straße noch erstaunlich frisch. Aber wir haben ja auch Winter.

Der den Bullen was geigt

von CHRISTOPH WESEMANN

Ecke Avenida Las Heras/Calle República Árabe Siria

Kaufland

von CHRISTOPH WESEMANN

Eine Freude ist das Einkaufen in Buenos Aires nicht. Dabei sind die Supermärkte hübsch und modern und saubern, und wenn sie das nicht sind, gehören sie meistens den Chinesen und sind wenigstens klein. Ich habe bisher auch nicht gemerkt, dass mir etwas fehlt, das ich aus Deutschland kenne und schätze. Es gibt sogar deutsche Bratwürste, ich habe sie nicht gleich erkannt, aber wahrscheinlich geht es dem Argentinier genauso, wenn er irgendwo in der Mitte Berlins ein schweineteures Rindersteak aus der Pampa seiner Heimat bestellt und eine Münze Fleisch bekommt. Hier isst man ja nicht unter 450 Gramm.

Was nervt, ist allein, dass jeder Einkauf zu einer Art Tagesausflug gerät, was übrigens auch an den Kunden liegt. Die haben hier nämlich mindestens fünf Bank- und sonstige Plastikkarten dabei, von denen zwei grundsätzlich nicht funktionieren und zwei andere nur dazu dienen, Punkte oder irgendetwas anderes zu sammeln, das der Argentinische Supermarktgeheimdienst ASGD) gerne schnüffelt. Wenn man nicht aufpasst, schläft man vor Erschöpfung im Stehen ein, kippt nach vorne und weckt den Wartenden vor einem auf. Und zum Schluss wird noch eine Zeitung gedruckt, ach nein, das ist nur ein halber Meter Rabattmarken. Könnte ich auch mal verlosen.

 

 


Argentinische Helden

Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

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