Archiv für April, 2013

Der Test: Haben Sie das Zeug zum argentinischen Wirtschaftsminister?

von CHRISTOPH WESEMANN

Stellen Sie sich vor, Sie sollen einer griechischen Journalistin ein Fernsehinterview geben. Es ist klar, worum es geht: Wirtschaft. Argentinien stand 2001/2002 dort, wo Griechenland heute steht: kurz vor der Pleite. Argentinien hat sich wieder aufgerappelt und könnte vielleicht ein Vorbild für Griechenland sein. Die Journalistin ist nicht blöd. Sie sagt, sie habe eine »einfache Frage«, die aber in Ihrem Land momentan »ziemlich kompliziert« sei. Sie fragt: »Wie hoch ist die Inflation gerade?«

Natürlich wissen Sie, dass die Inflation in Argentinien ein Thema ist, das die Leute besonders aufregt und sogar zum Protestieren auf die Straße treibt. Sie wissen auch, dass die offiziellen Angaben der Regierungsbehörde Indec nicht stimmen und die Inflationsrate in Wahrheit bei 20 bis 30 Prozent liegt. Genauer weiß man es nicht, weil die unabhängigen Institute ihre Statistiken ja nicht mehr veröffentlichen dürfen.

Wie reagieren Sie auf die Frage nach der Inflationshöhe?

a) Sie haben diese Frage natürlich lange vorher gerochen. Also sind Sie vorbereitet, bleiben locker und labern gekonnt am Thema vorbei. Sie jonglieren mit eigenen Zahlen, die vielleicht nicht stimmen, aber schön verwirren, ablenken und sich auf die Schnelle nicht überprüfen lassen. Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner macht das in ihren Volksreden auch so. Sie wissen: Wer nicht verstanden werden will, kann gar nicht genug Zahlen präsentieren. Sie wechseln so schnell vom Agrar- zum Automarkt und wieder zurück, dass jedem Zuhörer schwindelig wird. Außerdem flirten Sie noch ein bisschen mit der Journalistin. Die ist nicht ganz Ihr Typ, aber was macht man nicht alles fürs Vaterland.

b) Mit dieser Frage haben Sie nun gar nicht gerechnet. Wie kommt die Tante nur darauf? Aber Sie versuchen trotzdem zu antworten und sagen, dass die Inflation von der Behörde Indec monatlich gemessen werde. Von ihr stamme »die einzig mögliche Inflation«. Als Sie jedoch nach der Höhe der offiziellen Inflationsrate gefragt werden, geraten Sie ins Schwimmen: »Äh, das hängt davon ab«, sagen Sie. »Ich glaube, 10,2 Prozent jährlich akkumuliert, bei den Dezimalstellen kann ich mich irren.«

Die Journalistin will jetzt auch noch über den Internationalen Währungsfonds sprechen, der Argentinien wegen der Inflationsschummelei mit Strafen gedroht hat. Sie merken natürlich, dass Ihnen das Gespräch gerade entglitten ist, schütteln sich aber und nehmen einen neuen Anlauf. Es lässt sich sicher alles klären. Oder? »Schauen Sie, ich wiederhole, ich glaube, äh, das ist ein … ich weiß nicht … können wir kurz abbrechen?« Sekunden später, als die Kamera wie gewünscht von Ihnen weggeschwenkt ist, sagen Sie: »Ich möchte gehen, ja, ich möchte gehen. Und außerdem, ehrlich, über die Inflationsstatistik in Argentinien zu reden ist ein komplexes Thema, okay?«

Aber Sie haben ja eine Referentin dabei, die Ihre peinliche Vorstellung mitbekommen hat und versuchen wird, noch etwas zu retten. Nicht, dass Sie am Ende noch zur Witzfigur bei Youtube werden. Man kann ja so ein Gestammel auch wunderbar mit Musik unterlegen, da wirken Sie dann gleich doppelt lächerlich. Sicher wird Ihre Referentin wissen, dass das Mikrofon noch angeschaltet ist. Hören wir mal zu, was sie der griechischen Journalistin nun sagt: »Im Ernst, über Inflation reden, wo wir doch nicht einmal mit den argentinischen Medien über die Inflation reden …«

Auswertung

a) Sie haben das Zeug zum Politiker.

b) Sie sind Hérnan Lorenzino, Argentiniens Wirtschaftsminister

 

 

 

 

 

 

El peluquero y el filósofo

von CHRISTOPH WESEMANN

Mi corte de pelo – no quiere que lo llamen peinado – desde ayer me está exigiendo una explicación.

Oldells Boys

Tal vez debí haber estado advertido. Por un lado, el cliente anterior dejó unos tres kilos de rulos negros en el piso del salón – supuestamente porque es periodista y tiene poco tiempo para ir a la peluquería, según dijo más tarde Julio, el hombre de las tijeras.

Por otra parte, había fotos en la pared junto al espejo: el seleccionado de fútbol uruguayo y el Presidente uruguayo José Mujica.

Mujica

Mujica, llamado El Pepe, cultiva flores, es un ex – guerrillero del movimiento de liberación tupamaro y ateo. Su auto privado es un VW escarabajo y como limusina oficial le gusta utilizar un Opel Corsa. Calienta el agua para el mate en una caldera abollada y dona el 90 percentos de su sueldo de 12 500 dólares a pequeñas empresas y ONGs.

