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Archiv für das Thema ‘Politik’

Frisches Angeberwissen (3)

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich habe schon eine ganze Weile nicht mehr an der Landeskunde geschraubt. Das hole ich jetzt nach, indem ich eine Reihe beim Lesen entdeckter Statistiken über Argentinien präsentiere. Zum Verständnis vorab: Alle Preise und Löhne sind in Peso angegeben. Der offizielle Peso-Euro-Wechselkurs steht derzeit bei etwa 10,8 : 1. Außerdem ist Argentinien fast achtmal so groß wie Deutschland, hat aber nur halb so viele Einwohner.

Erster Teil: Löhne, Armut, Arbeitslosigkeit und Kino

Zweiter Teil: Politik, Protest, Straßensperren, Unfälle und Taxi fahren

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Bildung

Hauptstadt Buenos Aires: 55,4

Feuerland: 44,7

La Rioja: 41,4

La Pampa: 40,3

Córdoba: 39,8

Provinz Buenos Aires, außerhalb des Hauptstadtspeckgürtels: 38,2

Jujuy: 37,1

Neuquén: 36,7

Tucumán: 36,4

Catamarca: 36,2

Chubut: 34,6

Santa Cruz: 34,2

Salta: 33,2

Río Negro: 31,6

Provinz Buenos Aires, innerhalb des Hauptstadtspeckgürtels: 31,1

Mendoza: 30,7

Santa Fe: 30,7

Entre Ríos: 30,0

Formosa: 28,8

San Juan: 28,4

San Luis: 27,8

Chaco: 26,7

Corrientes: 24,5

Santiago del Estero: 22,2

Misiones: 20,6

  • Auffällig ist vor allem der Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Schulen: So schafften 64,3 Prozent der 2001 eingeschulten Privatschüler 2012 den Abschluss − an den öffentlichen Schulen waren es nur 25,4.

UBA

  • Die Universität von Buenos Aires, kurz La UBA, ist mit mehr als 300 000 Studenten die größte Hochschule des Landes. Es folgen die Universitäten von Córdoba und La Plata mit jeweils mehr als 100 000. Gegründet wurde die UBA 1821. Sie hat 7000 Forscher und Wissenschaftler. Außerdem gehören zu ihr vier Krankenhäuser und 14 Museen.

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 Fußball

  • Carlos Bianchi, genannt El Virrey (der Vizekönig), ist der erfolgreichste Vereinstrainer des Landes. Er holte insgesamt 15 nationale und internationale Titel − sechs mit Vélez Sarsfield, neun mit den Boca Juniors. Von seinen 352 Spielen als Boca-Trainer gewann er 181. 99-mal spielte die Mannschaft unentschieden; 71 Partien gingen verloren. Insgesamt kommt Bianchi auf 497 Spiele als Trainer.
  • Der Superclásico, das Duell zwischen den beiden Großklubs Boca Juniors und River Plate: Es gab bislang 193 Erstligaspiele. Boca gewann 70-mal (265 Tore), River 63-mal (252 Tore); 60 Unentschieden.
  • Aktueller Schuldenstand der fünf großen Vereine im argentinischen Fußball: Racing Club: 133 Millionen Pesos; San Lorenzo: 168; Boca Juniors: 180; Independiente und River Plate: zusammen fast 1 Milliarde. Nimmt man die übrigen Klubs hinzu, beträgt der Schuldenstand fast zwei Milliarden Pesos und ist damit doppelt so hoch wie 2009, als die Regierung zum ersten Mal dem Fußballverband Afa die TV-Übertragungsrechte abkaufte − angeblich, damit sich die Klubs sanieren können.

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Konsum, Handel, Tourismus

Parque Rivadavia

  • 30 000 panaderías (Bäckereien) gibt es in Argentinien.
  • Die Miete für ein Geschäft in der Calle Florida, der Fußgängerzone von Buenos Aires, kostet im Durchschnitt 2000 Pesos pro Quadratmeter. Damit ist Florida die teuerste Straße der Hauptstadt. Die zweitteuerste ist die Avenida Cabildo mit 485 Pesos
  • Es blüht das Geschäft der »manteros«, der illegalen Straßenverkäufer. An vielen Ecken der Hauptstadt wird auf dem Bürgersteig gehandelt. Der größte Markt dieser Art befindet sich auf der Avenida Avellaneda mit heute 661 Ständen (2013: 353). 19 Prozent aller manteros in der Hauptstadt arbeiten hier; geschätzt wird, dass jeder von ihnen pro Arbeitstag Waren im Wert von mehr als 1000 Pesos verkauft − natürlich schwarz.

Quelle: Ministeriums für Stadtentwicklung von Buenos Aires, veröffentlicht 2013.

Quelle: Ministeriums für Stadtentwicklung von Buenos Aires, veröffentlicht 2013.

»Telos« ist ein Wort aus dem Lunfardo, einer besonderen Spanischvariante in Buenos Aires. Dabei werden Buchstaben verdreht: aus »cafe« wird »feca«, aus »muchachos« »chochamus« und aus »hotel« »telo«. Telos sind Stundenhotels, die Paare − auch verheiratete − gemeinsam aufsuchen, wenn sie ungestört sein wollen.

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Noch einmal Buenos Aires − das große Zahlenfinale

  • 112 463 private und 2778 kommerzielle Garagen und Parkhäuser; 370 Tankstellen
  • 126 905 Geschäfte, davon 11356 in Galerien und Shoppingcentern
  • 5365 Kioske, 2115 Supermärkte, 1939 Gemüse- und Obstgeschäfte, 764 Fleischereien, 413 Diätläden, 117 Fischgeschäfte, 10 Spezialläden für Bienenhonig
  • 1050 Möbelgeschäfte, 228 Matratzengeschäfte
  • 3626 Friseursalons, 244 Schönheits- und Kosmetiksalons, 242 Salons für Pediküre und Enthaarung, 24 Massagesalons
  • 1811 Wäschereien und Reinigungen (in Argentinien lässt man waschen), 168 Bestattungsinstitute
  • Die meisten Apothekte gibt es im − reicheren − Norden der Hauptstadt: 110 im Stadtteil Recoleta, 107 in Palermo.

Quelle: Ministeriums für Stadtentwicklung von Buenos Aires, veröffentlicht 2013.

Frisches Angeberwissen (2)

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich habe schon eine ganze Weile nicht mehr an der Landeskunde geschraubt. Das hole ich jetzt nach, indem ich eine Reihe beim Lesen entdeckter Statistiken über Argentinien präsentiere. Zum Verständnis vorab: Alle Preise und Löhne sind in Peso angegeben. Der offizielle Peso-Euro-Wechselkurs steht derzeit bei etwa 10,8 : 1. Außerdem ist Argentinien fast achtmal so groß wie Deutschland, hat aber nur halb so viele Einwohner.

Erster Teil

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Politiker und Geld

  • 830 000 Pesos bezahlte der Gouverneur der Provinz Misiones, Mauricio Closs, für 200 000 »Gefällt mir«-Klicks bei Facebook und 200 000 weitere Klicks über Google. Jeder Facebook-Fan kostete somit umgerechnet 1,93 Pesos. Das Geld dafür bewilligte sich der Politiker aus dem Haushalt über das Dekret 766/14.

Kicillof

  • Seit 2013 hat La Cámpora, die Nachwuchsorganisation des Kirchnerismus, fünf neue Peso-Millionäre, darunter ist der Wirtschaftsminister Axel Kicillof. Der mutmaßlich wohlhabendste Camporist ist Mariano Recalde, Präsident der staatlichen Fluglinie Aerolíneas Argentinas. Sein Privatvermögen gibt er mit 6,2 Millionen Pesos an. Er besitzt unter anderem zwei Wohnungen, ein Auto und Aktien einer Immobiliengesellschaft. Sein durchschnittlicher Monatsverdienst beträgt nach eigenen Angaben 150 000 Pesos. Nationalabgeordnete, Senatoren, Minister und andere Funktionäre des Staates müssen der Antikorruptionsbehörde, die zum Justizministerium gehört, alljährlich ihre Vermögensverhältnisse unter eidesstaatlicher Versicherung offenlegen. (Was nicht bedeutet, dass die Angaben tatsächlich stimmen.) Einsicht in die Dokumente kann − unter anderem von Journalisten − beantragt werden.

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Schuld und Sühne

Die Macht von La Cámpora

9

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Protest: Straßenblockaden und -sperrungen (piquetes) in Argentinien

Straßensperren sind in Argentinien eine beliebte Protestform, um Politik und Gesellschaft auf Missstände − Kriminalität, häufige Stromausfälle im Viertel, Armut − aufmerksam zu machen. Die Zahl der Blockaden ist damit auch ein Hinweis auf die wirtschaftlichen und politischen Zustände im Land.

 Quelle: Perfil, Ausgabe vom 30. August 2014, S. 2-3.

Quelle: Perfil, Ausgabe vom 30. August 2014, S. 2-3.

