Archiv für Juni, 2014

Die Pseudoexpertenkomödie

von MARC KOCH & CHRISTOPH WESEMANN

Logo des WM-Tagebuchs - Zeichung: Danü (Daniel Schlierenzauer)

Zwei Deutsche in Buenos Aires schreiben sich Kurznachrichten und plaudern über Fußball und den Rest. 

ERSTER AKT

MC. Traumfinale Costa Rica gegen Algerien ist immer noch möglich!

CW. Was wäre dagegen schon Argentinien gegen Brasilien?

MC. Jeder Klassiker wird irgendwann geboren.

CW. Seltsam.

MC. Was?

CW. Irgendwie ist heute kein Unterricht an der Uni.

MC. Nuscheln wieder alle?

CW. Nein. Ich bin allein im Raum 5.5. Und er ist dunkel. Ich gehe mal fragen.

MC. Gute Idee.

MC. Und?

CW. Ich wollte fragen, war aber gleich überfordert von der Frage, ob ich auf Karriere studiere oder ejecutivo … programa … grado … irgendwas anderes halt. Also, Karriere auf keinen Fall. Das andere dann.

MC. Das ist doch die richtige Antwort!

CW. Natürlich. Aber der Typ von der Information war nicht sonderlich hilfsbereit. Ich wusste ja auch nicht mal den Titel des Kurses.

MC. Marketing. Bei Sergio. Raum 5.5.

CW. Habe ich auch gesagt. Nix.

MC. Dann war’s kein Argentinier. Ein Argentinier antwortet immer. Ehe Dir ein Argentinier keine Antwort gibt, gibt er Dir lieber eine falsche. Aber ganz tolle Menschen. Immer sooooooooooooo hilfsbereit. Übrigens: Wie heißt die Hauptstadt von Costa Rica, ich komme gerade nicht drauf?

CW. Ähm. Managua.

MC. Danke, Du hast den Test bestanden.

*****

ZWEITER AKT

CW. Ich muss Dir was gestehen.

MC. Ich höre.

CW. Bei der WM 1990 war ich gegen Argentinien.

MC. Gibt Schlimmeres.

CW. Ich war für Italien.

MC. Bitte? Waaaaaaaaaas?

CW. Wegen Toto Schillaci.

 

MC. MAN IST NIEMALS FÜR ITALIEN!

CW. Ich war zwölf. Und Ossi. Ein zwölfjähriger Ossi aus einer Kleinstadt.

MC. MAN IST VIELLEICHT MANCHMAL NICHT GEGEN ITALIEN. VIELLEICHT! MANCHMAL!

CW. Ich kann übrigens die deutsche Mannschaft nicht mehr angucken.

MC. Jetzt übertreibst Du es aber mit Deiner Argentinisierung.

CW. Ist mir zu akademisch, das deutsche Spiel.

MC. Dir fließt natürlich nicht genug Blut.

CW. Fußball ist: unsaubere Grätsche, schmutziges Trikot, große Eier.

MC. Müller. Müller hat Eier.

CW. Aber im Sturm fehlt eindeutig der Typ Hrubesch.

MC. In welchem Sturm?

CW. Du musst das ganzheitlicher betrachten. Im modernen Fußball gibt es keine festen Positionen mehr. Manuel Neuer ist sozusagen die hängendste Spitze. Verstehst Du?

MC. Das sagt die Fleisch gewordene Blutgrätsche, die den mitspielenden Torwart für eine Erfindung von Mario Basler hält? Damit er weniger laufen musste?

CW. An Mats Hummels wird der Streit zwischen seiner Freundin Cathy Fischer und der Ex von Ballack auch nicht spurlos vorbeigehen. Wahrscheinlich hat der Teampsychologe nicht mal mehr Termine frei für die anderen. Armer Poldi.

MC. Die Albträume fürchten Poldi. Poldi therapiert sich selbst. Bei Poldi liegt der Psychologe auf der Couch.

CW. Prognose für Deutschland?

MC. Es reicht für die schwächeren Teams, also USA, Argentinien oder Brasilien. Aber für Frankreich, Kolumbien oder Holland? Ich weiß ja nicht.

CW. Hast Du gerade Argentinien zu den schwächeren Teams gezählt? Meine Argentinier haben bisher geblufft.

MC. Das machen sie ja am liebsten. Und das haben sie mit unserem Beruf gemeinsam. Deswegen mögen wir sie ja auch so.

*****

DRITTER AKT

CW. Schön, dass Brasilien weiter ist.

MC. Seit zwei Wochen erzählst Du mir, dass Du die Mannschaft, nein: das ganze Land nicht leiden kannst – mit Ausnahme der Brasilianerinnen.

CW. Weil ich ein guter Argentinier bin. Und weil Diego nun mal viel größer ist als Pelé.

MC. Du wirst doch nicht den dicken Lügner mit Pelé-Fußballgott vergleichen wollen!? Und warum bist Du jetzt für Brasilien?

 

CW. Ich habe nachgedacht: Brasilien erreicht das Finale, natürlich total unverdient. Sie spielen mies, richtig mies, kommen aber jedes Mal weiter. Tore nach Ecken. Tore nach Elfmetern. Tore nach Neymar. Aber dann werden sie im Endspiel von Argentinien – endlich! – kaltgemacht. Die ganze Welt wird uns lieben, verehren, bewundern. Wie wir es verdient haben.

MC. Mieser Taktiker! Opportunist!

CW. In Deutschland werden Neugeborene nach mir benannt.

MC. Hebamme: »Na, wie heißt er denn, unser kleiner Fratz?« – Mutter, noch keuchend: »CW.« – Hebamme (zu sich selbst): »Schon der Vierte heute, und nebenan in der Wanne wird auch noch gehechelt.«

CW. Straßen auch.

MC. Straßen natürlich auch. In Niederndodeleben.Und in La Boca: »Calle de la madre que le parió a CW«.1 Hat ja schon mal nicht geklappt! Aber erst, wenn Dein Sohn seinen Erbteil auf Kokspartys in Rosario durchgebracht hat, während Du in Hamburg-Lokstedt aufm Armenfriedhof liegst. Und genau dann werde ich mit Deiner Biografie – trimedial! – Bestsellerautor.

CW. Titel?

MC. Wesemann: Autor. Vater. Fußballer. Als E-book, DVD und Buch. Auch im Geschenkschuber.

CW. Nicht weniger als 800 Seiten! Besser 1000. Wirkt sonst zu komprimiert, mein Leben.

MC. Du musst mir natürlich die Manuskripte und Briefwechsel überlassen.

CW. Ich gucke jetzt mal Holland gegen Mexiko und studiere Argentiniens überübernächsten Gegner.

MC. Das wäre ein geiles Halbfinale!

CW. Aber kein leichtes.

MC. Sicher.

CW. Unangenehm zu spielen.

MC. Oh ja!

CW. Sind gut drauf.

MC. Das kannst Du laut sagen.

CW. Verrückter Trainer.

MC. Sehr verrückt.

CW. Sehr guter Torhüter.

MC. Ja, auch.

CW. Die dicken Männer mit den Riesenhüten nerven natürlich.

MC. Wie bitte?

CW. Und die Schnurrbärte – auch die Frauen.

MC. Häh?

CW. Tequila könnte ich auch mal wieder trinken.

MC. Zum Teufel: Wovon redest Du?

CW. Mexiko!