Recientemente ofendió a la Presidenta argentina Cristina Fernández de Kirchner y a su fallecido esposo Néstor. Supuestamente no sabía que el micrófono estaba abierto cuando dijo »Esta vieja es peor que el tuerto. El tuerto era más político, esta es terca.«

 

»¿Sos uruguayo?« le pregunté a Julio, mi nuevo peluquero, a quien descubrí casualmente en el barrio de Almagro, donde el niño de 7 y la niña de casi 4 estudian ruso los miércoles.

»Sí. Pero ya hace muchos años que vivo en Buenos Aires.«

»Esta mañana no me lavé el pelo. ¿Te molesta?«

»Pero no … ningún problema.«

Entonces Julio comenzó a cortarme los dos centímetros que habíamos acordado, contándome al mismo tiempo acerca de dónde en Uruguay podría pasar las mejores vacaciones. Fue a buscar un mapa, paseó con su dedo índice por la costa atlántica hasta Castillos y me recomendó por último que sentara base en Aguas Dulces. Supuestamente sería una playa sin gente, un pueblito paradisíaco, algunos restaurantes y la laguna de Castillos: »¡Un sueño! Cuando quieras ir vení antes por aquí que te ayudaré a encontrar algo bueno.«

O nuestra conversación duró demasiado, o los peluqueros uruguayos no dominan el sistema métrico.

Para los supuestos dos centímetros menos de cabello que debía tener, mi cabeza había quedado demasiado calva.

»¿Te gusta vivir aquí?« pregunté como para despedirme.

»Sí, mucho, Buenos Aires es una ciudad maravillosa«, dijo Julio. »¡Ay, si no hubiera tanta delincuencia!«

»¿Está empeorando?«

»Sí.«

»¿Por qué?«, pregunté. »¿Demasiados pobres?«

»No.«

»¿No?«

»Demasiados ricos.«

(Según Wikipedia, Aguas Dulces tiene »417 habitantes, de los cuales 215 son hombres y 202 mujeres«.)

◊◊◊◊◊

Muchísima gracias a mi lectora Moníca por la traducción del texto Phriseur y Filosoph.

Papa allein zu Haus: Eine Prügelei, ein Schwein mit Trikotsponsor und das Winkebaby

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich bin erst zwei Tage allein mit den drei Kindern, das ist noch nicht einmal Halbzeit. Aber zum Glück habe ich alle im Griff.

◊◊◊◊◊

In der Küche, wo ich abwasche, erreichen mich Schreie aus dem Wohnzimmer. Ich klappere ein bisschen mehr mit dem Geschirr, vielleicht hilft das ja. Nein, die Schreie werden lauter, ich identifiziere: die Stimmbänder der fast Vierjährigen.

»He! Was ist da los?«

»Papa, er haut mich.«

Kurzes Nachdenken. Selbstgespräche ohne Ton. Ich sollte endlich etwas essen, oder? – Aber du wäschst doch gerade ab. – Trotzdem. Ich habe Hunger. – Ist sowieso nichts da. – Sag das doch gleich.

»Hau zurück.«

Der Kampf geht über mehrere Runden. Kein eindeutiger Sieger.

◊◊◊◊◊

Der Siebenjährige hat im Deutschunterricht am Internationalen Tag des Buches (23. April) ein Schwein basteln müssen. (Nein, was ein Schwein damit zu tun hat, kann ich nicht erklären. Ich wüsste es aber auch gern.) Ich lasse mir das Arbeitsheftchen zeigen.

Titelblatt: »Wir malen ein Schwein.«

Seite 2: »Wir malen drei Kreise auf das Blatt.«

Seite 3: »Dann malen wir vier Punkte.«

Die Aufgaben mögen für Zweitklässler etwas sehr leicht wirken, aber es sind ja argentinische Zweitklässler, die Deutsch lernen. Ich nehme zum Beispiel an, dass bei mir – wären das spanische Sätze – am Ende eine Giraffe herauskäme. Oder ein Nashorn.

Seite 4: »Wir malen zwei Dreiecke.«

Seite 5: »Und nun malen wir zwei Vierecke.«

Seite 6: »Am Ende malen wir einen Kringel.«

Rückseite: »Jetzt basteln wir zusammen ein buntes Schwein!«

Das Sohnschwein heißt Lloyd und sieht so aus:

Boca Schwein

Lloyd trägt das Trikot der Boca Juniors, ganz eindeutig. Sein Verein. Mein Verein. Unser Verein. Sogar an den Trikotsponsor hat mein Sohn gedacht. Aber Schwein bleibt Schwein. Ich weiß nicht, ob das bei dem Burschen was Harmloses ist – vielleicht Unterbelichtung im Oberstübchen – oder eher was Dramatisches: Vereinswechsel.

 

◊◊◊◊◊

Die Rothaarige ist fasziniert von den chinesischen Winkekatzen, die in vielen Schaufenstern stehen, es gibt ja auch viele Chinesen. Manchmal schauen wir minutenlang zu, wie die kleinen Goldviecher hinter der Scheibe den Arm auf und ab bewegen. Man trifft in Buenos Aires eigentlich keine Katzen, vielleicht wegen der vielen Chinesen. Hunde gibt es allerdings genug.

Wenn wir weitergehen, frage ich: »Macht die Katze miau

Die Rothaarige schüttelt den Kopf, sagt »no«, ballt die Faust und winkt mit dem Arm.

Phriseur und Filosoph

von CHRISTOPH WESEMANN

Seit gestern 15 Uhr (Ortszeit) sagt mir mein Haarschnitt, der übrigens nicht »Frisur« genannt werden will, er bestehe darauf, erklärt zu werden. Ich versuch‘s.

