Archiv für Juni, 2015

Wir sind unzähmbare Argentinier: das Lied „Somos de acá“

von CHRISTOPH WESEMANN

Mein Freund Pablo sagt, ich soll dieses Lied, das fünf Gänsehäute übereinander schichtet, so erklären: »Uns Argentiniern ist alles komplett egal. Außer Fußball und Religion. Aber die Religion auch erst, seit Jorge Bergoglio Papst ist.«

Somos de acá 2

Somos de acá 3

Somos de acá 4

Somos de acá 5

Es ist eine viereinhalbminütige Reise durch Argentinien, auf die uns die Rockgruppe Yeims Bondi mitnimmt. Wir hören eine grandiose Liebeserklärung an Land und Leute, großkotzig bis narzisstisch, zugleich aber schwer selbstironisch, weil Argentinien und Argentiniern ja auch allerlei misslungen ist über die Zeit und allerlei weiter misslingen wird. Große Ereignisse, hübsche Menschen, viele Idole, nicht weniger boludos1 und ein paar richtige Verbrecher werden uns im offiziellen Video begegnen. Genau hingucken, bitte!

Anschnallen, señoras y señores: »Somos de acá« (Wir sind von hier) von Yeims Bondi:

Am Ende klingt dann noch all die Widersprüchlichkeit an, die manches zur Faszination Argentiniens beiträgt. Man ist einerseits sehr patriotisch, kann sich aber auch entsetzlich aufregen über sein Land. Schuld sind natürlich immer die anderen. Diebe und Gauner aller Art, die keine Grenzen kennen, haben dieses wunderbare Land heruntergewirtschaftet, ganz klar. Man selbst schmeißt seinen Müll natürlich auf die Straße und geht bei Rot über die Ampel, hält sich auch sonst an kein Gebot und wählt grundsätzlich den, der das Meiste verspricht.

Argentinien, heißt es im Lied, ist die Titanic, die so oft untergegangen ist und auf einmal wieder auftaucht, außerdem ein Witz, den man nicht ganz versteht, über den man aber trotzdem lacht. Weil man sonst weinen würde.

Ich habe den Text des Liedes übersetzt. Kritik, Hinweise und Vorschläge − her damit!

 
Somos de acá Wir sind von hier
Somos una charla
en el café de cada esquina.
Somos ese mate
compartido en la cocina.
Somos cantautores
en la ducha, en la cancha
y en el bar.
Somos de acá.
Wir sind ein Gespräch
im Café an jeder Straßenecke
Wir sind dieser Mate,
der in der Küche geteilt wird.
Wir sind Liedermacher
unter der Dusche, im Stadion
und in der Bar.
Wir sind von hier.
Somos el país
de las 13 maravillas.

Somos ese country
justo al lado de la villa.

Somos una infancia
de pelota y figuritas
y algo más.

Somos de acá.
Wir sind das Land
der 13 Wunderwerke.

Wir sind die Luxussiedlung
genau neben dem Elendsviertel.

Wir sind eine Fußball-und-
Sammelbilder-Kindheit
und noch mehr.

Wir sind von hier.
Si nos visitas
te enamorarás
de nuestro chamuyo
industria nacional.

Y si sos varón,
andá con precaución:
las minas de acá
explotan de verdad.
Wenn du uns besuchst,
wirst du dich verlieben
in unser Gelaber
made in Argentina.

Und wenn du ein Junge bist,
sei immer schön vorsichtig:
Unsere Bomben2
explodieren wirklich.
Si naciste acá
y cruzaste el mar
como en aquel tango
siempre volverás.
Y yo que en mi piel
llevo tu piel porque aprendía crecer acá
ya no me voy más.

Yo soy de acá.
Wenn du hier geboren
und dann ausgewandert bist,
wirst du wie in diesem Tango
immer zurückkommen.
Und ich, der auf meiner Haut
deine Haut trägt, weil ich weiß,
hier klarzukommen,
Ich werde nicht wieder abhauen.

Ich bin von hier.
Somos un buen polvo
y el asado con amigos.

Si la vida miente
le cantamos falta envido.

Y si el río se llevó la plata,
nos vamos a cartonear

A orillas del mar.
Wir sind ein guter Fick
und das Grillen mit Freunden.

Wenn das Leben lügt,
singen wir ihm falta envido.

Und wenn der Fluss das Geld weggespült hat,
ziehen wir los zum Müllsammeln an den Stränden des Meeres.
Somos de acá,
somos de acá.

Somos argentinos
sin domesticar.

Somos la soberbia,
y la chispa genial,

la bandera desteñida
de los locos sin atar.
Wir sind von hier.
Wir sind von hier.

Wir sind Argentinier,
nicht zu zähmen.

Wir sind der Hochmut
und der geniale Mutterwitz,

die ausgeblichene Fahne
der absolut Bekloppten.

 

 

 

Villa 31, eines der großen Elendsviertel der Hauptstadt

> Argentinisch: das Elendsviertel (hier Villa 31) in bester Lage

Eine Leidenschaft argentinischer Kinder: figuritas, die Sammelbilder.

>Eine Leidenschaft der Kinder: las figuritas, die Sammelbilder

Y le damos palos
a la argentinidad,
pero la regamos
del campo a la ciudad.
Todas las gargantas con
arena de este mar
se encontrarán
en la popular.
Und wir regen uns furchtbar
auf übers Argentinische,

düngen es es aber
überall und jederzeit.

Alle Stimmen, die zu
Argentinien gehören,
versammeln sich
auf den Stehplätzen.
Somos argentinos,
luchando contra molinos,

sangrando por un siglo,
malvendido,
mal parido,
por espejos de colores,
por payasos y traidores
que se toman todo el vino
pero nunca vacaciones
Wir sind Argentinier,
gegen Windmühlen kämpfend,

Blutend wegen eines verschleuderten,
weggeworfenen Jahrhunderts,
wegen der Illusionen,
der Clowns und Betrüger,
die sich all den Wein nehmen,
aber niemals Urlaub.
Somos todo lo que fuimos,
Lo que no pudimos ser:
El Titanic que se hundió tantas veces
y que de repente

vuelve a aparecer.
Como un chiste de argentinos,
que no lo entendí muy bien,
por si acaso igual yo me río,
para no llorar, también.
Wir sind alles, was wir waren,
das, was wir nicht sein konnten:
Die Titanic, die so oft unterging
und plötzlich dann wieder auftaucht;

wie ein Witz von Argentiniern,
den ich nicht recht verstand,
Über den ich vorsichtshalber
trotzdem gelacht hab,
um nicht zu weinen.
¿Sabés porqué?
Por la furia,
la emoción, el orgullo
y el dolor
de ser un argentino,
uno más, igual que vos
Weißt Du warum?
Wegen des Zorn,
des Gefühls, des Stolzes
und des Schmerzes,
ein Argentinier zu sein,
noch einer, genauso wie Du.
Somos de acá,
somos de acá.