  1. »Straße zu Ehren der Mutter, die CW gebar« []

WM-Gezwitscher (5)

von CHRISTOPH WESEMANN

Logo des WM-Tagebuchs - Zeichung: Danü (Daniel Schlierenzauer)

(Wenn Argentinien heute nicht brillant spielt, ist das meine Schuld. Ich muss den Ort wechseln, an dem ich die Partie gucke. #Aberglaube)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Flohristen: Wie César Luis Menotti, der verrückte Bielsa, Tata Martino und der Papst Argentinien zum Weltmeister machen

von CHRISTOPH WESEMANN

Logo des WM-Tagebuchs - Zeichung: Danü (Daniel Schlierenzauer)

Mit dem FC Barcelona hat Leo Messi in dieser Saison nichts gewonnen, nicht die Champions League, nicht die Meisterschaft, nicht einmal den Königspokal. Selbst Weltfußballer ist ein anderer Spieler geworden. Bislang hatten so genannte Experten die Schwächephase des Argentiniers mit anhaltendem Verletzungspech, gesundheitlichen Problemen oder schlaflosen Nächten nach der Geburt seines erstes Sohnes Thiago erklärt. Nun aber sind dem Argentinischen Tagebuch über verschiedene Kanäle Dokumente zugespielt worden, die eine andere Deutung nahelegen.

Alles war offenbar nur ein großer Bluff.

Vieles spricht dafür, dass es einen argentinischen Geheimplan gegeben hat, um Messi vor der Weltmeisterschaft in Brasilien eine Krise anzudichten und auf diese Weise die Konkurrenz zu täuschen. Das ganze Ausmaß des Betrugs ist bislang nur zu erahnen. Fest steht aber: Drei bekannte argentinische Fußballtrainer sind darin verstrickt. Und Spuren führen auch in den Vatikan.

Ein Heer von Investigativjournalisten hat die Dokumente über Wochen ausgewertet. Dem Argentinischen Tagebuch ist es nun möglich, die Geschehnisse der vergangenen eineinhalb Jahre zu rekonstruieren.

Bar von Messis Eltern in Rosario

Die Bar von Messis Eltern in Rosario (mit dem Schatten des Flohs)

Die Beteiligten

Trainer

  • Marcelo Bielsa, geboren 1955 in Rosario (Argentinien), argentinischer Nationaltrainer von 1998 bis 2004, Spitzname: El Loco Bielsa, Der verrückte Bielsa
  • Gerardo Martino, geboren 1962 in Rosario (Argentinien), zuletzt beim FC Barcelona, Spitzname: Tata, Väterchen
  • César Luis Menotti, geboren 1938 in Rosario (Argentinien), argentinischer Nationaltrainer von 1974 bis 1982, Weltmeister 1978, Ex-Kettenraucher, Spitzname: El Flaco, Der Dünne
  • Diego Simeone, geboren 1970 in Buenos Aires (Argentinien), Ex-Nationalspieler, Trainer von Atlético Madrid, Spitzname: Cholo, Mestize
  • Carlo Ancelotti, geboren 1959 in Reggiolo (Italien), seit 1976 Trainer, aktuell bei Real Madrid, Spitzname: Carletto
  • Carlos Bilardo, geboren 1939 in La Paternal (Argentinien), Studium der Gynäkologie, argentinischer Nationaltrainer von 1983 bis 1990, Weltmeister 1986, Spitzname: Doctor

Spieler

  • Lionel Messi, geboren 1987 in Rosario (Argentinien), Star des FC Barcelona und Kapitän der argentinischen Nationalmannschaft, viermaliger Weltfußballer, Spitzname: La Pulga, Der Floh
  • Cristiano Ronaldo, geboren 1985 in Funchal, Madeira (Portugal), zweimaliger Weltfußballer, Spitzname: CR7

Sonstige Beteiligte

  • Jorge Mario Bergoglio, geboren 1936 in Buenos Aires, Papst seit 2013, Spitzname: Franziskus
  • Stallbursche Pepe, keine weitere Informationen vorhanden
  • Taschendiebe von der Plaça Catalunya, keine weiteren Informationen vorhanden

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26. Februar 2013

Mexikanische Zigaretten und die große Grillplatte

Buenos Aires • César Luis Menotti, genannt El Flaco (Der Dünne), Gerardo Tata (Väterchen) Martino und Marcelo Bielsa, bekannt als El Loco (Der Verrückte), treffen sich zufällig bei einem Pferderennen in der argentinischen Hauptstadt. Sie haben sich lange nicht gesehen, umarmen einander wie Freistilringer und küssen sich auf die Wange. Es wird das letzte Treffen ohne angeklebte Bärte, verspiegelte Sonnenbrillen und alberne Hüte sein. Die drei berühmten Trainer, die wie Leo Messi aus der Hafenstadt Rosario stammen, vertiefen sich in ihre Wetthefte und tauschen sich kurz über das 14. Rennen aus. Oder tun sie bloß so? Ist das alles schon Täuschung?

Die Galopprennbahn in Buenos Aires

Keine halbe Stunde später hocken sie im Heu eines Pferdestalls neben der Rennbahn. Den Stallburschen Pepe hat Menotti zum Zigarettenholen ans andere Ende der Stadt geschickt. Nur dort gibt es diese seltene mexikanische Marke, die er früher so gern geraucht hat.

»Also, ich habe überhaupt keine Lust auf die WM in Brasilien«, sagt Martino.

»Spätestens im Viertelfinale ist sowieso wieder Schluss, Messi hin oder her«, sagt Bielsa.

»Oder wie 2002 in der Vorrunde, mein lieber Marcelo«, sagt Menotti und kneift die Augen zusammen. »Aber falls einer von euch glaubt, dass Argentinien diesmal den richtigen Trainer hat, würde ich mich an dieser Stelle verabschieden.«

Stille. Schweigen. Minutenlang.

»Sabella?«, fragt Martino plötzlich.

»So heißt der, glaube ich«, sagt Menotti. »Ich schlage also vor, dass wir einen Plan machen. Von unserer Elf wird immer viel zu viel erwartet. Ich sage immer: Das Geheimnis des Fußballs ist Zeit, Raum und Täuschung.«

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Zwei Tage später sitzen die Drei in Menottis Lieblingssteakrestaurant. Die große Grillplatte wird bestellt: zwei Hände voll Innereien, sechs Blutwürste, drei Choris, ein Kilogramm Vacío, ein Riesenklumpen Rinderfilet, ein halber Meter Matambre und 500 Gramm Rumpsteak für jeden.

»Ich habe nachgedacht«, sagt Menotti. »Jemand muss bis zur WM dicht an Leo dran sein. Quasi rund um die Uhr. Aber ich war ja schon Trainer von Barça.«

»Und mich wollen sie vielleicht nicht«, sagt Bielsa.

»Nein, ganz sicher.«

Die beiden schauen zu Martino, der gerade seine zweite Blutwurst aufschneidet.

»Ich … tja … warum eigentlich nicht?«

»Gut, Tata, dann lege ich ein gutes Wort für dich ein; bereite schon mal deine Familie auf den Umzug vor. Ist ja nur für ein Jahr«, sagt Menotti und greift nach seinem Feuerzeug mit dem Konterfei von Che Guevara.

»Flaco, Rauchverbot!«

»Ein Menotti geht nicht nach draußen, Loco.«

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23. April 2013

Der Heilige Vater ist dabei

Rom • Der Papst erwartet Menotti, Bielsa und Martino − oder um genau zu sein: Er erwartet drei Spieler seines Lieblingsklubs San Lorenzo, die vor ein paar Tagen angeblich um eine Audienz gebeten haben. Leandro Romagnoli raucht noch hektisch eine Zigarette, Germán Voboril und Mauro Cetto schütteln die Köpfe. Zwei Jahre hatte er durchgehalten, hin und wieder eine Zigarre, das ja, aber keine Zigaretten mehr. Und nun: wieder Kette.