Vielleicht hätte ich gewarnt sein sollen. Zum einen hatte der Kunde vor mir schätzungsweise drei Kilogramm schwarzer Locken auf dem Boden des Salons zurückgelassen – angeblich, weil er Journalist ist und wenig Zeit für Friseurbesuche hat, wie Julio, der Scherenmann, später erzählen sollte. Zum anderen waren da die Fotos an der Wand neben dem Spiegel: Uruguays Nationalmannschaft und Uruguays Präsident José Mujica.

Mujica, genannt El Pepe, ist gelernter Blumenzüchter, Ex-Guerillero der kommunistischen Befreiungsbewegung Tupamaros und Atheist. Er fährt privat VW-Käfer und nutzt als Dienstlimousine gern einen Opel Corsa. Sein Matewasser erwärmt er in einem ollen Kessel, und er lebt von 1500 Dollar im Monat, weil er fast 90 Prozent seines Präsidentengehalts (260 259 uruguayische Pesos, 12 000 Dollar) Betrieben und Nichtregierungsorganisationen spendet.

Gerade hat er die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner beleidigt – und deren verstorbenen Mann und Amtsvorgänger Néstor gleich mit. Angeblich wusste er nicht, dass das Mikrofon offen ist, als er sagte: »Die Alte ist schlimmer als der Einäugige. Der Einäugige war politischer, sie ist störrisch.« Mujica entschuldigte sich ein bisschen, wurde aber mit der uruguayischen Variante von Eber an stolzer Eiche auch pampig:»Was kümmert den Tiger schon ein weiterer Streifen?«

 

»Bist du Uruguayer?«, fragte ich Julio, meinen neuen Herrenfriseur, den ich zufällig im Stadtviertel Almagro gefunden hatte, wo der Siebenjährige und die fast Vierjährige zweimal die Woche Russisch lernen.

»Ja. Aber ich lebe schon viele Jahre in Buenos Aires.«

»Ich habe meine Haare heute Morgen nicht gewaschen, stört dich das?«

»Gar gar kein Problem.«

Dann begann Julio, mir die vereinbarten zwei Zentimeter abzuschneiden, und erzählte dabei, wo ich in Uruguay am besten und schönsten den nächsten Urlaub verbrächte, er holte eine Landkarte, reiste mit seinem Zeigefinger an der Südatlantikküste entlang bis nach Castillos und empfahl schließlich, in Aguas Dulces Quartier zu nehmen. Menschenleer sei dort der Strand, ein paradiesisches Dörfchen, ein paar Restaurants, und die Lagune von Castillos – ein Traum! »Wenn du hinfahren willst, komm vorher vorbei, ich helf dir, was Gutes zu finden.«

Entweder hat unser Gespräch ein bisschen zu lange gedauert, oder aber uruguayische Friseure haben es nicht so mit dem Metrischen Einheitensystem. Für angeblich zwei Zentimeter weniger Haar war mein Kopf jedenfalls viel zu kahl.

»Gefällt’s dir eigentlich hier?«, fragte ich zum Abschied.

»Ja, sehr, Buenos Aires ist eine wunderschöne Stadt«, sagte Julio. »Wenn nur die Kriminalität nicht wäre!«

»Wird’s denn schlimmer?«

»Ja.«

»Warum?«, fragte ich. »Zu viele Arme?«

»Nein.«

»Nein?«

»Zu viele Reiche.«

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Aguas Dulces hat laut Wikipedia »417 Einwohner, davon 215 männliche und 202 weibliche«.

Cristina twittert sich aus

von CHRISTOPH WESEMANN

Diese Präsidentin ist einfach sensationell. Während augenblicklich im ganzen Land Hunderttausende gegen ihre Regierung protestieren und die Oppositionsparteien zum ersten Mal mitmachen, twittert Cristina Fernández de Kirchner (1 872 527 Follower) wie eine Süchtige – und ignoriert den Massenaufmarsch. Stattdessen verkündet sie: »Wir bauen das Gebäude der Kunstschule. Es wird finanziert vom Ministerium für Entwicklung und gebaut von den Arbeitskollektiven.«

Zwischenstand um 21.41 Uhr: 44 Tweets von Cristina in einer Stunde. Nein, die Präsidentin lässt nicht twittern. Sie macht das wirklich selbst.

Clarín, Argentiniens größte Tageszeitung, zählt übrigens live die Massenprotest-Tweets auf Twitter. Ich finde das eine grandiose Idee.

Twitter

Kinderquatsch mit Messi, der Mama von Fran und Onkel Siggi

von CHRISTOPH WESEMANN

Das fast vierjährige Vorschulmädchen schaut mit mir im Sportkanal Barcelona gegen Paris St. Germain, das Viertelfinalrückspiel der Champions-League. Barca liegt 0:1 zurück und braucht ein Tor, um das Halbfinale zu erreichen. Lionel Messi, als erster Spieler viermal in Folge Weltfußballer, soll eingewechselt werden und beginnt sich warmzuwachen. Der Argentinier ist noch verletzt und darf eigentlich nicht spielen.

 

»Kennst du Messi?«, frage ich.

»Ja!«

»Magst du ihn?«

»Ja!«

»Ist der gut?«

»Hm, ich glaube nicht.«

Zehn Minuten später tritt Messi einmal an, trickst zwei Spieler aus und bereitet den Ausgleich vor. »Einbeiniger Allmächtiger« titelt die Süddeutsche Zeitung zwei Tage später und staunt: Messi habe, obwohl erkennbar geschwächt und kaum fähig zu laufen, die »psychologische Balance des Spiels schlagartig« verändert. »Er kippte sie.« Stürmer David Villa wird mit dem Satz zitiert: »Messi entscheidet ein Spiel mit seiner alleinigen Präsenz.«

◊◊◊◊◊

Wir sprechen über das Verhältnis zu ihrem siebenjährigen Bruder.