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Verkehr

  • Eine Million Fahrzeuge sind in Buenos Aires nach Angaben des Verkehrssekretariats angemeldet. An einem Werktag kommen durchschnittlich weitere 1,3 Millionen Fahrzeuge von außerhalb in die Hauptstadt. Es gibt jedoch nur 1,5 Millionen Parkmöglichkeiten.
  • Alle drei Minuten wird in Buenos Aires ein falsch geparktes Auto abgeschleppt. Macht im Monat 14 000 Fahrzeuge. 2013 wurden  laut dem Unterstaatssekretaritat für Transport an 298 Tagen 108 772 Autos abgeschleppt.
  • Zuständig sind dafür seit 2001 zwei Firmen: Dakota SA im Norden der Hauptstadt, BDR Saicfi im Süden. Für das Abschleppen berechnen sie 450 Pesos. (Hinzu kommt eine Strafe von 640 Pesos.) Sie selbst zahlen an die Stadt Buenos Aires monatlich jeweils nur 30 000 Pesos − einen Betrag, den sie nach weniger als einem Tag − oder umgerechnet 66,66 Fahrzeugen − bereits wieder eingenommen haben. Monat für Monat sollen 30 Millionen Pesos zusammenkommen.
  • Dass die beiden Firmen auch für das Kennzeichnen der Parkverbote − Schilder und gelb angepinselte Bordsteine − zuständig sind, sorgt für Unmut. Es heißt, die Markierungen seien schlecht zu erkennen oder würden sogar erst angemalt, wenn das Auto bereits parkt. Überdies seien Beschwerden − auch über Beschädigungen − zwecklos. Im Film »Relatos Salvajes« ärgert sich ein Mann (gespielt von Ricardo Darín) sosehr über das aus seiner Sicht ungerechtfertigte Entfernen seines Autos, dass er es noch einmal falsch parkt − diesmal aber mit einer Bombe im Kofferraum, die später auf dem Parkplatz der Abschleppfirma explodiert. Weil der Mann Sprengstoffexperte ist, gibt es keine Verletzten. Das Volk hat einen Helden: »Bombita«, das Bömbchen.

 

  • Taxifahren in Buenos Aires: Der Startpreis beträgt 14,30 Pesos, alle 200 Meter (oder nach jeder Minute Stillstand) werden 1,43 Pesos berechnet. Zwischen 22 und 6 Uhr betragen die Preise 17,10 Pesos und 1,71. (Stand: September 2014) In den vergangenen fünf Jahren hat sich das Taxifahren um 200 Prozent verteuert. Im Oktober 2010 etwa standen zu Beginn 5,20 Pesos auf dem Taxameter, und 200 Meter kosteten 0,52 Pesos. Acht von zehn Taxis sind offiziellen Angaben zufolge klimatisiert.

Taxis

  • Jährlich werden in Argentinien 700 000 Motorräder hergestellt; 2003 waren es noch 35 000 − eine für viele Länder Lateinamerikas typische Entwicklung. Pro Tag werden allein in Buenos Aires 500 Motorräder angemeldet. 5,8 Millionen Motorräder sind in Argentinien registriert − 1,7 Millionen davon in der Provinz Buenos Aires. Argentinier fürchten derzeit kaum etwas mehr als die »motochorros« − überwiegend junge und oft bewaffnete Männer, die vom Motorrad aus Überfälle verüben.

Unfall

  • 86 Menschen starben im Jahr 2013 im Straßenverkehr der Hauptstadt − neun mehr als 2012. Statistisch gesehen kam damit jeden vierten Tag ein Verkehrsteilnehmer ums Leben. Insgesamt gab es 10 124 (registrierte) Unfälle − pro Tag 27,7 − mit 10 621 Verletzten. 63 Prozent der Toten und 70 Prozent der Verletzten waren Männer. Fast die Hälfte der Totenopfer und ein Drittel der Verletzten waren zwischen 20 und 34 Jahre alt. Von den 86 Menschen, die 2013 im Verkehr starben, waren 39 zu Fuß unterwegs (45 Prozent), 23 mit dem Motorrad (29 Prozent) und 16 mit dem Auto (19 Prozent). Verletzt wurden am häufigsten Motorradfahrer (4199; 40 Prozent).
  • Die meisten Toten auf den Straßen Buenos Aires‘ gab es 2007: 138.
  • Landesweit starben 2013 5187 Menschen, im Schnitt 14 pro Tag. In Deutschland, das doppelt so viele Einwohner hat und einen viermal so hohen Kraftfahrzeugbestand, waren es 3340.

Quelle: Ifa; zitiert nach Clarín.

Piranhas am Straßenrand, mein tapferer Zeh und ein schwerhöriger Priester: Die Wallfahrt nach Luján

von CHRISTOPH WESEMANN

Drei Pilger: der Autor mit Cristian (M.) und Nedy

Drei Pilger: der Autor mit Cristian (M.) und Nedy

Wallfahrt 20

Route: Liniers > Morón (8,467 km) – Morón > Merlo (10,024 km) – Merlo > La Reja (9,695 km) – La Reja > Las Malvinas (9,007 km) – Las Malvinas > General Rodríguez (3,054 km) – General Rodríguez > Basílica de Luján (16,163 km)

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10.30 Uhr – Stadtteil Liniers (Buenos Aires).

Erste Schritte. Mit meinen Marathonlaufschuhen, mit denen ich selbstverständlich noch nie Marathon gelaufen bin, läuft es sich wie auf Federn. Vielleicht pilgere ich heute nicht nur die 60 Kilometer vom Bahnhof Liniers nach Luján (sprich: Lu-chahn), sondern morgen auch gleich noch zurück.

11 Uhr.

Kern des Pilgerns ist: Bescheidenheit. Demut.

Geh nicht zu schnell! Lass sie rennen! Halt deine Schrittfrequenz! Raste sparsam!

11.30 Uhr – Haedo

Erster Stopp. Unplanmäßig. Schmerzen. Ich ziehe den Schuh aus und versuche, den Fuß aus der Marathonläufersocke zu bekommen, ohne dass der kleine Zeh, den ich mir vor zwei Wochen gebrochen habe, etwas davon merkt.

Wo sind wir überhaupt? Ah, Haedo, 41 509 Einwohner. Die Vororte von Buenos Aires sehen ja alle gleich aus. Hoch über dem Bürgersteig hängen die − in der Hauptstadt verbotenen − Werbetafeln der Taxizentralen, Anwälte, Banken, Matratzenmacher und Schlüpferverkäufer, und irgendwann kommt eine Plaza, die aussieht wie die davor und die danach: ein Befreier auf dem Pferd, Brunnen, Palmen, ringsherum Rathaus, Kirche, Gericht, Museum, Café, Kiosk, Café, Kiosk, Café.

Ich hole die Pflaster hervor und klebe wild an Zehen und Hacken herum. Ein Mann beugt sich herunter und fragt, ob ich Creme wolle, er habe welche dabei. »Anaflex« heißt sie. Danke.

»Falta mucho?«, frage ich Cristian. Frei übersetzt: Ist es noch weit? Nein, die Frage kommt nicht zu früh. Im vorigen Jahr hatte ich schon nach 300 Metern das erste Mal gefragt.

»Falta muy poco.«

Wir sind also fast da.

Cristian fragt, ob ich eine der grünen Tabletten schlucken wolle. Nein, Doping lehne ich ab.

12 Uhr.

»Anaflex« ist sensationell. Die Schmerzen sind weg. Könnte aber auch an »Actron 600« liegen, den grünen Pillen, von denen ich dann doch eine … ist ja nur Ibuprofen. Also kein Doping.

12.15 Uhr.

Es ist übrigens die 40. Wallfahrt der Jugend nach Luján. Und meine zweite.

Mit Cristian am 5. Oktober 2013 vor der Basilika von Luján

Mit Cristian am Morgen des 6. Oktober 2013 vor der Basilika

12.45 Uhr.

In der Apotheke gibt es keine Salbe von »Anaflex«. Nur »Diclofenac«. Soll aber genauso wirken. Probiere ich gleich aus. Neue Pflaster von »Band-Aid« haben wir auch. »Diclofenac«. »Actron 600«. »Band-Aid«. Ich fühle mich, als hätte ich die argentinische Ausgabe der »Apotheken-Umschau« gefrühstückt.

13 Uhr.

An der Straße werden Regencapes verkauft, weil Regen angekündigt ist. Man staunt ja immer wieder, wie flink argentinische Straßenhändler ihren Warenbestand umstellen können. Schiene wie im vorigen Jahr die Sonne, würden sie jetzt Sonnencreme verkaufen. Und Sonnenbrillen. Und Sonnenschirme. Und Handventilatoren. Und die passenden Batterien. Halbleer allerdings.

Wir kaufen natürlich keine Regencapes. Es regnet ja nicht. Sonnenmilch und alles andere würden wir auch nicht kaufen. Gegen die Sonne, die nicht da ist, trage ich meinen Hut vom Fußballverein Quilmes Atlético Club. Vor einem Jahr hatte ich schon am frühen Nachmittag ein knallrotes Gesicht. Weil wir keine Sonnenmilch gekauft hatten.

