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Archiv für das Thema ‘Kolumnen’

Eine Schule für Diebe, der Polizist, der Deutschen vertraut, und ein überfahrener Hund: Unterwegs im Nordosten Argentiniens (2)

von CHRISTOPH WESEMANN

Dritter Tag: Resistencia, Hauptstadt der Provinz Chaco

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Müllsammler (cartoneros) in Resistencia

> Müllsammler (cartoneros) in Resistencia

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Um 6.37 Uhr stoppt der Bus. Licht an. Ein Polizist tritt ein. Er will einmal durchgehen, müsste dafür aber über eine Tasche steigen, die im Gang steht. Das tut er nicht.

»Deine?«

»Häh?«

Ich bin gewöhnlich weniger, zugegeben: nur ein bisschen weniger, begriffsstutzig. Aber gerade erst ist es mir halbwegs gelungen, die Frage zu beantworten, die ich mir vor einer halben Stunde gestellt hatte, nämlich, warum ich überhaupt in diesem Bus sitze.

»Gehört dir die Tasche, Chef?«

Es ist wohl wegen Jorge Capitanich. Ich hatte ja ziemlich große Pläne mit ihm. Ich wusste damals gleich, dass sein neuer Posten als Kabinettschef der gesundheitlich angeschlagenen Präsidentin Cristina Kirchner nicht das Ende seiner politischen Karriere sein würde. Das war ein Sprungbrett! Natürlich hatte er, das räumte ich auch ein, bislang nur Chaco regiert, eine der rückständigsten Provinzen des Landes, in der einer Studie zufolge 71 Prozent der Kinder und Jugendlichen arm sind. »Aber Capitanich ist kein Bürokrat wie sein Vorgänger, sondern ein Macher, und er hat Cristina öffentlich stets verteidigt«, schrieb ich. »Nun soll er mitführen und sie entlasten, weil klar ist, dass sie ihr altes Arbeitspensum vorerst nicht schaffen wird. Zum ersten Mal gibt sie Macht ab. Und der Mann, mit dem sie sie teilt, könnte 2015 als Präsident kandidieren, um die kirchneristische Politik fortzusetzen.«

Für mich klang das logisch. Das war am 21. November 2013. Später entdeckte ich, dass er sogar schon Wirtschaftsminister gewesen war. Drei Tage lang. Vom 21. bis 23. Dezember 2001.

Mittlerweile ist Capitanich, genannt Coqui, kein Kabinettschef mehr – und Präsidentschaftskandidat schon mal gar nicht. Er hat eine Weile die beste Witzfigur der argentinischen Politik abgegeben, sein allmorgendliches Gestammel, deklariert als Pressekonferenz, wurde legendär, einmal zerriss er vor den Kameras sogar Seiten der oppositionellen Zeitung Clarín, damit das »argentinische Volk« erfahre, von wem es belogen werde, wie er sagte.

15 Monate nach meinem Text verbannte ihn Cristina Kirchner zurück in seine Provinz. Er ist jetzt wieder, was er schon gewesen war, bevor er sich beurlauben ließ, um Kabinettschef zu werden: Gouverneur von Chaco. Aber seine Amtszeit endet, und weil er nicht wiedergewählt werden darf, will er wenigstens Bürgermeister der Hauptstadt Resistencia werden. Dorthin fahre ich gerade. Ich will mir Coquis Reich angucken.

Die Tasche, richtig. Ich zeige auf den Mann neben mir. Der schläft noch, wird aber vom Polizistenzeigefinger augenblicklich angetippt und aufgeweckt. Er scheint auch gerade an Capitanich gedacht zu haben.

»Häh?«

»Darf ich die Tasche öffnen?«, fragt der Polizist noch einmal.

Kontrollen an den Provinzgrenzen sind üblich in Argentinien, auch Autofahrer werden nach Belieben angehalten. Die Polizisten fragen nach dem Ziel der Reise, lassen sich Pässe, Führerscheine und Fahrzeugpapiere zeigen, öffnen auch mal den Kofferraum und wünschen dann eine gute Fahrt.

Gestern auf der Rückfahrt aus Asunción, kurz hinter der Grenze, hat eine Frau aussteigen und neben der Straße ihre drei Riesenkoffer ausleeren müssen. Dabei sah sie gar nicht aus wie eine Schmugglerin.

Für mich hatte sich der Polizist gar nicht interessiert.

»Ich habe ein paar Geschenke gekauft, sonst nichts«, hatte ich gesagt und ihm meinen Reisepass gereicht. Ich wollte den Rucksack öffnen, als er abwinkte. »Du bist Deutscher. Lass gut sein.«

In dieser Tasche nun ist offenbar nichts, das nicht sein darf. Der Polizist verschließt sie wieder, erkundet den Gang bis zum letzten Sitz, ruckelt noch einmal an der Gepäckablage und geht dann ab. Licht aus. Augen zu.

Zwischen meinem Quartier in Formosa und Resistencia liegen 160 Kilometer reines Nichts. Mehr als eine Million Menschen leben in der Provinz Chaco, aber sie ist auch fast so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Es gibt beim Blick aus dem Busfenster keine Ortschaften oder Dörfchen, hie und da immerhin steht eine Hütte schief am Wegesrand.

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Chaco wurde auch erst spät, am 8. August 1951, per Gesetz 14 037 zur Provinz erklärt – unter dem Präsidenten Juan Domingo Perón. Ein halbes Jahr darauf, wiederum per Gesetz, erhielt sie den Beinamen Provincia Presidente Perón.

Ich bin nun in 16 der 23 Provinzen gewesen. Das sind mehr, als jeder Argentinier besucht hat, den ich kenne. Die fahren aber auch immer nur an den Atlantik, ans mar Argentino, das argentinische Meer, oder nach Punta del Este, dem Schnöselbadeort in Uruguay. Mir fehlen noch: Catamarca, Feuerland, La Rioja, San Juan, Santa Cruz, Santiago del Estero und Tucumán.

Die Evita-Statue auf der Plaza 25 de Mayo

> Die Evita-Statue auf der Plaza 25 de Mayo

Über Santiago del Estero und Tucumán erzählt der Aufgeweckte neben mir einen erstklassigen Witz. Seine Oma war Paraguayerin, der Opa kam aus Polen nach Argentinien. Eine tolle Mischung, findet er. Wir unterhalten uns über das mitunter schwierige deutsch-polnische Verhältnis, über die Kriege und die Verbrechen, die Vorurteile vieler Deutscher, die Polenwitze der neunziger Jahre. Werbung des polnischen Fremdenverkehrsverbandes: »Kommen Sie im nächsten Urlaub nach Polen − Ihr Auto ist schon da.«

Hier mache man solche Witze über die Leute aus Tucumán, sagt er. Die Tucumanos hätten nämlich den Ruf, Diebe zu sein. In der Provinz habe es vor 100 Jahren sogar eine Schule gegeben, an der das Stehlen unterrichtet worden sei.

»Ist das der Witz?«

»Nein, die Schule gab es.«

»Nicht wahr!«

»Ich schwör’s dir.«

»Dann erzähl mir mal einen Tucumán-Witz.«

»Bueno. Du weißt sicher, dass Santiago del Estero eine sehr arme Provinz ist, ¿no?«

»Sí. Und in Tucumán essen sie Mandarinen wie die Irren − wenn Saison ist: jeder Tucumano 20 bis 30 pro Tag. Hat mir mein Sohn erzählt, und der war schon da.«

»Kann sein. Also: Treffen sich ein Tucumano und ein Santiagueño. Der Tucumano sagt: ,Ach ihr, ihr habt ja nicht mal Asphalt auf euren Straßen.‘ – ,Stimmt gar nicht‘, erwidert der Santiagueño. ‚Wir haben Asphalt, aber wir bedecken ihn mit Erde, damit ihr uns den nicht klauen könnt.‘«

Resistencia te quiere, heißt der Slogan der Hauptstadt, in die wir gerade einfahren. Sie hat dich also gern. Sagen wir’s so, man glaubt es ihr nicht auf Anhieb. Resistencia empfängt Gäste wie fast jede andere Stadt in Argentinien: ungewaschen und ungeschminkt, insgesamt labil. Man fährt zunächst durch eine Art Gewerbegebiet, viele Autowerkstätten, einige Autoreifenbuden, nicht ganz so viele Autowaschanlagen, dann noch mal alles zusammen unter einem, nun ja, Dach, mit angeschlossenem Imbissstand, bevölkert von Männern, die changas suchen, Gelegenheitsarbeit, und Frauen mit kleinen Karren voller Thermosflaschen, um Tee und Kaffee zu verkaufen.

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Die Provinz Chaco ist, wie der gesamte Norden und Nordosten Argentiniens,  eine Hochburg der Schwarzarbeit. Selbst das Statistikamt Indec, das auf Wunsch der Regierung unangenehme Zahlen gern aufhübscht oder ganz verschweigt, schätzt sie auf 43 Prozent im Großraum Resistencia (letztes Quartal 2014; landesweit: 34 Prozent). Allerdings hat die Region laut Indec mit 0,6 Prozent auch die geringste Arbeitslosenquote Argentiniens, es herrscht: »Vollbeschäftigung«.

Hunderte – viele Frauen mit Kindern – stehen an diesem Tag vor Ämtern und Banken, um sich ihre Zuschüsse abzuholen, und man selbst erstarrt augenblicklich vor diesen reglosen Schlangen. Schaut man ihnen lange genug zu, zucken sie kurz, dann geht es ein paar Schritte vorwärts. Stunden werden die Leute ganz hinten brauchen, bis sie dann drin. Eine voll beschäftigte Provinz.

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Sitz der Provinzregierung von Chaco in Resistencia

> Gouverneurssitz in Resistencia

Die Frau im Tourismusbüro empört sich professionell darüber, dass ich heute Resistencia gleich wieder verlassen werde. »Nur ein Tag? Das ist so schade.«

»Eigentlich bleibe ich nur drei, vier Stunden.«

»Aber bei uns gibt es doch sehr viel!«

Das weiß ich, señora. Die Plaza 25 de Mayo ist eine der größten Argentiniens, mehr als vier Hektar misst sie. Außerdem hat das Parlament Resistencia vor Jahren zur Capital Nacional de las Esculturas ernannt. Es stehen nämlich 606 Skulpturen in den Straßen und Parks der Stadt, und gefühlte 250 davon werden mir gerade nacheinander intensiv ans Herz gelegt.

Eigentlich wollte ich nur einen Stadtplan schnorren.

»Man kann sich für zwei Stunden ein Fahrrad ausleihen. Kostenlos.«

»Oh, das ist toll.«

»Wollen Sie?«

»Nein.«

»Aber unseren Fernando, den müssen Sie besuchen!«

Der Hund Fernando

> Der Hund Fernando

Herrje, den Köter hätte ich fast vergessen. Fernando streunte Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger um die Plaza und besuchte Bars und Konzerte, bis er ganz berühmt war. Angeblich inspirierte er die Bürger zu Tagträumen, und der Chef einer Bank soll ihn jeden Morgen zum Frühstück eingeladen haben. »In einer Stadt, die den Künsten verpflichtet ist, galt Fernando als eine (haarige) Künstlerexistenz«, schreibt der Reiseführer. Am 28. Mai 1963 wurde er allerdings von einem Auto angefahren und starb. Das städtische Orchester spielte einen Trauermarsch, und die Leute schlossen aus Respekt ihre Fensterläden. Fernandos Begräbnis soll das meistbesuchte in der Geschichte Resistencias gewesen sein. Zwei Skulpturen erinnern an ihn.

