Archiv für Januar, 2013

Cristinas Sonnenbrille und Merkels Handtasche

von CHRISTOPH WESEMANN

Es ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil, im Land des weltbesten Fußballers zu leben. Mein sechseinhalbjähriger Sohn zum Beispiel kommt obenrum mit zwei Kleidungsstücken aus: Er trägt tagelang Leo Messis Nationaltrikot. Wenn das in die Wäsche muss, nimmt er Messis Barcelona-Trikot. Und wenn das schmutzig ist, dann – genau.

Es ist ein nicht zu unterschätzender Nachteil, in der Stadt zweier weltbekannter und tief verfeindeter Fußballvereine zu leben. Als wir vor einem halben Jahr von Berlin nach Buenos Aires gezogen sind, mussten mein Sohn und ich entscheiden: River oder Boca? Der Nobelklub aus dem Norden oder der Arbeiterklub aus dem Süden? Mein Sohn hat Boca gewählt, obwohl sein Vater wirklich kein Arbeiter ist. Ich weiß gar nicht mehr genau, was für die Bosteros sprach. Gegen die Gallinas sprach jedenfalls das Trikot mit dem roten Diagonalstreifen.

Seine Schulfreunde sind, so weit ich das überblicke, River-Fans – und deren Väter und Großväter natürlich auch. Er hält sich aber bislang tapfer. Nein, er hält dagegen. Ich bin da viel opportunistischer. Sobald ich mit einem River-Fan in Streit gerate und erkenne, dass ich mangels Sprache untergehen werde, bringe ich die argentinische Präsidentin ins Spiel. Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen zwei Kontrahenten ist im Augenblick Cristina Fernández de Kirchner.

Für jemanden, der aus Deutschland kommt, ist diese Frau ein Rätsel. Uns Deutschen wäre ihre Art nicht zuzumuten. Zu laut. Zu giftig. Zu grell. Vielleicht will sie manchmal nur Macht demonstrieren, aber der Eindruck, der entsteht, ist eben auch: Die macht, was sie will. Und ein Staatsoberhaupt sollte das gerade nicht: tun, was es will.

Cristina mit Sonnenbrille

Als die Präsidentin neulich Venezuelas erkrankten Staatschef Hugo Chávez in Havanna besucht hat, behielt sie auch in geschlossenen Räumen ihre Sonnenbrille auf. Ich habe zweimal hingeschaut. Cristina, eine Sonnenbrille, keine Sonne weit und breit. In Deutschland würden Politiker, die so etwas tun, für arrogant, verrückt oder betrunken, wahrscheinlich aber für alles auf einmal, gehalten. Das Extravaganteste, das Journalisten an Angela Merkel in mehr als sieben Jahren als Bundeskanzlerin entdeckt haben, ist eine orangefarbene Handtasche, und selbst die kommt nur sehr dosiert zum Einsatz.

Aber vielleicht lerne ich auch, mich an diese extravagante Präsidentin zu gewöhnen, so wie ich ja vieles noch lerne. Manches habe ich auch schon gelernt: dass man Heiligabend in Buenos Aires ohne Strom feiern kann oder dass die Jungs, mit denen ich mittwochs im Parque Norte Fußball spiele, unbedingt mit besos zu begrüßen sind. Bei anderen Dingen hilft es, drei Kinder zu haben, die das Castellano nebenbei erlernen. Wenn ich mit ihnen in der Hauptstadt im Auto unterwegs bin und ein Schimpfwort brauche, weil ich irgendeinen Porteño zurück beleidigen will, wird mir von der Rückbank souffliert. Man kann ja nicht immer boludo rufen.

(Diese Kolumne ist erstmalig im Argentinischen Tageblatt erschienen.)

Wo der Urin verkauft wird: Unterwegs im Elendsviertel von Monte Grande

von CHRISTOPH WESEMANN

Am Ende, nach vier Stunden in Monte Grande, bleibt ein Satz, der vieles erklärt. Der erklärt, warum das Elend nicht weicht, sondern wächst, Jahr für Jahr um zweihundert Meter, obwohl es doch immer wieder von einigen verlassen wird. Der erklärt, warum Carlito und seine Freunde in die Kapelle Medalla Milagrosa de Monte Grande kommen, wo es eine Bibliothek gibt, mit Schulbüchern sogar, Fußbälle, eine Sporthalle, eine Spielzeugkiste und heute Schokoladenkuchen. Der erklärt, warum in Buenos Aires an jeder dritten Ecke ein Polizist steht – und man hier in vier Stunden nicht einen sieht.

»Der Staat existiert nicht.«

Den Satz, der vieles erklärt, sagt ein zwölf Jahre altes Mädchen.

Monte Grande 9

Monte Grande 5

Das Elendsviertel von Monte Grande ist eines, wie es viele gibt in Argentinien. Es gibt größere Villas Miserias in Gran Buenos Aires, der Hauptstadt mit ihrem Speckgürtel, in Gran Rosario (Provinz Santa Fe) und anderswo. Vielleicht leben hier, eine halbe Stunde entfernt vom Zentrum der Metropole, ein paar Tausend. Warum sollten sie gezählt werden? Wer sollte sie zählen? Der Staat? Hilfe wird in Argentinien vor allem in der Familie gesucht und danach bei Freunden. Doch was, wenn Familie und Freunde als Problemlöser ausfallen, weil sie selbst mehr Fragen als Antworten haben?

Es ist Ferienzeit. Carlito und seine Freunde machen in der Halle Frühsport. Sie werfen und fangen Bälle, es wird getobt und gelacht. Aber da sind auch die roten Plastikhütchen auf dem Betonboden, und da ist ein Mann mit Trillerpfeife. Hütchen und Trillerpfeife, man kennt’s von Jogi Löw, bedeuten immer auch: Unterricht in Taktik und Philosophie.

Eine Regel für Besuche im Elendsviertel lautet: niemals allein hineingehen, nie ohne eine lokale Autorität, die den Leuten signalisiert, dass der Fremde bitte nicht angefasst werden darf. Rein kommt man immer…

Monte Grande 2

Monte Grande 1

Nicolás Falcone arbeitet in der Kapelle, dem einstöckigen Freizeit- und Bildungszentrum der katholischen Wohlfahrtsorganisation Cáritas. Er wird dafür sorgen, dass man auch wieder rauskommt.