»Weißt du, Papa, er sagt zu mir immer blöde Kuh.«

»Echt?«

»Ja. Und das ist doch ein schlimmes Wort, ja?«

»Eigentlich sind das sogar zwei schlimme Wörter.«

»Manchmal nennt er mich auch dumme Kuh

»Echt?«

»Ja!«

»Und was sagst du dann?«

»¡Cállate!« – Cállate heißt: Halt’s Maul!

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Die Eineinhalbjährige wird im Kindergarten nur Colo gerufen, eine Kurzform des Adjektivs colorado/a, was bunt, obszön und pikant, aber auch rot bedeutet. Ich frage mich natürlich schon länger, warum sie als einzige in der Familie rote Haare hat. Angeblich kommen die von Onkel Siggi, wobei ich auf diversen Familienfeiern nie einen Onkel Siggi getroffen habe. Scheint ein sehr entfernter Verwandter zu sein.

Die Rothaarige könnte außerdem allmählich anfangen zu sprechen. Sie versteht sehr viel, beherrscht aber bislang nur vier Wörter: hola, mamá (wie im Spanischen endbetont), Kitty und no. Die Kommunikation mit ihr ist nicht immer ganz einfach, obwohl ich sogar bilingual unterwegs bin.

»Hunger?«

»No.«

»Willst du was trinken?«

»No.«

»Queres tomar algo?«

»No.«

»Gibst du mir einen Kuss?«

»No.«

»Un beso?«

»No.«

»Soll ich dich küssen?«

»No.«

»Hast du Papa lieb?«

»No.«

»He!«

»Mamá.«

»Hunger?«

»No.«

 

◊◊◊◊◊

Der Siebenjährige erzählt ein paar Tage lang immer wieder, dass sein Schulfreund Fran ihn zum Spielen eingeladen habe. Es gibt für solche Fälle ein Verfahren: Die Eltern sprechen eine Einladung aus, indem sie entweder anrufen, wenn sie die Telefonnummer haben, oder beim Klassenlehrer einen kurzen Brief abgeben, den der wiederum ins Mitteilungsheft des Eingeladenen legt. Frans Eltern melden sich jedoch nicht. Ich habe die Angelegenheit gerade vergessen, als ich in der Schultasche des Sohnes einen beschriebenen und zum Kuvert gefaltenen Zettel finde:

Hallo Mama von Fran darf ich irgendeinen Tag (unlesbares Wort) bei euch übernachten er kann dann am Sonnabend bei mir schlafen

(Übersetzung von mir)

Brief an Mutter Fran

Im Klassenraum findet er tags darauf zehn Pesos, und vielleicht um Spuren zu verwischen, investiert er sie sogleich am Schulkiosk in Kartoffelchips. Sein Klassenlehrer ertappt ihn und schreibt mal wieder ins Mitteilungsheft. Das Geld gehöre nämlich Alejandro, der es verloren habe und morgen bitte zurückbekomme. »¡Muchas Gracias! Saludos, Juan.«

◊◊◊◊◊

In den vergangenen Wochen hat mein Sohn seinen Schimpfwortschatz erheblich erweitert. Mittlerweile kennt er alle handelsüblichen Beleidigungen und Flüche Argentiniens, und zwar sowohl auf Spanisch als auch auf Deutsch.

Lieber Leser, alter Schwachkopf, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie stolz ich bin.

Tischlein, leer dich

von CHRISTOPH WESEMANN

Von Berufsratgebern haben wir gelernt, dass vor dem Abflug ins Wochenende unbedingt der Arbeitsplatz aufgeräumt werden sollte. Das erleichtert nämlich den Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess am Montag. Und selbst Angestellten, die lieber im Internet stundenlang merkwürdiges Zeug gucken, also andere arbeiten lassen, schenkt ein leerer Schreibtisch am Freitag das schöne Gefühl: Puh, wieder was geschafft.

Und dieser Schreibtisch auf dem Foto? Was für ein Durcheinander, oder? Un quilombo, wie man in Buenos Aires. Was da alles rumsteht an Krempel, Staubfängern und Krimskrams.

Schreibtisch ausschnitt

Der Schreibtisch gehört Cristina Kirchner. Scheint akut messie-gefährdet zu sein, die argentinische Präsidentin, hebt wohl alles auf, was sie auf ihren Reisen zugesteckt bekommt, kann einfach nichts wegschmeißen, ist vielleicht auch der sentimentale Typ, der gern in Erinnerungen schwelgt.

Schreibtisch oben

Mit dem Ding tritt sie auch öffentlich auf, wenn sie ihre gefürchteten, unangekündigten und meist anlasslosen Volksreden mit Überlänge hält, die von den staatlichen Radio- und Fernsehsendern live übertragen werden müssen. Vor einer Woche hat sie sich aber ausnahmsweise kurz gefasst: Über die Flutkatastrophe sprach Cristina nicht einmal 31 Minuten.

Schauen Sie ruhig rein. Wie die Präsidentin bei einself von ganz links das Brillenetui holt, bei zwodreizehn ein Riesenblatt nach rechts auf den Stapel schafft und bei dreineununddreißig das festgetackerte Papier mit buntem Schaubild löst, wie sie fuchtelt und hyperaktiv auf ihrem Thron herumrutscht – all das ist für uns Weihnachts- und Neujahrsansprachendeutsche, die wir an Staatsschauspieler mit vorgeschriebenem Sprechtext auf dem Teleprompter gewöhnt sind, ganz großes Laientheater. Mit Drauflosquatschen. Und Plastikwasserflasche.