Es tut mir leid für Resistencia und die Frau, die alles unternimmt, um mich zu begeistern. Ich habe leichte Motivationsprobleme, ich fühle mich sehenswürdigkeitensatt: Drei Städte, zwei argentinische Provinzen, ja zwei südamerikanische Länder in drei Tagen, das ist zu viel. Heute bin ich um halb fünf aufgestanden, um zum Bahnhof zu fahren. Die Bustouren nerven mittlerweile auch. Gestern acht Stunden, heute mindestens sechs, ich lebe ja praktisch im Oberdeck von Nueva Godoy.

»Danke für die Hilfe und den Stadtplan. Ich gehe gleich zu Fernando.«

Ich laufe noch ein bisschen ziellos herum.

Trikotverkauf im Zentrum von Resistencia

> Trikotverkauf im Zentrum von Resistencia

> Skulptur zu Ehren der ersten italienischen Einwanderer

> Skulptur zu Ehren der ersten italienischen Einwanderer

Dritter Teil: Robinson Wese, ein Katzenfresser und eine Fähre, die nicht kommt − von Argentinien nach Paraguay und zurück

Faule Gnocchi, Frauenüberschuss und ein kleines Krokodil zum Abendessen: Unterwegs im Nordosten Argentiniens und in Asunción (1)

von CHRISTOPH WESEMANN

 

Erster Tag: Formosa

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Sollten Sie, lieber Leser, eines Tages mit mir, aus Gründen, über die ich an dieser Stelle nicht spekulieren will,1 gemeinsam in der Wüste landen − keine Sorge, die Oase würde ich wohl finden. Falls Sie aber zu den Pyramiden wollen, die gar nicht zu verfehlen sind, fragen Sie bitte jemanden mit Orientierungssinn.

Es ist mein erster Tag im argentinischen Nordosten, ich bin 1200 Kilometer entfernt von Buenos Aires und suche die goldene Perón-Statue. Seltsamerweise stehe ich im Augenblick allerdings vor der Coca-Cola-Fabrik.

Perón-Statue in Formosa

> Perón-Statue in Formosa

Das mexikanische Unternehmen Arca Continental, dem sie gehört, ist einer der wenigen echten Arbeitgeber in der Hauptstadt Formosa und der gleichnamigen Provinz. Die 400 Jobs im Abfüllwerk sind gut bezahlt und entsprechend begehrt. Denn eine nennenswerte Industrie gibt es nicht, und Formosas Tourismus ist auch noch keine Branche, nur Slogan: »El Imperio del Verde«, das Grüne Imperium.

Wichtiger als Coca-Cola ist nur der Staat.

95 Prozent des Provinzhaushalts bezahlt die Nationalregierung. Hilfe säen, Treue ernten, so haben es auch die Vorgänger der Präsidentin Cristina Kirchner gehalten. Deren linksperonistische Siegesfront (Frente para la Victoria) erreichte bei den Parlamentswahlen vor eineinhalb Jahren 60 Prozent in Formosa – fast doppelt so viel wie im Landesschnitt. Bei ihrer triumphalen Wiederwahl 2011 hatte Kirchner hier gar 78 Prozent geholt – landesweit kam sie auf 54.

Cristina Kirchner spricht in Buenos Aires und ist in Formosa zu sehen.

> Cristina Kirchner spricht in Buenos Aires und ist in Formosa zu sehen.

Vier Tage habe ich Zeit, um Formosa und Chaco zu bereisen, jenen Teil des argentinischen Nordostens, den ich noch nicht kenne. Misiones und Corrientes, die beiden anderen Provinzen des NEA, habe ich vor zweieinhalb Jahren mit dem Auto durchquert. Vier Tage, lächerlich. Formosa ist die fünftkleinste Provinz und trotzdem größer als der Freistaat Bayern – ein weites, weitgehend leeres Land mit nur 580 000 Einwohnern.

Der goldene Perón muss hier irgendwo sein. Ich sehe ihn noch nicht, fühle ihn aber. Jeder Argentinier ist ja laut Perón Peronist, einige wissen es nur nicht. »Wir Peronisten sind wie Katzen«, hat der General gesagt. »Wenn wir schreien, glaubt man, wir würden streiten. In Wahrheit pflanzen wir uns fort.« Unmöglich, dass ich den Kerl nicht finde; das glaubt mir doch kein Peronist.

In Buenos Aires haben viele Leute den Kopf geschüttelt. Was will man in Formosa? Dort gibt’s doch nichts. Nichts außer Schmugglern, die Waren aus Paraguay – vor allem Fernseher und Mobiltelefone – auf den argentinischen Markt bringen, weil der für derlei Produkte wegen der Importrestriktionen unverschämte Preise verlangt. Zigaretten? Natürlich. Andere Drogen? Ja, auch.

Biertransport über den Río Paraguay

> Biertransport über den Río Paraguay

Übrigens hat sich der Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen, den Formosa tatsächlich besitzt, zum Hotel sehr böse ausgelassen über die Porteños, die Hauptstädter. »Porteños wissen alles. Deshalb mögen wir sie auch nicht«, sagte er. »Wenn du dich in Buenos Aires nicht auskennst, bist du aufgeschmissen. Dann fährt dich der Taxifahrer zehnmal im Kreis. Fragst du jemanden nach dem Weg, zeigt der hier lang, obwohl du da lang musst. Aber immer weiß er alles, der Porteño.«

Keiner − keiner außer den Porteños, versteht sich − mag die Porteños, so ist das in Argentinien. Und je weiter man sich von ihnen entfernt, umso übler wird ihr Ruf. Hier in Formosa ist die argentinische Hauptstadt in vielerlei Hinsicht sehr weit weg. Die meisten Formoseños kennen sie vor allem aus den Nachrichten oder vom Hörensagen, und über solche Kanäle exportiert Buenos Aires reichlich Geschichten über Mord und Totschlag an jeder Straßenecke. Die Metropole ist ein Moloch, bevölkert von arroganten, egoistischen und kaltherzigen Kreaturen, die überdies mehr Europäer sein wollen als Latinos. In Formosa ist jeder zweite Mestize, also Nachfahre von Weißen und Indigenen. Man lebt viel ruhiger, sagen sie und meinen auch: Wir versuchen nicht, uns 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche gegenseitig übers Ohr zu hauen.

Grenzübergang am Río Paraguay von Formosa nach Alberdi

> Grenzübergang am Río Paraguay von Formosa nach Alberdi

Puerto Formosa 2

Auch geografisch liegt anderes näher als Buenos Aires: Paraguays Hauptstadt Asunción erreicht man mit dem Auto in zweieinhalb Stunden und mit dem Bus in vier. An Formosas Uferpromenade fahren halbstündlich Barkassen über den Río Paraguay nach Alberdi, dem Grenzort des Nachbarn. Dort kaufen Argentinier gerne ein, weil’s drüben billiger ist, und die Paraguayer schicken dafür ihre Kinder in Formosa zu Schule und lassen sich im Hospital de Alta Complejidad »Presidente Juan Domingo Perón« gesund machen (was nicht jedem Argentinier gefällt).

»Ufff, da hast du dich aber ganz schön verlaufen«, sagt der Mann an der Bushaltestelle. »Also, geh mal zehn Blocks geradeaus, nein elf, dann kommt eine große Kreuzung, und dort biegst du rechts ab, gehst zwei Blocks und danach …«

Immer geradeaus, dann sehen wir weiter.

»Warte, mein Chef kommt gerade«, ruft er hinterher. »Sollen wir dich an der Plaza absetzen?«

»Sicher?«

»He, du bist nicht in Deutschland. In Formosa haben wir Vertrauen zu den Leuten.«

Ich finde es ja schön, dass ihr mir vertraut, wirklich, das ehrt mich. Aber die Frage ist doch: Soll ich auch euch vertrauen?

Evita-Denkmal im Stadtzentrum von Formosa

> Evita-Denkmal im Stadtzentrum von Formosa

Sportplatz in Formosa in der Nähe der Uferpromenade

> Sportplatz in Formosa in der Nähe der Uferpromenade

Formosa ist, je nach Statistik, die ärmste, die zweitärmste oder die drittärmste aller 23 argentinischen Provinzen. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist das zweitniedrigste nach dem des Nachbarn Chaco und liegt mit 2879 Dollar weit unter dem Schnitt (8269; Deutschland: 40 000). Studien zufolge sind mindestens sechs von zehn Formoseños beim Staat angestellt, was selbst in diesem Land, dessen Bürgermeister, Gouverneure, Minister und Präsidenten immer auch Jobvermittler sind, ein überragender Wert ist.

Freilich, nicht alle Staatsangestellte arbeiten auch für den Staat. Argentinien ist ja voller ñoquis (Gnocchi), Leuten, die zwar offiziell beschäftigt werden, in irgendeiner Behörde oder im Rathaus, aber nur am Monatsende zur Arbeit kommen, wenn der Lohn verteilt wird. Der Spitzname leitet sich ab von den Ñoquis del 29, einem alten argentinischen Brauch, wonach die Familie am 29. des Monats Gnocchi isst, weil das Geld in der Haushaltskasse nicht mehr für eine bessere Mahlzeit reicht.

»Danke fürs Mitnehmen, muchachos

Der Straßenmarkt der Paraguayer (Formosa)

> Der Straßenmarkt der Paraguayer

Ich gehe jetzt ein bisschen spazieren, kaufe den Paraguayern auf dem Markt ein paar CDs mit argentinischer Rockmusik ab und lege mich dann früh schlafen. Morgen muss ich fit sein.

Die neue Uferpromenade von Formosa

> Die neue Uferpromenade von Formosa

Zweiter Tag: Asunción

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Hätte ich doch weniger Bier getrunken. Oder wenigstens schneller. Nicht bis Mitternacht. Aber Emilio hatte mich überredet, mit Blick auf den Río Paraguay zwei Delikatessen der regionalen Küche zu kosten: als Vorspeise trozos de yacaré rebozados en harina y huevo, den Brillenkaiman aus der Familie der Alligatoren, paniert mit Mehl und Ei; und als Hauptgang Surubí al paquete, den in Folie eingewickelten Pseudoplatystoma aus der Familie der Antennenwelse. Mein erster Abend in Formosa: viel Bier, ein knuspriges kleines Krokodil und ein gut geölter Süßwasserfisch.

Surubí al paquete

> Surubí al paquete

Jetzt, um 3.45 Uhr, klingelt mein Wecker. Ich habe nicht mal Kaffee da, und die Hotelküche ist noch geschlossen, also trinke ich zwei Tassen Cola. Die Dusche gibt kein warmes Wasser. Vielleicht bin ich auch zu blöd, die drei Knäufe zu bedienen, bei mir kommt jedenfalls nur kaltes oder gar kein Wasser. Um halb fünf stehe ich vor dem Hotel. Emilio hat einen Bekannten, der nachts Taxi fährt und mich zum Busbahnhof bringen wird.