Somos argentinos
sin domesticar.

Somos la soberbia,
y la chispa genial,

la bandera desteñida
de los locos sin atar.
Wir sind von hier,
wir sind von hier.
Wir sind Argentinier,
nicht zu zähmen,
Wir sind der Hochmut
und der geniale Mutterwitz,
die ausgeblichene Fahne
der absolut Bekloppten.
Somos de acá,
somos de acá.
Somos argentinos
sin domesticar
Somos una mezcla milagrosa
para bien y para mal
Somos de acá.
Wir sind von hier,
wir sind von hier.
Wir sind Argentinier,
nicht zu zähmen.
Eine wunderbare Mischung,
auf Gedeih und Verderb.
Wir sind von hier.

 

  1. Deppen []
  2. tolle Frauen []

Der Kampf um die Präsidentschaft: Zwei Wandelprediger gegen den Kirchnergänger

von CHRISTOPH WESEMANN

Mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen am 25. Oktober ist Argentinien seit Sonntag, 0 Uhr, schlauer. Punkt Mitternacht war vorerst Schluss mit Gerüchten und Geschäften: Parteien und Bündnisse präsentierten ihre Kandidaten, und das Land weiß nun, wer Präsident werden will. Es riecht nach einem Duell zwischen dem Peronisten Daniel Scioli, Gouverneur der Provinz Buenos Aires, und dem nichtperonistischen Hauptstadtbürgermeister Mauricio Macri. Die beiden sind alte Freunde, obwohl sie politisch weit auseinander liegen: Scioli verspricht Kontinuität, Macri einen Wandel. Oder wird aus dem Zwei- ein Dreikampf, weil sich der junge Peronist Sergio Massa doch noch einmal erholt?

Das Argentinische Tagebuch beschäftigt sich in zwei Teilen mit dem Wahlkampf, stellt die wichtigsten Kandidaten vor und erklärt die Strategien. Der erste Teil widmete sich der Regierung. Im zweiten Teil geht es um die Opposition.

»Der Ingenieur möchte morgen mit Ihnen sprechen.« Die Stimme am Telefon gehörte Anita Moschini, Mauricio Macris langjähriger Sekretärin, und die Bitte galt Gabriela Michetti, der Senatorin, die seit einem Autounfall vor 21 Jahren im Rollstuhl sitzt. Der Ingenieur regiert seit fast acht Jahren die Hauptstadt. Landesweit bekannt geworden ist er als Präsident des Fußballklubs Boca Juniors, der unter ihm die erfolgreichste Zeit seiner Geschichte erlebte. Titel um Titel sammelte der Verein mit den meisten Fans im Land zwischen 1995 und 2007. Nun will Macri Staatschef werden. Es fehlte nur noch: jemand an seiner Seite. Ein Vize.

Michetti

> Gabriela Michetti am Abend ihrer Niederlage bei der Wahl des PRO-Kandidaten für das Bürgermeisteramt von Buenos Aires

Der Vizepräsident ist eine zentrale Figur in der argentinischen Politik, mehr als ein Ersatzmann, der einspringt, wenn die Nummer eins ausfällt. Er leitet den Senat, hat also Zugriff auf einen Teil der Gesetzgebung, und ist obendrein unkündbar. Der richtige Kandidat für dieses Amt überzeugt Wähler, die vom Anführer nicht überzeugt sind, er beschafft Stimmen und überstrahlt Schwächen, indem er vielleicht dem Jungen seine Erfahrung schenkt oder dem Erfahrenen seine Jugend.

Von der fórmula spricht man hier zu Lande, wenn zwei Politiker gemeinsam in den Präsidentenpalast einziehen wollen. Eine Formel für die große Schlacht also, und der Hauptstadtbürgermeister hatte sie bis zu diesem Anruf gesucht. Monatelang. Sollte er einen Peronisten wählen, um nicht als Anti-Peronist dazustehen? Der Peronismus ist schließen noch immer die stärkste Kraft in Argentinien, eine breite Bewegung von links bis rechts, ideologisch flexibel, machtversessen und durchtrieben. Macri aber verspricht dem Land »cambio«, Wechsel, Wandel und Veränderung. Wer, bitte, soll das glauben mit einem Peronisten im zweitwichtigsten Amt der Republik? Dann also jemand aus den eigenen Reihen. Aber kein Ex-Peronist! Oder doch? Eine Frau! Nein, keine Frau. Dann eben ein pibe, ein junger Kerl. Den kennt aber keiner. Am Ende wäre es trotzdem fast ein pibe geworden: Marcos Peña, Jahrgang 1977, »das Gehirn der Regierung Macri«, Mitglied der mesa chica, des kleinen Tisches, wie der engste Kreis eines Politikers in Argentinien genannt wird. Auf kaum einen anderen Vertrauten hört der Bürgermeister mehr. Peña war der Favorit.

Doch dann wurde Daniel Scioli – mit dem Segen der Präsidentin Cristina Kirchner – alleiniger Präsidentschaftskandidat der Regierung. Und Macris Wahl fiel auf Gabriela Michetti, die Frau, die im Dezember 2014 die Kandidatur abgelehnt hatte. Sie wollte lieber Hauptstadtbürgermeisterin werden, verlor aber Monate später die interne Wahl – wohl auch, weil Macri ihren Rivalen Horacio Larreta unterstützt hatte. Schwamm drüber. Diesmal sagte sie zu. Aus Mauricio Macri–? wurde Mauricio Macri–Gabriela Michetti, die Präsidentschaftsformel.

PRO Flyer

Michetti ist ein bekanntes Gesicht der argentinischen Politik, und davon hat die liberal-konservative Partei PRO nicht sehr viele. Die Senatorin kann Stimmen weit außerhalb des angestammten Reviers Buenos Aires holen. Macris Berater wollen ermittelt haben, dass 70 Prozent der Befragten ein positives Bild von ihr haben. Und Emotionen bringt sie sowieso mit (bisweilen zu viele), auch dieses Talent kann wichtig werden. Denn der Kandidat soll polarisieren – und die Wahl ist auch deshalb auf Michetti gefallen, weil Macri mit ihr im Tandem den »größtmöglichen Kontrast zum Kirchnerismus« aufbieten kann.

Zur Erinnerung: Daniel Scioli erweckt hintenrum gern den Eindruck, er sei im Grunde kein Kirchnergänger, sondern ein unabhängiger Peronist, der Reformen wolle. Nun aber tritt er mit einem Vize an, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert zum Stamme der Kirchners gehört. Obendrein schickt die Präsidentin noch eine ganze Armada ihrer Aufpasser – allen voran Sohnemann Máximo – ins Parlament. Scioli wirkt gefesselt und taugt deshalb kaum als Hoffnungsträger jener Argentinier, die Neues wollen.