Vorübergehende Sperrung für den Autoverkehr

Vorübergehende Sperrung für den Autoverkehr

13.20 Uhr.

Cristian, mein argentinischer Freund, dessen Eltern aus Bolivien stammen, pilgert schon zum siebten Mal. Ich hatte ihm irgendwann erzählt, dass ich mit dem Auto nach Luján gefahren sei. Was für eine Riesenstrapaze das war! Üble Straße, unlesbare Wegweiser und so weiter. Ich erfuhr, dass Hunderttausende offenbar vollkommen Verrückte am ersten Sonnabend im Oktober zu Fuß nach Luján gehen. »Ich bin einer von ihnen«, hatte Cristian gesagt. »Willst du mitkommen?«

Pilger 1

Als wir dann am 5. Oktober 2013 unterwegs waren, zwei von zwei Millionen, erzählte er von der Tradition: Die Gläubigen pilgern zur Basilika und tragen der Jungfrau ihre Sorgen vor. Zeigt sich im Laufe des Jahres dann, dass sich die Jungfrau der Probleme angenommen hat, muss man die nächsten drei Jahre wieder zu ihr pilgern. Aus Dankbarkeit. Von mir hat sie nichts erfahren. Ich wollte in dieser Nacht nichts riskieren.

13.30 Uhr.

Cristians alter Schulfreund Nedy begleitet uns, auch er hat bolivianische Wurzeln. Ach, wie beneide ich ihn: Er weiß noch gar nicht, was ihm bevorsteht, es ist sein erstes Mal. Mein Hausmeister hat heute Morgen, als er mich davongehen sah, übrigens geschworen, es seien mehr als 60 Kilometer von Liniers nach Luján. Eher 70. Sein Kollege nebenan sagte: 80. Die beiden sind die Strecke vor vielen Jahren angeblich mal mit Fahrrädern abgefahren. Nedy wird aber auch zum ersten Mal die Frauen sehen, die vor dem Altar weinen und dabei Fotos ihrer Kinder und Enkel hochhalten.

Chrorípankauf (2013)

Chrorípankauf (2013)

Mittagessen. Wir holen uns Chorípan, eine grobe Wurst vom Grill im Baguette, und essen sie auf dem Bordstein sitzend. Köstlich. Ich könnte jetzt ein Bier nicht vertragen; würde dank der grünen Pille herrlich rumsen. Aber Alkohol darf ja heute nicht verkauft werden. (Und wird trotzdem heimlich verkauft.)

Wir sind in Morón angekommen, 122 642 Einwohner, Heimat eines Drittligisten mit dem Spitznamen »El Gallo«, der Hahn. Ich habe die Mannschaft mal an einem Winterabend gegen Platense gesehen, den »Tintenfisch«. Mieses Spiel.

Wallfahrt nach Luján (2014)

Wallfahrt nach Luján (2013)

Wallfahrt nach Luján (2013)

14.30 Uhr.Wallfahrt 18

Gleich beim ersten Souvenirstand halte ich an. Diese weiß-himmelblauen Bändchen mit dem Bild der Jungfrau und der Aufschrift »Protegé mi …« gefallen mir. Eins kostet umgerechnet 70 Cent.

»Was soll beschützt werden, chico?«, fragt der Händler. »Ich habe, warte, lass mich gucken: Beschütz meine Familie, Beschütz mein Auto oder Beschütz mein Moped

»Mein Auto.«

»Macht zehn Pesos.«

»Dein Auto? Du bist ein solcher Schwachkopf!«, sagt Cristian.

»Ähm Señor, meine Familie natürlich. Aber das Auto-Bändchen kaufe ich auch.«

15 Uhr.

»Wie willst du eigentlich mit diesem Zeh und dieser Frisur nach Luján kommen?«, hatte die Frau gestern gefragt. Eine Frechheit. Mein Zeh ist so tapfer.

15.05 Uhr.

Ich habe mich gerade in einem Schaufenster gespiegelt. Meine Frisur, das räume ich ein, ist gewagt. Carlos kann halt nur kurz, vorne jedenfalls. Er schneidet seit 40 Jahren Haare. (Die Frau meint: wie vor 40 Jahren.) Den Friseursalon bei uns im Viertel hat er im Winter 1974 aufgemacht. Er fragt mich immer nach Franz Beckenbauer und Karl-Heinz Rummenigge. Und zum Abschied zeigt er mir das Schwarzweißfoto von seiner Hochzeitsreise nach Dortmund. Ja, Dortmund. Die Ehe hat trotzdem gehalten.

Wallfahrt 2

Wallfahrt 1

Wallfahrt 3

16 Uhr − Castelar.

In Castelar denke ich an Alejandro, Fernando, Mauricio und Daniel, wobei Alejandro, genannt »der Affe«, schon tot ist. Sie sind die Helden aus dem großartigen Buch »Vier Jungs auf einem Foto« des Schriftstellers Eduardo Sacheri und stammen wie er aus Castelar.

Als Alejandro »Mono« stirbt, hinterlässt er nicht nur eine schmerzliche Lücke im Leben von Fernando, Mauricio und Daniel, sondern auch ein Riesenproblem: Das Erbe seiner kleinen Tochter droht sich in nichts aufzulösen. Monos gesamtes Vermögen steckt in einem jungen Fußballspieler, der einst eine glorreiche Karriere vor sich hatte, mittlerweile aber in einem drittklassigen Club kickt. In ein paar Monaten ist er keinen Peso mehr wert. Den Freunden bleibt nur eine Chance: Sie müssen den Spieler verkaufen, und zwar schnell. Doch wie sollen sie, die keine Ahnung vom Fußballgeschäft haben, einen Stürmer an den Mann bringen, der keine Tore schießt? Der Kampf um Monos Erbe wird zur Herausforderung ihres Lebens – und zur Zerreißprobe ihrer Freundschaft.

Inhaltsangabe des Verlags

Wir kaufen uns an einem Stand Bondiola, also fettiges Nackensteak vom Schwein im Baguette. Hat noch nirgends besser geschmeckt als in Castelar.

Wallfahrt 5

18 Uhr.

Wir haben vorhin mit vollem Bondiolamund ausgemacht, mindestens zwei Stunden ohne Pause zu gehen. Das machen wir. Wir halten weder in Ituzaingó noch in Merlo oder Moreno. Ich glaube, in Moreno hatten wir im vorigen Jahr unsere Rucksäcke öffnen müssen. Alkoholkontrolle der Polizei. Diesmal wird nicht kontrolliert.

18.30 Uhr.

Wir befinden uns auf dem unangenehmen, weil sehr langweiligen Teil des Pilgerwegs. Es geht nur noch geradeaus, immer den Gleisen entlang. Die nächste Sehenswürdigkeit: die Ampel, dort ganz hinten, also ganz vorn am Horizont. Vier Kilometer. Alles ist jetzt Luftlinie.

Wallfahrt nach Luján

18.50 Uhr.

Regen! Blitze! Donner! Die vor Stunden gekauften Umhänge kommen zum Einsatz. Bei den anderen. Und Regenschirme, die größtenteils Gerippe sind. Weil ich keinen eingepackt habe, reicht mir Cristian eine dunkelgraue Mülltüte. Die Löcher für Kopf und Arme hat er schon herausgeschnitten. Ein Pilgerprofi.

19 Uhr.

Guck mal, Diego geht direkt hinter uns. Ich habe ja an der Universidad Kennedy »Politische Kommunikation« belegt oder »Politische Strategie« oder »Strategische Politik« oder »Kommunikative Politik«. Und Diego leitet den Kurs: jeden zweiten Freitag im Monat von 9 bis 21 Uhr, Zertifikat im Oktober 2015. Ja, nur einmal im Monat. Aber das Erholen von zwölf Stunden Spanisch dauert bei mir auch zwei Wochen.

Diego hat noch gearbeitet und ist deshalb von Merlo losmarschiert. Pfffffff, fast die Hälfte ausgelassen. ¡No vale! Zählt nicht!

19.30 Uhr.

Die Shell-Tankstelle. Auf die warte ich schon seit Stunden. Noch 300 Meter, dann kommt rechts »La Quinta«, das Landhaus. Großer Garten. Großer Pool. Ein Geheimtipp. Die Besitzer grillen jedes Jahr Hamburger und Würste. Essen und Trinken sind kostenlos. Viele Pilger, die wenig Geld haben, stärken sich hier. Man kann sich sogar im Haus eine Weile aufs Bett legen. Aber das ist jetzt voller Mädchen.

