Archiv für Juni, 2013

Fußball, Gewalt und Sauerkraut

von CHRISTOPH WESEMANN

Meine Kinder mögen mir bitte verzeihen. Aber natürlich ist heute mein größter Tag gewesen. Gewiss, drei Geburten mitzuerleben war auch super. Aber was hatte ich damit zu tun? Um Missverständnissen und Vaterschaftstests vorzubeugen: Ich meine, mit dem Gebären an sich? Eben. Die Hebamme, 60 Jahre alt, 5000 Babys, hatte damals im Vorgespräch die Erwartungen an mich im Kreißsaal so formuliert: »Halt einfach die Klappe und lass uns machen.«

Das klingt leichter, als es ist – wenn man quasi zu allem eine Meinung hat.

Bild 1

Und heute bin ich in Olé. Olé ist das größte Sportblatt Argentiniens, also in einem nach Fußball überverrückten Land die wichtigste Tageszeitung. Was? Clarín? Pffff, schreibt Namen bedeutender Persönlichkeiten falsch.

Ich bin natürlich nicht so der Bühnenprofi. Einem Bühnenprofi passiert nämlich nicht, was mir zwei Stunden vor dem Auftritt am Dienstagabend passiert ist: Da kaufte ich mir eine Cola am Kiosk und ließ sie mir, nachdem ich einen Schluck getrunken hatte, an der nächsten Ecke abnehmen. Ein Mann war mir entgegen gekommen. Ich kann mich an die Worte nicht mehr erinnern, aber er fragte ungefähr: »Krieg ich deine Cola?« Es klang nicht fordernd, eher leise und unsicher, und wir hielten auch gar nicht an, sondern ich übergab meine Flasche im Vorbeigehen. »Gracias«, sagte er noch. Ich war sprachlos. Auch über mich selbst.

Und dann meine Rede. La violencia en el fútbol alemán. Die Gewalt im deutschen Fußball. Hooligans und Affenlaute gegen schwarze Spieler, Daniel Nivel und neue Stadien. Mehr Polizei und die Frage: Kann der argentinische Fußball mit seinem viel größeren Gewaltproblem etwas von Deutschland lernen? Antwort: eher nicht. In Argentinien sind Politik und Polizei Teil des Problems.

Ich fand mich nicht gut, und das kommt ja selten vor. Da mich aber von den Zuhörern nur Lob erreicht hat und ich leichtgläubig bin, halten wir fest: Eine große Rede war das.

Foto konferenz

Mein Umfeld und ich rätseln jetzt noch, wie die Überschrift von Olé – »Y éste le puso chucrut« – zu verstehen ist. Ich habe fünf Argentinier gefragt und keine klare Übersetzung bekommen. Klar, chucrut ist Sauerkraut, und Sauerkraut ist für Argentinier typisch deutsch. Noch deutscher als Sauerkraut sind übrigens nur die Toten Hosen, wie eine andere argentinische Zeitung mal schrieb.

Die Überschrift könnte bedeuten: Er brachte das Sauerkraut, also die deutsche Perspektive, mit in die Konferenz.

Oder ich selbst bin das Sauerkraut.

Was Opa mal erzählen wird

von CHRISTOPH WESEMANN

Liebe Porteños,

ich werde heute Abend in Eurer Stadt, die längst auch meine geworden ist, einen Vortrag halten. Die argentinische Abgeordnete Cornelia Schmidt-Liermann will, dass ich erzähle, wie in Deutschland mit Gewalt im Fußball umgegangen wurde und umgegangen wird. Und was glaubt Ihr, habe ich auf die Frage, ob ich auf Deutsch oder auf Spanisch sprechen wolle, wohl geantwortet?

Genau.

Wisst Ihr, ich werde meinen Enkel noch davon erzählen, dass ich in Eurem Congreso de la Nación einen Auftritt hatte. Bueno, es ist der Fraktionssaal, in dem ich spreche, vielleicht auch nur ein angrenzendes Hotel, aber Ihr, Ihr wisst doch genau, wie das mit dem Übertreiben ist, oder?

Man erzählt’s nachher so oft, bis man direkt die Präsidentin unterrichtet hat – und es auch noch glaubt.

Übrigens: Als ich neulich in Córdoba war, ist mir aufgefallen, dass es Argentinier gibt, die man auf Anhieb versteht, weil sie nicht so ein Hauptstadthektiknuschelkuddelmuddelspanisch reden wie Ihr. Wenn Ihr also nachher etwas von mir wissen wollt, sprecht bitte deutlich und langsam. Benutzt nach Möglichkeit Wörter, die ich kenne, ich weiß, so viele sind das nicht. Lenkt mich bitte auch nicht mit übertriebenen Gesten vom Verstehen ab. Männer, knöpft Euer Hemd zu, damit ich nicht neidisch Brustfell gucken muss. Frauen, schmeißt Eure Mähne nicht so wild, ich bin verheiratet.