»Wollen wir?«

»Cheee, hübsche Hüte! Ich hätte euch fast nicht erkannt«, sagt Franziskus zur Begrüßung und bereitet sogleich einen Mate zu. »Auf jeden Fall eine gute Entscheidung. Bei uns hier bleibt ja auch nicht mehr viel geheim.«

Nachdem Menotti, Bielsa und Martino eine halbe Stunde lang in allen Einzelheiten über die argentinische Liga und weitere 15 Minuten über die zweite und dritte Liga referiert haben, lehnt sich Franziskus zurück und fragt: »Che, warum seid ihr eigentlich hier? Ist was mit Diego? Hat er wieder dummes Zeug angestellt oder genommen? Che, ihr wisst, ich kann dem Kerl einfach nicht böse sein. Ich meine, Mexiko 1986, wisst ihr noch? Ja, Flaco, mein Sohn, schon gut, der Bilardo saß damals auf der Trainerbank, wir hätten natürlich auch ohne ihn gewonnen. Was macht eigentlich el Doctor heute, weiß das jemand? Aber hört mal: Diegos zwei Tore gegen die verdammten Malwinendiebe … Verzeihung. Also, ich gucke mir die ja öfter auf Youtube … worüber wolltet ihr mit mir sprechen?«

 

Menotti redet. Und redet. Und redet. Er analysiert Weltmeisterschaft um Weltmeisterschaft; die Neunziger: Andi Brehmes Elfmeter − RumänienBergkamp, dieser Sohn einer Hure; die nuller Jahre: 0:1 gegen England (strenger Blick zu Bielsa) und Lehmanns Zettel im Strumpf. Kurzes Abhusten. Südafrika 2010: schon wieder Deutschland. Nullvier. Als Menotti ganz am Ende seines Vortrags auf Sabella zu sprechen kommt, winkt selbst der Papst ab.

Seine Heiligkeit erteilt dem Geheimplan umgehend seinen Segen und schlägt außerdem vor, gemeinsam zu beten. Den Dokumenten zufolge warnt er aber auch: »Che, verratet bloß nichts Cristina. Ihr wisst ja, unsere Präsidentin quatscht viel. Vor allem im Fernsehen.« Dann begleitet Franziskus Menotti, Bielsa und Martino hinaus und sagt zum Abschied: »Wenn alles geklappt hat, kommt ihr aber mit der ganzen Truppe und dem hübschen Pokal bei mir vorbei, oder?« Als die Tür geschlossen ist, hören die Trainer, wie der Papst mit fester Stimme singt:

Olé, olé, olé, olé, olé, olé, olá / Olé, olé, olé, cada día te quiero más. / Soy argentinooooo, es un sentimientoooo, no puedo paraaaaaaaar. ¡Vamos Argentina, carajo!

(Olé, olé, olé, olé, olé, olé, olá / Olé, olé, olé, jeden Tag liebe ich dich mehr. Ich bin Argentinier, das ist ein Gefühl, ich kann nichts dagegen tun. Vorwärts, Argentinien, verdammt noch mal!)

 

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Sommer 2013

Messi trainiert zu viel

Barcelona • Leo Messi freut sich, dass Gerardo Martino sein neuer Trainer in Barcelona werden wird. Guter Mann! Hat Newell’s Old Boys aus Rosario, seinen Heimatklub, mit schönem Fußball zur argentinischen Meisterschaft geführt. Der beste Fußballer der Welt ahnt nichts. Er wundert sich allerdings, dass plötzlich spanische Steuerfahnder hinter ihm her sind. Angeblich soll er Millionen am Finanzamt vorbeigeschleust haben. Es ist die erste große Finte, und sie entstammt dem Hirn des Verrückten. Ein Freund des Bruders, dessen Neffe eine Tankstelle in Rosario besitzt, bei der Bielsas Tochter Inés regelmäßig den Reifendruck ihres Golf (Baujahr 2005) prüfen lässt, ist vor Jahren nach Spanien ausgewandert und kennt jemanden im Finanzministerium. Der Rest: ein Anruf und eine halbe Minute lang das Klacken der Computertastatur in irgendeiner Behörde.

Menotti und Martino sind beeindruckt. In Argentinien hätten sie so etwas auch hinbekommen. Aber das hier ist Europa.

»Ich habe kürzlich schon mal geübt«, sagt Bielsa. »Steuerhinterziehung ist übrigens kein Kavaliersdelikt, Freunde. Aber jetzt sollten wir endlich mit Leo reden.«

»Unbedingt«, sagt Martino, der neue Trainer des FC Barcelona. »Der trainiert viel zu gut.«

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Menotti soll das Gespräch führen. Das Ding mit den Zigaretten − seltene mexikanische Marke, hahahaha − war echt gut. Der Stallbursche Pepe sucht wahrscheinlich immer noch, wurde jedenfalls nie wieder gesehen. Aber dieser Geniestreich ist auch schon wieder Monate her. Und reden kann El Flaco nun mal wie kein anderer. Selbst Franziskus hat er rumgekriegt.

Er wird reden, wie er immer spielen lassen hat: offensiv. Er ist doch nicht Bilardo!

»Leo, du hast nun schon zweimal die Champions League gewonnen.«

»Dreimal.«

»Das reicht ja erst mal, ne?«

»Nein.«

»Und Weltfußballer warst du auch schon viermal. Musst du es unbedingt ein fünftes Mal werden?«

»Ja.«

»Ich meine: in dieser Saison?«

»Ja.«

Menotti zündet sich eine Zigarette an und richtet sein Haar mit der Hand.

»Aber das wäre doch langweilig, Leo.«

»Für mich nicht.«

»Aber weißt du, dann musst du wieder den Schlafanzug anziehen, und darin siehst du doch immer blöd aus.«

»Finde ich nicht.«

Menotti denkt: Menotti, du Sohn einer Hure, du hast auch schon mal stärker argumentiert.

»Ach Leo, jetzt hör mal zu: Weltmeister, darauf kommt es an. Das zählt. Ohne WM-Titel wirst du nie so groß wie Diego. Und ich.«

»Meinen Sie?«

»Sicher.«

Menotti verspricht, sich persönlich um das Problem mit den hinterzogenen Steuern zu kümmern. Im Gegenzug versichert ihm Messi, in dieser Saison nicht auf Titeljagd zu gehen. Handschlag. Umarmung. Kein Vertrag.

»Du wirst es nicht bereuen, glaub mir. Alle werden dich für einen Waschlappen halten. Und alle werden in Brasilien dafür bezahlen.«

»War das mit Señor Uli eigentlich auch euer Werk?«

»Du stellst zu viele Fragen, Floh.«

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4. August 2013

Spielt CR7 mit?

Madrid/Buenos Aires • Und wer redet jetzt mit Cristiano Ronaldo? Keiner will. Aber jemand muss. Denn alle haben Angst, dass einer der 25 Imageberater des Portugiesen Verdacht schöpft angesichts der plötzlichen Überlegenheit ihres Klienten.

»Das fällt doch auf. Cristiano ist ja bloß der Zweitbeste. Er selbst weiß es nicht, aber die ganze Welt, die schon. Es wäre viel zu riskant, ihn nicht einzuweihen«, sagt Menotti laut Gesprächsprotokoll am 23. August bei einem Treffen in einem Parkhaus in Barcelona. Seine Kollegen nicken. »Also, ich war ja schon bei Leo und beim Papst dran.«

Martino und Bielsa spielen Schnick, Schnack, Schnuck. Martino verliert mit Papier, weil Bielsa im letzten Augenblick die Faust öffnet und eine Schere macht. »Ich weiß gar nicht, wo ich den Kerl finde«, sagt der neue Barça-Trainer. »Ich kann doch nicht einfach in die Umkleide von Real Madrid spazieren.«

Drei Tage später setzt ein Taxifahrer den verkleideten Tata − weißes Trikot mit der Rückennummer 7, falscher Vollbart, Riesenschinken im Arm − vor dem berühmtesten Schönheitssalon Madrids ab. Ronaldo sitzt bei der Pediküre und trägt das gleiche Trikot wie der Mann, der sich ihm auf Zehenspitzen nähert.