Cristian mit Padre Adolfo (2013)

Cristian mit Padre Adolfo (2013)

Wir treffen Padre Adolfo, einen der vielen Priester, die mit der Masse pilgern. Viele von ihnen arbeiten und leben in Villas Miserias, den Elendsvierteln. Ihnen braucht man nichts übers Leben zu erzählen. Sie wissen alles. Sie kennen die Jungs, die Drogen verkaufen, und die, die an ihnen hängen. Oft sind’s ja dieselben. Wenn man verstehen will, warum die Katholiken in Südamerika mit Papst Benedikt XVI. nie ganz warm geworden sind – das ist die Erklärung. Er wirkte auf die Leute hier intellektuell und kühl, den Alltagssorgen entrückt. Der Priester ist für Katholiken auf dem Kontinent zuallererst ein Seelsorger, und die Kirche ein Zufluchtsort, wo es warmes Essen gibt und das Kind Nachhilfe bekommt oder ein Buch lesen kann. Der Unterricht fällt in den Armenvierteln ja regelmäßig aus − wenn es stark regnet zum Beispiel. Dann wollen oder können die Lehrer nicht kommen.

Benedikts Nachfolger hat Heldenstatus. Papst Franziskus‘ Ansehen liegt meilenweit vor allen anderen, ähm, Autoritäten im Land. In einer aktuellen Umfrage eines Meinungsforschungsinstituts haben 88,6 Prozent der Befragten ein positives Bild vom Papa argentino. Zum Vergleich: Präsidentin Cristina Kirchner schafft gerade 27,7 Prozent; Hauptstadtbürgermeister Mauricio Macri, der im Oktober 2015 ihr Nachfolger werden will, kommt auf 42,2 Prozent.

Wallfahrt nach Luján (2013)

Die Zeitschrift »Noticias« hat übrigens jüngst berichtet, der Papst sei sehr sauer auf all die Regierungsleute, die ihn jetzt besuchen. Als er noch Jorge Mario Bergoglio hieß und Erzbischof von Buenos Aires war, haben sie ihn nämlich beschimpft, ja gehasst, weil er eine ihrer lautesten Kritiker war. Franziskus wundert sich auch, dass er einige seiner Landsleute bei der Generalaudienz treffe und hinterher höre, er habe ihnen ein privates Gespräch gewährt. »Wird das eine deformación argentina werden?«, fragt er. Der Text endet mit einem Zitat, das wohl nur ein argentinischer Papst bringen kann: »Sie halten mich für eine französische Prostituierte.«

»Padre Adolfo, wie geht’s?« Kuss auf die Wange. Im vorigen Jahr hatte er mir als einziger die Wahrheit gesagt: dass es noch sehr weit sei nach Luján. Als er das hört, lacht er. »Und ist es noch weit?«, frage ich. »Aber sag mir bloß nicht die Wahrheit!«

»Es ist nicht mehr weit. Das ist die Wahrheit.«

21.30 Uhr.

Ich brauche einen Wanderstock. Dringend.

21.35 Uhr.

Es werden Besenstiele verkauft.

Wallfahrt nach Luján (2014)

21.40 Uhr.

Ich kaufe doch keinen Besenstiel.

21.45 Uhr.

BESENSTIEL!

22 Uhr.

Plötzlich steht ein Mann neben mir, deutet auf meinen Hut und krempelt dann seine Hose ein Stück hoch, um sein Tattoo vom Quilmes Atlético Club zu zeigen. Fette Umarmung. Dos Cerveceros. Zwei Bierbrauer. So nennen wir uns, weil aus Quilmes Argentiniens bekanntestes Bier kommt. Er ruft gleich seine Freunde herbei: »Hey, wir haben sogar Fans in Deutschland.«

Wallfahrt 9

22.15 Uhr – General Rodríguez.

Das letzte Drecksnest vor Luján. Noch 16 Kilometer. Vor einem Jahr lagen Pilger links und rechts der Straße im Gras. Viele schliefen. Jetzt ist alles aufgeweicht vom Regen. Dafür werden wir, auf den letzten Metern sozusagen, gut versorgt. Helfer reichen Wasser, Kekse, Kakao und Mate cocido, also Teebeutel-Mate, der nur halb so gut schmeckt wie der echte. Die Versorgung ist überhaupt sehr gut. Es gibt auf der ganzen Strecke 57 medizinische Stützpunkte; ob Massage oder Blasenaufstechen: Die Hilfe ist kostenlos.

General Rodríguez am 5. Oktober 2013

General Rodríguez am 5. Oktober 2013

Am 5. Oktober 2013 wurde mir in General Rodríguez mein Quilmes-Hut geklaut. Okay, in Wahrheit habe ich ihn verschenkt, an einen Würstchengriller, der behauptete, aus Quilmes zu sein. Aber der angebliche Diebstahl ist mir weniger peinlich.

Angeblicher Mützendieb (2. v. l.)

Angeblicher Mützendieb (2. v. l.)

»He, du hast ja deinen Hut noch auf«, sagt Cristian, als wir die Stadt verlassen haben.

23 Uhr.

Noch zwei Stunden. Schätze ich. Niemandsland. Nur noch wenige Stände. Am Straßenstrand stehen Autos mit einer Pappe an der Frontscheibe: »Remís 50 Peso«. Die Besitzer würden einen also für umgerechnet drei Euro (Schwarzmarktkurs) zur Jungfrau bringen.

So kurz vorm Ziel.

Das ist gemein.

Und ungemein verlockend.

»Piranhas!«, sagt Cristian. »Nicht hingucken!«

23.45 Uhr.

Dort hinten bei den Lichtern ist die Brücke, die vorletzte. Ich kann sie nicht sehen, aber ich glaube Cristian jetzt alles. Von dort sind es nur noch acht Kilometer nach Luján. 90 Prozent haben wir geschafft. Sagt Cristian. Er hält das offenbar für eine motivierende Nachricht.

Zwanzig Minuten später, unter der Brücke, sticht er mir mit seinem Haustürschlüssel eine kirschgroße Blase auf. Sollten wir noch mit den Priestern sprechen, die dort aufgereiht sind? Schnelle Beichte? Ach nee, habe ich im vorigen Jahr gemacht, und es war nicht so ergiebig. Der Priester fragte, woher ich käme, und überlegte dann, welche deutschen Wörter er kenne. Und? Tja, »und«.

Wallfahrt nach Luján (2014)

Unter der vorletzten Brücke: noch acht Kilometer bis nach Luján (2014)

Cristian kann »Guten Tag« sagen, »Arsch« und seit General Rodríguez »Ich heiße Cristian«.

Nedy und ich cremen noch mal die Füße mit »Diclofenac« ein. Ich nehme meine dritte grüne Pille.

»Ist für dich die letzte heute, mein Freund«, sagt Cristian.

Sonntag, 0.15 Uhr.

Bei jedem Motorrad, das vorbeifährt, bei jedem Auto, das hupt, damit wir den Weg freimachen, selbst bei dem Jungen auf dem Fahrrad rufen wir: »¡Trampa!« Das bedeutet: Mogelei! Ein Baby im Kinderwagen ist auch trampa.

Nur auf eigenen Füßen zählt.

0.30 Uhr.

Ein Rollstuhl überholt uns. Trampa! Ja, auch unser Humor kriegt langsam Blasen.

0.40 Uhr.

Cristian erzählt, es gebe auch eine viertägige Wallfahrt, die von Buenos Aires nach San Nicolás de los Arroyos führe und 240 Kilometer lang sei. Könnten wir ja im nächsten Jahr machen.

Mal sehen.

0.55 Uhr.

Wir reden kaum noch. Es ist alles gesagt. Wir sind gleich da. Gewiss.

Jeder Schritt tut weh. Ich kann die Schmerzen nicht mehr orten. Es brennt unten und oben, vom großen Zeh bis zur Hüfte.

Ringsum allgemeines Humpeln. Mit krummem Rücken. Vornübergebeugt. So geh’n die Gauchos.

1 Uhr – Luján.

Luján! Luján! Luján! Luuuuuujaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaan. Also: der Ortseingang. »Brauchst du wieder eine Massage?«, fragt Cristian.

»Weiter!«

1.02 Uhr.

Kurze Pause. Mehr »Diclofenac«. Warum bloß habe ich mich diesmal nicht massieren lassen?

Massage in Luján am 5. Oktober 2013

Massage in Luján am 5. Oktober 2013

1.04 Uhr.

»No falta nada«, sagt Cristian. Es fehlt nun wirklich nichts mehr, wir sind im Grunde angekommen. Zum wievielten Male eigentlich? Ein Wagen mit Lautsprecher überholt uns. »Menos que 40 cuadras«, spricht ein Junge ins Mikrofon. »Weniger als 40 Blocks.«

Ein Häuserblock, das sind in Argentinien, wo die Städte von oben wie Schachbretter aussehen, 110 Meter. Noch 4,4 Kilometer? Viertausendvierhundert Meter? La puta que me parió.1 Dreizehntausendzweihundert Schritte. Dreizehntausendzweihundertmal dieses Gefühl, dass der Fuß auf Glut geht. Nedy, der dritte Mann, hat’s auch gehört und guckt noch niedergeschlagener als ich.

