Archiv für das Thema ‘Kolumnen’

Der Mann Wese und der monotheistische Fußball

von MARC KOCH (Gastbeitrag)

Logo des WM-Tagebuchs - Zeichung: Danü (Daniel Schlierenzauer)

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— von Dr. S. F. Roit —

(Vorbemerkung der Redaktion: Seit Tagen beobachten wir seltsame Veränderungen an unserem Herausgeber CW. Wir haben einen der vielen Seelenklempner in Buenos Aires gebeten, sich das mal anzuschauen, und gefragt, ob es ansteckend ist. Hier ist sein Bericht.)

Dass sich der Patient ebenso gerne wie wahrheitswidrig als Argentinier bezeichnet, ließe sich immerhin dadurch erklären, dass er die hervorstechendsten Charaktereigenschaften dieses liebenswerten Pampavolkes wie kein anderer in sich vereint: Er ist bescheiden, zurückhaltend, fleißig und prinzipienfest.

Beunruhigender allerdings erscheint, dass seine Hinwendung zum argentinischen Fußball, die seine Mitarbeiter und Familienmitglieder beklagen, inzwischen verhaltensauffällige Formen angenommen hat. Beispielsweise wird er nicht müde, das Halbfinale #NEDARG zu loben. Natürlich den argentinischen Anteil daran. Zur Erinnerung hier noch einmal die Höhepunkte der Partie:

 

Nein, Ihr Gerät ist nicht kaputt.

Angehörige des Patienten berichten, dass er wiederholt mit schlammigen Schuhen von unterklassigen Fußballspielen nach Hause gekommen sei. Dort habe er sich hinter die hauseigene Parrilla gekauert und seinem Sohn fremd klingende Lieder vorgesungen:

 

Schon aus diesen wenigen Indizien erhellt, dass die empfundene Zurückweisung durch den Schwiegervater (man beachte auch den Titel dieser zweifellos vom Patienten als therapeutisch erachteten Schrift!: „Drei offene Rechnungen“!!!), dieser Schwiegervater also, der, obgleich viel älter, mühelos eine Schwalbe von einem fälligen Strafstoß unterscheiden kann, nicht alleine Grund für die aktuelle Störung ist.

In seiner vielbeachteten Studie »Das Tabu des Totems als Torpfosten« (Manchester 1962) schreibt der sympathische Autor W. Rooney mitfühlend: »Aber man wird sich durch kein Beispiel bewegen lassen, die Wahrheit zugunsten vermeintlicher nationaler Interessen zurückzusetzen, und man darf ja auch von der Klärung eines Sachverhalts einen Gewinn für unsere Einsicht erwarten.«

Wir haben bereits an anderer Stelle nachgewiesen, dass Moses kein Argentinier, sondern Ägypter war. Und so wie Moses sich seines Bruders Aaron bedienen musste, wenn er zu den Argentiniern sprechen wollte, so muss sich der Patient heute seiner Kinder bedienen, wenn er sich mit Argentiniern verständigen möchte.

An dieser Stelle bricht der Bericht ab, der Seelenklempner musste Fanartikel fürs Finale kaufen gehen. Gerade ruft der Hausmeister im Büro an. Keine Heizung bis zum Tag nach dem Finale, schafft er nicht mehr. Ist ja auch nur Juli. Aber Weltmeister werden wollen. Der Herausgeber CW schaut sein argentinisches Lieblingsspiel auf DVD. Seine Augen leuchten wie die Fenster brennender Irrenhäuser. Fußball ist schön.

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Marc Koch ist Lateinamerikakorrespondent der Deutschen Welle und lebt in Buenos Aires.

Drei offene Rechnungen

von CHRISTOPH WESEMANN

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Der gewöhnliche Argentinier weiß zwar nicht mehr, was er gestern auf der Arbeit gemacht hat – mutmaßlich: nichts (der Faule) bis nicht viel (der Fleißige), es ist ja Weltmeisterschaft, amigo. Aber an diesen Elfmeter von Rom, an den erinnert er sich. Er kann die Hanauer Schwalbe, Rückennummer 9 so detailgetreu schildern, als hätte sich Rudi Völler erst vor fünf Sekunden fallen lassen – hier, direkt vor unserem Argentinier mit dem Elefantengedächtnis. »Se tiró!« Ganz klarer Fall. »Er hat sich hingeworfen.«

 

Die Fußballfachwelt, die naturgemäß nur aus Argentiniern bestehen kann, ist sich weitgehend einig, dass der Sieg der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien glücklich bis unverdient war. Man muss nur schauen, welcher der beiden Kontrahenten die schwierigeren Aufgaben bis zum Finale zu lösen hatte. In der Vorrunde trifft Deutschland auf Jugoslawien, Kolumbien und Scheiche. Nach zwei Siegen und einem Unentschieden ist der Weg ins Endspiel schon so gut wie frei – es kommen nur noch die Niederländer (Achtelfinale), die Tschechoslowaken (Viertelfinale) und die Engländer (Halbfinale). Argentinien indes hat mit der Sowjetunion, Rumänien und Roger Milla eine sogenannte Todes- oder auch Hammergruppe erwischt, setzt sich aber durch. Um ins Finale zu kommen, muss das Team von Dr. Bilardo dann nacheinander den Rekordweltmeister Brasilien, das saustarke Jugoslawien und Gastgeber Italien ausschalten. Das gelingt, aber ganz offensichtlich soll Argentinien 1990 nicht Weltmeister werden.

Ich weiß übrigens noch, wie ich, damals zwölf Jahre alt, meine Eltern sofort und ohne Zeitlupe auf Völlers Schwalbe hingewiesen hatte: »Kein Foul von Roberto Néstor Sensini, Ball gespielt, muss er einfach sehen, der Schiri, stand doch gut.«

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Wir müssen auch über 2006 reden. Berliner Olympiastadion. Viertelfinale. Ich stehe mit meinem Schwiegervater, der mich noch nicht so gut kennt und deshalb glaubt, mich zu mögen, in der argentinischen Kurve. Wir gehen kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit in Führung, wir sind überlegen, Deutschland rennt nur hinterher, und dann wechselt Trainer José Pekerman in der 72. Minute Juan Román Riquelme aus. Unser Mittelfeldgenie ist der Mann des Spiels, es könnte Románs Turnier werden, er ist nämlich in der Form seines Lebens. Aber Pekerman nimmt ihn runter und bringt, nein, nicht den gerade 19 Jahre alt gewordenen Wunderknaben Lionel Messi. Es kommt Esteban Cambiasso, der später den letzten Elfmeter verschießen wird. Kollektives Kopfschütteln in der Kurve. Der Argentinier rechts neben mir will irgendetwas, ich spreche aber kaum Spanisch. »He Schwachkopf«, sagt er vielleicht und meint damit mich, »was macht dieser Idiot da? Die Muschel deiner Schwester, Alter! Die Hure, die mich geboren hat!«

Welche Schwester? Ich habe bloß einen Bruder! Und was heißt »concha«? Oh, ist dieser Kerl aufgebracht!

Fußball-WM 2006, 16. Juni in Gelsenkirchen Arena

In der 79. Minute wechselt der Trainer das dritte Mal, Hérnan Crespo geht raus, und jetzt kommt natürlich … nein … wieder nicht. Pekerman bringt statt Messi einen gewissen Julio Ricardo Cruz, einen Stürmer, der am Ende seiner Nationalmannschaftskarriere in 22 Länderspielen vier Tore geschossen haben wird. (Übrigens wird Cruz unmittelbar nach dem Ende der Partie vollkommen zu Recht von Torsten Frings eine gefaustet kriegen.)

 

Der Argentinier bufft mich jetzt an und wiederholt noch mal, was er gerade schon gesagt hat. Nur viel lauter.

Ich habe keine Schwester, Señor!

Eine Minute später macht Miroslav Klose den Ausgleich, und ich tausche mit meinem Schwiegervater den Platz – nur für den Fall, dass der Argentinier meine wahre Identität entdeckt. Deutschland gewinnt das Elfmeterschießen, weil das Elfmeterschießen immer Deutschland gewinnt, seit Uli Hoeneß nicht mehr spielt. Mein Schwiegervater freut sich. Pekerman tritt unmittelbar nach dem Spiel zurück und nimmt alle Schuld auf sich, was für einen Argentinier eine beachtliche Leistung ist.