Foto: Casa Rosada

Urlaubsreife Deutsche

von CHRISTOPH WESEMANN

Mit Besuch aus Deutschland fahre ich immer zuerst in dieses Parkhaus im Microcentro von Buenos Aires. So stelle ich klar: Argentinien ist anders. Die Deutschen haben diesen Verdacht freilich schon auf den 30 Kilometern vom Flughafen Ezeiza ins Zentrum: Gehupe auf der Autobahn, viele Spurwechsel, Hineindrängeln in die kleinste Lücke, ohne jemals zu blinken – dass Argentinien anders ist, können Argentinier schlecht verheimlichen.

Wenn wir diese engen und scheinbar endlosen Einbahnstraßen ohne Ampeln entlangfahren, fragt mein Besuch: »Sag mal, wie ist das mit der Vorfahrt eigentlich?« Ja, so etwas interessiert Deutsche. Mein Eindruck nach acht Monaten in Buenos Aires: Nein, Argentinier interessiert so etwas überhaupt nicht.

In Deutschland wird an Kreuzungen ohne Ampel und Verkehrsschilder rechts vor links praktiziert. Wir kriegen das erstaunlich gut hin, oder? Schwierig wird’s allerdings, wenn aus allen vier Richtungen jeweils ein Auto gleichzeitig an die Kreuzung rollt und somit keiner mehr rechts vor links ist. Das Ergebnis ist, dass sich vier Deutsche in vier Autos sehr lange angucken und niemand losfahren will. Es muss erst jemand gefunden werden, und das dauert. Man muss es gesehen oder noch besser mitgemacht haben, um es zu glauben.

Gewiss, es ist eine gewagte These, aber wenn sich jemand fragt, warum wir Deutschen 120 Jahre länger als die Franzosen gebraucht haben, um uns von der Monarchie zu befreien und endlich eine erste Republik zu gründen: Tja, siehe oben. Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924), der Vater der Sowjetunion, hat das eleganter ausgedrückt, als er sagte: »Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas. Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!« Aber gemeint hat er im Prinzip das Gleiche. Wir sind mehr Völkchen als Volk.

Mit meinem Besuch fahre ich also noch am ersten Tag in eines dieser engen Parkhäuser, wo man den Autoschlüssel zurücklässt, damit der Wagen umgeparkt werden kann, wenn’s sein muss. Für meine Eltern war schon das zu viel: die Vorstellung, dass ein Fremder den Schlüssel hat und ihn vielleicht sogar benutzt, um eine Runde zu drehen.

Dann kam der Parkwächter, ein erstklassiger Auftritt: Er ließ sich den Autoschlüssel zuwerfen, nickte und warf ihn im Weggehen auf die Frontscheibe. Zwei Stunden lag er zwischen den Scheibenwischern. Danach waren meine Eltern abgehärtet und konnten ihren Urlaub genießen. Aber den Parkwächter hätten sie am liebsten verhaften lassen.

(Eine kürzere Variante dieser Kolumne ist erstmalig in der Schweriner Volkszeitung erschienen.)

Die unendliche Hosengeschichte

von CHRISTOPH WESEMANN

Beim Abholen von Hose 2 – in Hose 1 selbstverständlich – habe ich gestern Hose 3 gekauft. Sie ist natürlich auch schwarz und muss natürlich auch wieder gekürzt werden. Das scheint eine unendliche Geschichte zu werden. Entweder sucht der Verkäufer absichtlich zu lange Hosen raus, weil er so an mir hängt, und wir haben uns ja tatsächlich mit Wangenkuss begrüßt und verabschiedet. Oder ich habe für meinen Bauch einfach zu kurze Beine.

Den wunderschönen, exzellent geschnittenen und keineswegs zu teuren schwarzen Anorak mit vier Innentaschen und herausnehmbarem Futter habe ich jedenfalls nicht gekauft, da war ich standhaft.

Warum ich das erzähle? Ist vielleicht morgen jemand in der Nähe der U-Bahn-Station Palermo, der Hose 3 abholen kann – bezahlt ist sie schon – und die Sache mit dem Anorak aus der Welt schafft? Den habe ich sicherheitshalber zurücklegen lassen.

Krieg im Klassenzimmer, ein falscher Robin Hood und vier Sekretärinnen: Meine letzte Woche mit 34 (Teil 2)

von CHRISTOPH WESEMANN

Fortsetzung des ersten Teils: Zwischen Che Guevara und Günther Jauch

  • Mittwoch: Franco, eine Pralinenschachtel und die Betrunkenen von der Trbüne

Der erste Schultag nach den Osterferien: Die fast Vierjährige trägt Uniformteile ihres Bruders, es hat sein Gutes, wenn Vorschule und Schule zwar räumlich getrennt, aber doch eins sind. Am Mittag hole ich beide Kinder ab. Es ist ja auch der erste Vorschultag im Leben der Tochter. Neue Kinder, neue Erzieherin, neuer Ort. Außerdem hat es schon für Erstaunen gesorgt, dass wir sie am Morgen nicht hingebracht, sondern zu ihrem Bruder in den Schulbus gesetzt hatten. Sie wollte es so, und ich hatte nichts dagegen: Der Verkehr zwischen sieben und neun in Buenos Aires ist kein Vergnügen.