»Er hat gesagt: weniger als 40!«, sagt Cristian. »¡Vamos muchachos, no falta nada!«

1.47 Uhr.

Wir sind da. Vor der Basilika steht ein Priester mit Mikrofon, begrüßt die Pilger und fragt, woher sie kämen.

»Chaco

»Herzlich willkommen.«

»Formosa

»Willkommen. Alles gut?«

»Córdoba.«

»Ihr habt’s geschafft!«

»Alemania.«

»Woher?«

»Alemania!«

»Ich verstehe nicht. Komm mal näher.«

»Aaaaa-leeee-maaaaa-niiiiiii-aaaaaa!«

Schweigen.

Wallfahrt 12

Wallfahrt 11

Schlafende Pilger in der Basilika von Luján (2013)

Schlafende Pilger in der Basilika von Luján (2013)

 

  1. »Die Hure, die mich geboren hat.« Argentinischer Fluch []

Frisches Angeberwissen (1)

von CHRISTOPH WESEMANN

Ich habe schon eine ganze Weile nicht mehr an der Landeskunde geschraubt. Das hole ich jetzt nach, indem ich eine Reihe beim Lesen entdeckter Statistiken über Argentinien präsentiere. Zum Verständnis vorab: Alle Preise und Löhne sind in Peso angegeben. Der offizielle Peso-Euro-Wechselkurs steht derzeit bei etwa 10,8 : 1. Außerdem ist Argentinien fast achtmal so groß wie Deutschland, hat aber nur halb so viele Einwohner.

♦♦♦♦♦

Mindestlöhne und Hausangestellte

  • Der Mindestlohn beträgt 4400 Pesos und wurde im September 2014 um 22,2 Prozent angehoben. Vorher waren es 3600 Pesos (beschlossen zum Januar 2014). Zum 1. Januar 2015 soll der Mindestlohn abermals steigen, um 7,2 Prozent auf dann 4716 Pesos. Das wäre der höchste Mindestlohn in Lateinamerika. Allerdings betrifft der Mindestlohn nur 113 000 der fast zehn Millionen Personen, die offiziell beschäftigt werden und nicht schwarz arbeiten. In Deutschland wird vom 1. Januar 2015 an ein Mindestlohn von 8,50 Euro gelten.
  • 25 Pesos beträgt der Mindeststundenlohn von argentinischen Hausangestellten, wenn sie dort wohnen, wo sie auch arbeiten. Haben sie eine eigene Wohnung, sind es 28 Pesos. Der offizielle Mindestmonatslohn beträgt 3220 Pesos (ohne eigene Wohnung) und 3590 Pesos. Hausangestellte haben Anspruch auf Urlaub; die Zahl der (bezahlten) Urlaubstage hängt davon ab, wie lange die Person bereits im Haus angestellt ist:

− sechs Monate bis fünf Jahre: 14 Tage

− fünf bis zehn Jahre: 21 Tage

− zehn bis 20 Jahre: 28 Tage

− mehr als 20 Jahre: 35 Tage

♦♦♦♦♦

Armut und Arbeitslosigkeit

Villa 31, eines der großen Elendsviertel der Hauptstadt

  • Die offizielle Arbeitslosenquote lag im zweiten Trimester 2014 bei 7,5 Prozent. Die Erwerbstätigenquote betrug 41,4 Prozent − der niedrigste Wert seit Anfang 2006 (40,7 Prozent). In Deutschland liegt sie bei mehr als 72 Prozent. [Nachtrag: Ich habe die Vergleichszahl gestrichen. Siehe den Äpfel-mit-Birnen-Kommentar von Jorge. War insgesamt keine gute Idee, auf diesem Feld, das statistisch hier wie dort Niemandsland ist, den Vergleich zu suchen.]
  • Unabhängige Studien beziffern die Armut in Argentinien auf 30 bis 33 Prozent − das wären zwischen 13 und 14,5 Millionen Menschen. Die Regierung spricht von 1,6 Millionen, umgerechnet etwa fünf Prozent. Offizielle Daten zur Armut werden aber seit dem vergangenen Jahr nicht mehr veröffentlicht. Die Regierung hatte angekündigt, die Untersuchungsmethode zu verändern. Dabei ist es bislang geblieben.
  • In Argentinien wird statistisch zwischen einem Leben in »pobreza« (Armut) und »indigencia« (Armut und Mittellosigkeit, im Sinne von Elend) unterschieden. Grundlage zur Einstufung bilden die Einkünfte und Sozialleistungen, die eine Familie − zwei Erwachsene, zwei Kinder − monatlich zur Verfügung hat. Staatliche und nichtstaatliche Institutionen kommen dabei zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen, was die Monatsobergrenzen betrifft:

− Einheitsgewerkschaft CGT: bis 3110 Pesos Elend, bis 7122 Pesos Armut

− Politikinstitut IpyPP: bis 3435 Pesos Elend, bis 6320 Pesos Armut

− Katholische Universität UCA: bis 1982 Pesos Elend, bis 4142 Pesos Armut

− staatliches Statistikamt Indec: bis 787,63 Pesos Elend, bis 1783,63 Pesos Armut.

  • Vergleichsdaten: ein Liter Milch kostet 7 bis 10 Pesos, das Kilogramm Weißbrot mindestens 18 Pesos, 200 Gramm Butter 12 Pesos oder mehr. Die Regierung legt für mehr als 200 Produkte des täglichen Bedarfs die Preise fest.

  

♦♦♦♦♦

Gesundheit

  • Nach Angaben des Gesundheitsministeriums rauchen 25,1 Prozent der Erwachsenen in Argentinien − weniger als in Deutschland (30 Prozent). 2005 waren es noch 30 Prozent, vier Jahre später 27,1.
  • Fast sechs von zehn Argentiniern über 18 Jahren (57,9 Prozent) sind übergewichtig. 2005 waren es nur 49 Prozent, vier Jahre später schon 53,9. Für »fettleibig« hält das Ministerium 20,8 Prozent der Erwachsenen. Der Anteil nach Alter:

− 18 bis 24: 7,7 Prozent

− 25 bis 34: 15,8 Prozent

− 35 bis 49: 24,3 Prozent

− 50 bis 64: 29,6 Prozent

− 65 und älter: 24,3 Prozent

Quelle:  Dritte landesweite Umfrage des Gesundheitsministeriums zu Risikofaktoren (2013)

♦♦♦♦♦

Umwelt

Müll am Río de la Plata

♦♦♦♦♦

Die Provinz Buenos Aires

  • Wenn Argentinier »Buenos Aires« sagen, meinen sie die Provinz, eine von 23. (Die Hauptstadt Buenos Aires nennen sie einfach »Capital«.) Buenos Aires, die Provinz, ist flächenmäßig fast so groß wie Deutschland und hat mehr als 15 Millionen Einwohner. Vier von zehn Argentiniern leben hier.
  • Es gibt es 12 000 staatliche Schulen (3,3 Millionen Schüler) und 4800 private (1,5 Millionen).
  • Im Schnitt wird in dieser Provinz alle 32 Stunden ein Mord begangen. Pro Stunde gab es im Jahr 2013 82 Verbrechen − fünf Prozent mehr als 2012.

♦♦♦♦♦

Kino

1. Relatos Salvajes: 449 986 (2014)

2. Metegol: 422 845 (2013)

3. Corazón de León: 295 332 (2013)

4. Séptimo: 270 322 (2013)

5. Bañeros 3 Todopoderosos: 228 497 (2006)

  • Die erfolgreichsten Kinostarts aller Zeiten in Argentinien:

1. Monsters University: 791 225 (2013)

2. Los Simpsons: 759 032 (2007)

3. La Era de Hielo 4: 620 009 (2012)

4. Shrek para siempre: 600 041 (2010)

5. Rápidos y Furiosos 6: 594 978 (2013)

Ein Herzensargentinier im Exil (2): There is no place like London

von HERRN T. (GASTBEITRAG)

Herr T. hat ein Jahr in Argentinien gelebt. Der Leser des Argentinischen Tagebuchs kennt ihn vor allem als nervenstarken Reisebegleiter nach Chile und Bolivien. Vor einem Jahr landete er wieder in Deutschland. Den ersten Teil seines Exil-Berichts gibt es hier.

♦♦♦♦♦

 

In grenzenloser Ablehnung erreichte Johnny Depp die britische Hauptstadt. Ein Barbier, der singt und mordet – wohl wahr: Tim Burton hatte schon bessere Ideen als in »Sweeney Todd«. Und doch pocht die argentinische Seele, als ich in London ankomme. Jeder vernünftige Argentinier denkt ja bei England gleich an den verlorenen Krieg von 1982 (um eine Insel voller Schafe) und an Diego Maradonas zwei Tore vier Jahre später im WM-Viertelfinale. Die ganze Welt spricht von den »Falklandinseln« – jeder vernünftige Argentinier nennt sie »Islas Malvinas«. Ja, jeder vernünftige Argentinier hat die Besitzansprüche seiner Heimat mit der Muttermilch aufgenommen. Egal, ob das Gespräch mit »Ich habe nichts gegen England« oder »Der Krieg war töricht« beginnt, es endet mit dem Satz: »Trotzdem gehören die Inseln zu Argentinien.«

Der Engländer scheint das entspannter zu sehen. Klar, er hat ja auch gewonnen. Den Krieg. Nicht das Viertelfinale.