Carlito laufen die Schweißperlen aus dem schwarzen Haar, als er den Raum betritt, der Büro, Bibliothek und Spielecke zugleich ist. Einer seiner Freunde liest im Biologiebuch. Auf dem Boden sitzt ein Sechsjähriger, legt Wörter aus Holzbuchstaben und baut dann Türme aus bunten Plastiksteinchen. Zum Warmwerden ein bisschen Fußball verbal. Carlito, wer ist dein Lieblingsspieler? Man kennt die Antwort schon: Natürlich, Leo Messi ist auch in Monte Grande ein Idol. Doch Carlito wählt Carlos Tévez, den Apachen. Der ist einer von ihnen: Kindheit im Schatten der Hochhäuser von Ejército de Los Andes im Großraum Buenos Aires, die Haut vernarbt von einem Unfall mit kochendem Wasser. Heute: Millionär. Und die Deutschen? Die zwei Spieler, die der 13-Jährige schätzt, sind wie überall in Argentinien Helden ohne Umlaut: Ozil und Muller.

Monte Grande

Monte Grande 6

Aufbruch. Vor der Schule Nummer 13 warten Kinder aufs Mittagessen. Noch ist das Gitter vor. Es geht vorbei an den typischen Villahütten, die über den Rohbau nicht hinausgekommen sind – von Weitem schon leuchten die unverputzten roten Steine. Es liegt Müll herum, aber es scheint eine gewisse Ordnung zu geben, und man versucht, gegen alle Unbill seine Würde zu verteidigen. Draußen wird gegraben und drinnen gewerkelt. Die vom Leben zerrupften Lumpengestalten, die durch Buenos Aires streuen – hier sind sie nicht. Wer an der Bushaltestelle steht, um in die Stadt Lomas de Zamora zu fahren, trägt, was die Herkunft versteckt. Keiner wäre draußen als Villa-Bewohner zu erkennen.

Ein paar Autos und viele Hunde sind unterwegs. Es gibt kleine Kioske mit Klingel an der Fensterscheibe. An der Straße, vor den Häusern, stehen Kanister. Urin. Literweise. Wird von Pharmaunternehmen fürs Labor gekauft. Wofür genau? Achselzucken.

Monte Grande 7

Reif wirken sie, Carlito und seine Freunde, sogar ein bisschen stolz. Niemand beklagt sein Leben. Zweieinhalb Stunden zeigen sie ihr zu Hause, ohne einmal zu murren, was vielleicht auch daran liegt, dass dieser Spaziergang heute aufregend ist. Fremde, Ausländer zumal, kommen sonst nicht hierher – und wenn doch, dann: um zu bleiben. Dieses Stück von Monte Grande ist Südamerika in Miniaturformat: Paraguayer und Peruaner, Bolivianer und Argentinier leben zusammen.

Armut wird in Argentinien über Generationen vererbt. Der Aufstieg ist schwierig – auch, weil die Unterschicht von einem stetigen Wirtschaftswachstum wie im vergangenen Jahrzehnt nach dem Fast-Bankrott von 2001/02 kaum etwas abkriegt. Im Elendsviertel von Monte Grande ist eine Familie mit vier, fünf Kindern eher Normalfall als Ausnahme – gewiss auch, weil der Nachwuchs mitunter die einzige Einnahmequelle ist. Der Staat macht nicht viel, aber Kindergeld zahlt er. Für jedes Kind gibt es umgerechnet 55 Euro. Spielzeug hat es trotzdem selten.

Manchmal arbeiten die Männer, als Fahrer, auf dem Bau oder als Cartonero, der Pappe und anderen Müll von der Straße sammelt und verkauft. Doch viele Väter haben sich, wenn sie nicht gestorben sind, irgendwann aus dem Staub gemacht, was durchaus wörtlich verstanden werden darf. Der Wind spielt mit dem Sand, und weil Straßen kaum asphaltiert oder gepflastert sind, gibt es viel davon. Zurück bleiben Mütter, alleinerziehend, fünf Kinder. Dass die Löhne steigen, bringt ihnen nichts.

Monte Grande 8

Im blauen Haus wohnt einer von Carlitos Freunden. Es riecht in diesem Teil der Straße ein bisschen nach verstopfter Kanalisation, wobei eine Kanalisation ja nur verstopfen kann, wenn es sie gibt. Die Oma hat gegenüber ihr Häuschen, an das der große Bruder für seine junge Familie angebaut hat. Er hat Arbeit. Deshalb sticht sein Anbau auch heraus und lässt Omas Hütte noch ärmlicher aussehen. »Aaabueeelaaaa!«, ruft eines der Mädchen. Oma öffnet das Tor, freut sich über den Besuch, sie verschenkt jedenfalls ein Lächeln. Die Armut hat sich bis in den Mund geschlichen. Es fehlen Zähne, viele Zähne.

An der Stubenwand hängen Familienfotos und eine Urkunde der Peronistischen Partei, die in Wahrheit eine Bewegung von links bis rechts ist, Argentinien seit Ewigkeiten beherrscht und selbst eine Orthodoxe wie die Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner erträgt. Die Urkunde bescheinigt dem Opa, ein militanter Peronist, nun ja, gewesen zu sein. Er lebt nicht mehr. Militanz ist für Peronisten eine Art Großes Verdienstkreuz, die Anerkennung für Treue und – mitunter körperliche – Hingabe. Politik wurde und wird in Argentinien immer auch auf der Straße gemacht.

Monte Grande 3

Die Diözese Lomas de Zamora der Cáritas hat einen Plan de Inclusión Educativa entwickelt. Bildung solle armen Schichten den sozialen Aufstieg und Teilhabe ermöglichen, erzählt Nicolás Falcone. »Davon hängt alles ab. Ohne Bildung keine Zukunft.« Der Plan umfasst allerlei: wirtschaftliche Hilfe, eine gemeinsame Mittagpause mit gesundem Essen, das Angebot, die Räume zum Lernen, Spielen und Reden zu nutzen, Nachhilfe, Hochschulstipendien. Im vergangenen Jahr habe man die Erwachsenen im Viertel eingeladen, Schreiben und Lesen zu lernen. »Wir waren überrascht, wie viele nicht mehr als ein paar Buchstaben kritzeln konnten«, sagt Falcone. »Sie hatten es nie gelernt. Vielleicht hatten sie gar keine Chance.«

Argentinien ist zwar stolz auf seine Alphabetisierungsrate von mehr als 97 Prozent, die höchste des Kontinents, und auf seine kostenlosen Schulen und Universitäten. Nur: Wer es sich leisten kann, schickt die Kinder auf private Schulen und Hochschulen. Und die geringe Zahl von Analphabeten verdeckt, dass viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen und deshalb auch keine Arbeit finden, die sie für zumutbar halten. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei mehr als 20 Prozent – in Deutschland sind es acht. Vielen bleibt die Straße, die schnelles Geld verspricht und nicht nach einem Zeugnis fragt. Wie in allen Villas Miserias, wird auch in Monte Grande, wenn das Licht ausgeht, gedealt. Und es gibt die Süchtigen, die nach einem halben Jahr auf der Armutsdroge Paco nur noch Zombies sind.