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Südafrika 2010. Viertelfinale. Eine wunderbare Mannschaft ist das, auf dem Papier: Ángel Di María, Lionel Messi, Gonzalo Higuaín, Carlos Tévez und auf der Bank Kun Agüero, jeder von ihnen vier Jahre jünger und gesünder und wilder als heute. Was für eine Offensive! Was fehlt, ist ein Trainer. Argentinien hat sich das Maskottchen Diego Maradona auf die Bank gesetzt und wird von Deutschland überrollt. Es sieht mitunter aus, als wäre eine Auswahl Best of Bolzplätze von Buenos Aires angetreten. Nullvier.

Unter einer Autobahnbrücke in Bajo Flores, einem Stadtteil von Buenos Aires

Eine Schmach. Eine Schande.

»Die ganzen Träume im Mülleimer, alles schon vorbei«, schreibt das Sportblatt Olé. »Das war ein Rausschmiss mit einer Tracht Prügel, mit einer historischen Tracht Prügel bedauerlicherweise«.

Aber wozu gibt es Brasilien?

Warum Argentinien Weltmeister werden soll, werden muss und werden wird (wenn nichts dazwischenkommt)

von CHRISTOPH WESEMANN

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  • Argentinien ist die einzige Mannschaft des Turniers, die bisher alle Spiele gewonnen hat.
  • Die WM 2014 ist argentinisch: Die Trainer von Kolumbien, Chile und Costa Rica kommen aus Argentinien. Das Freistoßspray, das die Welt verblüfft, weil die Mauer schnell steht, hat natürlich auch ein Argentinier erfunden. Es wird bei uns schon seit 2008 benutzt.
  • Argentinien ist sowieso eine große Entdeckernation. Der Kugelschreiber! László József Bíró war zwar Ungar und hat den Stift in Budapest entwickelt, ist aber später vor den Nazis in seiner Heimat nach Argentinien geflohen. Ihm zu Ehren nennen wir den Kugelschreiber nicht »bolígrafo«, wie die Spanier, sondern »birome«. Bírós Geburtstag, der 29. April, ist der »Tag der Erfinder«. Aber bei uns hat jeder Depp und jeder Narrenverein, ja sogar der Hund, einen Ehrentag. Außerdem haben Argentinier der Menschheit ganz viele andere Sachen geschenkt, zum Beispiel Dulce de leche (das außer uns keiner mag), Alfajores (die ein Nicht-Argentinier nach zwei Wochen nicht mehr sehen kann) und … ähm … ganz viele andere Sachen. Meistens entdecken wir Dinosaurier. Aber die waren dann auch die größten der Welt.
  • Ich höre gerade über meine Kopfhörer, dass Costa Ricas Trainer Kolumbianer ist. Das erklärt die Niederlage im Viertelfinale gegen Holland.
  • Argentinien hat den besten zwölften Mann der Welt: Papst Franziskus.
  • Ezequiel Lavezzi, genannt El Pocho, ist der heißeste Spieler des Turniers. Sagen unsere Frauen. Die Facebookseite der sogenannten »Bewegung, damit El Pocho Lavezzi ohne Trikot spielt« hat mehr als 384 000 Fans. Ein Hashtag auf Twitter heißt #quehariasconlavezzi – was würdest du mit Lavezzi anstellen.
  • Noch mal El Pocho: Lavezzi ist auch der frechste Spieler. Er hat beim Spiel gegen Nigeria seinen Trainer Alejando Sabella mit einer Trinkflasche angespritzt. Chuck Norris soll vor dem Fernseher gezittert haben.

 

  • Pelé, die lebende Marionette der Reichen, Schönen und Mächtigen, ärgert sich am meisten über einen argentinischen Weltmeister.
  • Das Halbfinale wird am Nationalfeiertag gespielt, dem Día de la Independencia, Tag der Unabhängigkeit von Spanien (9. Juli 1816).
  • Unser Trainer ist kein Umfaller.

 

 

  • Argentiniens Fans singen die witzigste WM-Hymne. Auf Deutsch, frei übersetzt, heißt der Text: »Brasilien, sag mir, wie’s sich anfühlt, wenn dein schlimmster Feind in deiner Hütte feiert./Und auch wenn’s lange her ist, werden wir’s niemals vergessen, das schwöre ich dir:/Wie du 1990 von Diego schwindelig gespielt wurdest und Caniggia dich abgeschossen hat. Seitdem heulst du nun schon./Und jetzt wirst du erleben, wie uns Messi den Pokal bringt. Maradona ist viel größer als Pelé.«
  • Unser Supertrainer wird  Fifa-Boss Sepp Blatter bei der Siegerehrung demonstrativ den Handschlag verweigern, so wie der legendäre César Luis Menotti 1978 bei der Heim-WM dem Militärdiktator Jorge Rafael Videla. Vielleicht.
  • Wir sind das bescheidenste Volk auf Erden. Keiner ist bescheidener als ein Argentinier. Wir hätten gern unseren Rivalen Brasilien im Endspiel 14:3 zerlegt, begnügen uns nun aber mit einem Triumph über Deutschland.
Public Viewing

Public Viewing am Congreso, dem argentinischen Parlament

Weltpokal im Foyer des Parlaments

 

Unter Geiern … äh … Brasilianern

von MARC KOCH (Gastbeitrag)

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Marc Koch ist Lateinamerika-Korrespondent der Deutschen Welle und lebt in Buenos Aires.

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Argentiniens Hauptstadt, gestern Abend: WM-Halbfinale. Ein Deutscher und seine Mannschaft. Viele Brasilianer und ihre Mannschaft. 

1.-16. Minute

Krawallende Glotze, kreischende Kinder, klingende Gläser, coole Caipis, Samba im Hintergrund. Alberne Schminke. Fingerfood ganz ok, Bier kalt und nicht von Quilmes. Schönes Spiel.

Die Brasilianer, als ob sie aus den Deutschen gleich einen Oliver-Kahn-Gedächtnisauflauf machen wollten: Luiz guckt, Hulk kratzt, Marcelo spuckt. Ich: nervös. CW, zu Hause: malt entspannt weiß-himmelblaue Papierstreifen. Und twittert.

11. Minute

Gol! GooooooooooooooooooooooooooooooolTomáßmuller.

17. Minute

A. (Name von der Redaktion geändert), der Brasilianer aus São Paulo, kommt rein, seinen fiebernden Dreijährigen auf dem Arm, seine unlustige Fünfjährige an der Hand und seine reizende Gattin an der Seite.

A. schaut auf den Fernseher. Ob das ein Scherz sei? BRA-GER 0:1? Ne Montage, oder sowas?

23. Minute

A. hat seine Plagen zu den anderen ins Kinderzimmer geschickt und will sich gerade mit seinem Bier setzen – da kommt Opa Klose. Null-zwo. A. lacht. Sein Sohn will noch eine von diesen Deutschlandfahnen haben, die einer zur Party mitgebracht hat.

24. Minute

Kroos. Das Dritte. Einfach so. Meine Frau heult. Wie Julio César und David Luiz. Im Gegensatz zu denen aber vor Rührung. Dass sie das noch erleben darf, sagt sie. (Im Viertelfinale ist sie noch Shoppen gewesen. Mit der Gattin von Hausherr CW!)

26. Minute

Kroos. Nochmal. Keine Wiederholung! Haha!

29. Minute

0:5. Ich finde, wir sollten jetzt gehen. Immerhin sind auch hier die Gastgeber Brasilianer.

Touristenführer Jogi Löw

Aber Merte hatte unrecht: Unter den letzten 16 war doch eine Karnevalsmannschaft.

Interessant: Einer, den ich nicht kenne, aber für einen Argentinier halte, stülpt die Nase über den linken Mittelfinger, hält sich den Zeigefinger an die Schläfe, legt die Stirn in Falten – und schweigt. Sehr ungewöhnlich für einen Argentinier. Klarer Fall: Die haben Angst! Jetzt schon! Ach, der Mann ist Bolivianer?! Ok, ok, ok: »Kannst du dich an Deutschland-Bolivien erinnern, WM 1994? Das 1:0?« Kann er. Will er nicht drüber reden. Fast ein Argentinier, irgendwie.