Fünf Uhr. Um den Bus nach Asunción nicht zu verpassen, kümmere mich jetzt mal selbst um ein Taxi. »In diesem Land hat man immer das Gefühl, gleich geschieht was Schreckliches, und dann geschieht gar nichts«, lässt der argentinische Schriftsteller Tomás Eloy Martínez (1934-2010) eine Figur seines Romans Der Flug der Königin sagen. »Alles wird weitergehen wie bisher, du wirst schon sehen.«

Wollen wir hoffen, dass die anderen Passagiere genauso müde sind wie ich immer noch.

Busbahnhof von Formosa

> Formosas Busbahnhof morgens um halb sechs

»¡Señor! ¡Señor!«

Kann die verfluchte Alte bitte nicht so brüllen?

»¡Seeeeñññoooorrr! ¡Seeeeñññoooorrr!«

Oder kann sie der verdammte Señor mal hören?

»¡Seeeeeeññññoooooorrrrr! ¡Seeeeeeeññññoooooorrrrr!«

Ach Gott, die meint mich. Ich muss zwei Stunden durchgeschlafen haben, wir haben jedenfalls die paraguayische Grenze schon erreicht. Nur noch die freundliche Señora, ihre Tochter und ich sind im Bus. Das Mädchen, vielleicht elf Jahre alt, schaut mich verängstigt an. Wenn ich Glück hatte, habe ich nur laut geschnarcht. Mein Kinn ist allerdings ein bisschen feucht, das deutet auf sinnloses Gebrabbel im Schlaf hin – mit falscher Spanischgrammatik und schwerem Akzent. Beruhig dich, Kleines. Der alte weiße Mann ist okay.

> Argentinisch-paraguayische Grenze in der Stadt Clorinda

Paraguay 3

Ich bin der Letzte in der Schlange und stehe auch am Schalter wieder länger als alle anderen. Der Grenzbeamte studiert seelenruhig alle Aus- und Einreisestempel; ich habe bolivianische, chilenische, brasilianische, uruguayische, viele argentinische, dazu noch ein paar aus der Ukraine. Señor, ich will nur Asunción angucken. Ja, ich komme heute Abend zurück. Exactamente, ich lebe in Argentinien. , schon ‘ne ganze Weile. (Du hast doch all meine Visa, auch die abgelaufenen, zwei Minuten lang angeglotzt, ¡boludo!2)

Ringsherum sind die Geldwechsler unterwegs, einen Bündel Scheine in der Hand. Amigos, ich habe schon Guaraníes. 207 000! Emilio hat sie mir gestern Nacht geliehen, damit ich nicht bei euch Geiern zum miesen Kurs wechseln muss, sondern erst mal mit dem Taxi ins Zentrum fahren kann. 207 000 Guaraníes sind bei einem Peso-Wechselkurs von 1:380 … nee, das kann ich natürlich zu dieser frühen Stunde nicht … also irgendwas um 500 Peso vielleicht … also 50 Euro. Die Geldwechsler waren vorhin auch schon im Bus, ich habe sie im Halbschlaf gehört. Das war kein Traum, ich erinnere mich genau.

Puh, geschafft. Ich leg mich noch mal hin, lese ein bisschen und warte darauf, dass ich wegdöse.

Der Flug der Königin, erschienen 2002, verwebt die Geschichte der unglücklichen Liebe zwischen einem Chefredakteur und einer jungen Journalistin mit dem politischen Geschehen im korrupten Argentinien der späten neunziger Jahre, kurz vor dem Zusammenbruch. Tomás Eloy Martínez ist ein brillanter Erzähler.

»¡Venga!«

Der Busfahrer ist extra ins Oberdeck gestiegen. Mehr sagt er nicht. Ich soll nur mitkommen. Hoppla, offenbar habe ich zwar Argentinien verlassen, mich aber nicht von den Paraguayern aufnehmen lassen. Kann doch mal passieren, oder?

Na ja, sagt der Blick des Busfahrers.

Neben dem Schalter ist das Büro der paraguayischen Polizei, da muss ich jetzt auch noch schnell Hallo sagen, weil auf der Passagierliste des Busunternehmens hinter einem Namen das Häkchen fehlt. Sitzplatz 24. Ja, der bin ich.

Abfahrt.

> Der Río Paraguay und die Skyline von Asunción

> Der Río Paraguay und die Skyline von Asunción

Mein Freund Pablo schickt mir eine Nachricht. »Pass bloß auf«, schreibt er. »Die Paraguayerinnen sind äußerst warmherzig und die schönsten Frauen nach den Argentinierinnen.«

In Asunción herrscht Frauenüberschuss, wie es typisch ist für südamerikanische Metropolen. Hotels, Cafés und Restaurants, die weibliche Servicekräfte brauchen, sind auf dem Kontinent weitgehend ein Großstadtphänomen; hinzu kommt eine Wohlstandsschicht, die die Arbeit im Haushalt gern outsourct und sich bedienen lässt. Die Stadt gehört, demografisch gesehen, den Jungen: Mehr als die Hälfte aller Bewohner sind noch keine 30 Jahre alt; nur jeder zehnte hat die 60 schon überschritten.

Der Großraum Asunción ist auch einer der 20 großen Ballungsgebiete Südamerikas. Mehr als zwei der 6,7 Millionen Paraguayer leben hier. Täglich, so schätzt man, fahren 2,1 Millionen Menschen und mehr als 300 000 Fahrzeuge hinein in die Hauptstadt. Offiziell heißt sie übrigens: La Muy Noble y Leal Ciudad de Nuestra Señora Santa María de la Asunción, die sehr noble und treue Stadt unserer Heiligen Jungfrau Mariä Himmelfahrt. Asunción ist auch eine der ältesten spanischen Städte des Kontinents, gegründet 1537, eineinhalb Jahre nach Buenos Aires.

Ich kenne überhaupt keine andere paraguayische Stadt.

Der bekannteste Paraguayer?

Für mich: Roque Santa Cruz.

 

Der Polizist vor dem Busbahnhof meint, das Taxi ins Zentrum werde ungefähr 50 000 Guaraníes kosten. Mhhmm, das macht, du hast es gleich, fuffzig durch dreikommaacht, sagen wir: vier, la puta madre,3 ist das ein Wechselkurs de mierda, fuffzig durch vier sind zwölf, und jetzt noch die Nullen hinten dran, la concha de mi hermana,4 so schwer ist das doch … ach komm, gib auf, unmöglich. Versucht hast du‘s ja.

Die paraguayische Nationalbank im Stadtzentrum von Asunción

> Die paraguayische Nationalbank im Stadtzentrum von Asunción

Palacio de los López, der Präsidentenpalast

> Palacio de los López, der Präsidentenpalast

Das Nationalparlament

> Das Nationalparlament

Paraguay 9

Catedral Metropolitana, Bischofskirche des Erzbistums Asunción

> Catedral Metropolitana, die Bischofskirche des Erzbistums Asunción

Ich beschließe, mich treiben zu lassen. Kein Stadtplan. Mir bleiben ohnehin nur fünf, sechs Stunden, bis der Bus zurückfährt, und ich weiß ja ungefähr, was ich sehen will: das Parlamentsgebäude, die Kathedrale, den Panteón de los Héroes, in dem die Reste der Kriegshelden aufbewahrt werden, den stillgelegten Hauptbahnhof von 1861 und natürlich den Palacio de los López, den Präsidentenpalast. Seit zwei Jahren regiert dort der Konservative Horacio Cartes, ein gelernter Flugzeugmechaniker und Tabakbaron.

Auf dem Heldenplatz, der Plaza de los Héroes

> Auf dem Heldenplatz, der Plaza de los Héroes

Paraguays Ruf ist ja nicht der beste: Armut, Schulden, Korruption und Ungleichheit – von all dem hat das Land reichlich, mehr als viele andere Länder. Selbst für südamerikanische Verhältnisse soll es bisweilen ziemlich gesetzlos zugehen, und die Vetternwirtschaft hat ohnehin eine lange Tradition. In unguter Erinnerung sind auch die 35 Dienstjahre des Präsidenten Alfredo Stroessner (1954-1989). Der Sohn eines Buchhalters aus Oberfranken und einer Guarani-Indianerin war ein glühender Antikommunist und Tyrann, was erfahrungsgemäß keine angenehme Kombination ist. Stroessner ließ Widersacher foltern und trieb eine Million Landsleute ins Exil. Franz Josef Strauß verlieh ihm 1973 den Bayerischen Verdienstorden.

Ich kaufe doch mal einen Stadtplan. Wegen Pablos Auftrag sehe ich mittlerweile bloß noch Banken und Geldautomaten. Aber ich fühl mich wohl, ich bin vielleicht sogar verliebt, ein kleines bisschen. Eine Großstadt, die nicht unaufhörlich brüllt –  so etwas kennt man nach fast drei Jahren in Argentinien ja gar nicht mehr. Asunción ist jedenfalls zur Mittagszeit leiser als Buenos Aires nachts um drei, und das liegt nicht bloß an der Müllabfuhr, die dann durch unsere Straße rumpelt. (Also, jede Nacht um drei.) Hier ist es, als ob man Ohrenstöpsel trüge, so gedämpft erzählt Asunción von sich.

Der Stadtplan kostet 20 000 Guaraníes. Bestimmt ein Schnäppchen. ¡Vamos!

Polizistenverschnaufpause

> Polizistenverschnaufpause

Argentinier im Allgemeinen halten eher wenig von ihren Nachbarn – und trotzdem viel mehr als die umgekehrt von ihnen. Auf die Bolivianer, Brasilianer, Chilenen, Paraguayer und Uruguayer wirken sie überheblich und laut. Der Argentinier, heißt es, fällt, das Trikot seines Fußballklubs stets am Leib, ins fremde Land ein, flucht unaufhörlich und fordert: Bewundert mich!

Es ist kein Geheimnis: Argentinier bilden sich auf ihre Herkunft viel ein, obwohl es mit dem Land im Grunde seit 80, 90 Jahren − die Spanier sagen: seit dem 9. Juli 1816bergab geht. »Wenn ich abends nach Hause komme, ist die Straße menschenleer. Ich sehe nur Bettler, die sich daherschleppen«, sagt die junge Journalistin im Flug der Königin zu ihrem Geliebten, dem Chefredakteur. »Wir sind uns dessen gar nicht bewußt, Bitte,5 aber Buenos Aires verändert sich. Es ist ein Schmetterling, der ins Larvenstadium zurückschlüpft.«

Ein Elendsviertel hinter dem Nationalparlament

> Ein Elendsviertel hinter dem Nationalparlament

Asunción: Ein Elendsviertel hinter dem Nationalparlament

Aber die ganz alte Vergangenheit glänzt nach wie vor. Lange war Argentinien ja die größte Nummer auf dem Kontinent. Die erste U-Bahn Lateinamerikas (und der gesamten Südhalbkugel) fuhr 1913 in Buenos Aires, auch das erste Kinderkrankenhaus (1875) stand hier. Es war ein Argentinier, der Chirurg René Favaloro, dem 1961 die erste Bypass-Operation am Herzen gelang. Der erfolgreichste Formel-1-Fahrer, bevor der Kerpener kam? El Balcarceño, Juan Manuel Fangio, fünfmal Weltmeister in den fünfziger Jahren, 24 Siege in 51 Rennen. Das schönste und beste Opernhaus der Welt laut Wilhelm Furtwängler, dem Jahrhundertdirigenten? Das Teatro Colón, eröffnet 1908 und fast gelegen an der breitesten Straße der Welt, der 9 de Julio. Wer kann bei so viel Pracht schon mithalten?