Monte Grande 4

Doch selbst wenn zwei von fünf Kindern in jeder Großfamilie einen Abschluss machen und das Elend verlassen, was ein großer Erfolg wäre – es blieben immer noch drei, die es nicht schaffen. Nicolás Falcone nickt. Er weiß das alles, er ist kein Träumer. Er sieht auch, dass jedes Jahr Hütten hinzukommen – zweihundert Meter neue Armut. »Manche Kinder haben fünf Klassenlehrer in einem Schuljahr«, sagt er und schüttelt den Kopf. »Die Lehrer bei uns kommen und gehen.«

Trotzdem soll das Haus hinter der Kapelle Medalla Milagrosa de Monte Grande einen zweiten Stock bekommen. Die Grundmauern aus leuchtend roten Steinen stehen ja schon. Im Augenblick fehlt: Geld fürs Dach.

Carlito verabschiedet sich genauso, wie er den Fremden vor vier Stunden begrüßt hat, wie man’s macht in Argentinien, egal, wo man zu Hause ist: mit einem Kuss auf die Wange.

◊◊◊◊◊

Cáritas Lomas Zamora

Plan de Inclusión Educativa

Facebook: Emaus Lomas de Zamora

 

¡Qué interesante! (1)

von CHRISTOPH WESEMANN

Mit drei Kindern zwei Tage und zwei Nächte allein. Das Bad überschwemmt; bei Facebook alles beschmiert. Ah, nur schlecht geträumt. In Wirklichkeit: Die Kleine fiebert. Die Mittlere erbricht sich vorm Schlafengehen. Der Große kriegt den Mittelfinger kaum noch runter.

Im Kindergarten freuen sich die Erzieherinnen mit mir, dass ich zum vierten Mal Vater werde. Ich kollabiere augenblicklich. Die Mittlere hat erzählt, dass sie ein Schwesterchen bekomme. Mit einem Anruf bei der angeblich Schwangeren kann ich sie der Lüge überführen.

◊◊◊◊◊

Gute Nachrichten aus Hamburg: Sohn I von Herrn Buddenbohm wird bald Schüler I, was schaurig-schöne Texte aus dem Klassenraum verspricht. Herr Buddenbohm macht sich schon mal Gedanken, landet wie alle großen Väter irgendwann bei sich selbst und katalogisiert die Lehrer seiner Schulzeit in den Siebzigern: Altnazi, 68er, Exot.

Dann biegt noch der Großschriftsteller Thomas Mann um die Ecke, dessen Hanno Buddenbrock den gleichen Schulweg geht, den Herr Buddenbohm immer gegangen ist. Oder umgekehrt. Egal. Lesen!

◊◊◊◊◊

Meine Thomas-Mann-Lieblingsanekdote habe ich neulich im Buch 1913 von Florian Illies gefunden.  Der berühmte Dichter steht immer um 8 Uhr auf. Er braucht keinen Wecker und muss auch nicht geweckt werden. Er erwacht immer um acht. Ein einziges Mal wird er schon um halb acht wach – und bleibt, völlig verstört, noch eine halbe Stunde im Bett liegen.

Einer der Literaturdozenten in meiner Studienzeit konnte sich immer furchtbar aufregen über Thomas Mann. Ein Langweiler sei das gewesen, ein stocksteifer Spießbürger und politisch Blinder. »Sein Bruder Heinrich ist doch viel interessanter. Hat das mit Hitler auch viel schneller begriffen.«

◊◊◊◊◊

Herr T., mein Reisebegleiter nach Chile, liegt mir seit Wochen in den Ohren, dass er mal wieder zum Asado vorbeikommen will. Ich weiß jetzt, warum. Er schreibt:

Ich gehe oft mit Hunger ins Bett. Ich habe nämlich fast nie etwas im Kühlschrank, außer Wasser. Ich könnte einkaufen gehen, aber ich tue es nicht. Es ist weitaus schlimmer, als etwas hungrig ins Bett zu gehen. Einkaufen in Argentinien ist anstrengend.

Sag bloß.

Dann leistet er sich eine fiese Nummer. Fantasiert erst irre: «Für jede überarbeitete Kassiererin in Deutschland wären 2 Wochen Buenos Aires Schichtdienst wie Sommerurlaub.«  Ich finde ja, man sollte immer sachlich bleiben. Dann bemüht Herr T. auch noch mich als Zeugen:

Auch mein Reisegefährte CW erkennt als »Deutschlatiner« das Problem:  »Ich sehe die Gefahr, dass ich meine Einkäufe bald stehle – und die Kinder würden mich nicht mal vermissen: Papa wäre aus dem Gefängnis schneller zurück als aus dem Supermarkt.«

◊◊◊◊◊

Wiederentdeckt habe ich gerade einen Text, der bald drei Jahre alt wird. Es ist ein Jammer, dass mein Freund Axel so selten schreibt, seit er so laut singt.  Im April 2010 hat er herrlich übers Bloggen sinniert.

Da berichtet dann Herr Glumm von seiner Drogensucht während seiner früheren und späteren Jugend und Herr Meyer, alias Don Alphonso, der uns einen Blick in seine Jugend vom gleichen Zeitabschnitt aus Sicht der Upper-Class gewährt, kommentiert trocken unter einem Beitrag seines FAZ-Blogs Stützen der Gesellschaft: Drogensucht hatten wir einfach nicht, das war in Bayern nicht möglich.

So etwas will ich lesen. Ein Leben ohne Rauschgiftsucht und ohne High Society habe ich selbst. Aber ich will wissen, wie es ist. Andere wollen das nicht, aber sie wollen wissen, wie man einen Garten bestellt oder Kinder erzieht, einen Kuchen bäckt oder richtig glaubt. Die lesen dann Mutti- oder Katholenblogs. So einfach ist das und so sollten Blogs auch draußen ankommen.

◊◊◊◊◊

Der Sportjournalist  Jonathan Sachse hat ein wirklich sehr altes Video, nun ja, entdeckt. Ich habe dieses wirklich sehr alte Video bei Jonathan Sachse, nun ja, entdeckt. Bei Facebook habe ich es schon angepriesen, aber dort ist ja nun alles verschmiert weil einer der Durchgeknallten Argentinier ist, zeige ich es hier noch mal.