Ach, am besten fragt Ihr gar nichts, liebe Porteños.

Ich muss sowieso schnell weg. Die Kinder sind bei Freunden und Freundinnen, weil ich wieder ein paar Tage alleinerziehend bin. Auf mich wird gewartet!

Ach ja, lacht bitte über meine zwei Scherze, die ich eingebaut habe. Die sind wirklich gut. Ich habe jeweils dreißig Sekunden wildestes Gelächter eingeplant und werde mir auch noch zwei, drei Beruhigungsfloskeln auf die Handinnenseite schreiben. Lasst mich nicht hängen; ich habe zwar jemandem im Saal, der die Witze anlacht, aber nur er und ich, das wäre doch ein bisschen dürftig. Der erste Scherz kommt gleich am Anfang und geht auf Deutsch so: »Oh, Verzeihung. Entschuldigt bitte meinen starken Akzent. Es ist der Traum meines Lebens, zu sprechen wie ein Argentinier. Oder noch besser: wie ein Porteño.«

Brüller. Sag ich doch. Wie die größte Tageszeitung des Landes meinen Namen schreibt, ist aber auch einer: Herrjeh, da schaffst du’s einmal in Clarín, und dann heißt du Cristhoph Wesermann.

Pep Guardiola, los comegatos, el taxista que maldice y un hijo

von Christoph Wesemann y Moní (traducción)

Si Newell’s Old Boys de Rosario ganara la Copa Libertadores a fines de julio y después tuviera que jugar la final de la copa mundial des clubes contra Bayern en Marruecos, yo llamaría a Pep Guardiola para ofrecerle mis servicios de informante en forma gratuita (libre de impuestos).

He visto dos veces al equipo de la provincia de Santa Fe en vivo y en directo y ya puedo anticipar la forma de jugar de los comegatos. Naturalmente Pep está aprendiendo alemán. Pero para estar seguro de que entienda mis instrucciones acerca de la presión horizontal simultáneo con el desplazamiento vertical, vamos a hablar en su idioma. Sólo espero que con su castellano culto logre entender mi argentino popular con un fuerte acento porteño.

KatzeEsta vez Newell’s Old Boys, también llamado Ñuls, líder de la primera división tuvo que vérselas con el club capitalino All Boys del barrio de Floresta.

Juego de lunes por la nochecita. Tránsito de fin de jornada. Avenidas principales obstruídas. Calles laterales cerradas. Policías fumando a los costados. Unos pocos cientos de metros antes de llegar a destino, los tres carriles que se utilizan como si fueran cinco, se convierten en uno solo.

El taxista que está bien a la izquierda toca la bocina, abre el vidrio y señaliza con su dedo la necesidad de hablar.

¿Qué está pasando? El tachero larga de todo: durante medio minuto todos los insultos y maldiciones imaginables, todos hijos de puta, pelotudos, maldita obra, ¿me escuchás?, la c.… de tu hermana, la p… que me parió, me los paso todos por el forro …., estos idiotas.

Tenés razón, amigo. Gracias por la conversación.
»¿Escuchaste eso?«
»Si, cada palabra, papi.«

¿Pero a dónde tenemos que ir? Preguntemos al tipo joven con camiseta de All Boys cómo llegar al Estadio Islas Malvinas. Este nos responde enseguida con otra pregunta. »¿Querés ir a la entrada de Ñuls?«
»¡Hey, pará que yo no como gatos!«
Gran jajajajaja.

Claro, si uno se identifica como hincha del equipo local, tendría que encontrar el estadio de una. Por otra parte, tiene capacidad para 21 500. No es una cancha, es sólo una canchita, que bien se puede pasar por alto alguna vez.

Al final la capital vence a la provincia por 2:1. Y el niño de 7 aprovecha la ocasión del triunfo para insultar con un »hiiiijos de puuuuutaaa« a grito pelado a los invitados que se van retirando y la gente lo aplaude entusiasta.

Die Herkunft der angeblichen Quilmes-Läuse (Richtigstellung)

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich entschuldige mich in aller Form bei den Fans des Quilmes Atlético Club für die Unterstellung, meinen Sohn neulich im Fußballstadion mit Kopfläusen versorgt zu haben. Ich wurde unzureichend eingebunden. Leider erst heute, also viel spät, hat mich die Schuldirektorin des Siebenjährigen korrekt informiert.

Betreff: Zweite Antiläuse-Session

Liebe Familien,

wir haben beobachtet, dass die Läusefälle in der Schule zugenommen haben. Wir setzen auf unsere Alltagserfahrungen und darauf, dass wir von Ihnen wissen, dass es sehr produktiv war, den gemeinsamen Kampf zu fördern. Wir schaffen es gemeinsam, zumindest für eine Zeit, den Ansteckungsherd zurückzudrängen.