»Darf ich stören?«

»Ich wechsele nur zu euch, wenn ich mehr verdiene als der Argentinier.«

»Aber du passt doch gar nicht in unser System.«

»Ohne den Argentinier wäre es ein ganz anderes System.«

»Señorita, würden Sie uns bitte kurz allein lassen?«

Ronaldo, das zeigt die Gesprächsnotiz, die Martino im Nachhinein angefertigt hat, hört sich den Geheimplan an, erbittet Bedenkzeit und willigt nach eineinhalb Minuten ein. Er lächelt, steigt aus der Schüssel mit dem lauwarmen Wasser und macht etwas mit den Armen. Er scheint das Hochheben von Pokalen verschiedener Größe zu üben, so kommt es Martino jedenfalls vor. Dabei murmelt er vor sich hin: »La Décima, Mama, La Décima … größer als Di Stéfano … als Raúl sowieso … blöder Blatter … Ronaldo Madrid Club de Fútbol.«

Dass Ronaldo am Ende der Saison nach einem bedeutungslosen Tor im schon gewonnenen Finale der Champions League sein Trikot auszieht, hat sich Martino spontan schriftlich zusichern lassen. Es wird sein größter Coup werden. Eine Jahrhundertszene. Eine Botschaft für Eingeweihte. Guckt hin: unser Hampelmann! Der Vertrag, geschrieben auf dem Briefpapier des »Salón de Los Hombres Más Bonitos del Mundo«, liegt dem Argentinischen Tagebuch ebenfalls in Kopie vor.

 

Martino ist euphorisiert, als er wieder im Taxi sitzt. Er befühlt das Schriftstück im Brustbeutel unterm Trikot, ruft Menotti in Buenos Aires an und schreit: »Ich fliege gleich weiter nach München und rede mit Franck!«

»Nein, nicht nötig. Mach dir um den keine Sorgen, und um die Bayern erst recht nicht. Tiki-Taki ist vorläufig am Ende. Pep weiß es nur noch nicht.«

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September 2013

Der Dünne dreht durch

Barcelona/Buenos Aires • Messi spielt mit jeder Partie schlechter, also besser. Natürlich: 99 Prozent aller Fußballspieler wären noch immer froh, nur ein paar Minuten im Leben so gut zu sein wie Messi, wenn er furchtbar schlecht ist. Aber manchmal steht er jetzt im Mittelkreis herum, dieser freche Kerl. Er läuft wenig. Er lässt die Schultern hängen. Er lässt sich beim Dribbeln den Ball klauen. Er lässt Pässe nicht ankommen. Er lässt sich sogar auspfeifen.

Nur ab und zu, wenn er’s offenbar nicht verhindern kann, schießt er Tore. Als ihm am 18. September 2013 als erster Spieler zum vierten Mal ein Dreierpack in der Champions League gelingt, hat er in der Kabine eine SMS von Menotti auf dem Handy: »Spinnst du? Reiß dich zusammen, Mädchen aus Rosario!« Menotti ist bereit, alles auffliegen zu lassen. Er müsste ja nur mit dem Finger schnippen. Die Journalisten stehen doch Schlange. Die ganze Welt will ihn befragen. Dauernd soll er sagen, wer nun der größte Spieler aller Zeiten sei, was er über Pep Guardiola denke, wie linker Fußball aussehe.

»Sind mir abgerutscht, die Bälle, Señor. Ich mach’s wieder gut. Abrazo grande.«

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Januar 2014

Gimme All Your Lovin’

Lausanne • Bei der Wahl zum Weltfußballer am 13. Januar wird Messi, der übrigens wieder einen scheußlichen Anzug trägt, Zweiter hinter Ronaldo. Zur Sicherheit ist am Vorabend der Verkündung in der Fifa-Zentrale ein schwarzer Koffer aus Buenos Aires eingetroffen − a manos del Presidente Joseph S. Blatter.

Barcelona • Martino ordnet auf Barças äußerstem Nebenplatz ein Straftraining an und lässt Messi zwei Stunden lang das Freistößeverschießen üben. Mit Medizinbällen. Im Tor stehen zwei Männer mit ZZ Top-Gedächtnisbärten und spielen Luftgitarre. Messis Quote ist trotzdem unterirdisch.

»Das wird nie was«, sagt der eine Luftgitarrist zum anderen, faustet einen Medizinball zur Seite und verliert dabei seine Kippe. »Übermorgen ist schon Dribbeln dran.«

In den großen Zeitungen erscheinen die ersten Nachrufe. Die Fachwelt rätselt über Messis Schwäche. Vielleicht ist im Augenblick alles zu viel für das argentinische Genie: die Sache mit den Steuern, der schreiende Sohn nachts, die Verletzungen, das rätselhafte, wahrscheinlich psychosomatische Erbrechen. Dass sich Messi neuerdings auf dem Platz übergibt, hatte sich natürlich der verrückte Bielsa überlegt. Dr. Bilardo hatte sehr unangenehme Frage gestellt (»Warum für Übelkeit?«, »Was ist mit dem Wada-Code?«), aber schließlich doch von einem seiner früheren Masseure eine Trinkflasche vorbeibringen lassen.

Martino ist wegen des Platzwarts vom Camp Nou allerdings immer noch dagegen.

 

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9. Kalenderwoche 2014

Rumgeeier am Telefon

 5. April

Madrid/Barcelona • Cristiano Ronaldo ruft mit unterdrückter Nummer nacheinander Menotti, Bielsa und Martino an. Er sagt jedes Mal: »Hier spricht CR7, eine Frage: Könnte unser Vertrag auch für die Weltmeisterschaft gelten? Ich bin gerade sehr gut in Form. Und den Argentinier würde ich dann im Gegenzug die nächsten zwei Jahre alles gewinnen lassen.«

Die Antworten der Trainer können an dieser Stelle nicht jugendfrei wiedergegeben werden.

6. April

Barcelona/Buenos Aires • Tata Martino beschafft sich über Bielsas Tankstellen-Connection ein abhörsicheres Prepaid-Handy, telefoniert zwei Stunden lang mit Diego Simeone, dem Trainer von Atlético Madrid, und bemalt dabei ein Blatt Papier. Kurz danach klingelt Simeones Telefon abermals. »Menotti hier. Ja, der Dünne. Alter, schreib dir mal den folgenden Satz auf und lern ihn auswendig: Ich möchte den Müttern der Spieler von Atlético Madrid danken, dass sie sie mit solch großen Eiern geboren haben.«

7. April

Barcelona • Nach dem Training fährt Martino nicht nach Hause, sondern zur Plaça de Catalunya im Stadtzentrum. Unterwegs hat er sich an einer roten Ampel umgezogen, er sieht nun wieder aus wie damals bei Ronaldo im Schönheitssalon. Sogar der Riesenschinken ist noch dabei. Der berühmte Trainer spricht drei Jungs an, als sie gerade einen deutschen Touristen beklauen wollen, und überredet sie zu einem Klingelstreich. Die Adresse schreibt er ihnen auf einen Zettel.

»Ganz schön weit weg. Das kostet aber.»

Martino nimmt schweren Herzens Abschied vom Riesenschinken.

9. April

Madrid • Vier Stunden vor dem Anpfiff des Viertelfinalrückspiels verschickt Martino eine Mail mit pdf-Anhang an diego.simeone@atleti.es.

Barcelona verliert gegen Atlético Madrid 0:1 und scheidet aus. Diego Simeone gibt den Eiermann. Bielsa fängt Martino nach der Pressekonferenz ab und fragt: »Warum hat Leo nicht gespielt?«

»Hat er doch.«

Die beiden Argentinier kichern um die Wette.