Männer als Marktfrauen

von CHRISTOPH WESEMANN

Heute Morgen habe ich geschaut, was der Obsthändler meines Vertrauens an meiner gefräßigen Familie verdient. Er beschafft seine Ware nämlich auf dem Mercado Central, dem Riesenmarkt vor den Toren der argentinischen Hauptstadt, und berechnet dafür ordentlich etwas, wie ich jetzt weiß.

Ja, es sind auch ein paar wilde Typen unterwegs, und man sollte keine ganz empfindliche Nase haben, dafür aber einen guten Orientierungssinn. Aber verglichen mit dem Riesenmarkt Priwos, den ich einst in Odessa gern besucht habe, ist der Mercado Central geordnet und ruhig, was wohl auch daran liegt, dass hier keine Kittelfrauen im Babuschka-Alter keifen. Der Handel mit Obst und Gemüse ist Männersache.

Mercado Central

 

Meine Tochter seine Kolumne

von CHRISTOPH WESEMANN

Wenn meine Tochter diese Kolumne geschreibt hätte, was sie mit ihren dreieinhalb Jahren noch nicht kann, heißte der erste Satz bestimmt so. Natürlich frage ich mich, warum sie Verben falsch beugt, mir und mich verwechselt und bei allen vier Fällen patzt. Wäre ihr Spanisch miserabel, könnte ich die Schuld auf mich nehmen. Ihr Spanisch ist aber sehr gut. Und schon in Berlin klang ihr Deutsch ja, als würde sie zu oft mit den harten Jungs abhängen. Dabei war sie nur im russischen Kindergarten.

Es könnte sein, dass wir zu chaotisch gelebt haben. Meine Tochter war als Embryo vor allem in der Ukraine unterwegs. Geboren ist sie in Deutschland, aber drei Wochen nach der Geburt waren wir schon wieder in Odessa. Als sie acht Wochen alt war, ist sie mit uns im Nachtzug 14 Stunden lang auf die Krim gefahren. Kein Ukrainer hat das verstehen können.

Weil ihre Eltern berufstätig waren, hat sie in den ersten fünf Lebensmonaten die Dienstage, Mittwoche und Donnerstage mit Oksana verbracht. Oksana war ihre Tagesmutter und sprach gar kein Deutsch. Dann sind wir nach Berlin umgezogen, und weil in den Kindergärten der Weststadt das Mindestaufnahmealter ein Jahr ist, landete sie wieder bei einer Tagesmutter. Diese Tagesmutter war als junges Mädchen in den siebziger Jahren aus Valencia nach Berlin gekommen und sprach auch nicht sonderlich gut Deutsch. Sie berlinerte, wa.

Dass das negativen Einfluss auf ihre Sprachentwicklung gehabt hat, kann ich ausschließen, weil meine Tochter kaum Zeit mit ihrer Tagesmutter verbrachte. Meist saß sie nämlich auf dem Schoß der Tagesmuttermutter, die logischerweise auch in den siebziger Jahren, aber schon nicht mehr als junges Mädchen aus Valencia nach Berlin gekommen war. Sie sprach Spanisch – jedenfalls mit Spaniern. Mit allen anderen redete sie in einer schwer verständlichen Fantasiesprache, die vor allem aus Babylauten bestand.

Diese Frau, heute 73, hat nie richtig Deutsch gelernt, aber sie vergötterte meine Tochter und weinte hemmungslos, als wir einen Platz im russischen Kindergarten gefunden hatten. Dort verbrachte meine Tochter zwei Jahre. Sie lernte Russisch. Dann kam Buenos Aires.

Jetzt beginnt ihr Tag damit, dass sie sich auf dem iPad eine zu knapp bekleidete Russin anguckt, die sich als Sprachlehrerin ausgibt und die kyrillischen Buchstaben vorstellt. Wenn ich nach zehn Minuten (und noch schnell das russische Fahrgestell inspizierend) einschreite, motzt sie zunächst auf Spanisch und dann, damit ich’s auch verstehe, auf Deutsch.
»Oh Mann, Papa! Du hast mich gestern versprecht, dass ich ganz lange gucken darf.«
»Papa versprecht hier gar nix, damit das mal klar ist.«
»Das sag ich meine Mama. Dann schimpft sie dich.«

Dann bringe ich sie in den Kindergarten, wo ausschließlich Spanisch gesprochen wird – oder eben das, was Argentinier daraus machen. Meine Tochter hatte zunächst eine Liaison mit Juani, der ihre Leidenschaft für Karate teilt; Väter tun sich ja angeblich schwer, den ersten Freund zu akzeptieren. Ich aber mochte Juani sehr und war sogar ein bisschen traurig, als meine Tochter dann was mit Vicente angefangen hat. Juani ist freilich selbst schuld, und ich hab ihm das auch gesagt: Er kommt immer erst gegen zwölf in den Kindergarten – tja, vormittags hatte Vicente freie Bahn. Seine Neue sagt dazu übrigens: »Ich hab mich mit ihn heute gut gehaut. Juani hat mich manchmal auch gebeißt. Das willte ich nicht mehr.«

Meine Tochter und ich haben wohl noch Mühe, unsere Rolle in Argentinien zu finden. Bei mir ist absehbar, dass ich sie nie finden werde, weil mir Brusthaare fehlen. Ich meine das durchaus auch im übertragenen Sinne: Mit welcher Verachtung mich die Bauarbeiter von gegenüber anschauen, wenn ich auf der Terrasse die Wäsche aufhänge!

Meine Tochter wiederum kann mit Puppen nicht so viel anfangen. Sie hat vier, alle namenlos. Ab und an legt sie einer eine Windel um, vergisst aber das Wechseln, weil sie längst mit ihrem Bruder Fußball spielt oder ihm beim Legobauen die Steine reicht. Sie trägt auch keinen Ohrschmuck, was hier ein Problem ist. Argentinischen Mädchen werden nämlich, kaum, dass sie den Kreißsaal verlassen haben, die Ohrläppchen durchstochen und mit meist erbsengroßem Gold gefüllt. Am Anfang habe ich gedacht, man mache das, weil nach dem Geburtsstress das Lochen nicht als Schmerz empfinden wird. Nach allem, was ich jetzt weiß, ist es so, dass die Babys doch eher nicht so gelassen reagieren.