Halbzeit

Wir machen Späße. Mit den Brasilianern. Zum Aufheitern. So: »Hey, in der zweiten Halbzeit stellt sich Neuer in euer Tor. Zum Spaß. Haha!« Finden die nicht witzig.

Unser Gastgeber. Steht in der Küche. Im Glas: Cola. In der Hand: Veganerschnitte. Im Auge: eine Träne. Wir versuchen, zu trösten. Seelische Betreuung. Notfallseelsorge. Betreutes Fernsehen, sozusagen.

Zweite Halbzeit

Huy, die drücken. Ich twittere an CW: »Brasilien dreht das noch.« A., der Brasilianer, mantrat auf dem Teppich: »CincoGolesCincoGolesCincoGoles.«

69. Minute

Lahm. Und Schürrle. »Macht das halbe Dutzend voll«, würde Rubi wortmetzen. A. sitzt im Halbdunkel hinter dem Sofa und singt seinem Sohn melancholische Volkslieder aus Brasilien vor. Das Kind schwenkt die D-Fahne und grinst verzückt.

Ich lege mich fest: Brasilien dreht das Spiel nicht mehr.

70. Minute

Ich habe es geschafft. Ich habe den jüngeren Brasilianern von Zico, Sócrates und Pelé (kommt schon: Den kennt sogar ihr!) erzählt – jetzt sind sie wieder glücklich und lachen. Ach nee, es ist nur, weil Fred, der brasilianische Fußballer mit den sieben linken Füßen, endlich ausgewechselt wird.

79. Minute

Schürrle. Der alte Bruchwegboy! 0:7. Und A., der Brasilianer, so: »Deutscher Fußball ist geil.« Schon, A.! Eine deutsche Zuschauerin fragt: »Kommen wir jetzt ins Endfinale?«

90. Minute

Ja. Kommen wir.

Abpfiff

Beim Rausgehen treffe ich einen argentinischen Freund.

Bild 3 Brasilien

Ich frage: »Was steht an?« – Er: »Wir spielen gegen Holland.« – Ich: »So ein Zufall: Wir am Sonntag auch!«

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Weitere Text von Marc Koch

Die Geschichte des »Ooouh« und der beste Keks von Amsterdam

von KATHARINA HANDY (Gastbeitrag)

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Katharina Handy ist freie Journalistin und hat zwei Monate in Amsterdam gelebt und gearbeitet. Sie bloggt als Katrijn Mobiel.

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»Je krijgt het meisje wel uit Nederland, maar Nederland niet uit het meisje.«1

»Ich soll was über die Niederlande und Argentinien schreiben«, habe ich meinem holländischen Kollegen über Skype erzählt. »Ooouh«, sagte er, und trotz des verpixelten Bildes konnte ich sehen, wie sich schmerzhafte Erinnerungen auf sein Gesicht zeichneten. »Neunzehnhundertachtundsiebzig«, sagte er dann mit bedeutungsschwangerer Stimme. Und weil er wie alle Experten sonst im Fernsehen vor einer Bücherwand saß, während ich mit ihm sprach, wusste ich, dass es sich wirklich um eine ernste Angelegenheit handelte. »Effe googelen … eben mal googeln«, dachte ich.

Bei der WM 1978 hatte Gastgeber Argentinien die Niederlande im Finale mit 3:1 nach Verlängerung geschlagen. Argentinien wurde Weltmeister, die Niederlande … äh,  Zweiter.

 

Kaum hatte der glücklose Michael Umaña in der Nacht auf den 6. Juli 2014 den letzten Elfmeter für Costa Rica versemmelt, kaum stürmte der Oranje-Kader auf den Rasen von Salvador – da twitterte schon ein Freund aus Amsterdam: »Bin gespannt, ob Máxima das Halbfinale bei Willy im Wohnzimmer gucken darf.« Wenig später ging ein Bild durch die Netzwerke, das die Königin und den König der Niederlande Rücken an Rücken im Ehebett zeigt, mit dem Hashtag #NEDARG.

 

Máxima kam 1971 in Buenos Aires auf die Welt. Sie ist gebürtige Argentinierin. Irgendwann hat sie sich den niederländischen Thronfolger geangelt.

Es war der Sommer von 1998. Die Fußball-WM war in Frankreich und ich irgendwo in einem Sommercamp in Mecklenburg. Ach ja, und die Niederlande spielten ihr Viertelfinale gegen Argentinien. Zum Ende der regulären Spielzeit stand es 1:1, als Verteidiger Frank de Boer einen traumhaften Pass auf Stürmer Dennis Bergkamp platzierte, der dann in der 90. Minute das entscheidende Tor schoss.

Ach guck, da haben die Niederländer auch schon mal gegen Argentinien gespielt?

 

Das ist es, was mich am Fußball so stört. Jedes Mal werden die Legenden beschworen, der Geist von neunzehnhundert-(bitte selbst ergänzen), die Rückennummer von (da fällt euch schon wer ein) und die verwandtschaftlichen Beziehungen von (zum Beispiel Máxima). Dabei gibt es eigentlich, eigentlich, EIGENTLICH nur drei vier fünf Gründe, weshalb die Niederländer heute ins Finale kommen:

1. Ihr König ist zur Hälfte ein Deutscher.
2. Die Niederländer haben den weltweit größten Privatbestand an orangefarbenen Devotionalien.
3. Das Wort des Jahres 2013 in den Niederlanden war »Selfie«.
4. Die Niederländer können zwei Kinder, zwei Einkaufstaschen, einen Rucksack und eine Ehefrau auf einem Fahrrad transportieren.
5. Diese Pommes (mit Majo und Erdnuss-Soße).

Pommes

Einen hab ich aber noch (bester Keks). Und den hier (bestes Sonntagsdate). Nicht zu vergessen, das hier (#partylikeaninsider).

Hipper

  1. Du kriegst das Mädchen zwar aus Holland, aber Holland nicht aus dem Mädchen. []

Van Gaal, der Rasputin von Máxima

von MARC KOCH (Gastbeitrag)

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Marc Koch ist Lateinamerika-Korrespondent der Deutschen Welle und lebt in Buenos Aires.

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Ich habe neulich mit Holländern Fußball gespielt.

Ja!

Na und??!!

Was gucken Sie denn jetzt so indigniert?

Erstens fehlte bei denen ein Mann, und zweitens sagt meine Frau immer, ich solle mich mehr bewegen, anstatt für umsonst für ein unterklassiges Fußballblog zu schreiben. Außerdem sind die Argentinier, zu denen mich der Hausherr CW manchmal mitnimmt, damit er nicht der schlechteste Spieler auf dem Platz ist, eigentlich zu schnell für einen Mann in meinem Alter.

 

Es war auch nicht teuer, wir hatten so eine cancha gemietet. Das sind kleine Fußballplätze, die man in dieser wunderbaren Stadt an jeder Ecke finden kann, sogar unter Autobahnbrücken und sogar als Ausländer (was zum Beispiel bei Handyverträgen oder städtischen Mietfahrrädern völlig ausgeschlossen ist.)

Und ich hatte ein lustiges Trikot. Was da drauf steht, ist natürlich gar nicht mein Name. Das ist spanisch und heißt: »Ihr werdet verlieren.« Klingt aber holländisch. Gut, oder!!?

Van a perder

Als jemand, der seinerzeit die Aufnahme in die Ajax-Schule nur haarscharf verpasst hat, schätze ich ja den eleganten Angriffsfußball nach ausführlichem Kurzpass-Vorspiel. Die Älteren erinnern sich: 1972, Finale Europacup der Landesmeister: Ajax Amsterdam, 2:0 gegen Inter. Der Sieg des totalen Fußballs. Der Tod des Catenaccio. Seitdem war das 4-3-3-System in Holland heilig.