Daniel Scioli und Cristina Kirchner beim Festakt zum Tag der Fahne (20. Juni) in Rosario Foto: Casa Rosada

> Daniel Scioli und Cristina Kirchner beim Festakt zum Tag der Fahne (20. Juni) in Rosario Foto: Casa Rosada

Dieses Bild – der Kandidat als Marionette der abtretenden Cristina Kirchner – werden Macri und seine Leute zeichnen. Wer den Kirchnerismus von der Macht vertreiben wolle, so das Kalkül, darf nicht Scioli wählen. (Der wiederum wirft Macri vor, er wolle Argentinien in die neoliberalen neunziger Jahre zurückführen, er werde den Staat schwächen und die großen Unternehmen stärken. Privat verstehen sich die beiden Politiker übrigens ausgezeichnet.)

Zwischen Scioli und Macri steht Sergio Massa, ein Peronist, der sich vom Kirchnerismus abgewandt hat. Cristina Kirchners früherer Kabinettschef (23. Juli 2008 bis 7. Juli 2009) schien lange Zeit ein aussichtsreicher Anwärter auf das Präsidentenamt zu sein. Mittlerweile ist er eher Außenseiter, zumal Macri geschafft hat, was auch Massa angestrebt hatte: eine Allianz mit den Radikalen. Die UCR, eine stolze, aber ziemlich heruntergekommene Volkspartei, stellt Macri – neben ihrer Wählerschaft – einen Teil der Infrastruktur: spendenwillige und einflussreiche Unternehmer, Meinungsmacher, Wahlbeobachter, Stimmenauszähler, Kampagnenfachleute und vor allem tausende Freiwillige. In Argentinien wird ja nicht ankreuzt, sondern eingetütet: Man steckt einen der Scheine, die die Parteileute im Wahllokal ausgelegt haben, in einen Umschlag. Es kommt aber durchaus vor, und nicht unbedingt selten, dass diese Scheine verschwinden – besonders dann, wenn die Partei nicht genug Leute hat, die Wache stehen.

Ein Wahllkokal bei den Parlamentswahlen 2013 in Buenos Aires

> Ein Wahlkokal in Buenos Aires bei den Parlamentsvorwahlen 2013

Im Vergleich mit Scioli und Massa ist Macri der Kandidat, der sich am stärksten von der traditionellen Art des Herrschens gelöst hat. Seine Rivalen setzen auf das, was man in Argentinien kennt: große Aufmärsche und das Füllen von Fußballstadien als Machtbeweis, starke Gefolgschaft und schwache Strukturen. Die Loyalität der Unterstützer gehört nicht der Partei, sondern dem Anführer, und der schlüpft in die Rolle eines Familienoberhaupts und verspricht, sich um das Wesentliche zu kümmern. Parteien existieren zwar reichlich – 800, schätzt man –, in vielen Fällen sind sie jedoch kaum mehr als Attrappen und einzig dazu da, dem Anführer Gesellschaft zu leisten. Ein großes Stammwählerpotenzial (25 Prozent)1 hat ohnehin nur noch der Peronismus.

Argentiniens Politik ist voller dunkler, nicht selten schmutziger Geheimnisse. Man kauft ein, was man braucht, Bürgermeister, einflussreiche Politiker, Meinungsführer und Stimmungsmacher aller Art, mitunter ganz direkt, oft aber mit Versprechen für die Zeit nach dem Triumph oder hübschen Umfragen. »Unsere Politiker sind keine Idioten«, sagt ein Berater, der das Geschäft kennt. »Wenn ein Kandidat tolle Werte hat, wollen viele andere von seinem Teller mitessen.«

Es heißt, Macri betreibe solche Spielchen nicht. Seine Berater achten angeblich sehr darauf, dass der Wandel, den der Kandidat verspricht, in der eigenen politischen Kultur sichtbar wird. Man hat in den vergangenen Jahren versucht, PRO zu entwickeln, die Partei, die Macri selbst gegründet hat. Auch weit draußen im Hinterland sind Verbände entstanden, das Spitzenpersonal wurde kommunikativ und organisatorisch geschult, ja sogar inhaltlich. Viele Peronisten finden so etwas nach wie vor lächerlich: Politische Ideen? Programmarbeit? Führen lernen? Damit hält man sich doch nicht auf!

Allerdings: Mitunter verschwimmt auch bei Macris Politikstil die Trennung zwischen Partei und Stadtregierung. Und die Aufstellung der PRO-Kandidaten für die Parlamente verlief genauso intransparent, wie man das gewohnt ist am Río de la Plata: Wer nominiert wird, entscheidet durchweg die mesa chica, der kleine Kreis. Machtverzicht durch innerparteiliche Wahlen hat auch Macri nicht gewagt. Wenn man sich bei Beratern am späten Sonnabendnachmittag – ein paar Stunden vor dem Schließen der Listen – erkundigte, ob der Chef einen aussichtsreichen Platz ergattert habe, kam die Antwort: »Es sieht gut aus. Aber bis 23.59 Uhr kann noch viel passieren.«

 

 

Sergio Massa (l.) mit seinem Vizekandidaten Gustavo Sáenz

> Sergio Massa (l.) mit seinem Vize Gustavo Sáenz        Foto: Massa

Sergio Massa indes hat auf den Aufbau von Strukturen verzichtet. Er begnügte sich damit, eine Partei zu gründen, die Erneuerungsfront (Frente Renovador), ein Sammelbecken von der Präsidentin enttäuschter Peronisten, und dann Stimmenbeschaffer anzuwerben. Vor allem Bürgermeister aus der Provinz Buenos Aires verließen vor den Parlamentswahlen 2013 den Kirchnerismus und wechselten zum jungen Peronisten. Der triumphierte aus dem Nichts – weil er ein Thema gefunden hatte, das das Land bewegte: Mit einer Zweidrittelmehrheit im Parlament hätte der Kirchnerismus die Amtszeitbegrenzung für argentinische Präsidenten (acht Jahre) aus der Verfassung streichen und Cristina Kirchner zur Wiederwahl verhelfen können. Auch dank Massa kam es nicht dazu.

Seitdem ist es ihm jedoch nicht gelungen, in den Köpfen der Leute ein neues Thema zu verankern. Er hat es mit besserer Bildung und dem Kampf gegen Kriminalität versucht, zwei großen Sorgen der Gesellschaft. Nun verspricht er einen »gerechten Wandel« (»Cambio Justo«) – aber die Aussicht auf Veränderungen verbinden die Argentinier zuallererst mit Macri.