Der Siebenjährige kommt aus der Schule mit seinem besten Freund, der schon dreimal bei uns übernachtet hat. »Und, Franco«, frage ich, »besuchst du uns bald wieder?«

»Heute!«, sagt mein Sohn.

»Nein.«

»Bitte, Papa!«

„Geht nicht, Oma und Opa sind da. Wir haben kein Bett frei.«

»Dann morgen. Bitte.«

»Oma und Opa sind auch morgen noch da.«

»Wie lange sind sie denn da?«

»Bis Freitag!«

»Franco, dann kommst du am Freitag zu mir und übernachtest bei uns.«

Ich setze die Schwiegereltern und meinen Sohn in den Zug, es sind nur zwei Stationen nach Hause, und versuche noch mal, mit meiner Tochter die Vorschuluniform zu kaufen. Das Geschäft ist halb dunkel, aber geöffnet. Erst am Nachmittag, nach zwei Tagen, wird das Viertel wieder Strom haben. Im Kindergarten der Eineinhalbjährigen gebe ich einen Beutel ab. Die Erzieherinnen hatten die Eltern gebeten, Kinderkleidung zu spenden. In vielen Ecken der Hauptstadt wird an diesem Tag für die Überschwemmten in der Provinz Buenos Aires gesammelt.

Was machen argentinische Fußballfans, wenn die eigene Mannschaft schlecht spielt und die Partie sehr langweilig ist? Sie machen sich lustig über den Erzfeind, und der muss dafür nicht mal mitspielen.

Zum ersten Mal erlebe ich ein Spiel der Boca Juniors. Das Stadion – Traumziel vieler Groundhopper – heißt, wie es aussieht: La Bombonera, die Pralinenschachtel. Barcelona Sporting Club, Ecuadors Rekordmeister, ist zu Gast in der Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions-League.

Boca schießt ein frühes Tor und bekommt danach nichts mehr hin. Also wird gesungen, und immer wieder dasselbe Lied, noch nach dem Schlusspfiff ist es im Treppenhaus des Stadions zu hören. Es macht ja auch Spaß, den großen Rivalen dafür auszulachen, dass der am 26. Juni 2011 erstmals in seiner 110-jährigen Vereinsgeschichte in die Zweite Liga abgestiegen war. Ein Jahrhundertereignis im argentinischen Fußball. Vergleichbar mit einem Abstieg der Bayern, mindestens. »Niemand, absolut niemand, wird in der Lage sein, diesen Tag zu vergessen«, schrieb damals Clarín, die größte Zeitung des Landes.

Schon nach der Niederlage im ersten Entscheidungsspiel drei Tage zuvor in Córdoba hatten Fans von River ihre Spieler über den Platz gejagt. Im Rückspiel begannen Hooligans des berüchtigten Fanclubs Los Borrachos del Tablón (Die Betrunkenen von der Theke Tribüne1) noch vor dem Abpfiff, das eigene Stadion zu zerlegen. Der Schiedsrichter beendete die Partie nach 89 Minuten.

 

Draußen gab es stundenlange Straßenschlachten mit mehr als 2000 Polizisten, Autos brannten, Restaurants wurden geplündert. Ein Jahr später kehrte River Plate aus der Primera B Nacional zurück – doch die Schmach bleibt. Und bei Boca, das selbst eine schwer kriminelle und gewaltbereite Fanszene hat, erfreut man sich bis heute am in jeder Beziehung peinlichen Abschied des Feindes aus der Ersten Liga.

(Ich danke meiner Leserin Mónica und Andreas von Argifutbol für die Tipps beim Übersetzen.)

  • Donnerstag: 100 Pesos und die Sache mit den Inseln

Ich habe heute Euren Sohn am Schulkiosk erwischt. Er hatte 100 Pesos in der Hand und wollte Süßigkeiten kaufen, um sie mit seinen Kumpels zu teilen. Wir sagen den Kindern immer, dass sie kein Geld mitbringen sollen, um sich irgendwas zu kaufen. Es gibt bei so etwas nur Probleme und Missverständnisse. Bitte helft uns und vermeidet es, ihm so viel Geld mitzugeben. Vielen Dank! Grüße, Juan.

Eintrag des Klassenlehrers im Mitteilungsheft

Ich befrage gleich den falschen Robin Hood, der’s dem Armen nimmt und den Reichen gibt, also von unten (Kolumnenschreiber) nach oben (Anwaltskinder) umverteilt. Beim Sprechen muss ich mein Gesicht immer wieder wegdrehen, um mein Grinsen zu verbergen. Ich sehe vor mir, wie dieser Zwerg auf dicke Jogginghose macht und breitbeinig zum Kiosk marschiert. Er gibt auch gleich alles zu und hat kein schlechtes Gewissen.

»Ich hatte Hunger.«

»Was wolltest du denn kaufen?«

»Wieso wollte?«

»Du hast gekauft?«

»Ja.«

»Was denn?«

»Eis, Chips, ein Sandwich, eine Fanta. Ich hatte Hunger, Papa!«

»Du hattest Brot mit.«

»Ich hatte großen Hunger.«

Las Malvinas an der Wand des Präsidentenpalasts

Ich frage, was es sonst Neues gebe.