Dann kam van Gaal. Dieses sympathische Feierbiest. Der sich von seinen Kindern siezen lässt (was ich CW für seinen Nachwuchs auch mal empfehlen sollte!). Der seine Spieler nicht mit Namen, sondern mit Nummern anspricht. Und verlangt, dass sie tun, was er sagt. Der perfekte Pädagoge also. Ein Mann mit Prinzipien. Einer, der irgendwie nicht nach Argentinien passt. Dachten wir.

Doch der alte Aloysius hat es drauf: Da muss er mit einer Truppe zur WM, die es – na ja, sagen wir mal – nicht so richtig gut kann, das Fußballspielen. Und dann kicken die sich locker durch dieses Turnier. Wie das jetzt? Weil van Gaal den Argentinier in sich entdeckt hat! Er wechselt das System, wie es ihm gerade passt: Stundenlang lässt er 5-3-2 spielen. Das braucht nicht nur kein Mensch, das kapiert auch kein Gegner. Aber zehn Minuten vor Schluss: Heißa, die Waldfee, 4-3-3, Robben rennt fünftausend Meter in einer halben Minute, trifft und Holland gewinnt.

Dazu kommt, und auch das ist ja argentinisch gedacht, dass van Gaal schon mit einem 1:0 zufrieden ist. Früher waren argentinische Fußballer da anders: »Fußball ohne Tore ist wie ein Tag ohne Sonne«, hat der sehr große Don Alfredo di Stéfano immer gesagt. Aber der ist dann ja auch Spanier geworden.

Apropos Waldfee und Nationalitätenwechsel: Die Holländer haben sich ja vor ewigen Zeiten eine Argentinierin ins Königshaus geholt. Wahrscheinlich, damit das Protestantenvolk mal ein bisschen lockerer wird. Kein Festhalten an sogenannten »ewigen Wahrheiten«. Und schon gar nicht am 4-3-3. Wenn Holland demnächst Republik wird, ist Máxima schuld!

Wenn Argentinien nicht Weltmeister wird, allerdings auch.

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Weitere Texte von Marc Koch im Argentinischen Tagebuch:

Der unvollendete Nachruf

von CHRISTOPH WESEMANN

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Buenos Aires, Freitag, 4. Juli 2014

11.45 Uhr. Deutschland könnte heute gegen Frankreich ausscheiden. Ich brauche einen Text. Ich bin sogar ziemlich sicher, dass Deutschland ausscheidet. Ich kann nur nicht auf das Ende warten. Aber auch seriöse Zeitungen haben ja für jede halbwegs bedeutende Persönlichkeit einen vorbereiteten Nachruf im Stehsatz – damit sie vom Tod niemals überrascht werden. Und wie sollte das kein Tod sein: ein Ausscheiden dieser hochbegabten Truppe im Viertelfinale, nach diesen schwachen Partien gegen Ghana, die USA und Algerien?

Nach dem Abpfiff muss ich meine drei Kinder bewachen und die zwei argentinischen Schulfreunde des Sohnes, die sich zum Spielen angemeldet haben. Fünf Kinder zwischen zweieinhalb und neun Jahren, ganz oder weitgehend sozialisiert in Argentinien: Da werde ich nicht an Deutschlands Nachruf denken, höchstens an meinen eigenen. Also schreibe ich jetzt vor und veröffentliche mit dem Abpfiff. Erster! Wenn das Ergebnis stimmt.

Ein paar hübsche Ideen, ringsum Wörter und Wortspiele, und dann ruht hier gleich der deutsche Männerfußball.

12.05 Uhr. Mir geht diese Weltmeisterschaft ja mitunter sehr auf die Nerven. Mich nervt das demonstrative Gottangebete der brasilianischen Spieler. Mich nervt, dass man im Fernsehen wenig vom Spiel sieht, weil schon wieder eine Superzeitlupe von Neymars verzerrtem Gesicht eingespielt wird. (Und Neymar, darum natürlich wissend, verzerrt das Gesicht.) Viele Spieler scheinen sehr auf das Bild bedacht zu sein, das die Kameras von ihnen einfangen. Wenn Mario Götze eingewechselt wird, sieht er aus, als käme er nicht vom Aufwärmen, sondern geradewegs aus der Maske, und wolle weiter zum Fotoshooting. Frisuren sind auch wichtig geworden. Es wird getönt, gescheitelt und haargesprayt wie nie. Jeder hat seine Rolle. Selbst Thomas Müllers Empörung über einen nicht gegebenen Einwurf wirkt immer ein bisschen zu empört. Er ist der letzte deutsche Volkfußballspieler.

12.15 Uhr. Eine Idee reicht auch.

12.22 Uhr Die verkleideten und geschminkten Zuschauer nerven mich übrigens noch mehr als die winkenden. Sind die nächsten zwei Weltmeisterschaften – Russland 2018 und Katar 2022 – vielleicht auch eine Chance für den Fußball? Weil alle Tribünenspaßvögel – der Goudaaufdemkopfbalancierer, der Perückte, der Federschmuckträger – wegbleiben. Scheichs verkleiden sich ja wohl eher nicht noch mal.

12.29 Uhr. Ich könnte kritisieren, dass Joachim Löw bei diesem Turnier mit vier Innenverteidigern auf 1986 gemacht hat, weil er unbedingt und egal wie Weltmeischter werden wollte. Jedes Mittel war ihm recht, um nicht für alle Zeiten der Bundestrainer zu sein, der mit der goldensten Generation, die der deutsche Fußball je hervorgebracht hat, ohne Titel bleibt.

Übrigens, eine üble WM muss das gewesen sein, für Fußballästheten, damals vor 28 Jahren in Mexiko, aus deutscher Sicht, meine ich. Die Deutschen rumpelten, grätschten und mauerten sich durchs ganze Turnier. Teamchef Franz Beckenbauer sagte am Abend vor dem Endspiel gegen Argentinien zu seinem Assistenten Vogts: »Stell dir das mal vor, Berti. Mit dieser Trümmertruppe stehen wir im Finale. So schlecht ist der Fußball geworden.« Solche Sätze konnte der Franz also schon damals sagen. Ich dachte viele Jahre, Beckenbauer wäre erst 1990 – mit dem WM-Triumph in Italien – cool geworden.

12.36 Uhr. Ich könnte auch über Höwedes schreiben, der, sobald er schwitzt, aussieht wie Al Bundy. Höwedes schwitzt immer, schon in den ersten Minuten, er arbeitet ja Fußball nicht nur, er sieht dabei auch noch aus, als schöbe er schon die dritte unbezahlte Überstunde an diesem Tag.

Mir fällt gerade auf, dass mir nicht einfällt, wie Höwedes mit Vornamen heißt. Google sagt: Benedikt. Sieht der schwitzende Benedikt Höwedes wirklich aus wie Al Bundy? Vielleicht bilde ich mir das auch ein, weil ich in meinem Leben ein bisschen zu oft Al Bundy und viel zu oft Benedikt Höwedes gesehen habe. Außerdem: Wenn ich bei Höwedes bin, bin ich wieder bei Löw. Ohne Löw kein Manndecker als linker Verteidiger.

Der neue deutsche Fußball wurde in Argentinien in jüngster Zeit sehr bewundert. Für das Stürmische, Wilde, Leidenschaftliche und zugleich Leichte der Jahre 2006ff.; für die kurzen und schnellen Pässe, die in den besten Augenblicken eine Präzisionsarbeit waren, ohne je nach Herstellung am Fließband auszusehen. Es waren Künstler am Werk, keine Schrauber und Schweißer. Das passte überhaupt nichts ins Bild, das der Argentinier vom fútbol alemán hatte. Jahrzehntelang hatte man am Río de la Plata von »El Panzer«gesprochen. Die Deutschen zerstörten den schönen Fußball der anderen; und sie taten es mit deutscher Gründlichkeit.

12.56 Uhr. Argentinische Männer haben mir, dem Deutschen in Buenos Aires, oft Fußballkomplimente gemacht. Das war mir unangenehm. Argentinierinnen haben mir schöne Augen gemacht. Dagegen habe ich mich nicht gewehrt, obwohl ich ja schon ewig verheiratet bin. Und: weil. Natürlich dachten die Frauen an Jogi Löw und Oliver Bierhoff, aber man darf nicht alles im Leben hinterfragen. Verdammt schöne Augen!