Massa ist in den Umfragen so sehr abgestürzt, dass zwischendurch vermutet wurde, er werde seine Kandidatur absagen. Er tat es nicht, aber eine ganze Reihe jener Bürgermeister, die sich ihm einst angeschlossen hatten, hat ihn wieder verlassen und ist zum Kirchnerismus zurückgekehrt. Die meisten fürchteten, in den Strudel zu geraten und die eigene Wiederwahl nicht zu schaffen. Das ist der Nachteil des Herrschens über Gefolgschaft: Es gibt kein Programm, keine Werte und Ideen, die die Mitglieder zusammenhalten; die Partei ist nicht Heimat, sondern Wartehalle. Wenn der Anführer taumelt und den Weg zur Macht nicht findet, verliert er seine Truppen.

Ob Scioli, Massa oder Macri – jeder von ihnen würde übrigens Historisches vollbringen, wie der Politikberater Carlos Fara analysiert hat. Mit Scioli würde zum ersten Mal der Regent der Provinz Buenos Aires gewählt, ein Ex-Vizepräsident und jemand, der nicht schon sein ganzes Leben Politik macht. Scioli war ein erfolgreicher Motorbootrennfahrer.

Massa wäre mit 43 Jahren einer der drei jüngsten Präsidenten der argentinischen Geschichte und seit der Rückkehr zur Demokratie 1983 der erste Erste, der es vom Bürgermeister (der Stadt Tigre) in die Casa Rosada schafft, ohne vorher den Umweg über ein Gouverneursamt genommen zu haben.

Macri wäre der erste Präsident seit 1983, der weder Peronist noch Radikaler ist, sondern eine neue politische Kraft gegründet hat. Er wäre der Unerfahrenste: Sein erstes (und bisher einziges) politisches Amt trat er vor acht Jahren an – Massa vor 16, Scioli vor 18. Seit 1983 wäre Macri außerdem der erste Nicht-Anwalt und der erste Nicht-Mittelschicht-Präsident: Der Ingenieur entstammt einer wohlhabenden Unternehmerfamilie.

Kann Daniel Scioli Präsident werden? Gewiss.

Kann Mauricio Macri Präsident werden? Ja. Vielleicht.

Kann Sergio Massa Präsident werden? Nein. Eher nicht.

Entscheidend dürfte werden, wem Massas Anhänger bei einer möglichen Stichwahl zwischen Scioli und Macri am 22. November ihre Stimme geben und ob ihr Anführer einen Kandidaten empfiehlt. Nüchtern betrachtet, kann er nicht zur Wahl des Regierungskandidaten aufrufen. Ähnlich abfällig wie über Scioli (»kleiner unterwürfiger Papagei«) hat er über keinen anderen Politiker geurteilt. Und den Wandel verkörperte dieser Präsident von Cristina Kirchners Gnaden erst recht nicht. Massa hat Jugend und Charisma, er kann warten, dass seine Zeit kommt. Allerdings: Er ist auch Peronist – und Peronisten haben die Neigung, am Ende um jeden Preis beim Sieger sein zu wollen.

♦♦♦♦♦

13 Präsidentschaftskandidaten werden am 9. August antreten – drei mehr als 2011 bei den ersten Vorwahlen in der argentinischen Geschichte. Die sogenannten Primarias Abiertas Simultáneas y Obligatorias (PASO) sind vor allem ein Stimmungstest. Nur Bewerber, die weniger als 1,5 Prozent erreichen, dürfen nicht bei den Hauptwahlen am 25. Oktober antreten. Allerdings gibt es in drei Bündnissen interne Wahlen, um einen gemeinsamen Kandidaten zu ermitteln.

Die Präsidentschaftskandidaten mit ihrem jeweiligen Vize im Überblick:

Regierung

  • Frente para la Victoria: Daniel Scioli (Präsident) und Carlos Zannini (Vize)

Opposition

  • Cambiemos: Mauricio Macri und Gabriela Michetti; Elisa Carrió und Héctor Flores; Ernesto Sanz und Lucas Llach
  • UNA: Sergio Massa und Gustavo Sáenz; José M. De La Sota und Claudia Rucci
  • Progresista: Margarita Stolbizer und Miguel Olaviaga
  • Compromiso Federal: Adolfo Rodríguez Saá und Liliana N. de Alsonso
  • Frente de Izquierda y los Trabajadores: Jorge Altamira und Juan C. Giordano; Nicolás Del Caño und Myriam Bregman
  • MST: Alejandro Bodart und Vilma Ripoli
  • MAS: Manuela Castañeira und Jorge Ayala
  • Frente Popular: Víctor De Gennaro und Evangelina Codoni
  1. Mustapic, Ana María (2010): Der Wandel des Parteiensystems und die Präsidentialisierung der Politik, in: Peter Birle/Klaus Bodemer/Andrea Pagni (Hrsg.): Argentinien. Politik, Wirtschaft, Kultur. Frankfurt am Main: 159-179. []

Ein Chinese mit Handschellen für den Auserkorenen: Der teufliche Plan der argentinischen Präsidentin

von CHRISTOPH WESEMANN

Mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen am 25. Oktober ist Argentinien seit Sonntag, 0 Uhr, schlauer. Punkt Mitternacht war vorerst Schluss mit Gerüchten und Geschäften: Parteien und Bündnisse präsentierten ihre Kandidaten, und das Land weiß nun, wer Präsident werden will. Es riecht nach einem Duell zwischen dem Peronisten Daniel Scioli, Gouverneur der Provinz Buenos Aires, und dem nichtperonistischen Hauptstadtbürgermeister Mauricio Macri. Die beiden sind alte Freunde, obwohl sie politisch weit auseinander liegen: Scioli verspricht Kontinuität, Macri einen Wandel. Die große Überraschung ist jedoch die Noch-Präsidentin: Cristina Kirchner bewirbt sich um kein neues Amt. Zieht sie sich nach 26 Jahren wirklich aus der Politik zurück?

Das Argentinische Tagebuch beschäftigt sich in zwei Teilen mit dem Wahlkampf, stellt die wichtigsten Kandidaten vor und erklärt die Strategien. Der erste Teil widmet sich der Regierung.

Cristina Kirchner im Hubschrauber der Präsidentin mit Carlos Zannini (M.) und Daniel Scioli

> Cristina Kirchner mit Carlos Zannini (M.) und Daniel Scioli am Tag der Fahne, der am 20. Juni in Rosario gefeiert wurde. Scioli durfte zum ersten Mal mit dem Hubschrauber der Präsidentin fliegen. Foto: Casa Rosada

Was hat die Staatschefin beim Chinesen bestellt? Carlos Zannini, Spitzname El Chino, ist Cristina Kirchners Strippenzieher und einer ihrer engsten Vertrauten. Viele umstrittene Projekte der linkspopulistischen Regierung, etwa das Mediengesetz, sind sein Werk. Nun soll Zannini Vizepräsident werden.