> Verlassener Mate

> Verlassener Mate

> Fotograf im absoluten Parkverbot neben dem Panteón de los Héroes

> Fotograf im Parkverbot neben dem Panteón de los Héroes

Die Nachbarn rächen sich mit schlechten Witzen. Wie begeht ein Argentinier Selbstmord?, fragen sie. – Er springt von seinem hohen Ego. Warum rennt er aus dem Haus, wenn‘s draußen blitzt? – Er denkt, Gott fotografiert ihn.

Ganz schön warm heute in Asunción. Ich kann die Jacke wohl ausziehen. Mein Trikot: das weiße vom Quilmes Atlético Club.

Clorinda, der argentinische Grenzort, am Abend

> Clorinda, der argentinische Grenzort, am Abend

Clorinda, der argentinische Grenzort, am Abend

Paraguay 17

  1. weil es nur um den fabelhaften Einstieg in diesen Text geht []
  2. Schwachkopf/Depp, sehr beliebte Anrede in Argentinien []
  3. argentinischer Fluch: puta = Hure, madre = Mutter, la = die []
  4. das Geschlechtsorgan meiner Schwester, nur derber []
  5. ihr Spitzname für den Chefredakteur []

Der sechste Geburtstag, drei Rülpser und die deutsche Deklination

von CHRISTOPH WESEMANN

Die Sechsjährige hat Geburtstag, und weil meine Frau wieder verdienstreist ist, es also keine Torte geben wird, habe ich ihr versprochen, sie samt kleiner Schwester und großem Bruder zum Abendessen auszuführen. Riesige Vorfreude. Der Aufbruch verzögert sich allerdings, denn mein ausgefeiltes und sehr ökonomisches System der Haushaltsführung hat sich nach zwei Tagen ohne Mama noch nicht komplett herumgesprochen. Kleider werden gesucht und nicht gefunden.

»Wäschekorb, Mädels!«

Der Neunjährige zieht ohnehin an, was er immer anzieht: ein Fußballtrikot. Heute ist es Barcelona. Morgen wird Bayern dran sein, danach Boca, James (Kolumbien, Nr. 10), Quilmes, Argentinien, dann wieder von vorn. Er weiß natürlich, wo er nicht zu suchen braucht.

»Mensch Mädels, eure Kleider sind doch nicht im Kleiderschrank.«

Die Dreieinhalbjährige freundet sich gleich mit der jungen Kellnerin an, kritzelt ein Blatt voll und überreicht ihr feierlich das dadaistische Gemälde, zieht ihr dann, während der Nachbartisch bestellt, an der Bluse und kräht durchs ganze Restaurant: »Gibt es alkoholfreies Bier?«

Jeder will am liebsten eine eigene Pizza. Muss ich denn immer wieder bei null anfangen? Zuhören, Ohren auf:

In Argentinien wird im Restaurant geteilt. Und warum? Weil das Essen ein sozialer Akt ist! Es geht nicht nur um die Nahrungsaufnahme. Der Dicke, der neulich unser verschimmeltes Parkett ausgewechselt hat, ihr wisst schon, wen ich meine, der sagt: »Das Schönste am Grillen ist nicht das Essen, sondern das Vorspiel. La previa. Feuer machen, mit den Freunden am Grill stehen, bisschen was trinken, erzählen, lachen, das Leben genießen.« Verstanden, Kinder?

Die Verhandlungen beginnen. Die Dreieinhalbjährige hält sich raus und geht zum Tisch am Fenster, um das Rentnerpaar vollzuquatschen. Sie breitet ihr halbes Leben aus, es kommt so ziemlich alles zur Sprache, wie es Sitte ist in diesem Land. Argentinische Münder entleeren sich ja gern vor Wildfremden, und die wiederum hören das gern. Ich greife erst ein, als es um »la panzita de mi papito lindo« geht, das »Bäuchlein meines hübschen kleinen Papis«. Man ahnt ja, wohin das noch führen könnte.

In Buenos Aires gibt es inzwischen mehr viel mehr pizzerías als parillas (Steakrestaurants) − 752 zu 555. Angeblich werden in der Hauptstadt jeden Tag 39 000 Pizzas gegessen, 14 Millionen im Jahr. Es ist eine Sache des Geldes. Die Fleischpreise haben sich allein zwischen 2009 und 2012 verdreifacht und sind seitdem weiter gestiegen. Ein Abendessen mit der Familie in der Pizzeria kostet deutlich weniger als in der Parrilla.

Viertel ohne strom

> Viertel ohne Strom

Wir haben gerade angefangen zu essen, als das Licht ausgeht. Es brennen nur noch drei Notleuchten an der Wand, und auf der Straße ist alles schwarz. Es ist nicht so, dass das irgendjemanden im Lokal überraschen oder gar verstören würde. Man nimmt den Stromausfall zur Kenntnis, kommentiert wird er nicht. Ich bereite die Kinder darauf vor, dass auch zu Hause kein Licht sein wird. Das haben sie sich schon gedacht. Man hört das Brummen der Dieselgeneratoren.

Die Bühne betritt jetzt der Verrückte unseres Viertels, ich weiß natürlich, was geschieht. Er hat eine Weile und vermeintlich unauffällig gelauscht und eine fremde Sprache vernommen. Zunächst hält er mich – wegen meines Akzents – für einen Franzosen. Wie immer verbitte ich mir das. Dann sagt er auf Deutsch: »Die deutsche Deklination ist sehr schwerrrrr. Tschüss. Sagt man so?«

Señora, die Rechnung, bitte!

Der Neunjährige rülpst, wie noch nie ein Neunjähriger gerülpst hat. Er ist ganz stolz auf sich, gibt zwei Zugaben und will das gleich Mama erzählen. Er nimmt mein Handy, fängt an zu tippen, bricht ab und fragt: »Kann man das Ö auch mit oe schreiben?«

Beim Warten auf das Wechselgeld lese ich die Nachricht meines Sohnes:

Rülps
Drei Stunden später ist der Strom wieder da.

Über den patagonischen Pilz einer Hure, der seit fast vier Monaten in meinem Ohr lebt

von CHRISTOPH WESEMANN

 
Rückblick. 24. Dezember 2014.

Ich bin mit der Familie im Sommerurlaub. Wir wollen mit dem Auto von Buenos Aires bis nach Santiago de Chile fahren und wieder zurück. Wir sind seit einer Woche unterwegs und heute, am Heiligen Abend, in Villa El Chocón, einem Örtchen in der Erdöl- und Dinosaurierprovinz Neuquén, 1219 Kilometer entfernt von zu Hause.

Villa El Chocon

Villa El Chocon 2

Die Stimmung könnte schlechter kaum sein, und in offener, also nicht geheimer Abstimmung stellt die Familie mit deutlicher Mehrheit (4:1) fest: Das liegt am Vater. An mir?

Okay, meine Betriebstemperatur ist cholerisch, und die habe ich schon vor Tagen erreicht, im Grunde gleich in den ersten Minuten auf der Autobahn. Es gibt nämlich haufenweise Argentinier, die ein Leben lang Überholspur fahren und ein Leben lang auch nicht in den Rückspiegel gucken. Ich blinke, ich lichthupe, meine Finger und Hände weisen den Fahrer − este hijo de puta1, diesen Hurensohn also − sehr bestimmt auf sein falsches Verhalten im Straßenverkehr hin. Ich könnte rechts überholen, wie’s die anderen machen, die Spur ist ja komplett frei.

Aber das sehe ich gar nicht ein.

Vom Beifahrersitz: ein Schnaufen.

»Schatz, man kann sich nicht alles gefallen lassen.«

»Aber der weiß doch überhaupt nicht, was du von ihm willst, du mit deinem Rechts-fahr-gebot

Hospital

Außerdem tut seit Tagen mein linkes Ohr weh. Tropfen. Alkoholtupfer. Bier. Viel Bier. Nichts hilft. Also schauen wir  im Dorfkrankenhaus von Villa El Chocón vorbei. In der Ambulanz wird heute tatsächlich gearbeitet, es streunt jedenfalls ein Pfleger herum. Der guckt ins Ohr und diagnostiziert: einen Pilz. Mit dem rechten Ohr, dem gesunden, höre ich den anerkennenden Jubel der im Untersuchungszimmer versammelten Familie. Man ist ausnahmsweise stolz auf das Familienoberhaupt. Tenor: Andere haben sowas am Fuß – unser Alter hat’s im Ohr.

»Muss ich sterben?«

Der Pfleger schaut meine Frau an, grinst und sagt, und zwar zu ihr: »Damit kann ich dir leider nicht dienen.«

»Und wenn er ein paar Tage auf Station bleibt, zur Beobachtung und so?«

»Ich verstehe. Aber, nein, tut mir leid.«

Die beiden sind kurz zuvor, sich abzuklatschen. Ich räuspere mich. Wollten wir nicht heute noch Dinosaurierknochen ausgraben mit den Kindern?

Der Pfleger ruft den Arzt an, um zu fragen, was zu tun sei, kommt wieder und bereitet eine Spritze vor.

»In den Arsch?«, frage ich.

»Da wirkt es nicht so schnell.«

Der Pfleger bindet den Oberarm mit einem Gummihandschuh ab und spritzt etwas Schmerzlinderndes. Der Wattetupfer, den er gleich auf die Einstichstelle kleben wird, klebt schon an seinem Kittel. Der Achteinhalbjährige schaut vorbei und fragt: »Warum nicht in den Arsch?«

Eine halbe Stunde später beginnt sich der Schmerz zurückzuziehen.

♦♦♦♦♦

15. April 2015.

Ich warte im Hospital Alemán, dem deutschen Krankenhaus in Buenos Aires, wo allerdings spanisch gesprochen wird, dass die Nummer 108 aufleuchtet. Noch steht auf der Anzeigetafel die 107. Ich wollte schon vor Tagen hier sein, weil das linke Ohr entweder schmerzt oder leicht taub ist. Aufgehalten hat mich das Wort otorrinolaringólogo (Hals-Nasen-Ohren-Arzt), das ich bei der Anmeldung ja vorbringen müsste. Dachte ich.

Es reichte dann aber der Versuch, es auszusprechen.

108! Zimmer 32. ¡Vamos!

Dr. Curi lässt sich kurz erklären, was mit mir los sei, und scheint zu verstehen. »Komm mit!«, sagt er. Er geht ins Nebenzimmer, legt mich dort − weil ich es selbst mangels Intelligenz nicht hinbekommen habe − »mit dem Kopf nach oben« auf die Pritsche und schaut zunächst ins gesunde rechte Ohr, dann ins kranke linke. Dann saugt er mit einem Schlauch sehr gründlich herum. Es knirscht.

»Un hongo«, sagt er schließlich.