Ihr mieses Deutsch macht mir wirklich Sorgen. Frank Schweizer, ein Philosoph und Autor von Fantasyromanen, schreibt in seinem Buch Seltsame Sprache(n): Oder wie man am Amazonas bis drei zählt:

Eine Untersuchung hat gezeigt, dass im Alltag 250 bis 500 Wörter ausreichen, damit sich ein normaler Mensch über alles unterhalten kann.

Das hat mich zunächst ein bisschen beruhigt. Dann aber habe ich im Auto festgestellt, dass sich die Grammatikschwäche ausbreitet und auch andere, bislang intakte Bereiche der Sprache befällt. Es ist wie ein Geschwür.
»Papa, können wir die CD hören?«
»Klar.«
»Das dreihe ist mein Lieblingslied.«
»Das Dritte, Schatz.«
»Nee, Papa, drei!«
»Dritte gleich drei.«
»Okay.«
»Ja?«
»Hab ich verstanden, Papa.«
»Toll. Wo ist denn die CD, Mäuschen?«
»Gestern liegte sie noch auf dem Sitz.«
»Jetzt aber nicht.«

Und dann sagt sie ihren Lieblingssatz:  »Wenn nicht, dann nicht.«

Ach, was soll’s, sie ist ein wunderbares Mädchen. Sie zickt niemals rum, nicht mal bei Pedro. Pedro arbeitet in dem Kinderfrisörladen bei uns im Viertel und hat Arme, Beine und vermutlich noch andere Stellen seines Körpers tätowiert: Schlangen, Totenköpfe, Drachen, Feuer, Diego Maradona, das ganze Programm. Ich hätte mir mit dreieinhalb Jahren von so einem nicht die Haare schneiden lassen. Aber ich wurde ja auch, damals in den Achtzigern, von meiner Oma dauernd vor »Punkern« gewarnt. Ich hatte absolutes Punkeranguckverbot. Das muss man sich vorstellen: Da steht ein Kerl mit rot-grünem Hahnenkamm und Nasenring neben einem Fünfjährigen mit DDR-Kinderstandardrundschnitt an der Ampel, und Oma zischt: »Nicht hingucken!«

Meine Tochter ist viel weiter als ich damals, so weltoffen und furchtlos, wie ich es nie sein werde. Vor meinem ersten Flug zum Beispiel war ich schon älter als sie bei ihrer Luftpremiere und wahnsinnig aufgeregt. Die Stewardess hat mir helfen müssen, den Anschnallgurt zu schließen. Ich hatte eine Handvoll Bonbons gegen den Ohrendruck dabei.

Ich war 26 und flog von Berlin nach Wien.

Das Schlangenphänomen

von CHRISTOPH WESEMANN

Der Argentinier liebt das Schlangestehen. Je länger die Schlange ist, um so eher gesellt er sich dazu. »Wenn wir auf der Straße eine Schlange sehen, nähern wir uns mit dem unbewussten Wunsch, uns einzureihen«, schrieb neulich ein Ex-Wirtschaftsminister in der Zeitung. Vielleicht erklärt das auch, warum Buenos Aires weltweit die Stadt mit der höchsten Dichte an Psychologen und Psychiatern ist. Jeder Fünfte geht regelmäßig zum Seelendoktor.

Die häufigste Schlangenart ist die im Supermarkt. Es empfiehlt sich, Verpflegung und Wechselwäsche einzupacken. Der Kunde zahlt selten bar und zeigt deshalb allerhand Karten vor, Personalausweis inklusive. Da das Laufband kaum länger ist als eine deutsche Kreuzotter, wird aufgetürmt, während die Kassiererin gemütlich scannt und einpackt. Ich sehe die Gefahr, dass ich meine Einkäufe bald stehle – und die Kinder würden mich nicht mal vermissen: Papa wäre aus dem Gefängnis schneller zurück als aus dem Supermarkt.

Leben in Buenos Aires bedeutet: warten. Warten auf einen der 150 000 Busse, die durch die 13-Millionen-Metropole fahren. Warten auf die Subte, die erste U-Bahn Südamerikas (1913), eine stets überfüllte Sauna auf Gleisen. Einmal fuhr sie wegen eines Streiks zehn Tage gar nicht. Die Porteños, die Bürger der Hauptstadt, warteten auf den Bus, der sich anschlich, aber nicht anhielt, weil er längst vollgestopft war. Danach warteten sie auf ein Taxi. Irgendwann stiegen sie auf ein Transportmittel um, das ihnen niemand streitig machen konnte: Sie gingen auf eigenen Beinen heim.

Wo der Porteño nicht aufgehalten wird, hält er sich selbst auf. Er befragt Fremde, bis die zugeben, in der tollsten Stadt der Welt zu leben, er geht sowieso keinem Geplauder aus dem Weg. Aber eigentlich hat er keine Zeit. Erstaunlich, dass die Seelendoktoren in dieser Stadt nur jeden Fünften kriegen.

(Diese Kolumne ist erstmalig in der Schweriner Volkszeitung erschienen.)

Epilog: Nie wieder nicht

von CHRISTOPH WESEMANN

Hätten am letzten Abend, als wir am Strand von Valparaísos Nachbarort Viña del Mar den Sonnenuntergang erwarteten, nicht diese drei chilenischen Jungs versucht, uns zu beklauen, wäre Herr T. wahrscheinlich noch viel genervter von mir gewesen.  Aber so war ich nur auf Platz vier. Herr T. ärgerte sich weniger über die Absicht des Trios, uns ein paar Sachen abzunehmen, sobald wir ins Wasser gegangen wären. Wütend machte ihn vor allem, dass die Bande von Kleinganoven – keiner älter als 14! – hinter unserem Rücken vor anderen Badegästen damit geprahlt hatte, uns auszurauben. Dass sie sich ihrer Sache so sicher war. Dass sie keinen Respekt vor uns hatte. Dass sie uns für so dämlich hielt.

Viña del mar

Ach Chile! Ich wurde ja als Argentinier gelegentlich diskrimiert. Einmal verstand mich die Frau am Metroschalter absichtlich nicht, so dass der urdeutsche Herr T. unsere Fahrkarten nach Viña del Mar kaufen musste. Dort angekommen, war es mir unmöglich, den Bahnhof zu verlassen. Wieder und wieder führte ich meine Metro-Chipkarte am Ausgangsdrehkreuz ein, um den Fahrpreis abbuchen zu lassen und gehen zu dürfen. Nichts geschah. Hinter mir ein Stau von neunmalklugen Chilenen: »Need money!« Längst auf der Treppe, schon beschienen von der Sonne, der grinsende Deutsche. Pure Schikane eines Argentiniers, gespeist offenbar aus einem chilenischen Minderwertigkeitskomplex. Irgendwann handelte ich mich am Schalter frei und durfte außen ums Drehkreuz herum.