»Wir haben über diese Inseln gesprochen.«

»Die Malwinen

»Ja.«

»Und? Erzähl mal!«

»Ähm, also, die Engländer … «

» … die verdammten Engländer, mein Sohn … «

» … haben Inseln, die eigentlich Argentinien gehören. Und da hat Argentinien einen Krieg angefangen … «

» … am 2. April 1982, gestern vor 31 Jahren … «

» … und den verloren. Deshalb haben die verdammten Engländern immer noch die Inseln.«

»Aber die Malwinen waren, sind und bleiben argentinisch! Las Malvinas fueron, son y serán argentinas! Merk dir das!«

»Weiß ich doch. Hat Juan auch gesagt.«

»Ist ein guter Lehrer! Und warum gehören die Inseln Argentinien?«

»Weil sie neben Argentinien sind.«

»Bist ein guter Junge!«

Ein Arbeitsblatt aus dem Schulheft des Sohnes. Der Erklärtext oben lautet übersetzt: »Vor langer Zeit wurden unsere Malwineninseln von Großbritannien besetzt. Am 2. April 1982 wollte die argentinische Regierung sie militärisch zurückholen. So begann ein Krieg, in dem unser Land besiegt wurde.« Anmerkung von mir: Die argentinische Regierung zu dieser Zeit war eine sehr brutale Militärdiktatur, die brutalste aller Diktaturen in Südamerika. Die Lehrerin zeigt auf die Weltkarte und sagt: »Das hier sind unsere Malwineninseln.«

 

  •  Freitag: Eine Stirnbeule, vier argentinische Sekretärinnen und Homer Simpson

»Wenn Franco heute kommt, schaffe ich es nicht mehr, das Geschenk zu kaufen, das du dir zum Geburtstag wünschst«, sagt der Siebenjährige am Morgen und ist den Tränen nahe. Ach ja, die Kinder sind aufgeregter als ich.

»Mir fällt schon was ein«, sage ich.

Ich kaufe zwei Homer-Simpson-Plastikfiguren im Trikot der Boca Juniors, eine für meinen Schwiegervater, eine für mich.

Um 13 Uhr, als sich die Schwiegereltern gerade verabschieden, ruft die Schulsekretärin an. Mein Sohn sei im Flur vor dem Klassenraum beim Herumrennen, was selbstverständlich nicht erlaubt sei, von einem anderen Jungen zu Fall gebracht worden und habe sich verletzt. Es gehe ihm aber ganz gut. »Willst du vorbeikommen und ihn abholen?«, fragt die Sekretärin »Oder soll er um vier mit dem Bus nach Hause kommen?«

Ich winde mich etwas. Ich habe meine Schwiegereltern gestern acht Stunden durch die Stadt geführt und sie abends noch zu einer Tangoshow begleitet. Ich habe die vergangenen vier Nächte im Schnitt nur vier Stunden geschlafen. Außerdem ist es heute noch einmal irre heiß. Eigentlich will ich jetzt nicht das Haus verlassen. Ich würde gern ein bisschen lesen und Mate trinken, bis um fünf die Familie einfällt. Es geht ihm doch gut, hat sie gesagt. Er sagt das sogar selbst, ich frage extra noch mal nach.

»Ich muss Bescheid sagen, verstehst du?«, fragt die Sekretärin.

»Ja, klar.«

»Und die meisten Eltern kommen in solchen Fällen sicherheitshalber vorbei.«

»Okay, ich muss noch was erledigen, bin aber in eineinhalb Stunden da.«

Ich kann gar nicht so viel Mate trinken, wie ich kotzen möchte.

Mein Sohn hat eine rote Beule auf der Stirn und ist total gut drauf. Franco steht neben ihm und freut sich auch schon, er darf nämlich, weil er bei uns übernachtet, die letzte Stunde mitschwänzen. Seine Mama hat es erlaubt, erfahre ich von der Sekretärin.

Augenblick, wieso noch Unterricht? Ich dachte immer, nachmittags wird nur Fußball gespielt.

»Unterricht ist bis 16 Uhr.«

Plötzlich stehe ich im Sekretariat, vier Frauen um mich herum, vier junge Frauen, vier argentinische Frauen. Ich soll jetzt schnell entscheiden, was mit den beiden Schülern wird, und bin natürlich überfordert. Vier! Frauen!

Wenn ich die beiden Jungs gleich mitnähme, so kalkuliere ich, wären wir gegen drei zu Hause. Zehn nach drei wäre Chaos in der Bude; die erste Randale gäbe es um halb vier. Gegen halb fünf wäre ich eingekesselt.

»Die bleiben!«

Dem Simulanten und seinem Helfershelfer wird das sogleich mitgeteilt. Sie haben schon ihre Schultaschen geschultert und stehen abmarschbereit vor mir. Nix da, Freunde. Proteste. Tränen. Androhung psychischer Gewalt. Ich flüchte ins Café.

Eine E-Mail von Tomás, der die Karten für das Boca-Spiel besorgt hatte.

Estimado Christoph, como andan? Fue muy grato el momento pasado juntos en la cancha, junto al pequeño y tu suegro, un caballero al igual que vos. Te agradezco mucho las fotos, y también la pasión por los colores de nuestro querido equipo. Volveremos a la cancha. Ustedes son buenas personas con valores y un gran corazón, son nuestros amigos muy queridos.

Un gran abrazo. Tomás.

Geschätzter Christoph, wie geht’s Euch? Die Zeit mit euch im Stadion war großartig, mit dem Kleinen und deinem Schwiegervater, einem Gentleman, wie es Du es bist. Ich danke Dir sehr für die Fotos – und für die Leidenschaft für die Farben unserer geliebten Mannschaft. Wir gehen bald wieder zusammen ins Stadion! Ihr seid wunderbare Menschen mit Werten und einem großen Herzen, ihr seid unsere geliebten Freunde.

Sei fest umarmt. Tomás.

Ich könnte das nicht so poetisch formulieren, fühle mich aber sehr gut beschrieben.