Hätte Deutschland den Titel geholt, hätte ich in Buenos Aires eine Weile mit dem Weltmeischtertrainerdialekt gesprochen. Español badense. Hola, cómo eschtás? Haschta luego!

13.12 Uhr. Haha, das ist gut. Eine Idee! Me guschta mucho. Weiter! Weiter! Weiter! Jetzt habe ich einen Lauf und …

Fernseher: »Goooooooooooooooooooooooooooooooooooooool! Gooooooooooooooooooool para Alemania! Gooool de Mats Uuuuuummmmmmmmmeeeeeelts!«

Hmmmh.

14.45 Uhr. Nach 95 Minuten ist Schluss. 1:0 für D.

14.46:30 Uhr. Der Text liegt jetzt in der Schublade »Nachrufe, noch zu überarbeiten«.

Die hochspekulative Komödie

von MARC KOCH & CHRISTOPH WESEMANN

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Zwei Deutsche in Buenos Aires schreiben sich Kurznachrichten und plaudern über Fußball und den Rest.

CW. Wann spielt der nächste Weltmeister sein Viertelfinale? Sonnabendmittag? (Erbitte argentinische Anstoßzeit.)

MC. Freitag um fünf.

CW. Hahaha. Jetzt auch Kolumbianer, he?

MC. Klar! Oder Belgier. Alle anderen können gehen.

CW. Du warst ja auch schon Holländer, Chilene und Franzose.

MC. Nur für einzelne Spiele. Es muss verhindert werden, dass der hässliche Fußball Weltmeister wird. Um jeden Preis.

CW. Ein Idealist. Ein Schöngeist. Wie putzig! Ich komme gleich zum Streicheln vorbei.

MC. Aber zieh Dir vorher ein sauberes Trikot an!

CW. Argentinien hat alle Spiele gewonnen. Ich darf nicht waschen. Bringt Unglück.

MC. Wir brauchen übrigens einen Plan.

CW. Fürs Leben?

MC. Nein. Vielleicht doch. Ja, bestimmt. Ich meine aber: fürs Viertelfinale. Wir müssen reagieren, wenn Deutschland, Brasilien und Argentinien rausfliegen. Wer macht wen fertig?

CW. Puh.

MC. Als der authentische Argentinier, der Du ja bist, müsstest Du natürlich Deinen Jungs umgehend in den Rücken fallen. Wenn sie gegen Belgien am Sonnabend verlieren …

CW. … dann war mir das spätestens vor einer Woche längst klar.

MC. Zu spät! Viel zu spät! Du hast nie an diese Mannschaft geglaubt. Nie!

CW. Ich habe nie an diese Mannschaft geglaubt. Nie!

MC. Gut so. Ich nehme an, Brasilien machst Du dann gleich mit fertig.

CW. Ehrensache.

MC. Dann bin ich der deutsche Stammtisch. Wir sollten überlegen, wie wir das anpacken. Es soll ja originell werden.

CW. Was können wir, was die anderen nicht können? Was haben wir, was die anderen nicht haben? Wie sind wir? Und wie sind die anderen nicht?

MC. Wir sind schnell. Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geisteswissenschaftlichen Hintergrund. Wir sind böse, sexy und klug. Wir können saufen wie die Kutscher, haben Kant gelesen und nicht verstanden, aber das merkt keiner, und schlafen nie. Mehr?

Rumpelfußball reloaded

von MARC KOCH (Gastbeitrag)

Logo des WM-Tagebuchs - Zeichung: Danü (Daniel Schlierenzauer)

Marc Koch ist Lateinamerikakorrespondent der Deutschen Welle und lebt in Buenos Aires.

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Die zugegeben attraktive Dienstkleidung der Argentinier war noch kein bisschen beschmutzt, da hatten die Kommentatoren von Canal 7 schon die Erklärung parat: Der Boden im Stadion von São Paulo sei viel zu hart. Keineswegs liege es an den begnadeten argentinischen Fußballern, wenn der Umgang mit dem Spielgerät bisweilen etwas ungewöhnlich wirke. Wenn man zum Beispiel mal wieder nicht wusste, ob der Mann in weiß-himmelblau jetzt stoppen oder einen weiten Pass spielen wollte.

Dazu muss man wissen, dass Canal 7 das hiesige Staatsfernsehen und gleich nach Mate und Fernet-Cola eine der übelsten argentinischen Erfindungen ist. Zwischen Videoclips mit Regierungspropaganda senden sie ein bisschen Fußball und reden den schön, sofern es sich um das eigene Team handelt. Natürlich auch den Grottenkick gegen die Schweiz.

 

Nach diesem Spiel schickte der Hausherr CW, der von Fußball noch mehr versteht als von Marketing, eine SMS: »Noch dreimal so eine Scheiße, und wir haben den Pokal!«

Das klang irgendwie erschöpft. Aber Erschöpfte neigen ja dazu, große Dinge gelassen auszusprechen – unser MC Merte in der Eis-Eis-Tonne kann sozusagen ein Lied davon singen:

 

Und schon sind sie wieder da, die alten Geister.

Mit freundlicher Genehmigung von Härringers Spottschau (c)                              zum Vergrößern aufs Bild klicken

Keine zehn Tage ist es her, dass die Holländer gemeinschaftlich mit den Chilenen die Erfinder des schönen Fußballs getötet haben. Und schon ist er wieder salonfähig: der Rumpelfußball. (Es lohnt sich übrigens, Wikipedia nach »Rumpelfußball« zu fragen. Ich konnte nicht glauben, was ich da gesehen habe. (Grüße an die Kameraden von heftig.co!)

Hauptsache gewonnen ist wieder schick: zur Not auch mit einem »0,5 : 0«, wie Brasiliens Heulboje Neymar Junior gerade erklärt hat. Thomas Müller brandredet für »irgendwie gewinnen«, und das Fachblatt für den langen Ball in die Spitze lobt den »Schrottfußball«. Solange er erfolgreich ist. Die Rehabilitation des Rumpelfußballs feiert fröhliche Urständ.

Nur noch eine Frage der Zeit, wann die Fachpresse eine Wildcard für Griechenlands Finalteilnahme fordert.

Doch während wir dem Spirit von Mexiko, Chile und den USA nachtrauern und uns fit machen, Kolumbien und Belgien in die nächste Runde zu singen, kommt plötzlich Zuspruch von einer Seite, von der wir es nie erwartet hätten: von IHM. Dem, den sie hier für den ALLERGRÖSSTEN halten. ER also spricht zu uns: »Ich aber sage Euch: Wir können nicht immer nur der Sportclub Messi sein!« Und dann liest ER dem Übungsleiter Alejandro Sabella mal so richtig die Leviten.

ER will auch keinen Rumpelfußball. Dass ich das noch erleben darf!

Gracias, Diego!

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Härringers Spottschau hat uns freundlicherweise erlaubt, seinen Cartoon zu benutzen. Vielen Dank!

 

Die Flohristen: Wie César Luis Menotti, der verrückte Bielsa, Tata Martino und der Papst Argentinien zum Weltmeister machen

von CHRISTOPH WESEMANN

Logo des WM-Tagebuchs - Zeichung: Danü (Daniel Schlierenzauer)

Mit dem FC Barcelona hat Leo Messi in dieser Saison nichts gewonnen, nicht die Champions League, nicht die Meisterschaft, nicht einmal den Königspokal. Selbst Weltfußballer ist ein anderer Spieler geworden. Bislang hatten so genannte Experten die Schwächephase des Argentiniers mit anhaltendem Verletzungspech, gesundheitlichen Problemen oder schlaflosen Nächten nach der Geburt seines erstes Sohnes Thiago erklärt. Nun aber sind dem Argentinischen Tagebuch über verschiedene Kanäle Dokumente zugespielt worden, die eine andere Deutung nahelegen.

Alles war offenbar nur ein großer Bluff.

Vieles spricht dafür, dass es einen argentinischen Geheimplan gegeben hat, um Messi vor der Weltmeisterschaft in Brasilien eine Krise anzudichten und auf diese Weise die Konkurrenz zu täuschen. Das ganze Ausmaß des Betrugs ist bislang nur zu erahnen. Fest steht aber: Drei bekannte argentinische Fußballtrainer sind darin verstrickt. Und Spuren führen auch in den Vatikan.