Vorgeschichte und erster Teil: Exil in Chile

Zweiter Teil: Drei Erdbeben, zwei Deutsche und ein René in Chile

Dritter Teil: Die Vermessung des Paradiestals

◊◊◊◊◊

(Der dritte Mann) Und, meine Herren, verreist ihr noch mal gemeinsam?

(cw) Mit dem?

(Herr T.) Nie wieder!

(Der dritte Mann) Paraguay?

(Herr T.) Wann?

(Der dritte Mann) Vielleicht im Februar.

(cw) War ich noch nie, in Paraguay.

(Herr T.) Ich auch nicht.

Müll, Zoff, Erbrochenes

von CHRISTOPH WESEMANN

Herr T., der Streber, hat natürlich noch einen eigenen Chile-Reisebericht angefertigt. Nicht drei Teile, sondern fünf Kapitel: Die Fahrt, Die Ankunft, Von Bergen und Kraken, Hola Linda!, Paradiestal.

Meine drei Lieblingsstellen:

In der Fußgängerzone kauft sich CW einen … ich weiß gar nicht richtig, wie das heißt. Ah! Mote con Huesillos. Danke Wikipedia! Es handelt sich dabei um einen Saft aus Getreide, mit Getreide und Pfirsich. Wie wild trinkt CW den Saft, rührt das Getreide jedoch nicht an. Es sei ihm suspekt, sagt er. Warum dann überhaupt kaufen? Ich esse es auf.Es schmeckt nach nichts, Konsistenz von Müsli. CW will sich später noch einen kaufen, sieht aber, wie ein Obdachloser sich selbst einen Becher mixt und stellt dann erschreckend fest, dass Mote con Huesillos in seiner Optik von Erbrochenem nicht zu unterscheiden ist.   Nun spuckt er aus, sobald wir einen Stand passieren. (…)

Mit CW gehe ich noch essen, wir plaudern. Man versteht sich. Ist das etwa Harmonie?Am Abend bin ich erschöpft. Zu viele Eindrücke, zu viel CW die letzten Tage. Ich schlafe mit Klamotten auf meinem Bett ein. Im Halbschlaf höre ich CW mehrfach fordern, mich doch bettfertig zu machen…Ich wache mitten in der Nacht auf. Um mich herum Müll, den er mir scheinbar ins Bett geworfen hat, um seinen vorherigen Argumenten Ausdruck zu verleihen. Danke Cw! (…)

An der Grenze das große Drama. CW schreit mich an. Ich hätte seine letzten Sandwiches gegessen. Habe ich auch. Aber warum schreit er mich an? Habe ich ihn doch vorher darauf hingewiesen, dass er die essen müsste, bevor wir an die Grenze kommen, grunzte nur zurück, dass ich machen solle, was ich will… Er müsse arbeiten…

Reisebericht (III): Die Vermessung des Paradiestals

von CHRISTOPH WESEMANN

Die letzten Tage in Chile. Langsames Abschiednehmen für unsere zwei Helden, von unseren zwei Helden. Vorher aber noch ein Aufbruch: Valparaíso! Das Paradiestal, bejault von Sting, ein Sehnsuchtsort, den der Liedermacher Reinhard Mey seine Ulla, die durchgebrannte Jugendliebe, nie erreichen lässt. Die Vermessung der Welt wird als bekannt vorausgesetzt, Wandererfahrung ebenfalls.

Auf dem Gipfel

Vorgeschichte und erster Teil: Exil in Chile

Zweiter Teil: Drei Erdbeben, zwei Deutsche und ein René in Chile

◊◊◊◊◊

  • Mittwoch: Santiago → Valparaíso

(cw) Ich komme endlich dazu, die Wikipedia-Einträge über Chile und Santiago zu lesen; ich habe sie nicht ausgedruckt, sondern zu Hause in Buenos Aires im pdf-Format gespeichert und dann auf meinen Kindle gepackt. Ich würde mich wie ein Nerd fühlen, wären da nicht die Schriftgröße (dreipunktfünf) und Herr T. Der ist richtig multimedial. Vor drei Tagen im Bus hat er mit seiner Kamera die Anden geknipst (meine ist größer!), mit seinem Smartphone gefilmt (beide gleich groß), mit mir geplaudert (mehr Unsinn von ihm) und bekanntlich meinen Mate gehalten. Das wirkt auf mich so übermenschlich, dass ich manchmal denke: Herr T. ist ein Avatar.

Blick auf Valparaíso vom Hügel Bellavista

Ich lese, dass der Erfinder des Fallrückziehers ein Chilene war, weshalb der Fallrückzieher in Südamerika auch la chilena heißt. Außerdem hat Chile das höchste Pro-Kopf-Einkommen des Kontinents und ist von Norden nach Süden 4300 Kilometer lang. Das Land hat 15 Regionen, die mit römischen Zahlen durchnummeriert sind, wobei es die 13 nicht gibt. Ich nehme an: Aberglaube. Santiago ist übrigens die Partnerstadt von Buenos Aires und Kiew. Und man erreicht von der Hauptstadt den Pazifik zum Baden genauso schnell wie die Anden zum Skifahren.

Aber jetzt sind wir schon in Valparaíso, der berühmten Hafenstadt, 120 Kilometer oder zwei Busstunden entfernt von Santiago. Haben wir denn schon ein Zimmerchen, Herr T.?

Standseilbahn zum Bellavista

(Herr T.) Jetzt zitiert er auch noch ständig Wikipedia-Einträge. Naja, manchmal doch ganz interessant.

Wir sind gerade auf dem Hügel Bellavista gewesen, den man mit einer Standseilbahn erreicht. Nun laufen wir bergab und wollen im Pazifik baden. Wo lang? CW quatscht einen älteren Herrn an, der in seinem Vorgarten die Rosen gießt. Es wird nicht klar, wer wen mehr braucht und redseliger ist. Keiner der beiden Männer scheint einen Frisör zu haben (bei CW ist’s offensichtlich), um sich mal auszusprechen. Jeder wirft dem anderen seine halbe Lebensgeschichte über den Gartenzaun.

(cw) Der Mann versteht unseren Wunsch, baden zu gehen, einfach nicht. Also, entweder ist er ein bisschen schwer von Begriff. Oder der Pazifik ist noch nicht so warm, wie wir glauben.