Die sogenannte Galerie der Volkshelden im Präsidentenpalast

Ich halte mich aus diesem Konflikt grundsätzlich raus.

Man muss allerdings sagen, dass Südamerika in Sachen Unterkunft dem Inselkönigreich durchaus überlegen ist. Das Geld verlangt der Londoner nämlich cash und im Voraus, die Zimmer sind abgewetzt, die Küche macht auf Verfall, und auf die Frage nach W-Lan wird auf das Gratisnetz der nahegelegenen Bank verwiesen. Im Vergleich dazu kamen CW und ich auf all unseren Reisen – ja selbst in der bolivianischsten Einöde – wie Könige unter!

Nur: Wenn man sich nach Argentinien sehnt, aber das Geld nicht reicht, dort mal wieder vorbeizuschauen, reist man so weit, wie man eben kommt. Ich komme bis London, und in London war ich noch nie. Außerdem habe ich gehört, dass man dort auch ganz angenehm Silvestern feiern könne.

Ein Freund begleitet mich, sozusagen mein Bester. Zum Glück stehe ich aber weder auf seine Freundin noch auf seine Schwester. Eine Bromanze, wie man heute sagt. Maschinenbauer ist er und von bayerischem Geblüt. Der kennt also auch die Leiden von aufgezwungener Nationalität und Heimatlosigkeit. Mein Seelenlandsmann sozusagen. Wir klappern erst mal die Touristenattraktionen ab, aber klar doch, besuchen Big Ben, die Tower Bridge, die Milleniumbridge, wobei ich ziemlich sicher bin, dass die in »Harry Potter« zerstört wurde.

 

Überhaupt scheint unser Wissen über London sehr von Filmen geprägt zu sein. Wir suchen das MI6-Gebäude, aus dem James Bond mit seinem Boot springt. Finden es. Und sind glücklich.

 

CW hätte bestimmt gemault, wäre er dabei gewesen. Vom englischen Kino hält er noch viel weniger als vom französischen, und über das hat er sich immer schon wahnsinnig aufgeregt. Stundenlange Dialoge. Miese Autos. Solche Sachen. Er und ich, wir hatten übrigens auch einen waghalsigen und spektakulären Augenblick, damals auf dem Rückweg von Uyuni, der größten Salzwüste der Welt in Bolivien, als morgens um sechs der 13-jährige Sohn des Busfahrers das Steuer des riesigen Riesendoppeldeckers übernahm. Kurzer Stopp. Türenklappen. Weiter ging’s. Es ruckelte dann hin und wieder ein bisschen beim Runterschalten vor den scharfen Kurven, aber der Pickelige fuhr ziemlich gut. Fand ich. CW fand natürlich: Er selbst könnte das doch deutlich besser.

CW wäre natürlich gar nicht erst nach London gereist. Wegen der Malwinen. Gäbe es einen Sprachkurs, um Englisch wieder zu verlernen, unser falscher Oberargentinier säße da drin, erste Bankreihe, direkt vorm Lehrertisch.

Mein bayerischer Freund und ich sitzen mittlerweile in einer Londoner Kneipe, und plötzlich tippt er mir auf die Schulter. Die Zwei da reden Spanisch, sagt er. Ich horche auf. Ich gehe hin, frage nach und: Argentinierinnen! Und was für welche! Schon sprudelt es aus mir heraus. Mein erstes Praxisspanisch außerhalb von Skype, seit ich wieder in Europa bin. Die argentinische, also oft freie und noch öfter eigentlich falsche Grammatik, die in keinem Lehrbuch steht, ist immer noch da! Und jeder Satz beginnt wieder mit »Cheeeeeeee« (Hey!), jeder zweite endet mit »boludo« (Trottel, Schwachkopf).

Die beiden Studentinnen reisen durch Europa. Barcelona, Amsterdam und Paris haben sie bereits hinter sich gelassen. Jetzt sind sie in London und außerordentlich skeptisch. Ich verstehe das natürlich total. Las Malvinas fueron, son y serán argentinas. – Die Malwinen waren, sind und werden immer argentinisch sein. Jedenfalls in dieser letzten Nacht des Jahres.

Grafito auf der Plaza de Mayo von Buenos Aires

Zwischendurch denke ich an den 31. Dezember 2012. Córdoba, die zweitgrößte Stadt Argentiniens, wegen ihrer vielen Universitäten auch »La Docta« (Die Gelehrte) genannt. Eine Freundin hatte mich eingeladen. Wir feierten bei ihrem Freund und dessen Familie. Einer zwölfköpfigen. Und ich, der sie noch nicht richtig verstand. Irgendwann, ganz späte Stunde, sehr früher Morgen, fragte der Onkel: »Was macht der eigentlich hier?«

Ein paar Tage später verabschieden wir uns von London – und von den zwei Argentinierinnen. Sie versprechen, mich in Berlin zu besuchen. Cheeeee, ich warte.

Fortsetzung folgt.

Nachtstück, beim Schein einer Petroleumlampe zu lesen

von MARC KOCH (Gastbeitrag)

Das Monumental. An einem Winterabend. Im August. (Ja, Mann! Wir sind hier auf der Südhalbkugel!) Der Tag hat gegen die Nacht den Kürzeren gezogen. Sieht scheiße aus: Gruselig-graue Nebelschwaden. Mäandernde rote Lichter von der Autobahn dahinter. Lächerlich gelbe Lampen auf dem Dach. El Más Grande in Winterpausenstimmung.

Vorletzte Woche haben wir Grondona zu Grabe getragen. Er ruht jetzt in einer Gruft. In Avellaneda. Im Süden von Buenos Aires. Als ich das letzte Mal dort war, ist einer auf der Hauptstraße überfahren worden. Warum auch nicht. Ist doch ’n schöner Ort dafür.

CW, der immer noch in Europa ist, hat noch einen Grund zur Trauer. »Unser bester Mann«, jammert er. Und dass sie doch schon vorher um den WM-Titel beschissen worden seien. So sind sie, die Argentinier. Könnten immer und überall die Besten sein. Wenn die anderen sie nur ließen.

Sagte ich schon, dass man das Selbstbewusstsein des Argentiniers am besten mit dem Satelliten von Google Maps misst?

Aba ick schweife ab.

Julio Humberto Grondona also war 35 Jahre lang der Präsident des hiesigen Fußballverbandes. Sowas wie ein DFB-Chef, nur ohne Adiletten. Sein Wahlspruch war auf seinen Siegelring graviert und lautete: »Todo pasa«. Anillo Grondona1 Auf Deutsch: »Alles kann passieren«. Was ja irgendwie eher an einen argentinischen Zollbeamten erinnert, als an einen Fußballpräsidenten. Oder an die Gemeinsamkeiten der Beiden: Grondona wurde – wie jedem Zollbeamten, der was werden will in diesem Land – eine gewisse Begabung beim Thema »Durchlässigkeit« nachgesagt. Solche Talente wecken natürlich die Aufmerksamkeit vieler Menschen: Derjenigen zum Beispiel, die von Staats wegen Millionen von Pesos ausgeben, damit auch im letzten Winkel eines gerade für zahlungsunfähig erklärten Landes Fußball geschaut werden kann. Hier, zum Beispiel

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Oder derjenigen, die sich fragen, wieso der Vorsitzende einer Balltretervereinigung sieben Tage Staatstrauer bekommt und wie ein König zu Grabe getragen wird.

Und meine Aufmerksamkeit war natürlich auch hellwach.

Olle Grondona war noch nicht unter der Erde, da interviewten sie im hiesigen Qualitätsfernsehen schon einen Mann, der ein Buch über den mächtigen Fußballfunktionär geschrieben hatte. Und über seinen Einfluss auf die Politik. Und über die ganzen K-Wörter, die dieses Land regieren: Kirchnerismo. Ketchup. Kilmes. Korrup….. naja, so halt. Der Titel des Werks ist übrigens von Grondonas Siegelring geklaut: »Todo pasa«. Musste ich haben. Sollte auch kein Problem sein: Buenos Aires nennt sich ja gerne Hauptstadt der Literatur, weil Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein paar übellaunige

Borges

und kettenrauchende

Bildschirmfoto 2014-08-12 um 00.10.11

Männer ein paar ganz ordentliche Texte geschrieben haben. Deswegen gibt es ja auch einen Haufen schöner Buchhandlungen hier. Voll mit Büchern.