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16. Kalenderwoche

Ein dankbarer Italiener

14. April

Barcelona/Madrid/Rom • Martino bekommt ein neues Prepaid-Handy (das alte hatte er auf Anraten Menottis zertrampelt) und telefoniert zwei Stunden lang mit Carlo Ancelotti, dem Trainer von Real Madrid. Wieder malt er Strichmännchen, Pfeile und Zahlen.

carlo.ancelotti@real-madrid.es an tata@barcelona-cf.es: »Grazie mille, amico intimo!«

Der Papst wählt um 0.14 Uhr, 0.19 Uhr und 0.45 Uhr die Nummer vom Festnetzanschluss der Familie Messi in Barcelona und legt jeweils nach dem sechsten Klingeln auf.

16. April

Valencia • Martino lässt im Mannschaftsbus auf dem Weg zum Estadio Mestalla die Greatest-Hits-CD von ZZ Top einlegen. Barcelona verliert das Königspokalfinale gegen Real Madrid 1:2. Messi schießt dreimal neben und zweimal übers Tor.

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8. Juni 2014

Finale Fragen

Buenos Aires • Am Abend vor dem Abflug der argentinischen Nationalmannschaft nach Brasilien treffen Menotti, Bielsa und Martino ein letztes Mal Leo Messi. Sie sitzen in der leeren Umkleide und schweigen lange.

»Halt deine Form!«, sagt Martino schließlich und erhebt sich.

»Aber um Himmels willen nur bis zum Achtelfinale«, sagt Bielsa und klopft Messi auf die Schulter.

»Und vergiss die anderen im Team, die meisten taugen eh nichts«, sagt Menotti und hält seinen Stalin-Schnurrbart fest.

»Señor Menotti, ich darf also Weltmeister werden?«, fragt Messi.

»Ja, mein Junge«, sagt Menotti. »Verdammt, wo bleibt der Sabella mit meinen Zigaretten?«

 

Video eingeschickt von Helge vom Blog Me llaman Jorge

Abschlusstraining (2)

von CHRISTOPH WESEMANN

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Unser Spaniologe Marc Koch empfiehlt Ronald Reng, der so viele großartige Bücher über Fußball und Fußballer geschrieben hat, unter anderem die Biografie von Robert Enke. Reng erbricht sich köstlich − erst auf seiner Facebookseite, dann noch einmal in der Taz. Übelkeit haben ihm all die verursacht, die den spanischen Fußball a) nicht verstehen, b) für tot erklären oder c) beides. Wir haben im Blog zwar einen Nachruf veröffentlicht, einen fabelhaften übrigens. Aber zugleich klargemacht: Die Spanier werden spätestens in vier Jahren wieder eine Macht sein. Trotzdem streue ich Asche auf mein Haupt, denn beim ersten Punkt hat mich Reng tatsächlich erwischt:

Vollidioten, labert weiter Blödsinn!

1. So oft es auch wiederholt wird: Das spanische Spiel von den kontinuierlichen Passkombinationen heißt nicht Tiki-Taka, sondern el toque, zu deutsch: »die Berührung des Balles«. Tiki-Taka war ein Schimpfwort des rustikalen spanischen Nationaltrainers der Neunziger, Javier Clemente, der damit das samtene Passspiel der Barca-Schule verspotten wollte: »dieses Tiki und Taki«. Weiterlesen

Fußball ist bekanntlich nur die schönste Nebensache der Welt. Es gibt viel Wichtigeres. Aber das kann mitunter in die Verlängerung gehen − jedenfalls in Argentinien, wie Helge in seinem Blog Me llaman Jorge erzählt:

Das Bürokratiemonster

Es fing aber damit an, dass die behandelnden Ärzte in einem Krankenhaus am anderen Ende der Stadt praktizieren, was ungeheuer praktisch ist, weil Rezepte hier grundsätzlich nicht per Post verschickt werden. Kostet ja Geld. Und außerdem müsste jemand zur Post laufen und dort Schlange stehen. Die Postämter werden nämlich auch als Auszahlstellen für Sozialhilfe in jeglicher Form mißbraucht. Und Briefkästen zum Einwurf hab ich glaube ich zuletzt 1995 gesehen. Weiterlesen

Es ist nicht unsere Art, auf unseren kleinen Nachbarn herabzuschauen, zumal Fußballexoten ja eine Weltmeisterschaft auch irgendwie bereichern. Aber man wird wohl noch daran erinnern dürfen, wem die Chilenen ihre tolle Mannschaft verdanken. Uns! Argentinien! Javier Caceres hat Nationaltrainer Jorge Sampaoli vor einigen Tagen in der Süddeutschen Zeitung porträtiert:

Der Weltmeister-Überlister

Sampaoli wurde in einem argentinischen Provinznest der echten, nicht der sprichwörtlichen Pampa geboren: Casilda, wo es »47 Straßen, vier Plätze und das Recht auf Siesta« gibt, wie die chilenische Zeitung El Mercurio recherchierte. Er hätte eigentlich Profi werden wollen und war bei Newell’s Old Boys aktiv. Weiterlesen

Toller Typ, Argentiniener halt.

Noch was ohne Text, einfach nur Bilder: Fußballer der WM und ihre Doppelgänger. Mit dabei sind drei große Schauspieler: Steve Buscemi, Robert De Niro und Chuck Norris. Hier geht’s lang.

 

Leo Messi und die argentinische Volkskrankheit

von CHRISTOPH WESEMANN

Logo des WM-Tagebuchs - Zeichung: Danü (Daniel Schlierenzauer)

Es ist ein Sieg, der Philosophen glücklich macht. Sekunden nach dem Abpfiff hat der argentinische Freund, der gern in Europa leben würde, eine SMS geschickt: »Wir Argentinier warten immer auf den Heiland. Es gibt keine Mannschaft.«

Nur Leo Messi mit seinem Traumtor hat die weißhimmelblaue Nationalelf am Sonnabend vor einem peinlichen Unentschieden gegen Iran bewahrt. Irgendjemand hat mal gesagt: Wenn Diego Maradona Neuseeländer wäre, hätte Neuseeland 1986 in Mexiko den Titel geholt. Die Weltmeisterschaft gewann Argentiniens ewiger Goldjunge mit einer eher durchschnittlichen Mannschaft um sich herum.

 

 

Argentinier folgen gern, und wenn der, dem sie lange gefolgt sind, sie enttäuscht, folgen sie dem Nächsten, obwohl, nein: weil der das Gegenteil verspricht. Er stilisiert sich selbst dann zum Antipoden, wenn er lange dem Enttäuschenden nachgelaufen ist.  Wer ist im Augenblick Argentiniens Oppositionsführer, der Gegenspieler der Präsidentin Cristina Kirchner und einer der aussichtsreichen Kandidaten auf ihre Nachfolge, wenn im Oktober 2015 gewählt wird? Sergio Massa. Wer war Massa? Vor ein paar Jahren arbeitete er als Kabinettschef der Präsidentin, war also Kirchners – zumindest dem Organigramm nach – wichtigster Mann. Er koordinierte ihr die Regierungsgeschäfte. Heute ist er Antikirchnerist und versammelt um sich auch enttäuschte Kirchneristen.

Erscheinungen wie diese – Heiland Messi, Hoffnungsträger Massa – sind auch ein Erbe des dreimaligen Präsidenten Juan Domingo Perón. Mitte der vierziger Jahre beginnt sein Aufstieg, er gibt den Anpacker und Erlöser. Er erkennt, dass er Wahlen gewinnen kann, indem er Massen begeistert: Argentiniens Arbeiter und Argentiniens Arme. Schon vorher als Arbeitsminister hat Perón einen gewaltigen Ruf: Er ist der »Repräsentant eines hemdsärmeligen, informellen politischen Stils«1, der auf demokratische Spielregeln pfeift. Und er hat Evita. Peróns zweite Frau reist durch dieses riesige Land, verteilt Fahrräder, Puppen, Betten, Schuhe und Gebisse, eröffnet Krankenhäuser und Schulen, sie wirft Geldscheine aus dem Zug und ist Trauzeugin Tausender Paare. Wer Evita begegnet, der fühlt sich »vom Zauberstab einer Heiligen berührt«, wie die Journalistin und Buchautorin Silvia Mercado sagt. Ende der vierziger Jahre erhält die Arbeiterklasse zum ersten Mal Rechte: den Acht-Stunden-Tag, die Fünf-Tage-Woche, den bezahlten Urlaub. »Perón cumple, Evita dignifica«, heißt die berühmte Parole dieser Zeit. »Perón schafft es, Evita verleiht Würde.«

Peronistische Garde

Vier peronistische Präsidenten und die Erste Dame: Héctor Campora, Evita, Juan Domingo Perón, Néstor Kirchner und Cristina Kirchner (v.l.)