(Herr T.) Ich mache eine furchtbare Entdeckung: CW ist Exhibitionist! Kaum am Strand angekommen, entkleidet er sich. Aus Rücksicht auf die anderen Strandbesucher biete ich CW an, ihm das Handtuch zu halten. Doch er lehnt bestimmt ab und wechselt schutzlos Badehose gegen Schlüpfer. Weitere Details erspare ich mir.

(cw) Ich bin doch keine 16 mehr. Und außerdem verheiratet.

(Herr T.) CW steht jetzt bis zum Knie im Wasser, weit und breit kein anderer, kommt aber nicht so richtig voran. Ich mache kurz die Augen zu, und als ich nach fünf Minuten wieder den Kopf hebe, taucht CW für einen Wimpernschlag bis zur Brust ab. Dann sprintet er heraus, zieht mir mein Handtuch weg und winselt.

Zentrale der chilenischen Marine

(cw) Fest steht: Schwer von Begriff war der Alte am Gartenzaun nicht. 13 Grad, höchstens 14. Die chilenische Marine hat in Valparaíso übrigens ihr Hauptquartier. Und immer am 21. Mai ist der Staatspräsident in der Stadt, um vor dem Nationalkongress zu sprechen, der am Ende der Pinochet-Diktatur hierher verlegt wurde.

(Herr T.) CW und sein fundiertes Halbwissen. Ich geh dann auch mal planschen.

(cw) Wie heißt dieser Vogel, der immer auf einem Bein steht? Richtig. Herr T. macht jetzt den Flamingo und hebt abwechselnd ein Bein aus dem Wasser. Er geht nicht weiter. Großer Fehler. Nach drei Minuten im Pazifik beginnen die Beine fürchterlich zu brennen, man spürt die Füße kaum noch. Drei Meter neben Herrn T. taucht ein Chilene ab und fünf Meter weiter wieder auf, macht einen Handstand und treibt eine Weile auf den Rücken. Ich glaube, gleich rasiert er sich. Herr T. sieht sich um, schaut erst zum Horizont und dann eine Ewigkeit auf die Wasseroberfläche; entweder hat er irgendwas verloren, oder kommt von seinem Spiegelbild nicht los, der Pfau.

Der Chilene schwimmt jetzt ein bisschen raus. Herr T. kommt raus, die Badehose staubtrocken, wird von mir mit Hühnerlauten empfangen und dreht gleich wieder um. Und dann ist er tatsächlich mit dem Kopf unter Wasser. Das Ein- und Auftauchen geschah ein bisschen zu schnell für meine Augen, sind ja gerade auf 3punkt5 eingestellt. Aber ich denke, wir können den Versuch werten.

(Herr T.) Woher soll ich wissen, dass das Wasser wirklich so kalt ist? CW übertreibt doch sonst immer.

(cw) Eine Stunde gemeinsam schweigen.

(Herr T.) Endlich.

Große Melonen

◊◊◊◊◊

  • Mittwochabend: Valparaíso

(cw) Wikipedia schwärmt von der Altstadt mit den Künstlervierteln Alegre und Concepción, die auch auf einem Hügel liegen. Auf geht‘s!

(Herr T.) Wir haben die ersten 100 Treppenstufen gemeistert, als ein Wunder geschieht. Zum ersten Mal auf dieser Reise – vielleicht auch in seinem Leben, wer weiß das schon? –, sagt CW die Wahrheit. Im Angesicht des Uniformierten, der uns aufhält, behauptet er nicht länger, ein Argentinier oder gar ein Porteño zu sein.

»Wo kommt ihr her?«, fragt der Polizist.

»Wir sind Deutsche«, sagt CW wie aus der Pistole geschossen und fügt ganz leise, kaum verständlich hinzu: »Aber ich lebe in Buenos Aires.«

Der Polizist schickt uns zurück. Viel zu gefährlich für Touristen um diese Uhrzeit, sagt er. Zittert der falsche Porteño? CW wird fortan ständig auf der Hut sein, sich umsehen und manchmal vor seinem Schatten erschrecken.

Treppen

(cw) Ich habe dem freundlichen Polizisten ja gleich die Hand geschüttelt, ich meine, ich habe gewissermaßen Brücken gebaut – über zwei Kontinente und zig Kulturen hinweg. Der Ordnungshüter und ich waren kurz davor, ein Bier trinken zu gehen. Herr T., der Untertan, aber hat mit seinen handschellensüchtig nach vorn gestreckten Armen alles zerstört.

(Herr T.) Brücken bauen? CW hätte den kaputten Bürgersteig neu pflastern können, so tief hat er gekniet. Na ja, wir nehmen’s sportlich und drehen um, gehen die 100 Stufen wieder hinab, laufen eine Straße weiter und gehen wieder 100 Stufen hinauf.

(cw) Es hat sich gelohnt, wir entdecken ein tolles Restaurant mit Terrasse in luftiger Höhe und schauen, wie die Sonne im Pazifik versinkt.

Herr T. übersieht geiles Restaurant (links).

(Herr T.) Ach ja, wir haben ein Zimmer, wieder in einem Hostel, wieder viel zu teuer, aber diesmal beherrscht von einer strengen Herbergsmutter statt von netten Damen aus Deutschland. CW hat sie schon kennen gelernt, als er am Nachmittag mit der Kreditkarte unsere zwei Übernachtungen bezahlen wollte. Die Alte holte tief Luft, bleckte ihre Zähne und schnaufte: »Solo en efectivo!« Frei übersetzt: Nur Bares ist Wahres.

(cw) Ich beginne, Die Vermessung der Welt zu lesen.

(Herr T.) Ich begrüße CWs Interesse an den Büchern Daniel Kehlmanns.

◊◊◊◊◊

  •  Donnerstag: Valparaíso

(cw) Auf zum Haus des größten chilenischen Dichters. Jeder in diesem Land kann angeblich ein Gedicht von Pablo Neruda (1904-1973), dem 71er-Literaturnobelpreisträger, zitieren. Auf nach Isla Negra! Wo die Menschen sind. Viele Menschen! Oder doch nicht? Ach, wir geben uns heute zivilisationsmüde, wir laufen lieber los in die Einsamkeit, kehren der Stadt den Rücken, wollen hoch bis zum letzten Haus auf einem dieser Hügel.

Paradies im Tal

(Herr T.) Schon wieder Wikipedia. Und nun auf den Berg? Ich habe keine Ahnung, was das soll.

(cw) Ich führe die Expedition an.

(Herr T.) Die sonnenverbrannte Nase des Expeditionsführers beginnt zu pellen. Sein Hemd ist am Rücken nass. Wir sind erst 20 Minuten unterwegs und schnaufen schon. Taxis fahren an uns vorbei und kommen fünf Minuten später von oben zurück.