Ein Heer von Investigativjournalisten hat die Dokumente über Wochen ausgewertet. Dem Argentinischen Tagebuch ist es nun möglich, die Geschehnisse der vergangenen eineinhalb Jahre zu rekonstruieren.

Bar von Messis Eltern in Rosario

Die Bar von Messis Eltern in Rosario (mit dem Schatten des Flohs)

Die Beteiligten

Trainer

  • Marcelo Bielsa, geboren 1955 in Rosario (Argentinien), argentinischer Nationaltrainer von 1998 bis 2004, Spitzname: El Loco Bielsa, Der verrückte Bielsa
  • Gerardo Martino, geboren 1962 in Rosario (Argentinien), zuletzt beim FC Barcelona, Spitzname: Tata, Väterchen
  • César Luis Menotti, geboren 1938 in Rosario (Argentinien), argentinischer Nationaltrainer von 1974 bis 1982, Weltmeister 1978, Ex-Kettenraucher, Spitzname: El Flaco, Der Dünne
  • Diego Simeone, geboren 1970 in Buenos Aires (Argentinien), Ex-Nationalspieler, Trainer von Atlético Madrid, Spitzname: Cholo, Mestize
  • Carlo Ancelotti, geboren 1959 in Reggiolo (Italien), seit 1976 Trainer, aktuell bei Real Madrid, Spitzname: Carletto
  • Carlos Bilardo, geboren 1939 in La Paternal (Argentinien), Studium der Gynäkologie, argentinischer Nationaltrainer von 1983 bis 1990, Weltmeister 1986, Spitzname: Doctor

Spieler

  • Lionel Messi, geboren 1987 in Rosario (Argentinien), Star des FC Barcelona und Kapitän der argentinischen Nationalmannschaft, viermaliger Weltfußballer, Spitzname: La Pulga, Der Floh
  • Cristiano Ronaldo, geboren 1985 in Funchal, Madeira (Portugal), zweimaliger Weltfußballer, Spitzname: CR7

Sonstige Beteiligte

  • Jorge Mario Bergoglio, geboren 1936 in Buenos Aires, Papst seit 2013, Spitzname: Franziskus
  • Stallbursche Pepe, keine weitere Informationen vorhanden
  • Taschendiebe von der Plaça Catalunya, keine weiteren Informationen vorhanden

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26. Februar 2013

Mexikanische Zigaretten und die große Grillplatte

Buenos Aires • César Luis Menotti, genannt El Flaco (Der Dünne), Gerardo Tata (Väterchen) Martino und Marcelo Bielsa, bekannt als El Loco (Der Verrückte), treffen sich zufällig bei einem Pferderennen in der argentinischen Hauptstadt. Sie haben sich lange nicht gesehen, umarmen einander wie Freistilringer und küssen sich auf die Wange. Es wird das letzte Treffen ohne angeklebte Bärte, verspiegelte Sonnenbrillen und alberne Hüte sein. Die drei berühmten Trainer, die wie Leo Messi aus der Hafenstadt Rosario stammen, vertiefen sich in ihre Wetthefte und tauschen sich kurz über das 14. Rennen aus. Oder tun sie bloß so? Ist das alles schon Täuschung?

Die Galopprennbahn in Buenos Aires

Keine halbe Stunde später hocken sie im Heu eines Pferdestalls neben der Rennbahn. Den Stallburschen Pepe hat Menotti zum Zigarettenholen ans andere Ende der Stadt geschickt. Nur dort gibt es diese seltene mexikanische Marke, die er früher so gern geraucht hat.

»Also, ich habe überhaupt keine Lust auf die WM in Brasilien«, sagt Martino.

»Spätestens im Viertelfinale ist sowieso wieder Schluss, Messi hin oder her«, sagt Bielsa.

»Oder wie 2002 in der Vorrunde, mein lieber Marcelo«, sagt Menotti und kneift die Augen zusammen. »Aber falls einer von euch glaubt, dass Argentinien diesmal den richtigen Trainer hat, würde ich mich an dieser Stelle verabschieden.«

Stille. Schweigen. Minutenlang.

»Sabella?«, fragt Martino plötzlich.

»So heißt der, glaube ich«, sagt Menotti. »Ich schlage also vor, dass wir einen Plan machen. Von unserer Elf wird immer viel zu viel erwartet. Ich sage immer: Das Geheimnis des Fußballs ist Zeit, Raum und Täuschung.«

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Zwei Tage später sitzen die Drei in Menottis Lieblingssteakrestaurant. Die große Grillplatte wird bestellt: zwei Hände voll Innereien, sechs Blutwürste, drei Choris, ein Kilogramm Vacío, ein Riesenklumpen Rinderfilet, ein halber Meter Matambre und 500 Gramm Rumpsteak für jeden.

»Ich habe nachgedacht«, sagt Menotti. »Jemand muss bis zur WM dicht an Leo dran sein. Quasi rund um die Uhr. Aber ich war ja schon Trainer von Barça.«

»Und mich wollen sie vielleicht nicht«, sagt Bielsa.

»Nein, ganz sicher.«

Die beiden schauen zu Martino, der gerade seine zweite Blutwurst aufschneidet.

»Ich … tja … warum eigentlich nicht?«

»Gut, Tata, dann lege ich ein gutes Wort für dich ein; bereite schon mal deine Familie auf den Umzug vor. Ist ja nur für ein Jahr«, sagt Menotti und greift nach seinem Feuerzeug mit dem Konterfei von Che Guevara.

»Flaco, Rauchverbot!«

»Ein Menotti geht nicht nach draußen, Loco.«

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23. April 2013

Der Heilige Vater ist dabei

Rom • Der Papst erwartet Menotti, Bielsa und Martino − oder um genau zu sein: Er erwartet drei Spieler seines Lieblingsklubs San Lorenzo, die vor ein paar Tagen angeblich um eine Audienz gebeten haben. Leandro Romagnoli raucht noch hektisch eine Zigarette, Germán Voboril und Mauro Cetto schütteln die Köpfe. Zwei Jahre hatte er durchgehalten, hin und wieder eine Zigarre, das ja, aber keine Zigaretten mehr. Und nun: wieder Kette.

»Wollen wir?«

»Cheee, hübsche Hüte! Ich hätte euch fast nicht erkannt«, sagt Franziskus zur Begrüßung und bereitet sogleich einen Mate zu. »Auf jeden Fall eine gute Entscheidung. Bei uns hier bleibt ja auch nicht mehr viel geheim.«

Nachdem Menotti, Bielsa und Martino eine halbe Stunde lang in allen Einzelheiten über die argentinische Liga und weitere 15 Minuten über die zweite und dritte Liga referiert haben, lehnt sich Franziskus zurück und fragt: »Che, warum seid ihr eigentlich hier? Ist was mit Diego? Hat er wieder dummes Zeug angestellt oder genommen? Che, ihr wisst, ich kann dem Kerl einfach nicht böse sein. Ich meine, Mexiko 1986, wisst ihr noch? Ja, Flaco, mein Sohn, schon gut, der Bilardo saß damals auf der Trainerbank, wir hätten natürlich auch ohne ihn gewonnen. Was macht eigentlich el Doctor heute, weiß das jemand? Aber hört mal: Diegos zwei Tore gegen die verdammten Malwinendiebe … Verzeihung. Also, ich gucke mir die ja öfter auf Youtube … worüber wolltet ihr mit mir sprechen?«

 

Menotti redet. Und redet. Und redet. Er analysiert Weltmeisterschaft um Weltmeisterschaft; die Neunziger: Andi Brehmes Elfmeter − RumänienBergkamp, dieser Sohn einer Hure; die nuller Jahre: 0:1 gegen England (strenger Blick zu Bielsa) und Lehmanns Zettel im Strumpf. Kurzes Abhusten. Südafrika 2010: schon wieder Deutschland. Nullvier. Als Menotti ganz am Ende seines Vortrags auf Sabella zu sprechen kommt, winkt selbst der Papst ab.