Perón, ein Revolutionär und Populist, hat den Staat vermeintlich allmächtig gemacht. Seine Anhänger singen bis heute, oft unter Tränen: »Perón, Perón, wie großartig du bist!/Mein General, wie wertvoll du bist!/ Perón, Perón, großer Führer,/Du bist der erste Arbeiter!« Doch Argentinien trägt schwer an diesem Glauben. Dass man bis hinauf in die Oberschicht vom Staat viel erwartet (und zugleich von seinen Repräsentanten wenig hält), scheint fast zur unheilbaren, ansteckenden Volkskrankheit geworden zu sein.

Vieles ist geregelt in Argentinien, und was noch nicht geregelt ist, wird es vielleicht bald sein. Ein Gesetz verbietet, dass in der Provinz Buenos Aires – so groß wie Deutschland – im Restaurant Salz auf dem Tisch stehen darf. Argentinier essen nämlich mehr davon als andere und mehr als ihrer Gesundheit gut tut. Also versteckt die Politik den Streuer – in vielen anderen Ländern werden selbst Kinder erwachsener behandelt. (Das Salz ist trotzdem oft auf dem Tisch, aber das ist eine andere argentinische Geschichte.)

Hiesige Politiker haben ein besonders negatives Bild von ihren Untertanen. Präsidenten, Gouverneure (die die Provinzen regieren) und Bürgermeister treten gern wie Familienoberhäupter auf und versprechen, sich um das Wesentliche zu kümmern. Man beruft sich zwar fortwährend aufs Volk, auf dessen Willen, tatsächlich aber geschieht dies ohne die Absicht, echte Mitbestimmung zuzulassen. Politik wird in Argentinien mehr als in Deutschland auf der Straße oder im Viertel gemacht − und zugleich im hintersten Hinterzimmer. Wer Macht hat oder haben will, muss Massen mobilisieren. Wenn die eigenen Anhänger Fußballstadien oder große Plätze füllen (und teilweise angekarrt oder sogar gekauft werden), dann ist das eine Art Plebiszit, eine Volksabstimmung, über die der Anführer seinen Kurs legitimiert, ohne tatsächlich darüber abstimmen zu lassen. Die Parteien und Bündnisse lassen es sich gefallen, solange der Chef Wahlerfolge verspricht.

Vor Jahren schrieb Josef Oehrlein von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

Lateinamerika leidet noch immer vor allem unter dem Caudillismo, jener Sucht, die manche Politiker befällt und sie glauben lässt, sie seien die Einzigen, die ihr Land aus dem Elend führen können und die dabei doch hauptsächlich persönliche Neigungen und nicht selten die eigenen Taschen bedienen.

Der Glaube an die Schaffenskraft des Patriarchen wurzelt tief. Schon die lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegungen wurden angeführt von Mitgliedern der Oberschicht. Die Befreiung von den Kolonialherren war gerade kein Volksaufstand, kein Umsturz von unten, keine echte Revolution. All die Männer, die bis heute als Befreier fast religiös verehrt werden, ob José de San Martín oder Simón Bolívar, waren fast ausnahmslos Söhne aus dem Großbürgertum. Nicht einmal Che Guevara, der Posterboy der Antifaschisten und Antiimperialisten, kam aus der Arbeiterklasse.

»Alles hängt von Messi ab«, sagen viele in Argentinien. Aber Messi ist − anders als Maradona 1986 − nicht in der Form seines Lebens, und selbst wenn er’s wäre: Neuseeland würde mit ihm heute niemals Weltmeister werden. Der Fußball des 21. Jahrhunderts ist komplex, taktisch viel durchtriebener; die Superstars, ob Cristiano Ronaldo, Neymar oder Messi, werden notfalls 90 Minuten lang von drei Gegenspielern gestört. Dann eröffnen sich zwar Räume für die Kameraden ringsum, aber diese Freiheit muss erkannt und ohne Angst genutzt werden. Erinnert man sich nach 180 argentinischen WM-Minuten an irgendeine besondere Szene von Kun Agüero oder Gonzalo Higuaín, Ángel Dí María oder Javier Mascherano, allesamt zentrale Spieler großer europäischer Klubs? Nein, sie haben Messi nicht entlastet.

Dem Anführer ist außer den zwei Wahnsinnstoren bislang wenig gelungen. Man kann sich vorstellen, wie es ohne Treffer um Leo Messi augenblicklich stünde in Argentinien.

BuchIch habe im vergangenen Jahr den Aufsatz »Evita Perón – Die Heilige, die nicht sterben darf« geschrieben. Erschienen ist er im Buch »Oh Du geliebter Führer. Personenkult im 20. und 21. Jahrhundert« (Ch. Links Verlag). Das Zitat der argentinischen Journalistin Silvia Mercado entstammt dem Interview, das ich mit ihr geführt habe.

  1. Birle, Peter: Parteien und Parteiensystem in der Ära Menem – Krisensymptome und Anpassungsprozesse, in Peter Birle/Sandra Carreras (Hrsg.). Argentinien nach zehn Jahren Menem, Wandel und Kontinuität. Frankfurt am Main 2010, S. 215-216 []

WM-Gezwitscher (4)

von CHRISTOPH WESEMANN

Logo des WM-Tagebuchs - Zeichung: Danü (Daniel Schlierenzauer)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bekommt der Floh die kleine Pfeife?

von CHRISTOPH WESEMANN

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Wir bereiten uns allmählich auf Argentinien gegen Iran vor. Angepfiffen wird unser zweites Gruppenspiel am Sonnabend um 18 Uhr deutscher Zeit; wir sind fünf Stunden zurück und müssen deshalb die heilige Siesta ausfallen lassen. Das Deutschlandspiel im Anschluss werden wir deshalb wohl verschlafen.

Wir sollten noch das knappe 2:1 gegen Bosnien und Herzegowina vom vergangenen Sonntag aufarbeiten.

Hmmmh. Tja. Puh.

Reicht.

 

Ich habe wegen meiner Marketingprüfung noch etwas Trainingsrückstand und kann deshalb nur Quergelesenes aus dieser Woche anbieten. Das große Thema scheint mir die Taktik des Nationaltrainers Alejandro Sabella zu sein. In der WM-Qualifikation hatte Argentinien oft mit dreieinhalb Angreifern gespielt, also ungemein offensiv: Sergio Agüero, Gonzalo Higuaín, Leo Messi und Ángel Di María. Es war auch das Quartett der schönen Spitznamen: Agüero hieß Gottes Schwiegersohn (el Yerno de Dios), als er noch mit Diego Maradonas Tochter verbandelt war, und wird inzwischen nur noch Kun gerufen; Higuaín ist die kleine Pfeife (Pipita), weil die große Pfeife schon sein Vater war, als Fußballer Ende der achtziger Jahre in Frankreich. Messi ist der Floh (la Pulga) und Di María die Bohnenstange (el Fideo). Ihr Trainer heißt angeblich el Mago, der Magier.

Hinreißend sah es mitunter aus, was die Jungs miteinander anstellten, und erfolgreich war es auch: Argentinien gewann die Südamerikagruppe vor Kolumbien und Chile. Messi (10), Higuaín (9) und Agüero (5) schossen zusammen 24 der 35 Tore.