Der 60-Jährige, früher Maoist, dann verfolgt und verhaftet während der Militärdiktatur, ist im Windschatten der Familie Kirchner an die Macht gelangt. Unter dem neuen Bürgermeister von Río Gallegos, Néstor Kirchner, wurde er 1987 Sekretär der Stadtregierung. Als Kirchner vier Jahre später die Gouverneurswahlen in der Provinz Santa Cruz gewann, machte er Zannini zum Minister. Der drehte noch eine Runde durchs Parlament und wurde 1999 zum Chef des Obersten Gerichtshof ernannt. Weitere vier Jahre später ging es gemeinsam in die Hauptstadt. Kirchner wurde Präsident − und Zannini, was er bis heute ist: un peso pesado, ein Schwergewicht der hiesigen Politik; sein offizieller Titel: Sekretär für Legalisierung und Technik.

El Chino gehört zu den wenigen Technokraten, die nach Néstor Kirchners Tod 2010 politisch überlebt haben. Cristina Kirchner, die berühmteste Witwe am Río de la Plata, seit fast acht Jahren Präsidentin, hat viele Posten neu besetzt, aber Zannini weiter vertraut. Nun endet ihre gemeinsame Zeit. Am 10. Dezember muss die Präsidentin die Casa Rosada räumen. Schickt sie deshalb einen Aufpasser? Hat sie also beim Chinesen Handschellen für ihren potenziellen Nachfolger bestellt?

Daniel Scioli in Handschellen – dieses Bild wird augenblicklich gern gezeichnet in Argentinien. Es ist bloß eine Vermutung, aber eine naheliegende, schließlich hat die Präsidentin Scioli (58) auserkoren. Nichts ist ihr wichtiger als der Fortbestand ihrer Politik, ein Weiter-so ohne Abstriche, das hat sie oft genug gesagt. Warum sollte Kirchner jemandem das Erbe anbieten, der es nicht pfleglich behandelt? Der Realität entrückt mag sie bisweilen wirken, naiv aber ist sie keineswegs. Scioli in der Regierung, sie selbst weiter an der Macht − das wäre ein geradezu teuflicher Plan.

Der Peronist Scioli regiert seit 2007 Buenos Aires, nicht die Hauptstadt, sondern die viel wichtigere Provinz. Sie ist flächenmäßig so groß wie Deutschland und der Ort, an dem sich vieles entscheidet: 40 Prozent aller Wahlberechtigten leben hier. Scioli hat die Gouverneurswahlen zweimal gewonnen, er ist der mächtigste Provinzfürst des Peronismus. Aber viele Kirchneristen mögen ihn nicht. Obwohl er von 2003 bis 2007 Néstor Kirchner als Vize gedient hat, gilt er nicht als Mann der Bewegung. Man weiß nicht, ob Scioli das Projekt – wie der Kirchnerismus seine zwölf Jahre an der Macht nennt – fortführen, ja vorantreiben wird. Öffentlich hat der einstige Motorbootrennfahrer Cristina Kirchner stets die Treue geschworen; im kleinen Kreis aber soll er ausgiebig über sie lästern.

Trotzdem darf er für den Kirchnerismus antreten; er ist sogar sein einziger Kandidat. Lange hatte es nach einem Zweikampf ausgesehen, über dessen Ausgang die Vorwahlen am 9. August entscheiden würden. Transportminister Florencio Randazzo (51), der treue Kirchnerist und Liebling der Basis, ging offenbar fest davon aus, dass die Präsidentin ihn auswählen werde. Doch dann verkündete Scioli am Dienstag voriger Woche in einem Fernsehinterview, dass Carlos Zannini als sein Vize mit ihm den Wahlkampf ziehe. Er hatte nicht weniger als eine Bombe gezündet.

Randazzo soll vollkommen überrascht gewesen sein, ja erschüttert. Ausgerechnet Zannini! Der Mann, der ihn, Randazzo, die ganze Zeit unterstützt hatte! Der alles ausgeheckt hatte! Ihr Plan sah vor: Der Transportminister verbessert die rostige Infrastruktur, er stellt jede Woche neue Züge auf frische Gleise, sticht so Scioli aus, beerbt Kirchner und garantiert Kontinuität. Und ausgerechnet Zannini, der Hexenmeister, wechselt kurz vor Schluss zu Scioli, über den Randazzo monatelang gelästert hatte. Hach, und die Präsidentin, jene Frau, die Randazzo nahezu abgöttisch verehrt, gibt dem Gespann obendrein ihre Segen. Womöglich war es sogar ihre Idee, und Scioli durfte nur noch akzeptieren. (Die Meinungen gehen diesbezüglich auseinander. Scioli reklamiert für sich, Zannini selbst ausgewählt zu haben.)

Transportminister Florencio Randazzo, der Herr der neuen, in China hergestellten Züge

> Transportminister Florencio Randazzo, der Herr der neuen, in China hergestellten Züge Foto: Ministerio del Interior y Transporte

Und Randazzo? Der hatte sich vor langer Zeit festlegt: Alles oder nichts, entweder schafft er es in die Casa Rosada – oder er geht nach Hause. Er hielt Wort. Das Angebot der Präsidentin, das Gouverneursamt der Provinz Buenos Aires anzustreben, als alleiniger Kandidat der Regierung, lehnte er. Ein fast ungeheuerlicher Vorgang – denn ein Kirchnerist gehorcht der Anführerin eigentlich. Randazzo wird nun offenbar wie ein Aussätziger behandelt. Sein Stab klagte am Ende der Woche: »Wir sind einsamer als Boudou am Tag des Freundes.«1 (Amado Boudou ist der nach unzähligen Affären und Ausrutschern demolierte Vizepräsident, zu dem selbst Parteifreunde größtmöglichen Sicherheitsabstand halten.)

Randazzo twitterte daraufhin Treueschwüre:

»Dass sich keiner irrt. Ich unterstütze alle Entscheidungen, die die Präsidentin trifft. Sie führt das Projekt, dem ich angehöre und dessen Teil ich weiter sein werde.«

»An die Journalisten, die eine böse Absicht verfolgen: Ich habe nie gesagt, dass mir die Präsidentin verboten hat, bei den Vorwahlen anzutreten.«

»Aber gegen Carlos Zannini anzutreten, bedeutet, gegen die Präsidentin anzutreten.«

»Ich wiederhole, ich werde nie etwas tun, das der Präsidentin schadet.«

Dass Cristina Kirchner nicht selbst antritt, ist eine mittelgroße Sensation. Sie hätte sich ja ein Amt quasi aussuchen können: Gouverneurin der Provinz Buenos Aires, Senatorin oder Abgeordnete eines Parlaments (Argentinien oder Mercosur). Es schien unvorstellbar, dass sie verzichtet, zumal sie sich wieder erholt hat. Ihre Beliebtheitswerte sind  gestiegen, sie wurde von Bürgermeistern, Gouverneuren und Abgeordneten regelrecht angefleht, im Spiel zu bleiben und der Kampagne Schub zu verleihen. Nun tritt sie ab.