Seine Heiligkeit erteilt dem Geheimplan umgehend seinen Segen und schlägt außerdem vor, gemeinsam zu beten. Den Dokumenten zufolge warnt er aber auch: »Che, verratet bloß nichts Cristina. Ihr wisst ja, unsere Präsidentin quatscht viel. Vor allem im Fernsehen.« Dann begleitet Franziskus Menotti, Bielsa und Martino hinaus und sagt zum Abschied: »Wenn alles geklappt hat, kommt ihr aber mit der ganzen Truppe und dem hübschen Pokal bei mir vorbei, oder?« Als die Tür geschlossen ist, hören die Trainer, wie der Papst mit fester Stimme singt:

Olé, olé, olé, olé, olé, olé, olá / Olé, olé, olé, cada día te quiero más. / Soy argentinooooo, es un sentimientoooo, no puedo paraaaaaaaar. ¡Vamos Argentina, carajo!

(Olé, olé, olé, olé, olé, olé, olá / Olé, olé, olé, jeden Tag liebe ich dich mehr. Ich bin Argentinier, das ist ein Gefühl, ich kann nichts dagegen tun. Vorwärts, Argentinien, verdammt noch mal!)

 

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Sommer 2013

Messi trainiert zu viel

Barcelona • Leo Messi freut sich, dass Gerardo Martino sein neuer Trainer in Barcelona werden wird. Guter Mann! Hat Newell’s Old Boys aus Rosario, seinen Heimatklub, mit schönem Fußball zur argentinischen Meisterschaft geführt. Der beste Fußballer der Welt ahnt nichts. Er wundert sich allerdings, dass plötzlich spanische Steuerfahnder hinter ihm her sind. Angeblich soll er Millionen am Finanzamt vorbeigeschleust haben. Es ist die erste große Finte, und sie entstammt dem Hirn des Verrückten. Ein Freund des Bruders, dessen Neffe eine Tankstelle in Rosario besitzt, bei der Bielsas Tochter Inés regelmäßig den Reifendruck ihres Golf (Baujahr 2005) prüfen lässt, ist vor Jahren nach Spanien ausgewandert und kennt jemanden im Finanzministerium. Der Rest: ein Anruf und eine halbe Minute lang das Klacken der Computertastatur in irgendeiner Behörde.

Menotti und Martino sind beeindruckt. In Argentinien hätten sie so etwas auch hinbekommen. Aber das hier ist Europa.

»Ich habe kürzlich schon mal geübt«, sagt Bielsa. »Steuerhinterziehung ist übrigens kein Kavaliersdelikt, Freunde. Aber jetzt sollten wir endlich mit Leo reden.«

»Unbedingt«, sagt Martino, der neue Trainer des FC Barcelona. »Der trainiert viel zu gut.«

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Menotti soll das Gespräch führen. Das Ding mit den Zigaretten − seltene mexikanische Marke, hahahaha − war echt gut. Der Stallbursche Pepe sucht wahrscheinlich immer noch, wurde jedenfalls nie wieder gesehen. Aber dieser Geniestreich ist auch schon wieder Monate her. Und reden kann El Flaco nun mal wie kein anderer. Selbst Franziskus hat er rumgekriegt.

Er wird reden, wie er immer spielen lassen hat: offensiv. Er ist doch nicht Bilardo!

»Leo, du hast nun schon zweimal die Champions League gewonnen.«

»Dreimal.«

»Das reicht ja erst mal, ne?«

»Nein.«

»Und Weltfußballer warst du auch schon viermal. Musst du es unbedingt ein fünftes Mal werden?«

»Ja.«

»Ich meine: in dieser Saison?«

»Ja.«

Menotti zündet sich eine Zigarette an und richtet sein Haar mit der Hand.

»Aber das wäre doch langweilig, Leo.«

»Für mich nicht.«

»Aber weißt du, dann musst du wieder den Schlafanzug anziehen, und darin siehst du doch immer blöd aus.«

»Finde ich nicht.«

Menotti denkt: Menotti, du Sohn einer Hure, du hast auch schon mal stärker argumentiert.

»Ach Leo, jetzt hör mal zu: Weltmeister, darauf kommt es an. Das zählt. Ohne WM-Titel wirst du nie so groß wie Diego. Und ich.«

»Meinen Sie?«

»Sicher.«

Menotti verspricht, sich persönlich um das Problem mit den hinterzogenen Steuern zu kümmern. Im Gegenzug versichert ihm Messi, in dieser Saison nicht auf Titeljagd zu gehen. Handschlag. Umarmung. Kein Vertrag.

»Du wirst es nicht bereuen, glaub mir. Alle werden dich für einen Waschlappen halten. Und alle werden in Brasilien dafür bezahlen.«

»War das mit Señor Uli eigentlich auch euer Werk?«

»Du stellst zu viele Fragen, Floh.«

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4. August 2013

Spielt CR7 mit?

Madrid/Buenos Aires • Und wer redet jetzt mit Cristiano Ronaldo? Keiner will. Aber jemand muss. Denn alle haben Angst, dass einer der 25 Imageberater des Portugiesen Verdacht schöpft angesichts der plötzlichen Überlegenheit ihres Klienten.

»Das fällt doch auf. Cristiano ist ja bloß der Zweitbeste. Er selbst weiß es nicht, aber die ganze Welt, die schon. Es wäre viel zu riskant, ihn nicht einzuweihen«, sagt Menotti laut Gesprächsprotokoll am 23. August bei einem Treffen in einem Parkhaus in Barcelona. Seine Kollegen nicken. »Also, ich war ja schon bei Leo und beim Papst dran.«

Martino und Bielsa spielen Schnick, Schnack, Schnuck. Martino verliert mit Papier, weil Bielsa im letzten Augenblick die Faust öffnet und eine Schere macht. »Ich weiß gar nicht, wo ich den Kerl finde«, sagt der neue Barça-Trainer. »Ich kann doch nicht einfach in die Umkleide von Real Madrid spazieren.«

Drei Tage später setzt ein Taxifahrer den verkleideten Tata − weißes Trikot mit der Rückennummer 7, falscher Vollbart, Riesenschinken im Arm − vor dem berühmtesten Schönheitssalon Madrids ab. Ronaldo sitzt bei der Pediküre und trägt das gleiche Trikot wie der Mann, der sich ihm auf Zehenspitzen nähert.

»Darf ich stören?«

»Ich wechsele nur zu euch, wenn ich mehr verdiene als der Argentinier.«

»Aber du passt doch gar nicht in unser System.«

»Ohne den Argentinier wäre es ein ganz anderes System.«

»Señorita, würden Sie uns bitte kurz allein lassen?«

Ronaldo, das zeigt die Gesprächsnotiz, die Martino im Nachhinein angefertigt hat, hört sich den Geheimplan an, erbittet Bedenkzeit und willigt nach eineinhalb Minuten ein. Er lächelt, steigt aus der Schüssel mit dem lauwarmen Wasser und macht etwas mit den Armen. Er scheint das Hochheben von Pokalen verschiedener Größe zu üben, so kommt es Martino jedenfalls vor. Dabei murmelt er vor sich hin: »La Décima, Mama, La Décima … größer als Di Stéfano … als Raúl sowieso … blöder Blatter … Ronaldo Madrid Club de Fútbol.«

Dass Ronaldo am Ende der Saison nach einem bedeutungslosen Tor im schon gewonnenen Finale der Champions League sein Trikot auszieht, hat sich Martino spontan schriftlich zusichern lassen. Es wird sein größter Coup werden. Eine Jahrhundertszene. Eine Botschaft für Eingeweihte. Guckt hin: unser Hampelmann! Der Vertrag, geschrieben auf dem Briefpapier des »Salón de Los Hombres Más Bonitos del Mundo«, liegt dem Argentinischen Tagebuch ebenfalls in Kopie vor.