Ein Pilz. Aha.

Mein Pilz.

Aus Patagonien.

Der hat also überlebt.

Dr. Curi verschreibt mir Dermizol Trio (»du nimmst drei Tropfen alle zwölf Stunden«) und entlässt mich mit Handschlag. In drei, vier Tagen erwartet er mich zur Nachkontrolle.

Wir kriegen Dich, diesmal kriegen wir Dich, hongo de puta!

Tropfen

  1. sehr häufiger Fluch in Argentinien []

Ein Herzensargentinier im Exil (3): Auferstanden in Ruinen und der Kakerlake zugewandt

von HERRN T. (GASTBEITRAG)

Herr T. hat ein Jahr in Buenos Aires gelebt. Der Leser des Argentinischen Tagebuchs kennt ihn vor allem als nervenstarken Reisebegleiter nach Chile und Bolivien. Im September 2014 kehrte er nach Deutschland zurück. Nun ist er wieder da.

♦♦♦♦♦

Ich war vorbereitet. Ich habe in Uni-Seminaren Mate getrunken, die weiß-himmelblaue Fahne geschwenkt. Ich habe Freunde mit meinem Argentinienwissen genervt und mit Lionel Messi gelitten, als dieser die Niederlage gegen Deutschland hinnehmen musste. Ich war auf alles vorbereitet. Nur nicht auf die Hitze. 36 Grad knallen vom Himmel, als ich aus ebendiesem auf argentinischem Grund lande. Ich bin zurück. Schwitzend, schmelzend, sterbend – und doch glücklich.

Wieder durch die Häuserblöcke von Buenos Aires zu fahren, weckt Erinnerungen. Ein Jahr hatte ich hier gelebt und mich an die verrückten und auch liebenswürdigen Argentinier gewöhnt. Nun bin ich zurück und glaube, mich an jede einzelne Straßenecke erinnern zu können. Wie in einem Film, an den man sich vage erinnert. Ich komme in Recoleta unter, dem argentinischen Paris. Qué elegancia la de Francia. Ich erkunde die Stadt, schlendere über den Friedhof von Recoleta, auf dem auch die gefeierte Schutzheilige Eva Perón begraben liegt, und flaniere die Avenidas entlang bis zum Kongress und Präsidentenpalast.

Friedhof Recoleta

Friedhof Recoleta

Evita

Evitas Grab

Meine Liebe zum argentinischen Wein lebt wieder auf, und auch das traditionelle Asado ist noch so lecker, wie ich es in Erinnerung habe. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein. Es verwundert viele, vor allem Argentinier selbst, dass ich mir vorstellen könnte, hier zu leben. Cheeee, dir gefällt’s bei uns? Du nimmst mich auf den Arm! So mancher lernt ja nach Englisch noch eine zweite Fremdsprache hinterher, um nach Europa auswandern zu können.

Buenos Aires

Blick auf die Avenida Corrientes

Buenos Aires 2

Das Microcentro von Buenos Aires

Ich erinnere mich an so viele Kleinigkeiten. Die Collectivos, buntbemalte Linienbusse, die mit exzessivem Gebrauch der Hupe und des Gaspedals mit den Taxis um die Herrschaft auf den Straßen kämpfen. Taxifahrer, die sofort wissen wollen, wo man denn herkomme, was man hier mache – aber vor allem: dein Fußballklub, eh? Geldwechsler, die von jeder Ecke der beliebtesten Einkaufsstraße »Cambio« rufen – in einer Monotonie, als hätten sie nur dieses eine Wort gelernt. Unebene Fußwege, die regelmäßig von verlassenen Baustellen unterbrochen werden und auf denen einem die Kondenswassertröpfchen der Klimaanlagen in den Nacken fallen. Der Fernet (ja, Opas Magenbitter), der mit Cola und Eis gemischt wird, um sich dem Nachtleben ein wenig sorgloser zu widmen. Fahrstühle aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, die erst funktionieren, wenn beide Türen manuell zugezogen sind. Dazu Stromausfälle, Kakerlaken und Demonstrationen. Nicht, dass das unmittelbar in einem Zusammenhang stehen würde. Habe ich doch in einem Restaurant gleich zwei Kakerlaken in fünf Minuten am Tisch begrüßt, die der Kellner auf Nachfrage schwer gelangweilt und recht träge mit einem Taschentuch eliminierte. Ein echter Argentinier stört sich doch an so was nicht! Und mir gelingt es natürlich auch, damit umzugehen, jedenfalls besuche ich das Restaurant sogar noch zwei weitere Male.

Demonstration am Kongress, dem Nationalparlament

Kurz vor meiner Ankunft wurde der Staatsanwalt Alberto Nisman tot aufgefunden. Niemand kann sicher sagen, was genau passiert ist, doch glauben alle, es zu wissen: Die Präsidentin habe ihn ermorden lassen. Dass ein Volk mehrheitlich davon überzeugt ist, dass die eigene Regierung zu Auftragsmorden fähig ist, wirft nicht nur eine Frage über Demokratie und Justiz auf. Jedenfalls spürt man diese Unruhe deutlich − und egal, ob es nun Mord oder Selbstmord war: Der Fall wird das Land noch über Jahrzehnte hinweg spalten.

Mein Land.

Die Echte-Kerle-Komödie

von CHRISTOPH WESEMANN

Hochsommer in Argentinien. Ferienzeit. Alle Schulen geschlossen. Die Kinder besuchen von 9 bis 18 Uhr die colonia, den Ferienhort eines Sportklubs in Buenos Aires. Morgen ist campamento. Das heißt: Die Kinder übernachten im Klub. Die Mutter ist auf Dienstreise.

♦♦♦♦♦

ERSTE SZENE

Vater und sein Sohn im Wohnzimmer; die Töchter spielen auf der Terrasse.

VATER. Was müsst ihr denn alles mitbringen? Zeig mal den Zettel.

SOHN. Ich habe schon gepackt.

VATER. Zettel!

SOHN. Ich habe doch aber schon alles …

VATER. Ich muss gleich das Abendessen machen und euch vorher baden und nachher dann aufräumen. Morgen kommt eure Mutter wieder, schau dich mal um, wie’s hier …

SOHN. Okay-okay. (reicht ein Blatt Papier)

VATER. (liest laut vor) Kurze Hose. Lange Hose. T-Shirt. Pullover. Zwei Paar Socken. Unterwäsche. Hut. Sonnencreme. Insektenspray. Zwei Paar Socken, pfffffff, eins reicht ja wohl. Plastikbecher. Schlafsack. Isomatte. Zahnbürste. Kamm. Den lassen wir auch weg. Was ist das hier?

SOHN. Was?

VATER. (liest stockend) Cortina de baño.

SOHN. Das verstehe ich auch nicht.

VATER. »La cortina« ist doch »der Vorhang«, und »baño« heißt »Bad«. Vorhang vom Bad. Badvorhang. Was soll das denn sein?

SOHN. Hmmh.

VATER. Wen könnten wir fragen?

SOHN. Pablo?

VATER. Super Idee. Meinen Freund Pablo.

 ♦♦♦♦♦

ZWEITE SZENE

Zwei Orte, zwei Männer, zwei Mobiltelefone; Getippe auf Spanisch

VATER. Cheeeeeeee Pablo, wie geht’s? Alles gut? Hör mal, die Kinder haben morgen campamento, wir packen gerade die Sachen. Weißt du, was die mit »cortina de baño« meinen?

PABLO. Keine Ahnung. Aber wenn du mich fragst: ein Blödsinn, diese campamentos. Dieser Aufwand!

VATER. Stell dir vor: Die Kinder sollen für eine Nacht zwei Paar Socken mitbringen.

PABLO. Hast du hoffentlich eins gleich wieder ausgepackt.

VATER. Ja, natürlich. Die übernachten doch nicht im »Sheraton«. Also, du weißt auch nicht, was »cortina de baño« sein soll?

PABLO. Wozu brauchen die überhaupt ein Bad?

VATER. Na ja, diese verwöhnten Kinder von heute. Typen wie Du und ich, ich meine, wir pinkeln ja überall hin.

PABLO. Genau. Wir parken, steigen aus und pissen. Wie es sich gehört.

VATER. Manchmal steige ich nicht mal aus.

PABLO. Deswegen leihe ich Dir ja mein Auto auch nicht.

♦♦♦♦♦

DRITTE SZENE

Vater und Sohn, noch immer immer Wohnzimmer

SOHN. Darf ich lesen, was Pablo geschrieben hat?

VATER. Nein.

SOHN. Und was hat er gesagt?

VATER. Brauchst du nicht, diese komische cortina.

VORHANG

Die letzte Zehn der Welt sagt hasta luego: Riquelme-Gastbeitrag bei Cavanis Friseur

von CHRISTOPH WESEMANN

Wenn jemand diesen großen argentinischen Fußballer verabschieden darf, dann ja wohl ich. Juan Román Riquelme und ich sind ja nicht nur ein Jahrgang (1978), sondern auch gleich groß (1,83 m) und – behauptet zumindest das jeweilige Umfeld – zwei ähnliche Diven. Außerdem bin ich immer Riquelme, wenn wir mittwochabends in Buenos Aires unter der Autobahnbrücke fünf gegen fünf kicken. Ich versuche, das Spiel klassisch zu lenken – natürlich auch, weil ich für den sogenannten modernen Fußball zu langsam renne und denke.

Cancha bajo Flores

JR Riquelme

Ich habe eine Schwäche für Menschen, die Erwartungen nicht erfüllen. »Se me escapó la tortuga«, sagt der Argentinier, wenn er eine einmalige Chance vergibt. »Mir ist die Schildkröte entwischt.« Der Spruch stammt, wie so viele andere, die zu Volksweisheiten geworden sind, von Diego Maradona. Auch Riquelme hat die Schildkröte nicht immer festgehalten. Er ist ein Unvollendeter. Er wurde Mitte der Neunziger als neuer Diego empfangen (und reifte dann doch nur zur Weltklasse), er trug schon mit 20 Jahren bei den Boca Juniors die 10 und hat 17 Titel gewonnen, darunter dreimal die Copa Libertadores, sechsmal die argentinische Meisterschaft und am 28. November 2000 den Weltpokal (der in Südamerika einen hohen Stellenwert hat).

Weiterlesen im Fußballblog Cavanis Friseur hier entlang, bitte.

Gespräche und Selbstgespräche am Rande des Nervenzusammenbruchs, la la la la

von CHRISTOPH WESEMANN

Steckt ein geheimer Plan dahinter, ist es Absicht? Dass meine Frau immer dann verdienstreist, wenn die Kinder Feste feiern. Schon vor einer Woche war sie weg und unsere Mittlere dran: Abschied vom Kindergarten. Die Mädchen und Jungen von der »sala cinco«, der Gruppe der Fünfjährigen, die im Februar eingeschult werden, tanzten und sangen uns südamerikanische Länder vor. Die Tochter war Brasilien, soweit ich sehen konnte, ich saß ja in Reihe 30, in Worten: vorletzte.