Messi liebt diese offensive Variante, und der Kapitän hat Einfluss wie lange kein Spieler mehr in der himmelblauweißen Auswahl. Gegen Bosnien und Herzegowina aber standen fünf Verteidiger in der Startelf; Higuaín saß auf der Bank und ließ Messi mit Agüero allein. Erst nach der schwachen ersten Halbzeit reaktivierte Sabella den Traumangriff. Es wurde besser. Ein bisschen.

Und nun? Beginnt Argentinien gegen Iran ein zweites Mal mit fünf Verteidigern? Oder lässt sich Sabella von Messi bequatschen und kehrt zum vertrauten System zurück? Der Floh hat das Mündchen ordentlich aufgerissen: »Wir sind Argentinien, wir müssen uns nicht nach dem Gegner richten.« Der Satz geht uns natürlich runter wie Mate. Wir haben die großartigste Offensive der Welt – warum sollten wir sie zerpflücken? Um noch einen durchschnittlichen Abwehrspieler zu bringen? Wir haben doch schon vier davon.

Hier wird jedenfalls bis zum Ende an Argentinien geglaubt – und falls das Ende das Viertelfinale sein sollte, werden wir schon immer gewusst haben, dass es nichts werden kann. Nicht mit diesem Trottel, der noch nie einen großen Verein trainiert hat. Nicht mit dieser Taktik. Nicht ohne Carlitos Tévez, dem Spieler des Volkes. War doch abzusehen von Anfang an.

Mehr kann ich als Analyse vorerst nicht bieten. Aber ich habe in einem Blitztransfer Alex Belinger vom Fußballblog Cavanis Friseur ausgeliehen (und leider vergessen, eine Option zu vereinbaren, damit ich ihn später in diesem Turnier noch mal einsetzen kann). Alex, geboren 1994, ist Österreicher und hat trotzdem Ahnung von Fußball. Sehr viel sogar. Und er liebt die italienische Liga, in der sieben unserer Jungs unterwegs sind: Hugo Campagnaro, Ricardo Alvarez und Rodrigo Palacio (alle Inter Mailand), Federico Fernández und Higuaín (beide SSC Neapel), Lucas Biglia (Lazio Rom) und Mariano Andújar (Catania Calcio).

Also fragen wir ihn mal.

Alex, Argentinien wird Weltmeister, nicht wahr?

Das würde mich freuen, es wird aber schwer. Das erste Spiel hat ja nicht besonders viel Hoffnung gemacht. Das 5-3-2 – ich nenne es eigentlich lieber 3-5-2, weil das nicht ganz so defensiv klingt – ist in Italien sehr verbreitet, dort spielen die meisten Mannschaften so. Aber das argentinische 5-3-2 gegen Bosnien hat überhaupt nicht funktioniert.

Die Anbindung der Offensive hat gar nicht geklappt. Das Mittelfeld war wohl etwas zu defensiv, so dass Agüero und Messi vorne auf sich alleine gestellt waren. Messi wurde dadurch oft in eher weniger erfolgreiche Dribblings gezwungen. Nach dem Umstellungen in der Halbzeit funktionierte das Spiel Argentiniens weitaus besser.

Dann kehren wir zum alten System zurück und werden Weltmeister.

Das 4-3-1-2 funktioniert deutlich besser, hat aber auch Nachteile. Problematisch ist die fehlende Defensivarbeit von Messi, Agüero und Higuaín. So etwas kann man sich bei einer WM wohl nicht leisten. Gegen Iran und Nigeria kann zwar man so spielen, gegen stärkere Gegner könnte dies aber Probleme bereiten.

Nehmen wir an, Argentinien schafft es nicht. Wer dann?

Ich weiß selber kaum, welcher Mannschaft ich den Weltmeistertitel am meisten zutrauen würde, so wirklich überzeugt mich niemand. Ich würde mich natürlich über Italien sehr freuen. Italien hat mir im Eröffnungsspiel gegen England auch sehr gut gefallen. Die Italiener sind wohl nicht die Mannschaft mit den stärksten Einzelspielern, sind aber top eingestellt und kommen durch ihre Spielweise wohl auch mit den teilweise schweren klimatischen Bedingungen gut zu recht. Ich bin bei Italien also recht optimistisch.

Sag noch was zu Carlos Tévez, der auch in Italien spielt. Er hatte bei Juventus eine stark Saison. Hättest Du den Apachen zur WM mitgenommen?

Carlos Tévez ist ein super Fußballer. Die Aufregung um seine Nicht-Nominierung kann ich aber nicht ganz nachvollziehen. Agüero und Higuaín können ja auch halbwegs kicken, zudem bin ich ein großer Fan von Palacio. Wer solche Stürmer hat, kann es sich wohl auch leisten, auf einen so schwierigen Charakter wie Tévez zu verzichten.

Alex Belinger ist einer von vier Autoren des Blogs Cavanis Friseur, das übrigens auch tolle Fußballfotos zeigt.
Twitter: @alexbelinger

 

Andrés, San Iker und der Brunnen vor meiner alten Wohnung

von MARC KOCH (Gastbeitrag)

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Marc Koch ist Lateinamerika-Korrespondent der Deutschen Welle und lebt in Buenos Aires.

Das ist der traurigste Tag eines langen Fußballlebens.

Ich habe sie 2006 bei der WM in Deutschland aussteigen sehen. Und dann aufsteigen. Jedes Vorbereitungsspiel auf die EM 2008 habe ich mitgemacht. Habe stundenlang Luis »el sabio« Aragonés interviewt, den inzwischen in die ewigen Strafräume eingegangenen spanischen Trainer, den sie den Weisen nennen. Habe verstanden und akzeptiert, warum Raúl, der die Nummer 7 bei Real Madrid hatte, als Cristiano Ronaldo noch im Internat Stühle nach seiner Lehrerin geworfen hat, nicht mehr mitmachen durfte. Ich war Zeuge der Geburt von Tiki-Taka. 33 Spiele lang ungeschlagen.

Dann kam das Turnier 2008. Pässe, bei denen wir vor der Glotze vor Glück niedergekniet haben. Geistesblitze aus dem Mittelfeld, die dem Gegner nur so um die bleischweren Beine gezuckt sind. Paraden von San Iker, dem größten Fußballgott seit Toni Turek. Nach dem Elfmeterschießen im Viertelfinale (mein Gott, ich muss den Text bei meinem Auftraggeber abliefern. Aber das habe ich jetzt doch noch dreimal angeschaut!!) bin ich der Bürgerinitiative »Calle de la madre que parió a Iker Casillas« beigetreten, die einen Straßennamen für Ikers Mutter im Madrider Vorort Mostoles gefordert hat.

 

Sprints von Fernando »El Niño« Torres, der die deutsche Abwehr einfach überlaufen hat. Der deutsche Verteidiger hieß übrigens Lahm. Und sah auch so aus.

Nach dem Finale musste ich in den Brunnen vor meiner damaligen Wohnung in Madrid steigen, um die Fans zu interviewen. Nie wieder habe ich so viel sympathischen und unverstellten Stolz auf ein Fußballteam erlebt. Dieses Team war ein Vorbild: Seit »el Niño« Torres bei Liverpool und später bei Chelsea vom fußballverliebten Kind zum fußballspielenden Mann gereift ist, hat jeder Spanier unter 30 begriffen, dass es nicht schadet, auch die Welt auf der anderen Seite der Pyrenäen ein bisschen kennenzulernen.