 

Martino ist euphorisiert, als er wieder im Taxi sitzt. Er befühlt das Schriftstück im Brustbeutel unterm Trikot, ruft Menotti in Buenos Aires an und schreit: »Ich fliege gleich weiter nach München und rede mit Franck!«

»Nein, nicht nötig. Mach dir um den keine Sorgen, und um die Bayern erst recht nicht. Tiki-Taki ist vorläufig am Ende. Pep weiß es nur noch nicht.«

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September 2013

Der Dünne dreht durch

Barcelona/Buenos Aires • Messi spielt mit jeder Partie schlechter, also besser. Natürlich: 99 Prozent aller Fußballspieler wären noch immer froh, nur ein paar Minuten im Leben so gut zu sein wie Messi, wenn er furchtbar schlecht ist. Aber manchmal steht er jetzt im Mittelkreis herum, dieser freche Kerl. Er läuft wenig. Er lässt die Schultern hängen. Er lässt sich beim Dribbeln den Ball klauen. Er lässt Pässe nicht ankommen. Er lässt sich sogar auspfeifen.

Nur ab und zu, wenn er’s offenbar nicht verhindern kann, schießt er Tore. Als ihm am 18. September 2013 als erster Spieler zum vierten Mal ein Dreierpack in der Champions League gelingt, hat er in der Kabine eine SMS von Menotti auf dem Handy: »Spinnst du? Reiß dich zusammen, Mädchen aus Rosario!« Menotti ist bereit, alles auffliegen zu lassen. Er müsste ja nur mit dem Finger schnippen. Die Journalisten stehen doch Schlange. Die ganze Welt will ihn befragen. Dauernd soll er sagen, wer nun der größte Spieler aller Zeiten sei, was er über Pep Guardiola denke, wie linker Fußball aussehe.

»Sind mir abgerutscht, die Bälle, Señor. Ich mach’s wieder gut. Abrazo grande.«

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Januar 2014

Gimme All Your Lovin’

Lausanne • Bei der Wahl zum Weltfußballer am 13. Januar wird Messi, der übrigens wieder einen scheußlichen Anzug trägt, Zweiter hinter Ronaldo. Zur Sicherheit ist am Vorabend der Verkündung in der Fifa-Zentrale ein schwarzer Koffer aus Buenos Aires eingetroffen − a manos del Presidente Joseph S. Blatter.

Barcelona • Martino ordnet auf Barças äußerstem Nebenplatz ein Straftraining an und lässt Messi zwei Stunden lang das Freistößeverschießen üben. Mit Medizinbällen. Im Tor stehen zwei Männer mit ZZ Top-Gedächtnisbärten und spielen Luftgitarre. Messis Quote ist trotzdem unterirdisch.

»Das wird nie was«, sagt der eine Luftgitarrist zum anderen, faustet einen Medizinball zur Seite und verliert dabei seine Kippe. »Übermorgen ist schon Dribbeln dran.«

In den großen Zeitungen erscheinen die ersten Nachrufe. Die Fachwelt rätselt über Messis Schwäche. Vielleicht ist im Augenblick alles zu viel für das argentinische Genie: die Sache mit den Steuern, der schreiende Sohn nachts, die Verletzungen, das rätselhafte, wahrscheinlich psychosomatische Erbrechen. Dass sich Messi neuerdings auf dem Platz übergibt, hatte sich natürlich der verrückte Bielsa überlegt. Dr. Bilardo hatte sehr unangenehme Frage gestellt (»Warum für Übelkeit?«, »Was ist mit dem Wada-Code?«), aber schließlich doch von einem seiner früheren Masseure eine Trinkflasche vorbeibringen lassen.

Martino ist wegen des Platzwarts vom Camp Nou allerdings immer noch dagegen.

 

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9. Kalenderwoche 2014

Rumgeeier am Telefon

 5. April

Madrid/Barcelona • Cristiano Ronaldo ruft mit unterdrückter Nummer nacheinander Menotti, Bielsa und Martino an. Er sagt jedes Mal: »Hier spricht CR7, eine Frage: Könnte unser Vertrag auch für die Weltmeisterschaft gelten? Ich bin gerade sehr gut in Form. Und den Argentinier würde ich dann im Gegenzug die nächsten zwei Jahre alles gewinnen lassen.«

Die Antworten der Trainer können an dieser Stelle nicht jugendfrei wiedergegeben werden.

6. April

Barcelona/Buenos Aires • Tata Martino beschafft sich über Bielsas Tankstellen-Connection ein abhörsicheres Prepaid-Handy, telefoniert zwei Stunden lang mit Diego Simeone, dem Trainer von Atlético Madrid, und bemalt dabei ein Blatt Papier. Kurz danach klingelt Simeones Telefon abermals. »Menotti hier. Ja, der Dünne. Alter, schreib dir mal den folgenden Satz auf und lern ihn auswendig: Ich möchte den Müttern der Spieler von Atlético Madrid danken, dass sie sie mit solch großen Eiern geboren haben.«

7. April

Barcelona • Nach dem Training fährt Martino nicht nach Hause, sondern zur Plaça de Catalunya im Stadtzentrum. Unterwegs hat er sich an einer roten Ampel umgezogen, er sieht nun wieder aus wie damals bei Ronaldo im Schönheitssalon. Sogar der Riesenschinken ist noch dabei. Der berühmte Trainer spricht drei Jungs an, als sie gerade einen deutschen Touristen beklauen wollen, und überredet sie zu einem Klingelstreich. Die Adresse schreibt er ihnen auf einen Zettel.

»Ganz schön weit weg. Das kostet aber.»

Martino nimmt schweren Herzens Abschied vom Riesenschinken.

9. April

Madrid • Vier Stunden vor dem Anpfiff des Viertelfinalrückspiels verschickt Martino eine Mail mit pdf-Anhang an diego.simeone@atleti.es.

Barcelona verliert gegen Atlético Madrid 0:1 und scheidet aus. Diego Simeone gibt den Eiermann. Bielsa fängt Martino nach der Pressekonferenz ab und fragt: »Warum hat Leo nicht gespielt?«

»Hat er doch.«

Die beiden Argentinier kichern um die Wette.

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16. Kalenderwoche

Ein dankbarer Italiener

14. April

Barcelona/Madrid/Rom • Martino bekommt ein neues Prepaid-Handy (das alte hatte er auf Anraten Menottis zertrampelt) und telefoniert zwei Stunden lang mit Carlo Ancelotti, dem Trainer von Real Madrid. Wieder malt er Strichmännchen, Pfeile und Zahlen.

carlo.ancelotti@real-madrid.es an tata@barcelona-cf.es: »Grazie mille, amico intimo!«

Der Papst wählt um 0.14 Uhr, 0.19 Uhr und 0.45 Uhr die Nummer vom Festnetzanschluss der Familie Messi in Barcelona und legt jeweils nach dem sechsten Klingeln auf.

16. April

Valencia • Martino lässt im Mannschaftsbus auf dem Weg zum Estadio Mestalla die Greatest-Hits-CD von ZZ Top einlegen. Barcelona verliert das Königspokalfinale gegen Real Madrid 1:2. Messi schießt dreimal neben und zweimal übers Tor.

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8. Juni 2014

Finale Fragen

Buenos Aires • Am Abend vor dem Abflug der argentinischen Nationalmannschaft nach Brasilien treffen Menotti, Bielsa und Martino ein letztes Mal Leo Messi. Sie sitzen in der leeren Umkleide und schweigen lange.

»Halt deine Form!«, sagt Martino schließlich und erhebt sich.

»Aber um Himmels willen nur bis zum Achtelfinale«, sagt Bielsa und klopft Messi auf die Schulter.

»Und vergiss die anderen im Team, die meisten taugen eh nichts«, sagt Menotti und hält seinen Stalin-Schnurrbart fest.

»Señor Menotti, ich darf also Weltmeister werden?«, fragt Messi.

»Ja, mein Junge«, sagt Menotti. »Verdammt, wo bleibt der Sabella mit meinen Zigaretten?«

 

Video eingeschickt von Helge vom Blog Me llaman Jorge


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Diego Maradona, gezeichnet von Danü (c)

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Wir sind schnell.
Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geistes-
wissenschaftlichen Hintergrund. Wir sind böse, sexy und klug. Wir können saufen wie die Kutscher, haben Kant gelesen und nicht verstanden, aber das merkt keiner, und schlafen nie.


2012 von Christoph Wesemann in Buenos Aires gegründet. Derzeit im Exil. (Berlin)