Warum? Sie hatte in den vergangenen Jahren kleinere und größere gesundheitliche Probleme. Nach einer Kopf-Operation war sie Ende 2013 sogar für sechs Wochen ganz abgetaucht. In jüngster Zeit allerdings wirkte sie indes stabil, gut gelaunt, mitunter sogar aufgekratzt und tatendurstig. In der vergangenen Woche hat sie per Erlass das Kindergeld um 30 Prozent2 erhöht – und dieses Geschenk, wie es sich gehört für diese Präsidentin, dem Volk per Fernsehansprache verkündet. Es war ihre 24. Cadena Nacional in diesem Jahr; das Recht des Staatsoberhauptes, sich in Ausnahmefällen auf die staatlichen Sender schalten zu lassen, nutzt Kirchner fleißiger als ihre Vorgänger: im Schnitt alle sieben Tage.

Möglicherweise wäre ein Verbleib an der Macht oder in deren Nähe auch zu viel Ballast für den Kandidaten Scioli gewesen. Der hat sich ja schon ordentlich verbiegen müssen. Für Aufsehen und Heiterkeit sorgte sein Wahlkampfspot, in dem er die erste Zeile eines kirchneristischen Schlagers wieder und wieder zitierte: »Yo vengo bancando este proyecto nacional y popular.« Er unterstütze dieses kirchneristische Projekt seit dem ersten Tag, sagte er – erst als Vizepräsident, dann als Gouverneur. Nun bitte er, dass »du mich unterstützt«.

Für einen Sieg braucht Scioli die Stimmen der kirchneristischen Stammwähler (etwa 30 Prozent), aber auch die jener Peronisten, die auf einen leichten Wandel hoffen. Es ist ein riskantes Spiel. Schon länger skizzieren Sciolisten, die Anhänger des Gouverneurs, dessen Weg in die Casa Rosada: Danach bleibe Scioli bis zu den Vorwahlen am 9. August Ultrakirchnerist, löse sich bis zur Wahl am 25. Oktober allmählich und regiere am Ende, ohne Rücksicht zu nehmen auf die alten Freunde, die ihm die Macht besorgt haben. Anders gesagt: erst esclavitud (Sklaventum), dann liberación (Befreiung), schließlich independencia (Unabhängigkeit).

Scioli

> Ich werde der Präsident sein mit Glaube, Hoffnung, Optimismus, Sport, Tourismus, Freunde – und mit mehr Unabhängigkeit denn je.

Diese Strategie hat freilich Schwachpunkte. Nach bewährter Tradition war das Anfertigen sämtlicher Kandidatenlisten der Bewegung das Vorrecht der Präsidentin; von lapicera y guadaña spricht man in Argentinien, dem Kugelschreiber und der Sense, zu denen Kirchner greife, um dafür zu sorgen, dass ungeeignete, also unzuverlässige Parteifreunde auf der Strecke bleiben. Die Parlamente und Rathäuser überall im Land werden nach den Wahlen voller Cristinistas sein, ultratreuer Anhänger der Staatschefin a. D. La Cámpora, die Nachwuchstruppe der Bewegung, gegründet und angeführt vom Präsidentensohn Máximo Kirchner (38), hat bei der Aufstellung der Kandidaten ordentlich abgesahnt. Máximo Kirchner bewirbt sich zum ersten Mal um ein öffentliches Amt, er steht auf Platz eins der Liste in der Provinz Santa Cruz für das Nationalparlament.

Máximo Kirchner mit seiner Schwester Florencia (l.), seiner Freundin María Rocío García, Sohn Néstor Iván und der Präsidentin

> Máximo Kirchner mit seiner Schwester Florencia (l.), seiner Freundin María Rocío García, Sohn Néstor Iván und der Präsidentin Foto: Casa Rosada

Und dann ist da ja noch der Vizepräsidentschaftskandidat Carlos Zannini, der Chinese mit den Handschellen für Daniel Scioli. Ein kircheristischer Aufpasser für den wankelmütigen Peronisten. Ein Garant der Kontinuität. »Die Peronisten glauben, dass sie den Kirchnerismus überleben können«, schreibt die Journalistin Silvia Mercado, »Cristina und Zannini aber wollen, dass niemand übererlebt, wenn sie selbst nicht mehr da sind, und sie verdrängen Peronisten so weit wie möglich, um jene einzusetzen, die loyal zum Projekt sind.«

Vielleicht kann sich Cristina Kirchner einfach leisten, in Rente zu gehen – weil sie genau weiß: Auch so geschieht nichts gegen ihren Willen. Außerdem könnte sie wiederkommen, wenn es mit dem neuen Präsidenten – ganz gleich, wie der heißt – nicht klappt.

  • Sonntag, 9. August: Vorwahlen (Primarias Abiertas Simultáneas y Obligatorias, PASO)
  • Sonntag, 25. Oktober: Präsidentschaftswahlen
  • Sonntag, 22. November: wenn nötig Stichwahl (balotaje)
  • Donnerstag, 10. Dezember: Vereidigung des neuen Präsidenten
  1. 20. Juli, el Día del Amigo in Argentinien []
  2. 837 Pesos statt 644 []

La FIFA, el Kaiser y el fútbol alemán: discurso en el Congreso

von CHRISTOPH WESEMANN

Yo participé en un debate sobre la corrupción en el fútbol, organizado por la diputada Cornelia Schmidt-Liermann. Les dejo mi discurso en el Congreso de la Nación.

Discurso sobre la corrupción en el fútbol (Honorable Cámara de Diputados de la Nación)

> con Alberto Rivero (Asociación Gustavo Rivero), Javier Castrilli (ex árbitro), Sebastián Sal (International Association of Anti-Corruption Authorities) y Cornelia Schmidt-Liermann (diputada nacional del PRO)

I

¡Señoras y señores!

Muchos alemanes creen que el famoso Franz Beckenbauer nos consiguió el Mundial que fue disputado en 2006. ¿Todos conocen a Beckenbauer? ¡No me digan que no! Es el mejor futbolista de la historia alemana, un genio, no tan genio como Diego Maradona, claro que no. Pero él ganó la copa mundial dos veces, como capitán en ‘74 y 16 años después como técnico − contra Argentina y Diego, lo siento mucho. La verdad, yo en ese entonces ya alentaba a la albiceleste. A ustedes les habla un mufa.

Yo quiero contar hoy de la FIFA desde el punto de vista de un chucrut, un alemán, trazando por qué el blatterismo funcionó tanto tiempo. En realidad todavía no dejó de funcionar, ¿no?

II

¿Volvamos con Beckenbauer? Cuando él – nuestro Kaiser (el emperador) – era un bebé Dios le dio un beso. Sí, yo estoy bromeando pero me parece la única manera de explicarles porque él llega a conseguirlo todo. Les quiero mostrar un cortito vídeo muy conocido para evidenciarles la excelencia de este crack alemán.