(cw) Immer weiter! Es tut so gut. Ich fühle mich wie Alexander von Humboldt. Ich würde gern ein paar Pflanzen aufschneiden. Der Ojos del Salado, mit 6893 Metern der höchste Berg Chiles, ist übrigens auch der höchste Vulkan der Welt. Vielleicht besteige ich den heute auch gleich noch. Immer weiter! Immer weiter!

Aufstieg

(Herr T.) Zum Schrecken der Chilenen, die uns kritisch beäugen, entkleidet sich der Expeditionsführer jetzt und präsentiert seine Hühnerbrust.

(cw) Die ersten Telefone des Landes gab es 1880 übrigens in Valparaíso. Bis 1914, als der Panamakanal eröffnet wurde, war Valparaíso der erste größere Hafen, den Schiffe ansteuerten, nachdem sie Kap Hoorn gemeistert hatten. Die Oberleitungsbusse von Valparaíso sind heute die letzen ihrer Art in ganz Chile. Rodrigo Andrés González Espindola ist in Valparaíso geboren. 1968. Rod! Die Ärzte! Und ein schwarzer Hund läuft uns hinterher.

(Herr T.) Goethe hat zu Recht seinem Mephisto die Gestalt eines schwarzen Hundes gegeben. Irgendwas stimmt mit dem Tier nicht. Mit CW sowieso nicht. Wieso quatscht der eigentlich so viel? Ärzte? CW wird doch nicht schlappmachen, oder? Ich krieg hier doch niemals einen Krankenwagen hoch.

Herr T. fingert nach rotem Auto.

Am roten Auto

(cw) Ein Kiosk, vermutlich die letzte Verpflegungsstation vor dem Gipfel. Ein Junge spielt Fußball gegen den Berg. Er tritt den Ball und wartet, dass er zurückrollt. Herr T. hält ein Schwätzchen mit der Kioskbesitzerin und kauft Cola. Der Kerl ist ja wirklich mit allen Abwassern gewaschen. Hat er wahrscheinlich bei der Tour de France gesehen: Cola vor dem letzten Anstieg gibt noch mal einen richtigen Schub.

(Herr T.) CW hat sich inzwischen mit dem Jungen bekannt gemacht. Sie spielen Fußball miteinander, der Junge schießt bergauf, CW bergab. Man muss sich das vorstellen: Dieser Junge wird wahrscheinlich niemals Deutschland sehen. Sein Bild von Deutschland, das ihn ein Leben lang begleiten wird, ist dieser Mann. Wenigstens hat CW sein Hemd wieder angezogen.

  Alexander von Humboldt (am Ball) mit Alejandro

(cw) Wenn das kein Zeichen ist: Der Junge heißt Alejandro. Alexander! Und er ist Fan des Klubs Colo-Colo, von dem ich in Santiago für meinen Sohn und mich Trikots gekauft habe. Ich frage ihn, wie oft der Ball schon den Berg hinabgerollt sei. Er weiß es nicht.

(Herr T.) Oh je, der Aufstieg ist echt nicht ohne. Ich muss mich selbst daran erinnern, mich hin und wieder umzudrehen, um die Aussicht zu genießen. Aus Asphalt wird Sand, aus Straßen werden Feldwege. Je höher wir kommen, desto provisorischer werden die Häuser. Je höher wir kommen, desto verständnisloser schauen die Leute. Wo wollen die Zwei bloß hin?

(cw) Wenn ich stehen bleibe, zittern meine Beine. Ich frage Herrn T. jetzt alle 500 Meter, wie er heiße. Herr T., sagt er, so heiße er. Er scheint noch fit zu sein. Der Expeditionsführer in mir ist beruhigt. Keine Verluste.

Hund wech

(Herr T.) Mir scheint, CW steigert sich da in etwas hinein.

(cw) Der Hund bleibt zurück. Ganz plötzlich. Den Hund, sagt Herr T., habe er nie leiden können.

(Herr T.) Endlich bleibt das Viech zurück. Ich hatte schon Angst, dass CW es mit ins Hostel nehmen will. (Ich hab den Hund noch nie leiden können.)

(cw) Ich mache mir Vorwürfe, ich hätte dem Hund etwas von meinem Wasser geben müssen. Ich habe ihn nicht gut behandelt. Den Hund, sagt Herr T., habe er nie leiden können.

(Herr T.) Jetzt faselt der seit einer Viertelstunde nur vom Hund. Ich will endlich oben ankommen. Unser Wasservorrat wird knapp. Die Flasche ist fast leer. Und die Sonne kennt wirklich keine Gnade.

Letzte Meter

Fast oben

(cw) Die letzten Meter. Rechts und links nur noch Hütten, an deren Türen manchmal ein Weihnachtsmann hängt. Ich schaue zurück und meine, den Hund ganz weit entfernt zu sehen. Von überall Gebell. Den Hund, sagt Herr T., habe er wirklich nie leiden können.

(Herr T.) Weihnachtsdekoration bei den Temperaturen hat etwas Seltsames. Es passt nicht ins Bild. CW legt erstaunliches Tempo vor. Plötzlich bleibt er stehen und versucht, ein Foto zu machen. Ich frage ihn, was so lange dauert. Es tue ihm leid, sagt er, aber er habe Schwierigkeiten, sich zu sammeln.

Ganz oben

Ganz oben 2

(cw) Mein Leben zieht an mir vorüber. Der Kleinstadtjunge, der immer Unterschätzte, der Ungeliebte, Verstoßene, Ausgestoßene, Abgestoßene, für verrückt Erklärte, der Unterdrückte, Weggedrückte, der Ungewollte, fortwährend Ausgelachte, der schaut jetzt herab auf Valparaíso und steht auf dem Dach der Welt. Hahahahahaha! Vielleicht vertrage ich auch einfach die Höhenluft nicht. Oder habe einen Sonnenstich.

(Herr T.) Ein paar Meter haben gefehlt, wir waren nicht ganz oben. CW sagt, wir könnten behaupten, ganz oben gewesen zu sein.

(cw) Das habe nicht ich gesagt.

Epilog folgt.


Argentinische Helden

Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

Themen

Suchen

Suchbegriff eingeben und «Enter»


Präsidentschaftswahl

Steckbrief

Wir sind schnell.
Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geistes-
wissenschaftlichen Hintergrund. Wir sind böse, sexy und klug. Wir können saufen wie die Kutscher, haben Kant gelesen und nicht verstanden, aber das merkt keiner, und schlafen nie.


Gegründet 2012 von Christoph Wesemann in Buenos Aires