  • Sonnabend: Zwei Geschenke zum 35. und ein Hosenkauf

Sind heute mehr Haare als sonst nach dem Duschen in der Badewanne? Ich bin jetzt 35 und fühle mich keinen Tag jünger.

Zum Geburtstag bekomme ich von meiner Familie ein schwarzes T-Shirt mit einem aufgedruckten Pinguin, der eine Krawatte trägt, und die Homer-Simpson-Figur im Trikot der Boca Juniors. Ich bin gerührt.

Mir wird überdies versprochen, dass ich im Laufe des Tages statt einer Geburtstagstorte noch eine kleine Tüte meiner Lieblings-Medialunas überreicht bekäme, was freilich auch im Laufe des Tages vergessen wird. Ich komme sowieso nicht zum Essen, sondern muss die fast Vierjährige und den schon Siebenjährigen zum Russischunterricht ans andere Ende der Stadt bringen. Sie haben diese Sprache gelernt, richtig gelernt, erst in der Ukraine, dann in einem deutsch-russischen Kindergarten in Berlin, nicht wie ich einst in der Schule kurz vor dem Zusammenbruch der DDR. Mein Sohn spricht akzentfrei Russisch, und ich empfinde das als Privileg, das es zu bewahren gilt.

Franco kommt natürlich mit, er bleibt ja bis Sonntag bei uns, vielleicht auch bis Montag, alles ist möglich. Seine Mutter sagt am Telefon: »Wie ihr wollt. Wenn ich ihn abholen soll, ruft an.«

Ich hetze ihn durch die Straßen, weil ich zwei neue Hosen brauche. Erst friert Franco und teilt mir das alle zwei Minuten mit. Er trägt aber weder Jacke noch Socken. Ich versuche, Franco in meinem Windschatten gehen zu lassen, die Radrennfahrer machen das doch auch so, Belgischer Kreisel, und verlaufe mich dabei. Und der argentinische Wind pfeift auf meinen Belgischen Kreisel und dreht die ganze Zeit. Ein Hosengeschäft finden wir auch nicht.

Erst auf dem Nachhauseweg kommen wir zufällig an einem Laden vorbei. Zwei alte Herren bedienen. Man kann so was gar nicht erfinden: Der eine ist Fan von Racing Club, der andere von Independiente. Wohl nirgendwo auf der Welt sind sich zwei verfeindete Fußballklubs so nahe wie in Avellaneda, einem Vorort von Buenos Aires. Nur 300 Meter trennen die beiden Stadien, von der Tribüne des einen kann man das andere sehen. Maximal vier Meter trennen den Racingfan vom Independientefan, größer ist der Hosenladen nicht. Sie arbeiten jeden Tag miteinander und teilen vielleicht noch mehr, ich würde das nicht ausschließen. Die Vierjährige beginnt gleich, die Frontscheibe des Kassenschranks abzulecken, und die beiden Siebenjährigen wollen unbedingt den Krawattenständer umstoßen.

Der Racingfan legt seine Zigarette beiseite, reicht mir zwei schwarze Hosen und raucht weiter. Die eine passt sofort, die andere wird in drei Tagen gekürzt sein. Die drei Kinder, die ich mitgebracht habe, sind inzwischen ein schreiendes Knäuel auf dem Boden. Ich ermahne sie, ich erpresse sie mit McDonald’s, ich bitte um Ruhe, nichts hilft. Die armen Hosenverkäufer.

Zum Glück bin ich fertig und habe das Geld schon in der Hand. Der Racingfan lässt mich nur noch ganz schnell und absolut unverbindlich eine Strickjacke anziehen, die wunderbar zu meinen neuen Hosen passen würde. Und einen Gürtel, auf dem Argentina steht und zwei Pferde abgebildet sind, findet er auch zufällig. »Halt den mal an, muchacho, ist doch irgendwann eine tolle Erinnerung an dein Leben in Buenos Aires.« Che, und dieses T-Shirt, das ganz neu reingekommen ist, fühl mal, 100 Prozent irgendwas, wahrscheinlich Baumwolle, das schenkt er mir fast, ich wäre regelrecht blöd, das hier zu lassen.

Dann zündet er sich eine neue Zigarette an und tippt auf dem Taschenrechner alles zusammen, zwei schwarze Hosen, schwarzer Gürtel mit zwei Pferden, schwarzes T-Shirt, schwarze Strickjacke, er nennt eine Summe und fragt sicherheitshalber, ob ich schon einen guten Anzug hätte. Ich überlege tatsächlich einen Augenblick.

»Ich habe drei und trage keinen davon«, sage ich, und das stimmt sogar.

Kann sein, dass ich am Ende, mit all den großzügig gewährten Rabatten und Fast-Geschenken, mehr bezahle, als wenn der Racingfan die offiziellen Preise einfach addiert hätte. Aber zum einen wälzt sich das Knäuel immer noch schreiend, nun aber auch Schimpfwörter ausspuckend, über den Boden. Ich weiß wirklich nicht, was das für Verrückte sind, die sich vier Kinder anschaffen. Zum anderen: Gute Geschichten gibt es nun mal nicht umsonst.

Ende.

  1. Oh, wie peinlich: »Maestro, ich muss Dich schweren Herzens korrigieren«, schreibt mir Andreas von Argifutbol. »Los tablones sind Holzelemente/-bretter oder -dielen, aus denen früher die Stadien errichtet wurden. Dementsprechend sind Rivers .. .die gehen ja auch ins Stadion und nicht in die Bar.« []

Argentinische Helden

Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

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Gegründet 2012 von Christoph Wesemann in Buenos Aires

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