Estamos en una noche de ‘94, unas horas después de que Beckenbauer como técnico del Bayern Múnich ganara el campeonato local, de la Bundesliga. La fiesta de su equipo es televisado por un programa deportivo que tiene un juego muy emblemático. Los invitados – futbolistas y otros deportistas – deben patear la pelota y tratar de meterla por dos agujeros redondos de 55 centímetros de diámetro ubicados en las esquinas superior izquierda e inferior derecha de un rectángulo vertical que hace las veces de arco.

¿Suena complicado eso, eh? Nooooo.

¡Es complicado!

Estamos viendo a Beckenbauer, junto a Lothar Matthäus, el capitán de la selección de ‘90, poniendo en el piso una copa enorme llena de cerveza de trigo.

¿Qué va a pasar?

¡Miren!

Qué golazo, ¿eh?

Sin dudas, Diego lo hubiera hecho con la pelota y la copa de cerveza.

III

Señoras y señores, hablemos de fines de los años noventa. Alemania quiere organizar el Mundial de 2006 y solicita a la FIFA. Beckenbauer como jefe de la campaña viaja con su bolsa de golf por el mundo, para convencer a reyes, emires y presidentes. Está en todos lados el Kaiser. ¡Hace diez vueltas al mundo! Su cuerpo pintado, baila en Fiyi, y en África le regalan un carnero. ¡Un carnero vivo! Por supuesto, los reyes, emires y presidentes están tan contentísimos de encontrarse con este personaje que después apoyan la candidatura alemana.

¿Lo podemos creer? ¡No! Es una leyenda. Un cuento chino.

Cualquiera candidatura exitosa para el Mundial jamás es la obra de una sola persona. En realidad, la responsabilidad la tiene el jefe, de forma detallada y perfeccionista. Muchos forman parte de un tal proyecto: el gobierno, la política, las embajadas, la economía, las empresas, las organizaciones deportivas, todo el país, todo el estado. Es porque la FIFA requiere muchas cosas del organizador:

  • distintas garantías,
  • la certeza de poder cobrar mucha plata durante el torneo,
  • una infraestructura re buena,
  • hoteles de primera categoría,
  • otro lujo para los funcionarios y sus laderos, incluso las esposas.

Andrew Jennings, el prestigioso periodista de investigación escocés, dice:

Pueden hacer todos los aspirantes del Mundial. Le pueden presentar a sus super-modelos al Comité Ejecutivo de la FIFA. Sus políticos le pueden prometer que vayan a hacer todo para organizar un Mundial perfecto. Pero los chicos de la FIFA van a bostezar y preguntar después: »¿Dónde está la guita? ¿Dónde está la guita?« (Vídeo)

Ocho días antes de la decisión que toman las 24 personas del Comité Ejecutivo, en Alemania la Comisión de la seguridad del Gobierno autoriza el suministro de 1200 bazucas a Arabia Saudita. Un miembro de la casa real – Abdullah Al Dabal – pertenece al Comité Ejecutivo.

¿Pura coincidencia? ¿Cosas que pasan?

Encima son acordados negocios de mil millones de Euros por empresas grandes de Alemania en Asia. Daimler (Mercedes) plantea una aportación de capital de 400 millones de Euros en Hyundai, el fabricante coreano de automóviles. El hijo y jefe júnior de la dinastía de Hyundai (Chung Jong Moon) lidera la Asociación de fútbol de su país y es delegado del Comité Ejecutivo de la FIFA.

¿Una coincidencia más? Puede ser …

El representante tailandés en la FIFA (Morawi Makudi) administra un negocio de Mercedes en Bangkok. El Bayern juega absurdos partidos amistosos en Malta, Túnez y Tailandia, siempre fluye mucho dinero por los derechos de transmisión. Por lo menos dos de los tres países votan más tarde a favor de Alemania.

Son muchas las coincidencias, ¿no? Puede ser …

El propio Beckenbauer comentó después de un »chanchullo«.

La elección del Comité Ejecutivo en 2000 ganó Alemania presumiblemente por la traición que cometió el representante neozelandés en la FIFA, Charles Dempsey. En la última vuelta él debería haber votado a favor de Sudáfrica. Así lo había decidido su Confederación de Fútbol de Oceanía. Con su voto Sudáfrica hubiera ganado.

¿Qué pasó?

Antes de la votación Dempsey salió del salón.

Y se abstuvo.

Así que Alemania ganó.

Había y hay muchos rumores y cuentos de soborno pero ninguna prueba. La primera ministra de Nueva Zelanda – Helen Clark – le pidió disculpa al presidente sudafricano. El ministro de deporte dijo: »Dempsey es una vergüenza nacional.«

Dempsey apenas explicó su voto extraño. En unas pocas entrevistas hablaba de »presión por influyentes grupos de interés en Europa«.

Murió en 2008.

IV

¿Por qué estoy hablando de esta historia vieja? Lo que pasa es que no hay relaciones limpias con una organización bastante corrupta y mafiosa como la FIFA. Tampoco Alemania lo logró.

Fíjense que el Mundial es una fiesta tan lucrativa que la FIFA – como dueña del torneo – puede hacer y exigir lo que quiera. Y la única que siempre gana en cada campeonato es la FIFA. El Mundial es una mina de oro.

Lo que más me decepcionó antes de la retirada chiquita de Sepp Blatter (que está laburando en este momento, sabe Dios lo que pasa en su búnker) – fue la actitud de los funcionarios europeos y sobre todo los de Alemania. Recordemos que la Federación Alemana del Futbol es la organización (individual) deportiva más grande del planeta. Tiene casi siete millones socios. Es mucho peso. Encima Alemania dispone de un poder económico extraordinario.

 

 

A eso voy. Si una nación tuvo la obligación y la opción de ir de delante de los demás, hubiera sido Alemania. Pero: Nuestro jefe del fútbol Wolfgang Niersbach – muy amigo de Beckenbauer, muy amigo de Blatter – él ni aun habló en la asamblea para marcar el paso. Igual que cualquier otro funcionario de la UEFA. Nada. Nada de nada. ¡Qué vergüenza!

O sea: Los viejos a quienes siempre les gusta echar un sermón a la juventud futbolística, a nuestros pibes – usando palabras como fair play, honestidad y valor cívico – ellos mismos no lo practican. Y ellos eran protagonistas, simpatizantes, patrocinadores o beneficiarios del blatterismo. Nadie se va a retirar a propia voluntad. Pero: ¿Basta que se va el jefe y el resto se queda?

V

A mí me cuesta muchísimo creer ahora en un cambio verdadero de la FIFA. Quienes lo quieren no lo pueden lograr. Les faltan poder y mayoría. Y quienes podrían lograrlo no quieren. A ellos les falta nada más que voluntad.