»Hola, pelotudo, ich möchte dieses Buch über Grondona«

»Du meinst Todo Pasa

»La concha de tu madre, genau das!«

»Ist nicht da«

»Dann bestelle es bitte«

»Geht nicht, boludo. Ausverkauft. Versuch’ es in einem der Antiquariate auf der Avenida Corrientes«

Antiquariate!!! Das Ding ist von 2012. Aber so geht mir das immer: Kaum will ich ein Buch kaufen, ist es weg. Selbst wenn es gestern rausgekommen ist. Nur die Biografien der Präsidentin und Sachbücher, die beweisen wollen, dass die Falklands argentinisch sind, gibt es immer. Und natürlich Messi-Bildbände und Krimis.

Jetzt werde ich also nie erfahren, wie man so wie Grondona wird. Der Zeitpunkt wäre gut gewesen: Die Liga beginnt gerade wieder. Und der Verband braucht einen neuen Präsidenten.

Ich hätte kandidiert.

Stiere, eine Ente, meine Oma und ihr Einkaufsnetz

von MARC KOCH (Gastbeitrag)

Ich bin ja eher so der Typ Stadtaffe – ich verdiene nur nicht genug Bana-na-na. Ha-ha-ha! Das platte Land ist mir eher fremd: Da liegt immer das Laub so unordentlich rum, man beschmutzt sich entsetzlich schnell, und der HErr hat dort Tiere werden lassen, die man einfach nicht braucht …

Andererseits ist CW, der große alte Mann unter den Blogherausgebern, im komplett unverdienten Urlaub. Die Sekretärin hat sich krank gemeldet – sie hat schönes Wetter. Der neue Praktikant lümmelt mit einer Volontärin von der Konkurrenz rum. Und ich muss meiner ebenso ehrenwerten wie schlecht bezahlten Rolle als Chefreporter gerecht werden. Also mal einen auf Argentinier gemacht, gezogen und aus der Hüfte geschossen – und nach La Rural gegangen!

La Rural, das ist die jährliche Leistungsshow des Campo mitten in der Hauptstadt: Campo nennt der Argentinier alles, was mit der Bewirtschaftung dieses unendlich weiten Feldes … sorry, Günter G.  … äh: Landes zu tun hat: Wenn der Argentinier was richtig gut kann, dann sind das Ackerbau und Viehzucht: Da ist er Bauer, da darf er’s sein (wenn Monsanto ihn denn lässt!). Veranstaltet wird La Rural von der Sociedad Rural Argentina. Das klingt nicht nur nach den handballgroßen Eiern eines schwarzen Pampa-Stieres

 

Stier

 

– das ist auch so: Das Campo vertritt robust-gemütliche Auffassungen von traditionellen Werten wie Familie, Frauen, Tiere und Steuern. Seit 2008 gehört es zum guten Ton, La Rural mit einer Regierungsbeschimpfung zu beginnen.

 Aba ick schweife ab.

 Also, viel Geld

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gezahlt und rein in die Hallen. Erster Eindruck: Riecht streng! Zweiter Eindruck: Wow! Denn da steht überall mein Lieblingsessen rum!!! Und wenn Sägespäne auf meinem Essen sind, werden sie weggeblasen

 

Foto(2)

 

Danach kommen Lederstiefel, Silberkram

 

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und Mate-Orgien

 

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und natürlich Reitgerten… – so Gaucho-Folklore halt (Jaja, getanzt wird auch. Aber aufrecht. Echt jetzt!). Nett. Aber nichts gegen diese Geräte, die sogar aus Starship Troopers einen guten Film machen würden

 

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Und dann: Ent!dec!ke! ich meinen neuen Lieblingssport!!! Wir sprachen ja schon darüber, dass argentinischer Fußball in der Liga, die jetzt wieder beginnt … naja … also. Ne?! Und da sehe ich auf der Freifläche von La Rural doch drei Jungs auf drei Pferden. In Blau. Und nochmal solche. In Gelb. Zwischen denen ein Ball, den jemand in ein Korbgeflecht gezwungen hat, und der jetzt Griffe hat. Der muss in etwas, was aussieht wie das Einkaufsnetz meiner Oma, auf einen Stahlring aufgezogen. Das Runde muss ins Runde, sozusagen. Geiles Spiel, jedenfalls. Ist seit 1953 argentinischer Nationalsport. Heißt Pato. Pato bedeutet Ente. Denn früher war der Ball eine Ente. Nur ohne Griffe.

 

 

Meine Gattin sagt, die Spieler sähen jasowasvontollaus. UndwiedieihrePferdebeherrschen. Undwiesuperdie … Schnauze, Süße!

 Am Ende haben die Blauen 5:4 gegen die Gelben gewonnen. Oder so. Wenn hier wieder die Liga ausbricht und CW mich nach (setzen Sie hier Ihren argentinischen Lieblingsclub ein) mitnehmen will – gehe ich zum Pato. Denn eine Regel beim Pato sagt: Ein Tor darf erst gemacht werden, wenn das Team vorher sieben komplette Pässe gespielt hat. Nacheinander!

 Und sowas kommt in der argentinischen Primera Divisón ja eher selten vor.

Warum Argentinien Weltmeister werden soll, werden muss und werden wird (wenn nichts dazwischenkommt)

von CHRISTOPH WESEMANN

Logo des WM-Tagebuchs - Zeichung: Danü (Daniel Schlierenzauer)

  • Argentinien ist die einzige Mannschaft des Turniers, die bisher alle Spiele gewonnen hat.
  • Die WM 2014 ist argentinisch: Die Trainer von Kolumbien, Chile und Costa Rica kommen aus Argentinien. Das Freistoßspray, das die Welt verblüfft, weil die Mauer schnell steht, hat natürlich auch ein Argentinier erfunden. Es wird bei uns schon seit 2008 benutzt.
  • Argentinien ist sowieso eine große Entdeckernation. Der Kugelschreiber! László József Bíró war zwar Ungar und hat den Stift in Budapest entwickelt, ist aber später vor den Nazis in seiner Heimat nach Argentinien geflohen. Ihm zu Ehren nennen wir den Kugelschreiber nicht »bolígrafo«, wie die Spanier, sondern »birome«. Bírós Geburtstag, der 29. April, ist der »Tag der Erfinder«. Aber bei uns hat jeder Depp und jeder Narrenverein, ja sogar der Hund, einen Ehrentag. Außerdem haben Argentinier der Menschheit ganz viele andere Sachen geschenkt, zum Beispiel Dulce de leche (das außer uns keiner mag), Alfajores (die ein Nicht-Argentinier nach zwei Wochen nicht mehr sehen kann) und … ähm … ganz viele andere Sachen. Meistens entdecken wir Dinosaurier. Aber die waren dann auch die größten der Welt.
  • Ich höre gerade über meine Kopfhörer, dass Costa Ricas Trainer Kolumbianer ist. Das erklärt die Niederlage im Viertelfinale gegen Holland.
  • Argentinien hat den besten zwölften Mann der Welt: Papst Franziskus.
  • Ezequiel Lavezzi, genannt El Pocho, ist der heißeste Spieler des Turniers. Sagen unsere Frauen. Die Facebookseite der sogenannten »Bewegung, damit El Pocho Lavezzi ohne Trikot spielt« hat mehr als 384 000 Fans. Ein Hashtag auf Twitter heißt #quehariasconlavezzi – was würdest du mit Lavezzi anstellen.
  • Noch mal El Pocho: Lavezzi ist auch der frechste Spieler. Er hat beim Spiel gegen Nigeria seinen Trainer Alejando Sabella mit einer Trinkflasche angespritzt. Chuck Norris soll vor dem Fernseher gezittert haben.

 

  • Pelé, die lebende Marionette der Reichen, Schönen und Mächtigen, ärgert sich am meisten über einen argentinischen Weltmeister.
  • Das Halbfinale wird am Nationalfeiertag gespielt, dem Día de la Independencia, Tag der Unabhängigkeit von Spanien (9. Juli 1816).
  • Unser Trainer ist kein Umfaller.

 

 

  • Argentiniens Fans singen die witzigste WM-Hymne. Auf Deutsch, frei übersetzt, heißt der Text: »Brasilien, sag mir, wie’s sich anfühlt, wenn dein schlimmster Feind in deiner Hütte feiert./Und auch wenn’s lange her ist, werden wir’s niemals vergessen, das schwöre ich dir:/Wie du 1990 von Diego schwindelig gespielt wurdest und Caniggia dich abgeschossen hat. Seitdem heulst du nun schon./Und jetzt wirst du erleben, wie uns Messi den Pokal bringt. Maradona ist viel größer als Pelé.«
  • Unser Supertrainer wird  Fifa-Boss Sepp Blatter bei der Siegerehrung demonstrativ den Handschlag verweigern, so wie der legendäre César Luis Menotti 1978 bei der Heim-WM dem Militärdiktator Jorge Rafael Videla. Vielleicht.
  • Wir sind das bescheidenste Volk auf Erden. Keiner ist bescheidener als ein Argentinier. Wir hätten gern unseren Rivalen Brasilien im Endspiel 14:3 zerlegt, begnügen uns nun aber mit einem Triumph über Deutschland.
Public Viewing

Public Viewing am Congreso, dem argentinischen Parlament

Weltpokal im Foyer des Parlaments

 

Rumpelfußball reloaded

von MARC KOCH (Gastbeitrag)

Logo des WM-Tagebuchs - Zeichung: Danü (Daniel Schlierenzauer)

Marc Koch ist Lateinamerikakorrespondent der Deutschen Welle und lebt in Buenos Aires.