Kinderfestkolumne 4

Ihre kleine Schwester, unsere Dreijährige, lief barfuß kreuz und quer durchs Festzelt und hätte fast vor die Bühne gepinkelt, die Hose hatte sie schon unten. Der Achteinhalbjährige spielte draußen mit den anderen großen Brüdern Fußball. Er kam nur am Ende vorbei, um uns Eltern bei der Polonaise zu begutachten und den Kopf zu schütteln. Aus den Boxen dröhnte »Vivir mi vida«, der hiesige Vorjahreshit von Marc Anthony.

Manchmal kommt der Regen, / Um die Wunden zu säubern. / Manchmal kann nur ein Tropfen / die Dürre besiegen.

Refrain:

Ich werde lachen, ich werde tanzen, / Mein Leben leben, la la la la. / Ich werde lachen, ich werde genießen, / Mein Leben leben, la la la la.

 

Heute nun feiert die Kleine Jahresabschluss mit ihrem Kindergarten. Kindergarten ist heute natürlich nicht gewesen. Die Wohnung bestätigt das.

Um kurz vor Fünf kommt der Achteinhalbjährige von der Schule, jetzt aber los, rein ins Auto, Mensch, macht hinne, schnallt euch an. Wir haben zehn Minuten für zwei Kilometer. Unmöglich. ¡Vamos!

Und nachher wird aufgeräumt, Freunde.

Nein, nein, nein, ich habe nichts zu trinken eingepackt, ich kann ja auch mal was vergessen. Doch, Mama wäre das auch passiert. Sie vermisst euch übrigens ganz doll. Hupe an. Es ist grün, fahr doch, hijo de puta1. Hupe aus. Blick in den Rückspiegel. Kostümprobe. Rotes Unterhemd. Schwarze Leggins. Zwei Zöpfe, links und rechts. Gut gemacht, Alter. Hemd und Hose hat die Mama von Mili besorgt, muss ich gleich noch bezahlen, darf ich nicht vergessen. Die zwei Zöpfe habe ich geflochten.

Was hatte eigentlich die Fünfjährige vor einer Woche an? Brasilien, klar, ein gelbes Kleid. Hatte die Mama von Dings besorgt.

Guck mal, Schätzchen, deine Freundinnen Mili, Laila und Valen sind auch schon da. Alle drei mit zwei Zöpfen wie du. Hübsch. Und mit roten Schleifen. Die Dreijährige hat zwei beige Gummis im Haar, die ich im letzten Augenblick aus dem Besteckkasten gefummelt hatte. Wieso haben die rote Schleifen im Haar und du nicht? Die Hure, die mich geboren hat!2

Ich weiß, Liebling, das sagt man nicht.

Äh, was sagt man nicht?

Hihi.

Äh, was sagt man nicht?

Hihihi.

Äh, was sagt man nicht?

Krrrrrrr. Verzeih mir.

Ach, wie die Zeit vergeht. Vor zwei Jahren, beim ersten Kindergartenfest, war die Kleine noch in der Kükengruppe und saß auf dem Boden, eine Rassel in jeder Hand. Im vergangenen Jahr tanzte sie schon mit den anderen Affen. Jetzt ist sie Elefant und hat einen beeindruckenden Hüftschwung. Muy latina. Bald steigt sie zu den Giraffen auf.

Das mit den roten Schleifen hatte Laura, die Erzieherin, angeblich extrem idiotensicher im Mitteilungsheft vermerkt.

Kinderfestkolumne 1

Laura, du weißt doch, dass ich da nie reingucke.

Ja, weiß sie. Deswegen hatte sie mich gestern noch mal daran erinnert.

Vielleicht war ich ja in Gedanken schon beim Fest des Achteinhalbjährigen am Donnerstag.

Im nächsten Jahr wird meine Frau die Polonaise machen, dafür sorge ich. Und ich spiele mit den Brüdern Fußball, während die Kleine vor die Bühne pinkelt.

Kinderfestkolumne 2

  1. »Hurensohn«. In Argentinien übliche Anrede für andere Fahrzeugführer []
  2. Beliebter Fluch in Argentinien: »¡La puta que me parió!« []

Pablo, Taxis auf der Galopprennbahn und die Feuerwehr von Buenos Aires

von CHRISTOPH WESEMANN

Argentinier lieben es, »estoy llegando« zu sagen. Wörtlich übersetzt heißt das: »Ich bin am Ankommen.« Und etwas freier: »Gleich da.« Die wahre Bedeutung des Satzes ist jedoch eine andere. Was der Argentinier dir eigentlich sagen will, wenn er »estoy llegando« sagt, ist: »Cheee boludo1, ich habe keine Ahnung, wann wir uns sehen, ich weiß, wir sind verabredet, allerdings ich bin gerade am Arsch der Welt, ich gehe zur U-Bahn, sobald ich genug Mate getrunken habe, kann aber nicht versprechen, dass auch eine kommt, und falls sie kommt, ob ich‘s schaffe, mich reinzuquetschen. Mach dir keine Sorgen, mein geliebter Freund, ich umarme dich. Bin gleich da.«

Jemand, der »estoy llegando« in sein Handy ruft und Sekunden darauf tatsächlich um die Ecke biegt und dir winkt, ist entweder ein Argentinier, der zu lange in Deutschland gelebt hat, oder ein Deutscher, der noch nicht lange genug in Argentinien lebt.

Ich bin in Buenos Aires schon oft zu spät gekommen, unter anderem zu einer Trauung (das Brautpaar allerdings auch) und zu einem Elternabend (aber früher als die Lehrerin). Ich hole die Dreijährige regelmäßig zu spät vom Kindergarten ab und werde dann – was oft schade ist – beim Ausredenerfinden von der Erzieherin unterbrochen: »No pasa nada.«

Gar nicht schlimm also.

Ein Fest im argentinischen Kindergarten

»Pünktlich zu sein ist erstens unüblich und zweitens unhöflich«, sagt mein Freund Pablo.

Pünktlichkeit trägt vor allem Stress mit sich. Man kommt unerwartet und trifft deshalb auf unvorbereitete Gastgeber: Sie ist noch ungeschminkt, er hat noch die Lockenwickler im Haar.

Noch vor ein paar Jahren kam es vor, dass selbst Fußballspiele der ersten argentinischen Liga verspätet begannen. Die Zeitungen vermeldeten den Anstoß um 17 Uhr, angestoßen wurde aber erst, als die Zuschauer im Stadion eingetroffen waren. Und die Schiedsrichter. Und die Spieler. Seitdem alle Partien im staatlichen Fernsehen übertragen werden, ist das vorbei.

Man hat gelernt, damit zu leben. Die Stimmung ist − trotz aller Gewalt − nach wie vor sensationell, das Spiel nach wie vor eher mau. Es heißt, der Fußball sei das, was Argentinien – diesen Haufen von Individualisten, dieses Land von Nachfahren europäischer Einwanderer und indigener Völker, zu denen sich heute die armen Glückssucher aus Bolivien, Paraguay und Peru gesellen – tatsächlich miteinander verbinde. Nur diese eine Liebe, und vielleicht noch der Anspruch auf die Malwinen.

 

Selbst ein gewöhnlicher Ausländer kann mit jedem Argentinier − ob Taxifahrer oder Kneipenbekanntschaft, Freund oder Tribünenkumpel − über alles reden. Aber in der Regel nicht − zumindest nicht objektiv − über:

1. Argentinien,

2. argentinischen Fußball,

3. den Papst,

4. die Malwinen,

5. die Tatsache, dass Argentinier, nun ja, ein spezieller Menschenschlag sind.

Jorge Valdano, 1986 Weltmeister an der Seite von Diego Maradona, erzählte in einem Interview mit dem »Spiegel« einmal:

Als Fußballer besaß ich eher so eine deutsche Geschicklichkeit. Argentinischer Fußball ist sehr wendig, Sie kennen diesen romantischen Mythos, sehr phantasievoll, sehr kreativ, Maradona eben.

Mauermalerei in der Nähe des Friedhofes von Chacarita in Buenos Aires

Und weil der Fußball am Río de la Plata das Leben ist, ist das Leben wie der Fußball. »In der argentinischen Gesellschaft gilt die Täuschung als Kunst. Wer es durch Tricks und Schläue zu etwas bringt in seinem Leben, genießt größeren Respekt als jemand, der durch Fleiß und Ehrlichkeit soweit gekommen ist«, sagte Valdano und lieferte gleich die passende Anekdote:Jorge Valdano

Bei meinem ersten Verein als Profi, damals noch in Argentinien bei den Newell’s Old Boys, gab es jeden Dienstag ein Lauftraining. Neben unserem Platz lag die Galopprennbahn, da mussten wir dreimal rum, das ist eine ziemlich lange Strecke. Bei meinem ersten Training bei den Old Boys geschah Folgendes: Ich lief vorneweg, ich war jung und schnell, ein athletischer Typ. Aber nach einer viertel Runde überholten mich zu meiner großen Überraschung die drei Stars des Teams − in einem Taxi. Sie hatten an der Strecke einen Freund mit seinem Auto postiert, der sie dann wieder absetzte, kurz bevor es auf die Zielgerade ging. Der Trainer hat das nicht mitbekommen. Um ein Star zu sein in Argentinien muss man nicht hart trainieren, sondern Taxi fahren.2

Und darf auf keinen Fall pünktlich sein.

»Wir wissen ja, dass wir nicht immer perfekt sind«, sagt Pablo. »Aber wir wollen es nicht von einem verdammten Ausländer hören. Verstehst du?«

»Nein.«

»Du solltest wissen: Wenn du morgen bei uns im Radio über unser Land lästerst, könnte eure Botschaft brennen.«

»Willst du mich einschüchtern, Pablo?«

»Nö, ist ja nicht meine Botschaft.«

Ich werde nicht über Argentinien lästern.

Ich habe Angst, dass die Feuerwehr von Buenos Aires zu spät anrückt.

  1. »He Schwachkopf« − eine sehr beliebte Anrede in Argentinien, auch unter Freunden []
  2. Marc Koch, der frühere Chefreporter und jetzige Erste-Welt-Korrespondent des Argentinischen Tagebuchs, hat das Zitat dankenswerterweise archiviert und dem Autor spendiert. []

Piranhas am Straßenrand, mein tapferer Zeh und ein schwerhöriger Priester: Die Wallfahrt nach Luján

von CHRISTOPH WESEMANN

Drei Pilger: der Autor mit Cristian (M.) und Nedy

Drei Pilger: der Autor mit Cristian (M.) und Nedy

Wallfahrt 20

Route: Liniers > Morón (8,467 km) – Morón > Merlo (10,024 km) – Merlo > La Reja (9,695 km) – La Reja > Las Malvinas (9,007 km) – Las Malvinas > General Rodríguez (3,054 km) – General Rodríguez > Basílica de Luján (16,163 km)

♦♦♦♦♦

 

10.30 Uhr – Stadtteil Liniers (Buenos Aires).

Erste Schritte. Mit meinen Marathonlaufschuhen, mit denen ich selbstverständlich noch nie Marathon gelaufen bin, läuft es sich wie auf Federn. Vielleicht pilgere ich heute nicht nur die 60 Kilometer vom Bahnhof Liniers nach Luján (sprich: Lu-chahn), sondern morgen auch gleich noch zurück.

11 Uhr.

Kern des Pilgerns ist: Bescheidenheit. Demut.