Nachdem ein paar Monate vergangen sind, ist es jetzt nötig, die Aktion zu wiederholen. Deshalb bitten wir Sie, an diesem Wochenende bei Ihren Kindern eine Antiläusebehandlung vorzunehmen, die dann – wieder einmal – einmal erfolgreich ist. Auf unsere Teamarbeit!

Herzlicher Gruß

(Übersetzung von mir)

Ich trete als Kolumnist dennoch nicht zurück. Ich bleibe im Amt.

Auf Spanisch klingt die Rundmail so:

Queridas Familias:

Hemos observado que se han incrementado los casos de pediculosis en el Colegio. Basados en nuestra experiencia cotidiana y en aquello que muchos de Uds. nos han transmitido evaluamos que fue muy productivo promover un combate en conjunto. Logramos entre todos, al menos por un tiempo, disminuir los focos de contagio.

Pasados unos meses se vuelve necesario repetir la acción. Los invitamos entonces a que este fin de semana del 8 y 9 de junio les realicen el tratamiento antipediculosis a sus hijos para que triunfe, una vez más, ¡nuestro trabajo en equipo!

Un afectuoso saludo

 

Pep Guardiola, die Katzenfresser, der fluchende Taxifahrer und ein Sohn

von CHRISTOPH WESEMANN

Wenn die Newell’s Old Boys aus Rosario Ende Juli die Copa Libertadores gewinnen sollten und dann im Weltpokalfinale in Tokio1 Marokko gegen die Bayern spielen, werde ich Pep Guardiola anrufen und mich als Informant auf Honorarbasis (steuerfrei) anbieten. Ich habe die Truppe aus der Provinz Santa Fe jetzt zweimal live gesehen und kann das Spiel der so genannten »Katzenfresser« lesen. Pep lernt natürlich deutsch, aber um sicher zu gehen, dass er meine Anweisungen zum horizentalen Pressing mit gleichzeitiger Vertikalverschiebung auch kapiert, werden wir in seiner Sprache reden. Ich hoffe nur, dass er mit seinem Gelehrtenspanisch mein eher volkstümliches Argentinisch mit starkem Buenos-Aires-Akzent auch versteht.

Diesmal hatten es die Newell’s Old Boys, der Tabellenführer der ersten Liga, auch Ñuls genannt, übrigens mit dem Hauptstadtklub All Boys aus dem Viertel Floresta zu tun. Montagabendspiel. Feierabendverkehr. Verstopfte Hauptstraßen. Gesperrte Nebenstraßen. Rauchende Polizisten am Rand. Ein paar hundert Meter vorm Ziel soll aus den drei Spuren, die aber benutzt werden, als wären es fünf, nun eine Spur werden. Der Taxifahrer ganz links lässt mal kurz die Hupe los, macht die Scheibe runter und zeigt mit dem Finger Gesprächsbedarf an. Was ist denn los? Er gibt alles: eine halbe Minute feinster Schimpfwörter und Flüche, alles Hurensöhne, Trottel, scheiß Baustelle, hörst du, die F**** deiner Schwester, die Hure, die mich geboren hat, sollen mir doch alle einen blasen, diese Idioten.

Recht hast du, mein Freund, danke fürs Gespräch.

»Hast du das gehört?«

»Jedes Wort, Papa.«

Aber wo müssen wir überhaupt hin? Fragen wir doch den jungen Mann im All-Boys-Trikot nach dem Weg zum Estadio Islas Malvinas. Der kommt gleich mit einer Gegenfrage. »Willst du zum Eingang von Ñuls?«

»Hey, ich ess‘ doch keine Katzen!«

Großes Hahaha.

Klar, wenn man sich als Fan der Heimmannschaft ausgibt, sollte man vielleicht das Stadion auf Anhieb finden. Andererseits: Fassungsvermögen 21 000. Das ist keine Cancha, das ist eine Canchita, die man durchaus mal übersehen darf.

Am Ende steht ein 2:1-Sieg der Hauptstadt über die Provinz. Und der Siebenjährige nutzt die Chance zum Triumphieren, beschimpft aus voller Kehle die abrückenden Gäste als »hiiiijos de puuuuutaaa« – und bekommt Szenenapplaus.

  1. Da verlasse ich mich mal wieder auf Lebenserfahrung (wie immer Tokio, wo denn sonst) und bekomme gleich eine dezente Kurznachricht mit Link von Leser Wacho_Chorro: »Morsche, zieh Deinen Bericht zurück. Dicker Fehler drin.« []

Argentinische Helden

Diego Maradona, gezeichnet von Danü (c)

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Steckbrief

Wir sind schnell.
Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geistes-
wissenschaftlichen Hintergrund. Wir sind böse, sexy und klug. Wir können saufen wie die Kutscher, haben Kant gelesen und nicht verstanden, aber das merkt keiner, und schlafen nie.


2012 von Christoph Wesemann in Buenos Aires gegründet. Derzeit im Exil. (Montevideo)