*****

Die zugegeben attraktive Dienstkleidung der Argentinier war noch kein bisschen beschmutzt, da hatten die Kommentatoren von Canal 7 schon die Erklärung parat: Der Boden im Stadion von São Paulo sei viel zu hart. Keineswegs liege es an den begnadeten argentinischen Fußballern, wenn der Umgang mit dem Spielgerät bisweilen etwas ungewöhnlich wirke. Wenn man zum Beispiel mal wieder nicht wusste, ob der Mann in weiß-himmelblau jetzt stoppen oder einen weiten Pass spielen wollte.

Dazu muss man wissen, dass Canal 7 das hiesige Staatsfernsehen und gleich nach Mate und Fernet-Cola eine der übelsten argentinischen Erfindungen ist. Zwischen Videoclips mit Regierungspropaganda senden sie ein bisschen Fußball und reden den schön, sofern es sich um das eigene Team handelt. Natürlich auch den Grottenkick gegen die Schweiz.

 

Nach diesem Spiel schickte der Hausherr CW, der von Fußball noch mehr versteht als von Marketing, eine SMS: »Noch dreimal so eine Scheiße, und wir haben den Pokal!«

Das klang irgendwie erschöpft. Aber Erschöpfte neigen ja dazu, große Dinge gelassen auszusprechen – unser MC Merte in der Eis-Eis-Tonne kann sozusagen ein Lied davon singen:

 

Und schon sind sie wieder da, die alten Geister.

Mit freundlicher Genehmigung von Härringers Spottschau (c)                              zum Vergrößern aufs Bild klicken

Keine zehn Tage ist es her, dass die Holländer gemeinschaftlich mit den Chilenen die Erfinder des schönen Fußballs getötet haben. Und schon ist er wieder salonfähig: der Rumpelfußball. (Es lohnt sich übrigens, Wikipedia nach »Rumpelfußball« zu fragen. Ich konnte nicht glauben, was ich da gesehen habe. (Grüße an die Kameraden von heftig.co!)

Hauptsache gewonnen ist wieder schick: zur Not auch mit einem »0,5 : 0«, wie Brasiliens Heulboje Neymar Junior gerade erklärt hat. Thomas Müller brandredet für »irgendwie gewinnen«, und das Fachblatt für den langen Ball in die Spitze lobt den »Schrottfußball«. Solange er erfolgreich ist. Die Rehabilitation des Rumpelfußballs feiert fröhliche Urständ.

Nur noch eine Frage der Zeit, wann die Fachpresse eine Wildcard für Griechenlands Finalteilnahme fordert.

Doch während wir dem Spirit von Mexiko, Chile und den USA nachtrauern und uns fit machen, Kolumbien und Belgien in die nächste Runde zu singen, kommt plötzlich Zuspruch von einer Seite, von der wir es nie erwartet hätten: von IHM. Dem, den sie hier für den ALLERGRÖSSTEN halten. ER also spricht zu uns: »Ich aber sage Euch: Wir können nicht immer nur der Sportclub Messi sein!« Und dann liest ER dem Übungsleiter Alejandro Sabella mal so richtig die Leviten.

ER will auch keinen Rumpelfußball. Dass ich das noch erleben darf!

Gracias, Diego!

*****

Härringers Spottschau hat uns freundlicherweise erlaubt, seinen Cartoon zu benutzen. Vielen Dank!

 

Mein Professor, ein Gorilla?

von CHRISTOPH WESEMANN

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Bei Bedarf bin ich Deutscher.

Normalerweise gebe ich mich in Buenos Aires nicht zu erkennen, und falls ich ertappt werde, versuche ich, meinen Akzent zu überstimmen: »Cheeeee boludo1, ich bin Argentinier, la puta madre.« Seit Montagabend wehre ich sogar die Glückwünsche für das 4:0 gegen Portugal ab. Der Bäcker, der Fleischer, der Friseur, der Blumenmann und sämtliche Nachbarn: Die Männer im Viertel, mit denen ich zu tun habe, sind begeistert von der deutschen Mannschaft. (Dass sie das Spiel gesehen haben, obwohl der Anpfiff bei uns um 13 Uhr war, verrät übrigens auch manches über Argentinien.)

Müllertollfinder, wohin man schaut und hört. So einen hätten sie auch gern.

Ich habe das Spiel nicht mal geguckt; ich saß stattdessen mit Marketing (und mit Mate natürlich) auf der Terrasse, was auch manches über mich verrät: Vielleicht brauche ich einfach ein bisschen länger, um Sachen zu begreifen und zu behalten. Außerdem hatte ich es befürchtet: dass die Deutschen gut sein würden, viel besser wir am Vorabend beim tristen 2:1 gegen Bosnien und Herzegowina.

Ich setze trotzdem auf Argentinien, ich nehme sogar so Heimaturlaub, dass ich als Weltmeister in Berlin lande und im weißhimmelblauen Trikot von Diego Maradona ein Taxi winke. Und ich habe meinem Sohn versprochen, mir ein Tattoo stechen zu lassen. Ich weiß noch nicht, von wem oder von was, ob vom Dicken, von Che, den Malwinen oder doch vom Siegtorschützen im Endspiel, also Leo Messi, ist doch auch egal.

Ich will den Pokal. Und Messi braucht ihn, um zum größten Spieler der Geschichte aufzusteigen, was den tollen Nebeneffekt haben wird, dass sich zwei Männer besonders ärgern: Pelé, die brasilianische Marionette, und der Schöne Cristiano Ronaldo aus Portugal.

Außerdem: Wenn ich schon mal in Argentinien bin, dann doch bitte nicht Deutschland.

Mein Zeitungsverkäufer im Viertel wurde regelrecht ungehalten. »Ist ja toll, dass es dir bei uns gefällt«, sagte er. »Nur, mein Freund: Deine Heimat ist Deutschland. Deutschland ist deine Heimat.«

Cheeeeee bolu…

Aber bei Bedarf bin ich Deutscher. Gestern Abend war Bedarf.

Ich saß mal wieder im Raum 5.5. der Universität Palermo und versuchte mich am dritten Marketingexamen. Es stand 1:1 zwischen mir und der Wissenschaft: Einmal war ich durchgefallen, einmal hatte ich bestanden. Nun, ein paar Minuten nach acht, kam die Aufgabe 9. Ich brauchte nur die ersten vier Wörter zu lesen und wusste: Das Thema wirst du nicht finden in deinem Kopf.

Die meisten Studenten hatten längst abgeben, Raum 5.5 war fast leer. Sergio, der Professor, hatte Damenbesuch, wahrscheinlich eine Kollegin, sie plauderten und lachten und erledigten Anrufe.

Nur noch die Klassenschönste war da. Und ich. Und Aufgabe 9. Keine Chance. Man geht natürlich in sich, bedauert, den Stoff nicht gelernt zu haben, gelobt sich selbst Besserung, man trägt so was also mit Fassung, mit Würde.

Oder man beklagt sich beim Professor, und zwar schriftlich, dass man dieselben schwierigen Fragen bekommen habe wie die Argentinier. Man schreibt also anstelle der Lösung unter die Aufgabe Nummer 9: »Es gab Zeiten in Argentinien, da wurden Deutsche besser behandelt. ¡Viva Perón!«

 

Mein Freund Pablo ist stolz auf mich. »Dafür musst die volle Punktzahl bekommen«, sagt er. »Tja, es sei denn, dein Professor ist ein Gorilla. In dem Falle brennt dir der Kittel.«

Gorillas werden in Argentinien die Feinde des Peronismus genannt – von Peronisten.

Eine Mitternachts-SMS von M., dem anderen Deutschen in Buenos Aires:

Das heißt, es war Mörderspitze, und Du gehst mit Note 82 raus – zwei Punkte Abzug wegen Perón-Ironisierung. Felitaciones! Wie heißt eigentlich die Haartönung, in die Dani Alves gefallen ist? Und die Vokuhila von Neymar hat jetzt Unterschnitt.

 

 

  1. Hey Schwachkopf! []
  2. 2,0 []

Argentinische Helden

Diego Maradona, gezeichnet von Danü (c)

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Musik: Somos de acá

Steckbrief

Wir sind schnell.
Wir sind Wortmetze. Wir haben einen profunden geistes-
wissenschaftlichen Hintergrund. Wir sind böse, sexy und klug. Wir können saufen wie die Kutscher, haben Kant gelesen und nicht verstanden, aber das merkt keiner, und schlafen nie.


2012 von Christoph Wesemann in Buenos Aires gegründet. Derzeit im Exil. (Montevideo)