Geh nicht zu schnell! Lass sie rennen! Halt deine Schrittfrequenz! Raste sparsam!

11.30 Uhr – Haedo

Erster Stopp. Unplanmäßig. Schmerzen. Ich ziehe den Schuh aus und versuche, den Fuß aus der Marathonläufersocke zu bekommen, ohne dass der kleine Zeh, den ich mir vor zwei Wochen gebrochen habe, etwas davon merkt.

Wo sind wir überhaupt? Ah, Haedo, 41 509 Einwohner. Die Vororte von Buenos Aires sehen ja alle gleich aus. Hoch über dem Bürgersteig hängen die − in der Hauptstadt verbotenen − Werbetafeln der Taxizentralen, Anwälte, Banken, Matratzenmacher und Schlüpferverkäufer, und irgendwann kommt eine Plaza, die aussieht wie die davor und die danach: ein Befreier auf dem Pferd, Brunnen, Palmen, ringsherum Rathaus, Kirche, Gericht, Museum, Café, Kiosk, Café, Kiosk, Café.

Ich hole die Pflaster hervor und klebe wild an Zehen und Hacken herum. Ein Mann beugt sich herunter und fragt, ob ich Creme wolle, er habe welche dabei. »Anaflex« heißt sie. Danke.

»Falta mucho?«, frage ich Cristian. Frei übersetzt: Ist es noch weit? Nein, die Frage kommt nicht zu früh. Im vorigen Jahr hatte ich schon nach 300 Metern das erste Mal gefragt.

»Falta muy poco.«

Wir sind also fast da.

Cristian fragt, ob ich eine der grünen Tabletten schlucken wolle. Nein, Doping lehne ich ab.

12 Uhr.

»Anaflex« ist sensationell. Die Schmerzen sind weg. Könnte aber auch an »Actron 600« liegen, den grünen Pillen, von denen ich dann doch eine … ist ja nur Ibuprofen. Also kein Doping.

12.15 Uhr.

Es ist übrigens die 40. Wallfahrt der Jugend nach Luján. Und meine zweite.

Mit Cristian am 5. Oktober 2013 vor der Basilika von Luján

Mit Cristian am Morgen des 6. Oktober 2013 vor der Basilika

12.45 Uhr.

In der Apotheke gibt es keine Salbe von »Anaflex«. Nur »Diclofenac«. Soll aber genauso wirken. Probiere ich gleich aus. Neue Pflaster von »Band-Aid« haben wir auch. »Diclofenac«. »Actron 600«. »Band-Aid«. Ich fühle mich, als hätte ich die argentinische Ausgabe der »Apotheken-Umschau« gefrühstückt.

13 Uhr.

An der Straße werden Regencapes verkauft, weil Regen angekündigt ist. Man staunt ja immer wieder, wie flink argentinische Straßenhändler ihren Warenbestand umstellen können. Schiene wie im vorigen Jahr die Sonne, würden sie jetzt Sonnencreme verkaufen. Und Sonnenbrillen. Und Sonnenschirme. Und Handventilatoren. Und die passenden Batterien. Halbleer allerdings.

Wir kaufen natürlich keine Regencapes. Es regnet ja nicht. Sonnenmilch und alles andere würden wir auch nicht kaufen. Gegen die Sonne, die nicht da ist, trage ich meinen Hut vom Fußballverein Quilmes Atlético Club. Vor einem Jahr hatte ich schon am frühen Nachmittag ein knallrotes Gesicht. Weil wir keine Sonnenmilch gekauft hatten.

Vorübergehende Sperrung für den Autoverkehr

Vorübergehende Sperrung für den Autoverkehr

13.20 Uhr.

Cristian, mein argentinischer Freund, dessen Eltern aus Bolivien stammen, pilgert schon zum siebten Mal. Ich hatte ihm irgendwann erzählt, dass ich mit dem Auto nach Luján gefahren sei. Was für eine Riesenstrapaze das war! Üble Straße, unlesbare Wegweiser und so weiter. Ich erfuhr, dass Hunderttausende offenbar vollkommen Verrückte am ersten Sonnabend im Oktober zu Fuß nach Luján gehen. »Ich bin einer von ihnen«, hatte Cristian gesagt. »Willst du mitkommen?«

Pilger 1

Als wir dann am 5. Oktober 2013 unterwegs waren, zwei von zwei Millionen, erzählte er von der Tradition: Die Gläubigen pilgern zur Basilika und tragen der Jungfrau ihre Sorgen vor. Zeigt sich im Laufe des Jahres dann, dass sich die Jungfrau der Probleme angenommen hat, muss man die nächsten drei Jahre wieder zu ihr pilgern. Aus Dankbarkeit. Von mir hat sie nichts erfahren. Ich wollte in dieser Nacht nichts riskieren.

13.30 Uhr.

Cristians alter Schulfreund Nedy begleitet uns, auch er hat bolivianische Wurzeln. Ach, wie beneide ich ihn: Er weiß noch gar nicht, was ihm bevorsteht, es ist sein erstes Mal. Mein Hausmeister hat heute Morgen, als er mich davongehen sah, übrigens geschworen, es seien mehr als 60 Kilometer von Liniers nach Luján. Eher 70. Sein Kollege nebenan sagte: 80. Die beiden sind die Strecke vor vielen Jahren angeblich mal mit Fahrrädern abgefahren. Nedy wird aber auch zum ersten Mal die Frauen sehen, die vor dem Altar weinen und dabei Fotos ihrer Kinder und Enkel hochhalten.

Chrorípankauf (2013)

Chrorípankauf (2013)

Mittagessen. Wir holen uns Chorípan, eine grobe Wurst vom Grill im Baguette, und essen sie auf dem Bordstein sitzend. Köstlich. Ich könnte jetzt ein Bier nicht vertragen; würde dank der grünen Pille herrlich rumsen. Aber Alkohol darf ja heute nicht verkauft werden. (Und wird trotzdem heimlich verkauft.)

Wir sind in Morón angekommen, 122 642 Einwohner, Heimat eines Drittligisten mit dem Spitznamen »El Gallo«, der Hahn. Ich habe die Mannschaft mal an einem Winterabend gegen Platense gesehen, den »Tintenfisch«. Mieses Spiel.

Wallfahrt nach Luján (2014)

Wallfahrt nach Luján (2013)

Wallfahrt nach Luján (2013)

14.30 Uhr.Wallfahrt 18

Gleich beim ersten Souvenirstand halte ich an. Diese weiß-himmelblauen Bändchen mit dem Bild der Jungfrau und der Aufschrift »Protegé mi …« gefallen mir. Eins kostet umgerechnet 70 Cent.

»Was soll beschützt werden, chico?«, fragt der Händler. »Ich habe, warte, lass mich gucken: Beschütz meine Familie, Beschütz mein Auto oder Beschütz mein Moped

»Mein Auto.«

»Macht zehn Pesos.«

»Dein Auto? Du bist ein solcher Schwachkopf!«, sagt Cristian.

»Ähm Señor, meine Familie natürlich. Aber das Auto-Bändchen kaufe ich auch.«

15 Uhr.

»Wie willst du eigentlich mit diesem Zeh und dieser Frisur nach Luján kommen?«, hatte die Frau gestern gefragt. Eine Frechheit. Mein Zeh ist so tapfer.

15.05 Uhr.

Ich habe mich gerade in einem Schaufenster gespiegelt. Meine Frisur, das räume ich ein, ist gewagt. Carlos kann halt nur kurz, vorne jedenfalls. Er schneidet seit 40 Jahren Haare. (Die Frau meint: wie vor 40 Jahren.) Den Friseursalon bei uns im Viertel hat er im Winter 1974 aufgemacht. Er fragt mich immer nach Franz Beckenbauer und Karl-Heinz Rummenigge. Und zum Abschied zeigt er mir das Schwarzweißfoto von seiner Hochzeitsreise nach Dortmund. Ja, Dortmund. Die Ehe hat trotzdem gehalten.

Wallfahrt 2

Wallfahrt 1

Wallfahrt 3

16 Uhr − Castelar.

In Castelar denke ich an Alejandro, Fernando, Mauricio und Daniel, wobei Alejandro, genannt »der Affe«, schon tot ist. Sie sind die Helden aus dem großartigen Buch »Vier Jungs auf einem Foto« des Schriftstellers Eduardo Sacheri und stammen wie er aus Castelar.

Als Alejandro »Mono« stirbt, hinterlässt er nicht nur eine schmerzliche Lücke im Leben von Fernando, Mauricio und Daniel, sondern auch ein Riesenproblem: Das Erbe seiner kleinen Tochter droht sich in nichts aufzulösen. Monos gesamtes Vermögen steckt in einem jungen Fußballspieler, der einst eine glorreiche Karriere vor sich hatte, mittlerweile aber in einem drittklassigen Club kickt. In ein paar Monaten ist er keinen Peso mehr wert. Den Freunden bleibt nur eine Chance: Sie müssen den Spieler verkaufen, und zwar schnell. Doch wie sollen sie, die keine Ahnung vom Fußballgeschäft haben, einen Stürmer an den Mann bringen, der keine Tore schießt? Der Kampf um Monos Erbe wird zur Herausforderung ihres Lebens – und zur Zerreißprobe ihrer Freundschaft.

Inhaltsangabe des Verlags

Wir kaufen uns an einem Stand Bondiola, also fettiges Nackensteak vom Schwein im Baguette. Hat noch nirgends besser geschmeckt als in Castelar.

Wallfahrt 5

18 Uhr.

Wir haben vorhin mit vollem Bondiolamund ausgemacht, mindestens zwei Stunden ohne Pause zu gehen. Das machen wir. Wir halten weder in Ituzaingó noch in Merlo oder Moreno. Ich glaube, in Moreno hatten wir im vorigen Jahr unsere Rucksäcke öffnen müssen. Alkoholkontrolle der Polizei. Diesmal wird nicht kontrolliert.

18.30 Uhr.

Wir befinden uns auf dem unangenehmen, weil sehr langweiligen Teil des Pilgerwegs. Es geht nur noch geradeaus, immer den Gleisen entlang. Die nächste Sehenswürdigkeit: die Ampel, dort ganz hinten, also ganz vorn am Horizont. Vier Kilometer. Alles ist jetzt Luftlinie.

Wallfahrt nach Luján

18.50 Uhr.

Regen! Blitze! Donner! Die vor Stunden gekauften Umhänge kommen zum Einsatz. Bei den anderen. Und Regenschirme, die größtenteils Gerippe sind. Weil ich keinen eingepackt habe, reicht mir Cristian eine dunkelgraue Mülltüte. Die Löcher für Kopf und Arme hat er schon herausgeschnitten. Ein Pilgerprofi.

19 Uhr.

Guck mal, Diego geht direkt hinter uns. Ich habe ja an der Universidad Kennedy »Politische Kommunikation« belegt oder »Politische Strategie« oder »Strategische Politik« oder »Kommunikative Politik«. Und Diego leitet den Kurs: jeden zweiten Freitag im Monat von 9 bis 21 Uhr, Zertifikat im Oktober 2015. Ja, nur einmal im Monat. Aber das Erholen von zwölf Stunden Spanisch dauert bei mir auch zwei Wochen.