Olvídense del francés Michel Platini, el presidente de la UEFA. Esa organización también está llena de figuras oscuras. Platini asumió su cargo en 2007 por truchadas. Trabajó con Blatter por más de 20 años. Había apoyado la candidatura de este último en ‘98 y después lo aconsejó cuatro años.

La UEFA, monsieur Platini, los alemanes con Charles Dempsey: Todos tienen muertos en el placard. Y Blatter lo sabía. Por eso no tenía miedo de nadie. Pero el 2 de junio – cuatro días después de su reeleción – nos enteramos a quién le teme Blatter: al FBI.

Por lo tanto digo: La única manera de ordenar la FIFA es destrozarla, completamente, y empezar de nuevo. No, señoras y señores, ahora no estoy bromeando. Eso les digo en serio. Esa organización está demasiado estropeada. No se la puede reparar ni reformar.

Para ir finalizando quiero citar a Gary Lineker, ex jugador de Inglaterra. ¿Sabían que a los alemanes nos encanta todo lo que dice? Para nosotros, es una autoridad – por su frase que pasó a la historia. El fútbol según Lineker »es un juego simple: 22 hombres corren detrás de una pelota durante 90 minutos y, al final, los alemanes siempre ganan«.

Esta vez Lineker escribió en Twitter: »La FIFA está explotando. Lo mejor que le pudo pasar al juego hermoso.«

Muchas gracias por escucharme.

Der Floh und der Apache, der Beißer und der Gebissene, die Statue und der Bleiche – die Berliner Komödie

von MARC KOCH & CHRISTOPH WESEMANN

Zwei Deutsche, räumlich getrennt, auf zwei Kontinenten. MC, früherer Lateinamerikakorrrespondent der Deutschen Welle, ist dem Leser als regelmäßiger Autor des Argentinischen Tagebuchs vertraut und hat bereits in diversen Komödien mitgespielt. Er hat lange in Buenos Aires gelebt. CW tut es noch. Und weil die beiden zwei sehr moderne Helden sind, sprechen sie nicht direkt miteinander, sondern mittels Kurznachrichten.

Heute über: das Champions-League-Finale in Berlin.

♦♦♦♦♦

CW. Ich bin schon krass heiß auf Barcelona gegen Juventus. Leo Messi und Carlitos Tévez, der Floh1 gegen den Apachen2! Luis Suárez und Giorgio Chiellini, der Beißer gegen den Gebissenen! Was für ein Finale!

MC. Ähem, der Gebissene kneift.

CW. Schulterverletzung?

MC. Wade! Links.

CW. Simulant.

MC. Es gibt ja auch noch Andrea Pirlo und Andrés Iniesta, die Statue gegen den Bleichen! Pirlo hat auf seinem sagenhaften rechten Fuß mehr Haare als Iniesta auf dem Kopf.

CW. Leider erwarten wir am Sonnabend, Mitte der zweiten Halbzeit, den einzigen Argentinier, der Fußball nicht mag, zum Kaffeekränzchen.

MC. Vor einem Jahr, Real gegen Atléti, saß er bei mir. Hat aber nicht groß gestört.

CW. Unsere Frauen sind echt …

MC. … so tolle Gastgeberinnen. Wir würden vereinsamen und verwahrlosen ohne sie, ach was, wir wären sozial seit Jahren isoliert.

CW. Wir müssten die ganze Zeit Fußballspiele gucken.

MC. Schreckliche Vorstellung.

CW. Für wen bist Du? Als halber Madrilene kannst Du ja nicht wollen, dass Barça die Champions League gewinnt. Also Juve.

MC. ICH WERDE NIEMALS FÜR EINEN ITALIENISCHEN VEREIN SEIN.

CW. Ich zitiere den argentinischen Fußballphilosophen Jorge Valdano, den wir beide ja sehr schätzen, was auch nicht oft vorkommt.

Italien weiß genau, was es will. Wenn ihr ästhetischen Stil wollt, dann schaut euch die Trikots an, die Millimeterfrisuren, den Schnitt der Bärte. Wenn ihr Talent möchtet, schaut auf die Ersatzbank (da sitzt del Piero mit der Feierlichkeit eines Pharaos).

MC. Oder auch:

Es gibt Momente, in denen ein Abwehrspieler klärt, und er sieht zum Beispiel die Beine eines Norwegers sperrangelweit offen, eine schöne Einladung zum Tunneln, die ein freier Mann niemals ablehnen würde. Der italienische Abwehrspieler lehnt die Versuchung ab und klärt trotzdem.

CW. Unsere Frauen allerdings…

MC. …sind für Juve.

CW. Wegen Totti.

MC. Der spielt seit 112 Jahren beim AS Rom.

CW. Das wissen aber unsere Frauen nicht. Für sie wird auch immer Paolo Maldini der Abwehrchef der Nationalelf sein.

MC. Noch so ein Schönling. Überhaupt total attraktive, charmante Männer, diese Italiener, voller Gefühle. Und aufrichtig, natürlich. Nie würde ein Italiener ‘ne Schwalbe machen. Niemals.

CW. Das Fairplay wurde in Italien erfunden. Von Pippo Inzaghi.

MC. Übrigens, Gigi Buffon …

CW. … Weltklasse-Torhüter …

MC. … hatte mal die Rückennummer 88, war aber kein Faschist. Er wollte eigentlich die Doppelnull haben, weil er meinte, das symbolisiere zwei Eier. Kein Witz. Fußballerlogik: Eier haben und so. Der AC Parma, sein damaliger Klub, ließ das aber nicht zu. Buffon, gedankenschnell: »Dann nehme ich die 88, das bedeutet: vier Eier!« Als man ihn darauf hinwies, wofür die Zahl in rechtsextremen Kreisen stehe, sagte er: »Wer ahnt das? Dass 88 der Hitlergruß ist, das wissen doch wirklich nur die Nazis!«

Seite Drei in der »Süddeutschen« am Donnerstag.

CW. Und dann gewinnt der ausgerechnet die Weltmeisterschaft im Berliner Olympiastadion. Da schloss sich ein Kreis.

MC. Du als Argentinier, der argentinischer sein will als jeder Argentinier, müsstest am Sonnabend für Juve sein. Wegen Tévez. Spieler des Volkes. Kindheit im Elendsviertel und so.

Mir ist egal, was die Leute denken. Ich werde meine Wurzeln nicht vergessen. Die Jungs sagen immer zu mir: »Wenn du ganz oben ankommst, vergiss nicht die Armen.«

CW. Ich bin für Juve! Genau aus diesem Grund.

MC. Dacht’ ich mir. Letzte Frage: Und Franziskus?

CW. Für Tévez, natürlich. Der Papst des Volkes. Aber Messi mit dem Pokal würde er auch empfangen.

MC. Es haben ja sowieso alle argentinischen Fußballer einen Hausausweis für den Vatikan.

  1. la Pulga, Messis Spitzname []
  2. el Apache, Tévez‘ Spitzname []

Argentinische Helden

Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

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