2010, Südafrika. Niemand hat wirklich an den Titel geglaubt. Außer mir. Vor meinem Kölner Balkon wehte die spanische Fahne. Der Spott der Sportkollegen, nach dem 0:1, das die Schweiz San Iker ins Tor gestolpert hatte, war kurz. Aber heftig. Dann lief die Ballmaschine wieder. Und konnte im entscheidenden Moment auch mal alle Eleganz kurz weglassen: Carles Puyol, die Abrissbirne im deutschen Strafraum, mit dem 1:0. Dann Finale. Gegen kloppende Holländer. Robben hatte sich damals noch nicht im Griff. Dafür hatte Andrés Iniesta, der wachsbleiche Engel aus einem Ort in der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, den Fuß an der richtigen Stelle.

Weltmeister.

 

Irgendwann, während der Eröffnungsfeier der EM 2012, plötzlich dieses komische Gefühl im Bauch. Erster Gedanke: Das ist die chemisch-verpanschte Plörre aus Quilmes, die der Argentinier Bier nennt. Zweiter Gedanke: Psalm 33, 11: »Aber der Ratschluss des Herrn bleibt ewiglich.« Heißt: Alles andere vergeht. Auch große Mannschaften. Über dem 2012er-Titel schwebte schon eine dunkle Wolke wie eine Warnung. Xavi »el profesor« Hernández zeigte erste Abnutzungserscheinungen. Körperlich. Und auch geistig.

Aber nach dem Finale stand ich mit der spanischen Fahne über den Dächern von Buenos Aires und hab’ den Balotelli gemacht.

Haha! Scherz!

Es musste so kommen. Dieser 18. Juni 2014 war unvermeidlich. Absehbar. Nicht nur, weil der verhaltensauffällige Trainergeck José Mourinho Iker Casillas bei Real Madrid zermürbt hat. Nicht nur, weil Xavi mehr Spritzen in den Achillessehnen hat als ich Haare auf dem Kopf. Nicht nur, weil Diego Costa, der plumpe Stoßstürmer alter Schule, im eleganten Salon des spanischen Fußballs allenfalls den schönen Teppich zertrampelt. Nein, es war einfach Zeit. Es hätte nicht jetzt sein müssen. Und auch nicht so. San Iker, der durch die Grashalme krabbelt. Sergio Ramos mit Doppelklebeband unterm Schuh, der Robben hinterherschaut. Aber irgendwann musste es sein.

Oliver Pocher, ein deutscher TV-Moderator und auch sonst von mäßigem Verstand, hat nach dem Spiel gegen Chile getwittert:

 

Auch von Fußball versteht er nichts. Denn Spanien kommt wieder. Aus den Fußballschulen wird die Generation Tiki-Taka 2.0 erwachsen. Zu viele Jungs zwischen Málaga und A Coruña, zwischen Valencia und Badajoz haben in den letzten acht Jahren gesehen, was schöner, moderner Fußball ist.

Und wer hat’s erfunden? Eben. Und nicht die Schweizer. Wir sehen uns 2016. Nach dem Finale. Im Brunnen vor meiner alten Wohnung in Madrid.

Te queremos de todo corazón, Furia Roja.

Mein Professor, ein Gorilla?

von CHRISTOPH WESEMANN

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Bei Bedarf bin ich Deutscher.

Normalerweise gebe ich mich in Buenos Aires nicht zu erkennen, und falls ich ertappt werde, versuche ich, meinen Akzent zu überstimmen: »Cheeeee boludo1, ich bin Argentinier, la puta madre.« Seit Montagabend wehre ich sogar die Glückwünsche für das 4:0 gegen Portugal ab. Der Bäcker, der Fleischer, der Friseur, der Blumenmann und sämtliche Nachbarn: Die Männer im Viertel, mit denen ich zu tun habe, sind begeistert von der deutschen Mannschaft. (Dass sie das Spiel gesehen haben, obwohl der Anpfiff bei uns um 13 Uhr war, verrät übrigens auch manches über Argentinien.)

Müllertollfinder, wohin man schaut und hört. So einen hätten sie auch gern.

Ich habe das Spiel nicht mal geguckt; ich saß stattdessen mit Marketing (und mit Mate natürlich) auf der Terrasse, was auch manches über mich verrät: Vielleicht brauche ich einfach ein bisschen länger, um Sachen zu begreifen und zu behalten. Außerdem hatte ich es befürchtet: dass die Deutschen gut sein würden, viel besser wir am Vorabend beim tristen 2:1 gegen Bosnien und Herzegowina.

Ich setze trotzdem auf Argentinien, ich nehme sogar so Heimaturlaub, dass ich als Weltmeister in Berlin lande und im weißhimmelblauen Trikot von Diego Maradona ein Taxi winke. Und ich habe meinem Sohn versprochen, mir ein Tattoo stechen zu lassen. Ich weiß noch nicht, von wem oder von was, ob vom Dicken, von Che, den Malwinen oder doch vom Siegtorschützen im Endspiel, also Leo Messi, ist doch auch egal.

Ich will den Pokal. Und Messi braucht ihn, um zum größten Spieler der Geschichte aufzusteigen, was den tollen Nebeneffekt haben wird, dass sich zwei Männer besonders ärgern: Pelé, die brasilianische Marionette, und der Schöne Cristiano Ronaldo aus Portugal.

Außerdem: Wenn ich schon mal in Argentinien bin, dann doch bitte nicht Deutschland.

Mein Zeitungsverkäufer im Viertel wurde regelrecht ungehalten. »Ist ja toll, dass es dir bei uns gefällt«, sagte er. »Nur, mein Freund: Deine Heimat ist Deutschland. Deutschland ist deine Heimat.«

Cheeeeee bolu…

Aber bei Bedarf bin ich Deutscher. Gestern Abend war Bedarf.

Ich saß mal wieder im Raum 5.5. der Universität Palermo und versuchte mich am dritten Marketingexamen. Es stand 1:1 zwischen mir und der Wissenschaft: Einmal war ich durchgefallen, einmal hatte ich bestanden. Nun, ein paar Minuten nach acht, kam die Aufgabe 9. Ich brauchte nur die ersten vier Wörter zu lesen und wusste: Das Thema wirst du nicht finden in deinem Kopf.

Die meisten Studenten hatten längst abgeben, Raum 5.5 war fast leer. Sergio, der Professor, hatte Damenbesuch, wahrscheinlich eine Kollegin, sie plauderten und lachten und erledigten Anrufe.

Nur noch die Klassenschönste war da. Und ich. Und Aufgabe 9. Keine Chance. Man geht natürlich in sich, bedauert, den Stoff nicht gelernt zu haben, gelobt sich selbst Besserung, man trägt so was also mit Fassung, mit Würde.

Oder man beklagt sich beim Professor, und zwar schriftlich, dass man dieselben schwierigen Fragen bekommen habe wie die Argentinier. Man schreibt also anstelle der Lösung unter die Aufgabe Nummer 9: »Es gab Zeiten in Argentinien, da wurden Deutsche besser behandelt. ¡Viva Perón!«

 

Mein Freund Pablo ist stolz auf mich. »Dafür musst die volle Punktzahl bekommen«, sagt er. »Tja, es sei denn, dein Professor ist ein Gorilla. In dem Falle brennt dir der Kittel.«

Gorillas werden in Argentinien die Feinde des Peronismus genannt – von Peronisten.

Eine Mitternachts-SMS von M., dem anderen Deutschen in Buenos Aires:

Das heißt, es war Mörderspitze, und Du gehst mit Note 82 raus – zwei Punkte Abzug wegen Perón-Ironisierung. Felitaciones! Wie heißt eigentlich die Haartönung, in die Dani Alves gefallen ist? Und die Vokuhila von Neymar hat jetzt Unterschnitt.

 

 

  1. Hey Schwachkopf! []
  2. 2,0 []

WM-Gezwitscher (3)

von CHRISTOPH WESEMANN

Logo des WM-Tagebuchs - Zeichung: Danü (Daniel Schlierenzauer)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Argentinische Helden

Papst Franziskus, gezeichnet von Danü (c)

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