Diego hat noch gearbeitet und ist deshalb von Merlo losmarschiert. Pfffffff, fast die Hälfte ausgelassen. ¡No vale! Zählt nicht!

19.30 Uhr.

Die Shell-Tankstelle. Auf die warte ich schon seit Stunden. Noch 300 Meter, dann kommt rechts »La Quinta«, das Landhaus. Großer Garten. Großer Pool. Ein Geheimtipp. Die Besitzer grillen jedes Jahr Hamburger und Würste. Essen und Trinken sind kostenlos. Viele Pilger, die wenig Geld haben, stärken sich hier. Man kann sich sogar im Haus eine Weile aufs Bett legen. Aber das ist jetzt voller Mädchen.

Cristian mit Padre Adolfo (2013)

Cristian mit Padre Adolfo (2013)

Wir treffen Padre Adolfo, einen der vielen Priester, die mit der Masse pilgern. Viele von ihnen arbeiten und leben in Villas Miserias, den Elendsvierteln. Ihnen braucht man nichts übers Leben zu erzählen. Sie wissen alles. Sie kennen die Jungs, die Drogen verkaufen, und die, die an ihnen hängen. Oft sind’s ja dieselben. Wenn man verstehen will, warum die Katholiken in Südamerika mit Papst Benedikt XVI. nie ganz warm geworden sind – das ist die Erklärung. Er wirkte auf die Leute hier intellektuell und kühl, den Alltagssorgen entrückt. Der Priester ist für Katholiken auf dem Kontinent zuallererst ein Seelsorger, und die Kirche ein Zufluchtsort, wo es warmes Essen gibt und das Kind Nachhilfe bekommt oder ein Buch lesen kann. Der Unterricht fällt in den Armenvierteln ja regelmäßig aus − wenn es stark regnet zum Beispiel. Dann wollen oder können die Lehrer nicht kommen.

Benedikts Nachfolger hat Heldenstatus. Papst Franziskus‘ Ansehen liegt meilenweit vor allen anderen, ähm, Autoritäten im Land. In einer aktuellen Umfrage eines Meinungsforschungsinstituts haben 88,6 Prozent der Befragten ein positives Bild vom Papa argentino. Zum Vergleich: Präsidentin Cristina Kirchner schafft gerade 27,7 Prozent; Hauptstadtbürgermeister Mauricio Macri, der im Oktober 2015 ihr Nachfolger werden will, kommt auf 42,2 Prozent.

Wallfahrt nach Luján (2013)

Die Zeitschrift »Noticias« hat übrigens jüngst berichtet, der Papst sei sehr sauer auf all die Regierungsleute, die ihn jetzt besuchen. Als er noch Jorge Mario Bergoglio hieß und Erzbischof von Buenos Aires war, haben sie ihn nämlich beschimpft, ja gehasst, weil er eine ihrer lautesten Kritiker war. Franziskus wundert sich auch, dass er einige seiner Landsleute bei der Generalaudienz treffe und hinterher höre, er habe ihnen ein privates Gespräch gewährt. »Wird das eine deformación argentina werden?«, fragt er. Der Text endet mit einem Zitat, das wohl nur ein argentinischer Papst bringen kann: »Sie halten mich für eine französische Prostituierte.«

»Padre Adolfo, wie geht’s?« Kuss auf die Wange. Im vorigen Jahr hatte er mir als einziger die Wahrheit gesagt: dass es noch sehr weit sei nach Luján. Als er das hört, lacht er. »Und ist es noch weit?«, frage ich. »Aber sag mir bloß nicht die Wahrheit!«

»Es ist nicht mehr weit. Das ist die Wahrheit.«

21.30 Uhr.

Ich brauche einen Wanderstock. Dringend.

21.35 Uhr.

Es werden Besenstiele verkauft.

Wallfahrt nach Luján (2014)

21.40 Uhr.

Ich kaufe doch keinen Besenstiel.

21.45 Uhr.

BESENSTIEL!

22 Uhr.

Plötzlich steht ein Mann neben mir, deutet auf meinen Hut und krempelt dann seine Hose ein Stück hoch, um sein Tattoo vom Quilmes Atlético Club zu zeigen. Fette Umarmung. Dos Cerveceros. Zwei Bierbrauer. So nennen wir uns, weil aus Quilmes Argentiniens bekanntestes Bier kommt. Er ruft gleich seine Freunde herbei: »Hey, wir haben sogar Fans in Deutschland.«

Wallfahrt 9

22.15 Uhr – General Rodríguez.

Das letzte Drecksnest vor Luján. Noch 16 Kilometer. Vor einem Jahr lagen Pilger links und rechts der Straße im Gras. Viele schliefen. Jetzt ist alles aufgeweicht vom Regen. Dafür werden wir, auf den letzten Metern sozusagen, gut versorgt. Helfer reichen Wasser, Kekse, Kakao und Mate cocido, also Teebeutel-Mate, der nur halb so gut schmeckt wie der echte. Die Versorgung ist überhaupt sehr gut. Es gibt auf der ganzen Strecke 57 medizinische Stützpunkte; ob Massage oder Blasenaufstechen: Die Hilfe ist kostenlos.

General Rodríguez am 5. Oktober 2013

General Rodríguez am 5. Oktober 2013

Am 5. Oktober 2013 wurde mir in General Rodríguez mein Quilmes-Hut geklaut. Okay, in Wahrheit habe ich ihn verschenkt, an einen Würstchengriller, der behauptete, aus Quilmes zu sein. Aber der angebliche Diebstahl ist mir weniger peinlich.

Angeblicher Mützendieb (2. v. l.)

Angeblicher Mützendieb (2. v. l.)

»He, du hast ja deinen Hut noch auf«, sagt Cristian, als wir die Stadt verlassen haben.

23 Uhr.

Noch zwei Stunden. Schätze ich. Niemandsland. Nur noch wenige Stände. Am Straßenstrand stehen Autos mit einer Pappe an der Frontscheibe: »Remís 50 Peso«. Die Besitzer würden einen also für umgerechnet drei Euro (Schwarzmarktkurs) zur Jungfrau bringen.

So kurz vorm Ziel.

Das ist gemein.

Und ungemein verlockend.

»Piranhas!«, sagt Cristian. »Nicht hingucken!«

23.45 Uhr.

Dort hinten bei den Lichtern ist die Brücke, die vorletzte. Ich kann sie nicht sehen, aber ich glaube Cristian jetzt alles. Von dort sind es nur noch acht Kilometer nach Luján. 90 Prozent haben wir geschafft. Sagt Cristian. Er hält das offenbar für eine motivierende Nachricht.

Zwanzig Minuten später, unter der Brücke, sticht er mir mit seinem Haustürschlüssel eine kirschgroße Blase auf. Sollten wir noch mit den Priestern sprechen, die dort aufgereiht sind? Schnelle Beichte? Ach nee, habe ich im vorigen Jahr gemacht, und es war nicht so ergiebig. Der Priester fragte, woher ich käme, und überlegte dann, welche deutschen Wörter er kenne. Und? Tja, »und«.

Wallfahrt nach Luján (2014)

Unter der vorletzten Brücke: noch acht Kilometer bis nach Luján (2014)

Cristian kann »Guten Tag« sagen, »Arsch« und seit General Rodríguez »Ich heiße Cristian«.

Nedy und ich cremen noch mal die Füße mit »Diclofenac« ein. Ich nehme meine dritte grüne Pille.

»Ist für dich die letzte heute, mein Freund«, sagt Cristian.

Sonntag, 0.15 Uhr.

Bei jedem Motorrad, das vorbeifährt, bei jedem Auto, das hupt, damit wir den Weg freimachen, selbst bei dem Jungen auf dem Fahrrad rufen wir: »¡Trampa!« Das bedeutet: Mogelei! Ein Baby im Kinderwagen ist auch trampa.

Nur auf eigenen Füßen zählt.

0.30 Uhr.

Ein Rollstuhl überholt uns. Trampa! Ja, auch unser Humor kriegt langsam Blasen.

0.40 Uhr.

Cristian erzählt, es gebe auch eine viertägige Wallfahrt, die von Buenos Aires nach San Nicolás de los Arroyos führe und 240 Kilometer lang sei. Könnten wir ja im nächsten Jahr machen.

Mal sehen.

0.55 Uhr.

Wir reden kaum noch. Es ist alles gesagt. Wir sind gleich da. Gewiss.

Jeder Schritt tut weh. Ich kann die Schmerzen nicht mehr orten. Es brennt unten und oben, vom großen Zeh bis zur Hüfte.

Ringsum allgemeines Humpeln. Mit krummem Rücken. Vornübergebeugt. So geh’n die Gauchos.

1 Uhr – Luján.

Luján! Luján! Luján! Luuuuuujaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaan. Also: der Ortseingang. »Brauchst du wieder eine Massage?«, fragt Cristian.

»Weiter!«

1.02 Uhr.

Kurze Pause. Mehr »Diclofenac«. Warum bloß habe ich mich diesmal nicht massieren lassen?

Massage in Luján am 5. Oktober 2013

Massage in Luján am 5. Oktober 2013

1.04 Uhr.

»No falta nada«, sagt Cristian. Es fehlt nun wirklich nichts mehr, wir sind im Grunde angekommen. Zum wievielten Male eigentlich? Ein Wagen mit Lautsprecher überholt uns. »Menos que 40 cuadras«, spricht ein Junge ins Mikrofon. »Weniger als 40 Blocks.«

Ein Häuserblock, das sind in Argentinien, wo die Städte von oben wie Schachbretter aussehen, 110 Meter. Noch 4,4 Kilometer? Viertausendvierhundert Meter? La puta que me parió.1 Dreizehntausendzweihundert Schritte. Dreizehntausendzweihundertmal dieses Gefühl, dass der Fuß auf Glut geht. Nedy, der dritte Mann, hat’s auch gehört und guckt noch niedergeschlagener als ich.

»Er hat gesagt: weniger als 40!«, sagt Cristian. »¡Vamos muchachos, no falta nada!«

1.47 Uhr.

Wir sind da. Vor der Basilika steht ein Priester mit Mikrofon, begrüßt die Pilger und fragt, woher sie kämen.

»Chaco

»Herzlich willkommen.«

»Formosa

»Willkommen. Alles gut?«

»Córdoba.«

»Ihr habt’s geschafft!«

»Alemania.«

»Woher?«

»Alemania!«

»Ich verstehe nicht. Komm mal näher.«

»Aaaaa-leeee-maaaaa-niiiiiii-aaaaaa!«

Schweigen.

Wallfahrt 12

Wallfahrt 11

Schlafende Pilger in der Basilika von Luján (2013)

Schlafende Pilger in der Basilika von Luján (2013)

 

  1. »Die Hure, die mich geboren hat.« Argentinischer Fluch []

Argentinische Helden

Diego Maradona, gezeichnet von Danü (c)

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Steckbrief

Wir sind schnell.
Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geistes-
wissenschaftlichen Hintergrund. Wir sind böse, sexy und klug. Wir können saufen wie die Kutscher, haben Kant gelesen und nicht verstanden, aber das merkt keiner, und schlafen nie.


2012 von Christoph Wesemann in Buenos Aires gegründet. Derzeit im Exil. (Montevideo)